Chapter 1 - Part 1
Meine Augen schweiften über die lärmende Menge am Bühnenrand. Es war dunkel, und außer dem Scheinwerfer auf der Bühne gab es kaum Licht. Ich schluckte, während ich den Raum kurz überblickte. Überall war Geplapper und das Klirren von Gläsern zu hören, dazwischen ein paar pöbelnde Typen. Obwohl ich einen kurzen Moment lang Angst verspürte, drängte ich sie beiseite. Ich würde mir nicht erlauben, einen Rückzieher zu machen. Ich fühlte mich in meiner Situation nicht wohl – von dem golden glitzernden G-String bis hin zum passenden Bikini-Oberteil –, aber ich war entschlossen, das durchzuziehen.
Viel zu lange war ich in Situationen gedrängt worden, auf die ich keinen Einfluss hatte. Das würde ich nicht mehr zulassen. Er sollte wissen, dass ich nicht einfach brav tun würde, was man mir sagte. Das „Er“, das war Angel. Er war der Crime Boss und leitete die Familie, für die mein Vater gearbeitet hatte, solange ich denken konnte.
Vor zwei Jahren hatte er mich ohne Erklärung fortgeschickt. Ich war gezwungen worden, in einer kleinen Stadt unterzutauchen, mit ein paar Bodyguards, die mich bewachten. Ich war im Grunde eine Gefangene mit Aufsehern und hatte so gut wie keinen Kontakt zur Außenwelt.
Allein der Gedanke daran lässt die Wut in mir hochkochen. Wer hatte das getan? Angel, genau der. Er war es gewohnt, Befehle zu erteilen, denen andere folgten. Aber ich würde nicht eine von diesen Personen sein. Ich hatte genug.
Ich war erwachsen und durfte meine eigenen Entscheidungen treffen. Und diese Realität würde ihn schon bald einholen.
Die Rückkehr in meine Heimatstadt im Schutz der Dunkelheit und die Tatsache, dass ich meine Bodyguards abgehängt hatte, waren der erste Schritt, um mein Leben wieder selbst in die Hand zu nehmen.
Ich hätte einfach leise zurückkehren und Angel aufsuchen können, um Antworten zu fordern. Aber ich wollte ein Zeichen setzen. Ich wollte zeigen, dass ich meine eigenen Entscheidungen treffe, und das hier war das deutlichste Statement, das ich abgeben konnte.
Die Typen am Bühnenrand fingen an, mit Geldscheinen vor mir zu wedeln und rissen mich aus meinen Gedanken. Ich zwang mich zu einem Lächeln, auch wenn ich mich mit dem, was ich tat, absolut nicht wohlfühlte. Überhaupt nicht. Mein Make-up war perfekt und dramatisch, passend zu meiner Rolle. Mein langes, dunkelbraunes Haar war offen und kitzelte meinen Rücken, während ich mich bewegte. Ich hatte sogar überall Glitzer am Körper, den ich an einigen Stellen wohl nur schwer wieder loswerden würde, aber darum wollte ich mich später kümmern.
Meine Hände umklammerten die Stange, während ich meine Hüften im Takt der Musik wiegte. Die Männer jubelten immer lauter. Sie wurden von Sekunde zu Sekunde geiler. Der Geruch von Alkohol stieg mir in die Nase, und ich wusste, dass von denen garantiert keiner auch nur annähernd nüchtern war.
Meine Mutter war Stripperin gewesen, bevor sie meinen Vater kennenlernte. Sie war atemberaubend schön gewesen und hatte das auf und abseits der Bühne für sich genutzt. Sie hatte mir beigebracht, dass Frauen aus einem bestimmten Grund schön sind. In einer ungerechten Welt muss man jeden Vorteil nutzen, den man hat.
Ich habe ihren Lebensstil nie verurteilt. Im Gegenteil, er hat mich fasziniert, und ich habe stundenlang ihren Geschichten gelauscht, die sie sonst niemandem mehr erzählt hätte. Es macht mich immer noch traurig, an meine Mutter zu denken und daran, wie sie an einer Überdosis gestorben ist. Ich war damals dreizehn. Es hat mich zerstört und mich allein in einer Männerwelt zurückgelassen.
Ich hatte einen überfürsorglichen Bruder und einen abwesenden Vater. Und dann war da noch Angel. Meine Beziehung zu ihm war kompliziert.
Ich hatte gesehen, wie meine Mutter unter der Dominanz meines Vaters erstickt war, und ich schwor mir, dass mir das niemals passieren würde. Kein Mann würde mich so behandeln, wie er sie behandelt hatte; das hatte ich mir selbst versprochen. Er hatte sie mehrfach betrogen und sogar damit geprahlt, um ihr eins auszuwischen. Es war herzzerreißend, und sie hatte schweigend gelitten.
Damals war mir das nicht klar gewesen. Erst als ich älter war und die Geschichten hörte, verstand ich voll und ganz, was meine Mutter durchgemacht hatte.
Ich würde niemals einem Mann die Macht geben, mich in die Knie zu zwingen. Ich würde nicht das gleiche Schicksal erleiden wie meine Mutter – das hatte ich mir schon vor langer Zeit geschworen. Männer, die glaubten, sie könnten mich kontrollieren, würden schon bald eines Besseren belehrt werden.
„Komm her, Süße“, säuselte der übergewichtige Typ mit der Glatze. Ich zwang mich zu einem Lächeln, obwohl ich so nervös war. Ich wusste, er durfte gucken, aber nicht anfassen. Da die Türsteher die Mädchen genau im Auge behielten, wusste ich, dass er es nicht wagen würde, mich anzufassen, und das gab mir ein sichereres Gefühl.
Ich zögerte meine nächste Bewegung hinaus, bis ich mich endlich dazu aufraffen konnte: mein Oberteil auszuziehen. Gerade als ich mich umdrehen wollte, packte mich jemand am Bein. Ich blickte über die Schulter zu dem verbissenen Mann, der mich dazu zwingen wollte, zu tun, was er wollte. Ich lächelte süß und versuchte, meine Panik zu verbergen.
Der Club war dunkel, aber ich wusste, dass die Türsteher alles beobachteten und innerhalb von Minuten jemand hier sein würde. Ich konnte die Situation so lange unter Kontrolle halten.
„Zieh das Oberteil aus“, befahl er. Seine Augen fraßen mich förmlich auf, was mir auf den Magen schlug. Aber ich bewahrte ein Pokerface und ließ ihn meine Verachtung nicht spüren. Das war ein Auftritt, und den musste ich durchziehen.
„Gleich“, murmelte ich leise, als er mein Bein kurz losließ. Ich atmete erleichtert auf.
Fred, einer der Türsteher, legte dem Typen die Hand auf die Schulter. „Finger weg von den Mädchen. Du machst das immer wieder, und dann muss ich dich rausschmeißen. Du lernst es einfach nie.“
Er führte den Wiederholungstäter von der Bühne weg. Ich konnte hören, wie der Mann weiter mit dem bulligen Türsteher stritt, aber es gab sehr strikte Regeln für die Sicherheit der Tänzerinnen. Egal, was er sagte, er würde hier nicht mehr reinkommen.
Seine Freunde schienen sich von dem Vorfall nicht stören zu lassen und starrten mich weiter an. Ich wette, sie konnten es kaum erwarten, dass ich mein Oberteil verlor. Ich hielt mich an der Stange fest, wiegte meine Hüften anzüglich und ging mit der Stange zwischen den Beinen in die Hocke. Die Typen starrten wie gebannt.
Ich stand wieder auf und lief langsam zur Stange zurück. Dabei sah ich über die Schulter zu ihnen und versuchte, meine Nervosität zu verbergen. Ich spielte eine Rolle – ich war jemand, der ich nicht wirklich war.
Ich schwang mich an der Stange hoch und glitt verführerisch wieder herab. Ich wusste, dass ich das Ausziehen nicht länger hinauszögern konnte. So lief das eben bei Stripperinnen. Sie tanzten in einem Stripclub nicht voll bekleidet.
Meine Hände wanderten zu meinem Rücken, während ich weiter zur Musik tanzte. Ich suchte den Raum ab, sah aber keine Spur von der Person, von der ich gehofft hatte, dass sie mich längst wütend von der Bühne zerren und sich über die Schulter werfen würde.
Es war Zeit, es durchzuziehen. Meine Nervosität stieg, und für eine Sekunde wankte ich.
Das war der Punkt: Wenn man eine Drohung ausspricht, muss man sicher sein, dass man sie auch wahr macht. Die Leute mussten wissen, dass man seine Ankündigungen auch in die Tat umsetzte.
Ich hatte gehofft, dass es nicht so weit kommen würde, aber jetzt wollte ich nicht mehr aufgeben. Die Gruppe Männer am Bühnenrand wedelte wieder mit Geldscheinen vor mir. Es war Zeit. Kein Hinauszögern mehr.
Meine Finger fanden die Bänder, und ich wusste, ein leichtes Ziehen würde reichen, um alles zu lösen. Aber es war eine Kunst für sich. Zuerst löste ich die oberen Bänder, dann hielt ich das Oberteil mit dem Arm fest, während ich für mein Publikum weiter tanzte. Meine freie Hand wanderte zum letzten Knoten. Ich holte tief Luft, um den nötigen Mut aufzubringen, und dann riss ich daran. Es fing an sich zu lösen, aber ich hielt das Stoffstück noch fest.
Die Männer pfiffen. Ich hielt den Atem an und zögerte es hinaus. Ich hörte eine Bewegung neben mir.
In diesem Moment hob ich den Arm und das Oberteil fiel zu Boden.
„Was zum Teufel, Kira?“, zischte eine vertraute, aber wütende Stimme. Ich lächelte.
„Was hat so lange gedauert?“, fragte ich Angel, der vor mir stand, um meine Nacktheit vor den gierigen Blicken am Bühnenrand zu verbergen. Ich wusste, dass er mich finden und mich aufhalten wollen würde. Wenn es um mich ging, war er in der Hinsicht berechenbar.
Seine gutaussehenden Gesichtszüge verhärteten sich, als er mich anstarrte und mir die volle Wucht seines Zorns spüren ließ. Mein Statement war gesetzt, und jetzt würde ich die Chance bekommen herauszufinden, warum er mich weggeschickt hatte. Ich wollte Antworten, und zwar sofort.