Flucht nach vorne

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Zusammenfassung

Es ist ein normaler Tag im August. Ben liefert sich beim Joggen im Wald einen Wettstreit mit einem nahestehenden Sommersturm, bis er plötzlich hängen bleibt und das Gleichgewicht verliert. Als er entdeckt, worüber er gestolpert ist, traut er seinen Augen kaum. Und er ahnt nicht, dass diese schicksalhafte Begegnung sein Leben gehörig auf den Kopf stellen wird.

Status:
In Arbeit
Kapitel:
28
Rating
5.0 4 Bewertungen
Altersfreigabe
18+

Unerwarteter Gast (Ben)

Liebe Leser und Leserinnen,

diese Geschichte benötigt ein Vorwort, weil ich mich ein wenig auf anderes Terrain wage und die Geschichte somit eine generelle Trigger Warnung braucht. Es sind nicht alle Kapitel betroffen, aber seid euch darüber bewusst, dass hier sensible Themen angesprochen werden. Ich möchte nicht zu viel vorweg nehmen, aber wir befinden uns auf jeden Fall im Bereich der mentalen und körperlichen Gewalt/Misshandlung, die explizit beschrieben sein können. Dazu kommt ein psychologischer Faktor und auch BDSM-Anteile haben ihren Platz, sowie explizite Sexszenen im Verlauf der Geschichte. Wenn ihr so etwas nicht verarbeiten könnt, lest diese Geschichte bitte nicht.

Allen anderen wünsche ich viel Spaß beim Eintauchen in Bens und Alexanders Welt.

Viele Grüße,

Daydreamerin






Es ist sieben Uhr morgens. Mein Kreislauf läuft auf Hochtouren, während ich gegen den Anstieg im Wald anlaufe. Hier an diesem Ort hört man nur die Natur. Das Knirschen des Kieses unter den Laufschuhen, die rauschenden Blätter unter dem stärker werdenden Wind und meinen schnellen, aber gleichmäßigen Atem.

Die Vögel haben sich inzwischen zurückgezogen und ein kurzer Blick in den Himmel verrät mir, dass ich einen Schritt zulegen sollte, denn die Wolken haben sich komplett zugezogen. Es wird nicht lange dauern, bis die ersten Tropfen runterkommen und der fast schon ausgetrocknete Wald, der seit gut zwei Wochen ununterbrochen der Augustsonne ausgesetzt ist, endlich sein Wasser erhält.

Inzwischen habe ich den nicht steilen, dafür aber langen Anstieg hinter mir gelassen, laufe den leichten Abhang runter und biege links ab. Ein weiterer prüfender Blick nach oben lässt mich wissen, dass es ein spannender Wettbewerb zwischen mir und dem Wetter wird.

Noch bevor ich meine Aufmerksamkeit wieder auf den Weg vor mir legen kann, spüre ich plötzlich, wie ich über etwas stolpere und das Gleichgewicht verliere. Ich versuche mich noch auszubalancieren und lande bei diesem Versuch direkt im nächststehenden Baum, der meinen Sturz unsanft abbremst, wobei ich mir einen kleinen Holzsplitter in der rechten Hand einfange.

Fluchend raffe ich mich auf, ziehe den Splitter raus und suche den Ast, über den ich gefallen sein muss. Es ist zwar nicht so, dass hier eine andere Person darüber stolpern könnte, da sich selten jemand hierher verirrt, aber ich habe keine Lust auf eine weitere Begegnung mit dem Geäst.

Ich drehe mich um, starre auf den Waldweg und halte in meiner Bewegung inne. Es dauert einen Moment, bevor ich mich aus meiner Starre lösen kann und näherkomme, um ganz sicher zu gehen, dass das, was ich sehe, auch der Realität entspricht.

Vor mir auf dem Boden liegt ein Mensch. Genau genommen ein junger Mann mit verdreckten, aber eindeutig blonden Haaren. Vielleicht Anfang bis Mitte zwanzig. Er liegt eingerollt auf der Seite und sein schwarzes Shirt wie auch die blaue Jeans sind voller Grasflecken und Kiesstaub. Schuhe hat er keine an und wenn er intakte Socken hatte, besitzt er inzwischen nur noch Fetzen davon an beiden Füßen.

Langsam beuge ich mich hinunter, drehe den jungen Mann vorsichtig auf den Rücken und erschrecke im ersten Moment. Er hat eine große Platzwunde am Kopf, die noch immer blutet und eine kleine Wunde an der Lippe. Die verschiedensten Farben schillern mir von einem seiner Augen entgegen und was mich zusätzlich beunruhigt ist die Tatsache, dass er nicht einfach nur schläft, sondern bewusstlos ist. Ich beuge mich noch weiter runter und erkenne mit Erleichterung, dass er regelmäßig und ohne rasselnde oder andere schwerwiegende Geräusche ruhig atmet. An seinem Handgelenk stelle ich Striemen fest, als ich seinen Puls kontrolliere, der zum Glück kräftig und gleichmäßig ist.

Während ich noch überlege, wie ich die Situation am besten lösen kann, da ich mein Handy in der Hütte gelassen habe, fühle ich den ersten Tropfen auf meiner Haut.

Als ehemaliger Sanitäter bin ich sicherlich nicht zimperlich und mit einem Meter achtzig und meinem muskulösen Körper wäre es ein leichtes für mich den ca. einen Meter fünfundsiebzig großen Mann zu tragen. Aber es ist etwas völlig anderes, wenn dieser bewusstlos und somit um einiges schwerer ist.

Desweiteren befindet sich eben jener Mann hier auf meinem Privatgrundstück. Ich habe in diesen Ort deshalb so viel Geld investiert, weil ich von Zeit zu Zeit genau diese Abgeschiedenheit brauche. Meine Hütte ist kilometerweit von Wald umgeben, der zu einem gewissen Teil zu meinem Grundstück gehört. Wie also kommt er hierher?

Doch im Moment ist nicht die Zeit sich darüber Gedanken zu machen. Ich vergewissere mich noch einmal, ob er vom Kreislauf her wirklich stabil ist und kann keine Unregelmäßigkeiten feststellen.

Ausgerechnet in dem Moment fängt es wie aus Eimern an zu schütten und innerhalb von Sekunden sehe ich mich einem Platzregen gegenüber und vor eine weitere Herausforderung gestellt: ein matschiger, gut mit Wasser befüllter Waldboden.

Ich betrachte den jungen Mann einige Sekunden und treffe eine Entscheidung. Ihn bewusstlos liegen zu lassen ist keine Option und so drehe ich ihn so kurz wie irgend möglich auf den Bauch mit dem Gesicht zur Seite, hocke mich dann sofort mit dem Rücken vor ihn und lege seine beiden Arme über meine Schultern. Einfacher gesagt als getan und es braucht einiges an Kraft, bis ich es schaffe. Dann erhebe ich mich langsam, kreuze seine Arme vor meiner Brust und greife mit beiden Händen nach dem jeweils gegenüberliegenden Handgelenk. Leicht nach vorne gebeugt, ihn auf meinem Rücken gestützt und auf meine nach hinten gedrückte Hüfte, beginne ich ihn im so genannten Spanngurtgriff zu tragen.

Seine geschätzten sechzig bis fünfundsechzig Kilo sind viel zu leicht für ihn und doch habe ich das Gefühl, dass der halbe Kilometer vor mir sich gerade um das Doppelte verlängert. Die Zähne zusammenbeißend beginne ich mir im strömenden Regen Etappenziele zu setzen, als es plötzlich anfängt noch einmal merklich aufzufrischen und ein Donner das Prasseln durchbricht.

Ich muss dringend meine Hütte erreichen, bevor das Unwetter gänzlich hier ankommt! Ich lege noch einen Schritt zu und spüre nach nur einigen Metern das Zittern meiner Muskeln. Ich versuche den aufkommenden Schmerz der Überanstrengung zu verdrängen und fokussiere mich vollkommen auf das, was vor mir liegt.

Einige weitere Meter, den Blick stur geradeaus gerichtet, sehe ich sie… die kleine Lichtung, wo auch meine Blockhütte angesiedelt ist. Erst nur schemenhaft, dann etwas klarer, sofern man bei dem Regen davon sprechen kann. Die letzten hundert Meter ziehen sich nochmal hin und ich bin mehr als geschafft, als ich vor der Veranda ankomme. Die fünf Stufen nach oben lassen mich auf dem nassen Holz beinahe noch ausrutschen, bevor ich schließlich umständlich die Tür öffne, die ich hier in der Einsamkeit zum Glück nicht ständig abzuschließen brauche.

Drinnen lege ich den Blonden erstmal vorsichtig auf den kleinen Teppich im offenen Wohnzimmer, drehe ihn in die stabile Seitenlage und überlege mir, was als Nächstes zu tun ist, während sich meine Atmung darum bemüht, wieder einen normalen Rhythmus zu finden.

Meine Muskeln schreien mich an und ich entscheide, dass es besser ist, mir erstmal trockene Kleidung zu besorgen. Im Schlafzimmer ziehe ich mich um, nehme auch trockene Kleidung für meinen unerwarteten Gast mit und rubbele ein paar Mal mit einem Handtuch durch meine noch triefenden schwarzen Haare.

Wieder im Wohnzimmer ziehe ich dem Unbekannten sein Shirt über den Kopf und entdecke weitere Gewaltanzeichen an seinem schmalen Körper. Ich sehe außer ein paar blauen Flecken vereinzelte kleine, nicht sehr alte Brandwunden. Schwer zu sagen, womit genau diese verursacht wurden. Dazu hat er frische Striemen auf dem Rücken. Ich bin durch meine Sanitäter Karriere und auch durch mein privates Leben im Bereich der BDSM-Szene einiges gewohnt, aber das hier habe ich in diesem Ausmaß noch nie gesehen. Das war pure und absichtliche Gewalt.

Ich bin sprachlos und geschockt. Nachdenklich trockne ich vorsichtig seine Haare und den Oberkörper so gut es geht ab und ziehe ihm ein schwarzes Shirt von mir an. Ein paar Minuten später kann ich ihn von seiner restlichen, triefnassen Kleidung befreien und bemerke mit zunehmend düsterer Mine, dass man ihn auch am unteren Teil seines Körpers nicht verschont hat. Auch hier trockne ich alles so gut es geht ab und ziehe ihm einfach nur eine Jogginghose über.

Danach drehe ich ihn wieder in die stabile Seitenlage. Gerne würde ich die Schlafcouch vorbereiten, doch solange er in der Bewusstlosigkeit schwebt, ist er auf dem harten Untergrund in entsprechender Position sicherer aufgehoben. Ich hole eine dünne Decke, lege sie bis zu den Hüften über den unbekannten Mann und entscheide, dass er in ein Krankenhaus gehört. Wer weiß, welche Verletzungen er eventuell noch hat, die ich mit bloßem Auge nicht erkennen kann. Außerdem müssen hier Beweise gesichert werden.

Als ich in der kleinen Küchenzeile stehe, die wie alle Räume direkt vom offenen Wohnzimmer abgeht, muss ich feststellen, dass mein Handy sich weigert, auch nur das kleinste bisschen Empfang anzuzeigen. Dennoch versuche ich einen Notruf abzusetzen. Doch durch den Sturm, der gerade erst so richtig Fahrt aufnimmt, werde ich auch in kein anderes Netz eingewählt. Und da ich hier kein Festnetz besitze, habe ich keine Möglichkeit Hilfe zu rufen.

So werde ich mir erstmal selbst helfen müssen, bis der Sturm etwas nachlässt. Aus der Schublade nehme ich einen kleinen Verbandskasten, den ich für Eventualitäten dort deponiert habe. Zusätzlich hole ich noch eine kleine Flasche Povidon-Jod aus dem Bad. Reines Jod als Tinktur wird in der Medizin, entgegen aller Behauptungen, nur noch sehr selten eingesetzt.

Ich setze mich neben meinen unerwarteten Patienten und reinige mit der Tinktur erstmal die Platzwunde am Kopf und auch die aufgeplatzte Lippe. Dann stelle ich fest, dass die Kopfwunde nicht mehr stark, aber weiter unaufhörlich blutet. Von der Größe her kann man sie kleben und sie ist am Kopf auch keinen großen Bewegungen ausgesetzt. Zum Glück habe ich vorgesorgt und auch solche Wundkleber in den Verbandskasten gepackt.

Ich klebe die Wunde ab, nehme dann Brandsalbe und versorge die Stellen, die ich zuvor gesehen habe. Danach verstaue ich alles wieder an seinem vorherigen Platz in der Küche und drehe mich gerade zurück Richtung Wohnzimmer, als der junge Mann ein qualvolles und schmerzerfülltes Stöhnen von sich gibt.

Es mag makaber sein, aber in diesem Moment macht sich sowas wie Erleichterung in mir breit, denn wach ist immer noch besser als bewusstlos. Obwohl man seinen Zustand nicht wirklich als wach bezeichnen kann.

Prüfend schaue ich mir nochmal alle versorgten Wunden an. Er stöhnt ab und zu schmerzvoll auf, doch leider habe ich nur Schmerzmittel in Tabletten und Tropfenform in meiner Blockhütte. Und solange er nicht bei vollem Bewusstsein ist, kann ich ihm damit nicht helfen.

Ich werde warten müssen, bis der Sturm abzieht und den Blonden so lange im Auge behalten.



Inzwischen sind zwei Stunden vergangen. Ich werfe einen Blick durch das Fenster und es sieht noch immer nach Weltuntergangsstimmung aus. Es ist nicht komplett dunkel, eher grau mit schwarzdurchzogenen Wolken. Dennoch hat man nicht das Gefühl, dass es morgens ist. Der Sturm in Kombination mit der Waldumgebung leistet ganze Arbeit.

Da ich im Moment nichts weiter tun kann als abzuwarten, lege ich ein zweites Frühstück mit einer Schale Müsli ein und habe dabei immer ein Auge auf meinen Patienten. Nur langsam scheint er sich zu beruhigen und wieder tiefer in die Bewusstlosigkeit zu driften.



Stunden vergehen, in denen mein unerwarteter Gast weiterhin nicht aufwacht, aber immer wieder leise Geräusche von sich gibt. Mein Handy bekommt noch immer keine Verbindung nach außen, obwohl die Wetterlage zumindest vom Wind her besser geworden ist. Also warte ich weiter und habe mich inzwischen in meine kleine Büroecke des geräumigen Wohnzimmers zurückgezogen und mir ein paar Akten von Kunden vorgenommen. Akten von der ausgesprochen gut laufenden Maklerfirma meines Vaters. Natürlich arbeite ich schon seit geraumer Zeit mit im Betrieb und könnte mich nach den zwei Jahren zum Broker weiterbilden. Doch bisher sehe ich darin keinen Sinn, da ich nicht vor habe eine eigene Maklerfirma zu gründen oder andere Immobilienmakler unter meine Fittiche zu nehmen.

Ich freue mich in gewisser Weise auf die Arbeit und bin durch meinen Vater gut vorbereitet. Dennoch habe ich mir vor dem Beginn einen Urlaub gegönnt. Eine Pause, um einmal den Kopf freizubekommen und komplett abzuschalten. Ich würde nicht Zufluchtsort zu meiner Hütte sagen, aber definitiv eine Auszeit vom Rest der Welt. Es bleibt mir noch eine Woche, bevor ich in den Wahnsinn, der sich Alltag nennt, zurückkehren muss.

Ein langgezogenes Stöhnen zieht mich aus meinen Gedanken. Ich packe die Akte auf den Schreibtisch und schaue nach, ob mein unbekannter Gast wach wird. Er ist sehr unruhig und scheint zu träumen, was zeigt, dass er die tiefe Bewusstlosigkeit wieder verlassen hat.

Langsam lege ich meine Hand auf seine Schulter, als er plötzlich mit einem „NEIN!“ die Augen aufreißt und nach oben schnellt. Sofort greift er an seine Rippen auf der rechten Seite, sein Blick streift meinen und bevor ich etwas sagen kann, springt er trotz aller Schmerzen auf, als würde sein Leben davon abhängen.

Er drängt sich an die Wand der gegenüberliegenden Seite und sein Blick huscht schnell hin und her, doch dann registriere ich die Veränderung in seinem Gesicht. Erst jetzt wird er richtig wach, sortiert die Sachlage so schnell er kann, schaut mich an und blickt sich langsam im Zimmer um, bevor er sich an mich wendet.

„Wo bin ich?“

Seine Stimme ist rau und klingt brüchig. Nicht auszumachen, ob durch Dehydration oder weil er seine Stimme zu wenig oder zu intensiv gebraucht hat. Oder auch weil er nervös ist und Angst hat.

„In der Nähe von Madison, Wisconsin. Allerdings in einem abgelegenen, kleineren Waldstück.“

Er schaut an sich herunter und erkennt, dass er nicht mehr seine Kleidung trägt.

„Ich bin Ben“, setze ich zu einer Erklärung an, was sonst eigentlich nicht meine Art ist. Normalerweise ist es immer anders herum.

„Auf meinem Laufweg durch den Wald bin ich über dich gestolpert. Du warst ohne Bewusstsein und ein Sturm ist aufgezogen. Der dazugehörige Regen, den du draußen sehen kannst, hatte es in sich.“

Noch immer steht er mit einer Hand an seinen Rippen in der Ecke und schaut unsicher aus einem der Fenster, dann wieder zu mir.

„Ich konnte dich schlecht dort liegen lassen. Wir waren beide durchnässt, als ich hier mit dir ankam. Deshalb habe ich dir ein paar meiner Sachen… sagen wir, geliehen.“

Wie versteinert steht er an seinem Platz. Also setze ich mich auf meinen Bürostuhl in einigen Metern Entfernung und tue nichts, außer ihn zu beobachten.

Nach einer ganzen Weile, als er mehr an der Wand lehnt, als wirklich zu stehen, frage ich: „Willst du dich nicht lieber setzen? Das spart Kräfte, die du dringend nötig hast.“

Widerwillig, aber einsichtig schleppt er sich zum Sofa. Langsam erhebe ich mich und seine Augen verfolgen jeden meiner Schritte. Ich hole ihm aus der Küche ein Glas stilles Wasser, stelle es betont langsam neben ihm auf den Beistelltisch und lege eine ungeöffnete Packung Schmerztabletten dazu. Er beißt die Zähne zusammen, als er danach greift und sich vergewissert, dass es auch wirklich Schmerztabletten sind. Und die unbeschädigte Packung scheint ihn zu überzeugen. Vorsichtig, um so wenig Schmerzen wie möglich zu verursachen, öffnet er sie und nimmt sich zwei Tabletten raus. Danach fällt sein skeptischer Blick auf das Glas, das ich ihm hingestellt habe.

„Wenn ich dir was antun wollte, hätte ich dazu in deiner stundenlangen Bewusstlosigkeit genug Zeit gehabt. Das waren locker um die fünf Stunden.“

Sichtlich geschockt, aber ohne ein Wort dazu zu sagen, scheint ihm meine Erklärung zu reichen und er nimmt schweigend die Tabletten ein.

„Leider ist durch den Sturm kein Netz anwählbar. Sobald er endlich nachlässt, kann ich dich in eine Klinik fahren. Du solltest einmal durchgecheckt werden.“

Ganz langsam löst er seinen Blick vom Glas und dreht seinen Kopf in meine Richtung.

„Kein Krankenhaus und keine Polizei… bitte.“

Nachdem er mir das eröffnet hat, stellt er das Glas zurück und verschränkt seine Arme, als wenn er damit seine Striemen am Handgelenk verstecken könnte.

Ich kann und will ihn nicht zwingen sich untersuchen zu lassen oder eine Anzeige gegen wen auch immer zu erstatten. Er ist auch sicher nicht besonders scharf darauf weiter irgendwas zu dem Thema zu hören oder zu sagen. Zumindest nicht im Moment. Außerdem kennt er mich nicht und ich würde einem Wildfremden in so einer Situation sicher auch nichts erzählen wollen.

Es entsteht eine kurze Zeit der Stille, in der wir beide uns gegenseitig mustern und versuchen abzuschätzen, wie es jetzt weitergehen soll. Schließlich ist er es, der das Wort ergreift.

„Entschuldigung, ich wollte keine Probleme machen. Wie weit ist es zur nächsten Hauptstraße?“

Ich glaube mich zu verhören und starre ihn mit hochgezogenen Augenbrauen an.

„In deinem Zustand und der Wetterlage? Ich würde sagen unerreichbar.“

„Und wie weit ist es?“, wiederholt er seine Frage.

„Schätzungsweise drei Kilometer.“

Entsetzen tritt in seine Augen und ich sehe förmlich, wie er versucht abzuwägen, wie lange er dafür brauchen würde.

„Ich mache dir einen Vorschlag. Wenn es dir so wichtig ist, kann ich dich hinfahren. Von mir aus auch nach Hause, insofern es nicht stundenlang entfernt liegt. Allerdings erst, wenn es das Wetter zulässt. Im Gegenzug wirst du dich so lange wieder hinlegen und ausruhen. Ich wecke dich, falls du einschlafen solltest. Und…“, füge ich hinzu, „… ich hätte gerne deinen Namen gewusst.“

„Alexander“, lenkt er ein. „Wahrscheinlich wird dein Vorschlag das Vernünftigste sein.“

Ohne ein weiteres Wort legt er sich auf das Sofa. Er dreht sich so, dass er mich sehen kann und beäugt mich. Er weiß mich weiterhin nicht einzuordnen. Freund oder Feind?

“Wieso hilfst du mir?“, kommt dann auch die bohrende Frage, während er mich noch immer misstrauisch ansieht. Ich setze mich ihm gegenüber und suche nach einer passenden Antwort.

Der Regen hämmert gegen die Scheiben, als ich schließlich frage: „Sollte ich dich da draußen liegen lassen? Du bist verletzt und hast Hilfe nötig. Da gibt es keinen anderen Grund.”

Sein Blick verändert sich kurz und er scheint zu überlegen, kämpft gegen den drohenden Schlaf an.

„Ich wecke dich, sobald wir losfahren können. Du bist erschöpft und die Autofahrt wird anstrengend. Schlaf wird dir gut tun.”

Kurz schließt er die Augen, doch ehe er wirklich einschlafen kann, reißt er sie wieder auf. Ich bleibe sitzen, komme ihm aber nicht näher, damit er sich nicht in die Enge gedrängt fühlt und rede ab und zu ein paar beruhigende Worte. Und das wirkt. Nach einiger Zeit schläft er völlig abgekämpft ein.



Ich stehe auf der Veranda und atme die nasse Waldluft ein. Es hat weitere anderthalb Stunden gedauert, bis der Regen endlich nachgelassen hat. Es tröpfelt jetzt nur noch, aber auf dem Boden steht das Wasser. Es wird seine Zeit brauchen, bis alles absickern kann nach der langen Trockenheit.

Leise gehe ich nach drinnen, schließe die Tür und schaue auf Alexander, der seit unserem letzten Gespräch in einen Tiefschlaf gefallen ist. Wahrscheinlich wirken die Schmerztabletten, doch das ersetzt bei weitem keinen Arzt. Eine Weile habe ich überlegt, ob ich seinem Wunsch wirklich nachkommen soll, weder Polizei noch ärztliche Unterstützung anzufordern. Doch letztlich kennen wir uns so gut wie gar nicht und ich muss seine Entscheidung akzeptieren. Täte ich das nicht, würde er den Mund sehr wahrscheinlich sowieso nicht aufmachen und sich verweigern. Es würde rein gar nichts bringen.

Vorsichtig trete ich an ihn heran, mache aber nicht den gleichen Fehler zwei Mal. Statt ihn anzufassen, sage ich einige Male seinen Namen und er kommt mehr und mehr zu sich. Angestrengt fährt er sich mit einem schmerzvollen Zischlaut über das Gesicht, bevor er sich wieder an die Rippen fasst.

Und als er meinen Blick auffängt, meint er beschwichtigend: „Alles okay. Ist bestimmt nur geprellt. Sonst könnte ich nicht so gut atmen.“

„Erfahrung?“, frage ich so neutral es mir möglich ist, aber auch eine Spur zu schnell.

Er mustert mich einen Moment, bevor er schließlich meinem Blick ausweicht und mir die Antwort schuldig bleibt.

„Wo kann ich dich hinbringen?“, wechsele ich das Thema und er springt direkt darauf an. Scheinbar dankbar, dass ich es dabei belassen will.

„Ich muss nach Milwaukee, aber ich erwarte nicht, dass du mich dorthin fährst.“

Ich muss nicht im Navi nachschauen, um zu wissen, wie lange wir unterwegs sein werden. Denn ich arbeite und wohne in der Nähe der größten Stadt von Wisconsin.

„Schon gut. Ich fahre dich.“

„Nein, quatsch. Das kann ich nicht verlangen. Ich kauf mir einfach ein Ticket irgendwo und…“

Er tastet mit einer Hand seine Taschen ab, bis ihm wieder einfällt, dass er nicht mehr seine Kleidung trägt. Und dann scheint ihm noch was einzufallen.

„Verdammter Mist“, murmelt er mehr zu sich selbst und mir wird sofort klar, was für ein Problem er hat.

„Kein Bargeld, keine Karte, kein Ausweis. Ich würde sagen, du bist auf mein Angebot angewiesen. Es sei denn, du willst unbedingt laufen oder per Anhalter fahren, was potenziell gefährlicher sein dürfte, als bei mir einzusteigen.“

Er beißt sich leicht auf die Unterlippe und überlegt einen Moment bevor er fragt: „Und was genau muss ich dafür tun?“

Ich verschränke die Arme und sehe ihn ernst an. Natürlich verstehe ich den Sinn seiner Frage und es ist hart, dass er solche Gedanken hat. Aber ich fühle mich dadurch nicht beleidigt oder sehe eine Veranlassung mich darüber aufzuregen. Stattdessen antworte ich etwas, dass er definitiv nicht erwartet.

„Das kann ich dir sagen. Du musst einfach ins Auto steigen. Nicht mehr und nicht weniger. Und wenn du vernünftig bist oder dich zu Dank verpflichtet fühlst, dann lass dich ärztlich durchchecken. Das wäre mir genug.“

„Das kann ich nicht“, flüstert er, als könnte sonst noch jemand sein Geheimnis erfahren.

„Gut, wie du willst. Ich fahre dich trotzdem nach Hause. Ich gehe mal davon aus, dass du eines hast.“

„Ja, habe ich“, sagt er mit Bitterkeit in der Stimme, aber ich spare mir die Nachfrage. Er wird mir nichts verraten. Ich gebe ihm ein paar meiner Turnschuhe, die er mühsam anzieht. Und als ich kurz mein Portemonnaie, Schlüssel und Handy zusammensuche, versteht er das als Aufforderung und rappelt sich umständlich von der Couch auf. Ich unterdrücke ein schweres Seufzen bei seinem Anblick und halte ihm stattdessen die Haustür auf.

„Sei vorsichtig. Es ist sehr rutschig auf dem Holz.“

„Danke für die Warnung“, entgegnet er entkräftet und ich würde meine Akzeptanz seiner Entscheidung gegenüber am liebsten über Bord werfen. Alles in mir sträubt sich dagegen den jungen Mann, offensichtlich angeschlagen und verletzt, einfach irgendwo abzusetzen und seinem Schicksal zu überlassen. Doch wie hilft man Jemandem, der sich nicht helfen lassen will?

Ich bleibe so weit neben ihm, dass er sich nicht bedrängt fühlt, ich ihn aber jederzeit abfangen kann, falls er stürzen sollte. Beim Auto angekommen öffne ich die hintere Tür auf der Beifahrerseite und er versteht die nonverbale Aufforderung. Kommentarlos kämpft er sich auf den ihm zugewiesenen Platz, nachdem ich den Vordersitz so weit wie möglich nach vorne geschoben habe. Danach laufe ich erneut einen Slalom um die Pfützen, steige ein, starte den Motor und rolle vom Grundstück.