Die unsichtbare Mauer
Anya hatte sich ihr erstes Semester an der Universität Berlin ganz anders vorgestellt. Sie dachte an volle Hörsäle, lebhafte WG-Partys und die süße Anonymität der Großstadt. Stattdessen fühlte sie sich, als würde sie ständig einen Schatten mit sich herumtragen – einen Schatten, der 1,90 Meter groß war, breite Schultern hatte und dessen eisblaue Augen jede Bewegung von ihr registrierten: Elias Nowak.
Elias war ihr Bodyguard. Von ihrem über fürsorglichen, steinreichen Vater – einem internationalen Unternehmer, der ständig Morddrohungen erhielt – engagiert. Elias' Auftrag: Anya zu beschützen. Seine oberste Regel, die er bei ihrem ersten Treffen mit ernster Miene dargelegt hatte: Keine persönlichen Beziehungen.
Anya seufzte leise, als sie an der Haltestelle aus der U-Bahn stieg. Elias, ganz in Schwarz gekleidet, seine dunklen Haare kurz geschnitten, wirkte neben den leger gekleideten Studenten wie ein Felsblock, der in die Spree gefallen war.
"Könnten Sie bitte wenigstens fünf Schritte Abstand halten?", zischte sie, ohne ihn anzusehen.
Elias' Stimme war tief und klang immer nach Befehl. "Frau Petrova, mein Job ist, in Ihrer unmittelbaren Nähe zu sein. Die Gefährdungslage hat sich nicht verändert."
"Nennen Sie mich Anya. Wir sind an der Uni, nicht in einer Vorstandssitzung," korrigierte sie scharf. Sie wusste, dass sie wie eine verwöhnte Prinzessin klang, aber er machte sie mit seiner ständigen, kalten Präsenz wahnsinnig. Sie wollte Freiheit, nicht eine mobile Überwachungskamera.
Sie betrat das altehrwürdige Universitätsgebäude. Elias folgte ihr, wie immer unauffällig auffällig. Im Seminar Raum wählte Anya absichtlich einen Platz in der Mitte, umgeben von ihren Kommilitonen.
Elias postierte sich an der Tür – Haltung perfekt, Blick unbeteiligt, aber wachsam.
Anya versuchte, sich auf die Einführung in die Germanistik zu konzentrieren, doch ihre Gedanken schweiften ab. Sie spürte, wie der Blick eines Mitstudenten, Leo, an ihr haften blieb. Leo war das komplette Gegenteil von Elias: lockige Haare, bunte Second-Hand Kleidung, ein unbeschwertes Lächeln.
Als das Seminar endete, sprach Leo sie direkt an. "Hey, Anya, tolle Analyse zu Goethe! Willst du mit uns in die Mensa? Wir müssen diese ganze Theorie erstmal mit Pommes verarbeiten."
Ein Lächeln stahl sich auf Anyas Lippen. Das war es, was sie wollte! Normale Dinge!
"Gerne, das klingt nach einem Plan," sagte sie.
Plötzlich spürte sie Elias' Anwesenheit unmittelbar hinter sich. Er war in einer Sekunde vom Türrahmen bei ihr.
"Frau Petrova, wir haben heute Mittag eine geplante Video-Konferenz mit Ihrem Vater. Wir müssen direkt zum Apartment zurück." Seine Stimme war neutral, aber es war ein Veto.
Leo zuckte zusammen und sah Elias an. "Äh, wer sind Sie denn?"
"Sein Name ist ... Elias," sagte Anya widerwillig. "Er ist mein, äh, Tutor. Für dieses... spezielle, sehr wichtige Projekt."
Elias verzog keine Miene bei der schlechten Lüge.
Leo blickte Elias misstrauisch an. "Ein sehr großer Tutor. Und er sieht aus, als könnte er einen Baum entwurzeln. Egal. Schade, Anya. Nächstes Mal?"
"Nächstes Mal," versprach Anya, während Elias sie mit einem festen, aber unaufdringlichen Griff am Oberarm in Richtung Ausgang manövrierte.
Sobald sie im leeren Flur waren, riss Anya ihren Arm los.
"Hören Sie auf damit! Er ist harmlos, er ist nur ein Kommilitone!"
"Genau das ist das Problem, Anya," sagte Elias, und diesmal klang ein Hauch von Müdigkeit in seiner Stimme. "Jede Annäherung ist ein potenzielles Sicherheitsrisiko. Ihr Vater hat klare Anweisungen gegeben."
Sie hielt inne und sah ihn an. Das erste Mal sah sie nicht den unbewegten Bodyguard, sondern einen Mann mit dunklen Ringen unter den Augen, dessen Anspannung fast greifbar war.
"Und was ist mit Ihnen, Elias?" fragte sie leise. "Hält Ihr Job Sie davon ab, selbst... normal zu sein?"
Er sah ihr direkt in die Augen, und für einen flüchtigen Moment blitzte etwas in seinem Blick auf, das sie nicht zuordnen konnte – eine Mischung aus Sehnsucht und Gefahr.
"Das hier ist nicht mein Leben, Anya," sagte er, seine Stimme sank zu einem tiefen Flüstern, das nur für sie bestimmt war. "Ich bin der Schutzschild. Außerhalb dieses Schildes existiere ich nicht."
Dann drehte er sich um und ging. Anya folgte ihm, aber die unsichtbare Mauer zwischen ihnen war gerade für einen Augenblick brüchig geworden.








