SCHWARZER VOGEL

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Zusammenfassung

Lucy wagt den Ausbruch aus ihrer Gefangenschaft – nur um direkt in einen tobenden Schneesturm und in ein Wolfsrudel zu geraten, das ihrem Duft nicht widerstehen kann.

Status:
Abgeschlossen
Kapitel:
22
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Altersfreigabe
18+
Das ist ein Beispiel

Kapitel 1

Soma.

Schneeflocken tanzten vor meinen Augen, während ich durch den dunkler werdenden Wald schleich. Ohne seine Fährte hätte ich den Hasen, den ich jagte, wohl schon längst verloren.

Ich schlich ihm tiefer in den Wald nach, der unsere einsame Hütte umgab. Nur Augenblicke später drängte ich ihn in die Enge. Ich beobachtete, wie er innehielt, um an einer verschneiten Pflanze zu knabbern, während der Sturm langsam losging.

Er würde bald Schutz suchen. Das sah ich daran, wie seine dunklen Augen hin- und herwanderten und seine Nase nervös zuckte, weil er den Wetterumschwung spürte.

Zeit für meinen Angriff. Ich ging tief in die Hocke und schlich lautlos durch das Gebüsch, ohne einmal zu blinzeln.

Er bemerkte mich immer noch nicht.

Nur noch ein paar Meter, dann hätte ich genug Schwung zum Springen. Meine Hinterbeine spannten sich an –

Ein berauschender Duft, wie ich ihn noch nie erlebt hatte, schlug mir in die Nase. Er wurde vom Wind herangetragen wie der Ruf einer Sirene. Meine ganze Welt geriet aus dem Gleichgewicht. Meine Sinne spielten verrückt und waren plötzlich wie elektrisiert.

Ich hob den Kopf und blickte nach Osten, gleichermaßen verwirrt und verzaubert.

Holden, rief ich über unser Rudelband.

„Hast du den Hasen schon verloren?“, antwortete der Alpha trocken in meinem Kopf. „Du schuldest mir zwanzig Dollar.“

Nein, blaffte ich zurück und schnaubte vor mich hin. Etwas anderes… ist hier.

„Was meinst du? Die Bären müssen doch inzwischen im Winterschlaf sein, oder?“

Das ist es nicht, es ist…

Hektisch schnupperte ich erneut. Ich verlor den Duft fast, nahm die Fährte dann aber schnell wieder auf. Der Hase war längst weg und schon vergessen.

„Und?“

Komm mal her, ja?

„Nein, du solltest reinkommen“, entgegnete der Alpha. „Du hattest genug Zeit zum Jagen, Soma. Die Sonne geht unter und die Temperaturen werden verdammt schnell fallen.“

Aber dieser Duft – er ist… er ist wie –

Wie ein anderer Wolf. Aber doch nicht. Ich fand verdammt nochmal nicht die richtigen Worte, um es zu beschreiben.

Holden schwieg einen Moment. Er schien zu merken, dass ich kurz davor war, durchzudrehen. „Wie weit draußen bist du?“

Eine halbe Meile südöstlich der Hütte.

„Schon gut, ich komme. Aber du schuldest mir trotzdem zwanzig Dollar.“

Meine Bewegungen waren hastig, fast ein richtiger Galopp. Ich hatte panische Angst, es zu verlieren – fuck – was auch immer es war. Es war wie… Nostalgie. Wärme. Apfelkuchen. Sex. Alles auf einmal.

Ein Wimmern erregte meine Aufmerksamkeit. Meine Ohren stellten sich auf. Ich hatte den Duft wiedergefunden, und er war stark. Was immer es war, es war ganz nah.

Ein Zweig knackte, dann torkelte hinter einem Baum eine Frau in einem weißen Kleid hervor.

Ich blieb wie angewurzelt stehen.

Sie war bleich wie ein Gespenst. Ihre nackten Knie und Füße waren knallrot, ihre Wangen rosa vor Anstrengung und Kälte. Sie war dünn und sah aus, als wäre sie Anfang zwanzig.

Das Schlimmste an der Sache war: Keine Schuhe. Keine Jacke. Mitten in einem verdammten Blizzard?

Ich sah mich um. Holden würde erst in ein paar Minuten hier sein. Was sollte ich tun?

Ich sah wieder nach vorn und erschrak, als sie nun auf mich zukam. Ich hätte ins Gebüsch springen und mich verstecken können – aber sie hatte mich schon gesehen. Mein Fell war schwarz, ein deutlicher Kontrast zum weißen Boden, wenn ich mich nicht gerade im Unterholz versteckte.

Sie schrie auf und stolperte rückwärts, bis sie gegen einen dicken Baumstamm knallte. Ihre Arme krallten sich in die Rinde, ihre Augen waren geweitet vor Entsetzen.

Sie war es. Der Geruch war so verdammt berauschend. Er brachte meine Sinne völlig durcheinander und wurde mit jedem Schritt, den ich näher kam, noch intensiver.

Sie zitterte und rutschte am Stamm auf den verschneiten Boden. Tränen liefen über ihre Wangen, während sie mich anstarrte. Nach einer Sekunde schloss sie resigniert die Augen und nickte immer wieder mit dem Kopf.

„Es-es ist okay“, flüsterte sie mit zittriger Stimme und nickte weiter. Ich war mir nicht sicher, ob sie mit mir sprach oder mit sich selbst. „Ich bin lieber F-futter für dich, als ein Opfer für sie.“

Was?

Ohne Holden geriet ich innerlich in Panik und suchte verzweifelt nach einer Lösung. Sollte ich mich in meine menschliche Gestalt zurückverwandeln und sie trösten? Sollte ich sie allein lassen?

Verdammt, das konnte ich nicht tun! Sie würde hier draußen krepieren.

Und wenn sie mit ansah, wie ein Wolf zum Mann wurde, würde sie wahrscheinlich einen verdammten Herzinfarkt kriegen.

Ich trottete näher und sie stieß ein Wimmern durch ihren zusammengepressten Mund aus.

Um sie zu beruhigen, rieb ich meine Schnauze sanft gegen ihren nackten Arm. Ihre Haut war eiskalt. Wie lange war sie bitteschön schon hier draußen?

Sie öffnete die Augen. Sie waren hellbraun, fast goldfarben. „Wa-was machst du da?“, fragte sie mit klappernden Zähnen, während sich meine Schnauze langsam ihren Arm hinauf bis zu ihrem Hals vorarbeitete. Dort war der Duft am stärksten – ich konnte nicht anders, ich musste einen langen, tiefen Atemzug davon nehmen.

„Das kitzelt –“ Sie hob die Schulter und legte vorsichtig ihre Finger auf meinen Kopf. Vielleicht wollte sie mich wegschieben, aber am Ende streichelte sie mich. Ich genoss ihre Berührung, aber das schien im Moment nebensächlich zu sein. „D-du tötest mich nicht“, flüsterte sie. „Warum... warum tötest du mich nicht?“

Als ich zurückwich, entspannte sich ihr steifer Körper ein wenig und sie verschränkte die Arme vor der Brust.

Eine eisige Brise wehte zwischen uns hindurch, begleitet von Stille und neuem Schneegestöber. Sie würde sich Erfrierungen zuziehen, wenn sie nicht schon welche hatte – besonders da die Sonne zu meiner Linken fast komplett hinter dem Horizont verschwunden war.

Ich jaulte leise, erhob mich und deutete mit der Schnauze nach Süden, wobei ich mit den Pfoten auf den Boden stampfte.

„Ich s-soll dir folgen?“ Die schwarzhaarige Frau sah auf ihre blutigen, nackten Füße hinunter. „Ich weiß nicht, ob ich –“

„Soma!“, rief Holden. Ich drehte den Kopf in die Richtung, aus der das Knirschen von Stiefeln im Schnee kam. Durch das Gestöber sah ich den Alpha meines Rudels näher kommen. Er war weit über eins achtzig groß, sein goldenes Haar flatterte wild umher und war mit Schneeflocken gesprenkelt. Er trug einen dicken, dunkelblauen Parka, den er nicht einmal zugezogen hatte.

Ich jaulte erneut.

Ich habe die Fährte gefunden.

„Ja, das sehe ich“, murmelte Holden, tätschelte mir den Kopf, als er nah genug war, und hob dann den Blick zu der Frau. Sie hatte sich wieder gegen den Baum gedrückt.

„Was zum Teufel machst du hier draußen? Wo sind deine Klamotten?“, herrschte Holden sie an, während er an mir vorbeiging und auf sie zutrat.

Sie antwortete nicht und starrte ihn misstrauisch an, obwohl ihre Unterlippe vor Kälte zitterte.

Gütiger Himmel. Aus irgendeinem Grund mag sie dich nicht besonders.

„Halt den Mund, Soma.“

Holden stemmte die Hände in die Hüften. „Hör zu, wir können dich nicht hier im Sturm lassen. Soll ich jemanden anrufen?“

Panik blitzte in ihren hellen Augen auf, aber sie antwortete nicht.

Und Holden verlor allmählich die Geduld.

Ich trottete vor und stupste sie an ihrem Unterarm an. Sie löste langsam ihren Blick von Holden und sah mich an.

Sie hat Angst. Sie wird sterben, wenn wir sie nicht in die Hütte bringen und aufwärmen, sagte ich schnell.

„Fuck“, antwortete Holden und grunzte laut. „Na schön.“

„Sein Name ist Soma“, sagte Holden etwas ruhiger und zog seine Jacke aus. „Ich bin Holden.“ Er hielt ihr die Jacke hin.

Sie starrte das Kleidungsstück an und warf mir dann einen Blick zu. Als ich einmal mit dem Schwanz wedelte, nahm sie die Jacke an und stand auf. Ihre Knie zitterten, als sie in die Ärmel schlüpfte – die Jacke verschlang ihre kleine Gestalt förmlich.

„Du kannst dich bei uns aufwärmen“, sagte Holden und drehte sich um. „Komm mit.“

Sie zog den Parka eng um sich und warf mir noch einen vorsichtigen Blick zu. Ich stupste sie zur Beruhigung gegen das Knie und trottete dann an Holdens Seite.

Riechst du das Gleiche wie ich?, fragte ich aufgeregt.

„Ja. Es ist…“

Scheiße!“ Holden wirbelte herum.

Die Frau war zusammengebrochen.

Holden rief nach Finn, unserem anderen Rudelkameraden, während er sie mühelos auf die Arme hob.

„Lass ein heißes Bad ein.“

„Was?“, rief Finn zurück. „Lass es dir doch selber ein. Und seit wann badest du überhaupt–“

Es ist nicht für ihn, knurrte ich.

„Mach es einfach, Finn. Und koch Kaffee, Tee, was auch immer wir da haben.“


Finn erwartete uns mit verschränkten Armen auf den Stufen der Veranda, die um das ganze Haus herumführte. Sein rotes Haar war frisch geschnitten, ganz kurz geschoren. Seine wachen, hellblauen Augen beobachteten uns genau, als wir näher kamen.

„Was ist los? Was ist das für ein Ger–“ Finns Augen fixierten die Frau und er hielt den Mund, als er die Antwort sah.

Ich verwandelte mich zurück in meine menschliche Gestalt und schüttelte mein schwarzes Haar aus, während ich hinter Holden die Stufen hinaufstieg. Er trug sie direkt ins Badezimmer.

„Ich habe sie im Wald gefunden“, erklärte ich ihm. „Ich weiß verdammt nochmal nicht, was sie da draußen gemacht hat, aber sie hatte nicht einmal Schuhe an.“

Finn wollte gerade etwas erwidern, aber die Stimme des Alphas drang durch die offene Haustür.

Soma. Zieh dir verdammt noch mal was an und hilf mir.“

Augenblicke später stand ich in Jogginghose und T-Shirt im Bad. Holden hatte die Frau aus dem Parka befreit und sie mitsamt ihrem Kleid in das dampfende Bad gesetzt.

Sie stöhnte leise und drehte den Kopf hin und her.

Die Hitze verstärkte ihren Duft nur noch mehr, und in dem winzigen Raum konnte er nirgendwohin entweichen.

Das war wohl der Grund, warum wir alle drei wie Haie um das Badezimmer herumschlichen.

„Wer geht bitteschön ohne Schuhe oder Jacke in einen Blizzard?“, fragte Finn.

„Jemand, der verzweifelt ist“, entgegnete ich und spürte Schweiß auf meiner Stirn. „Ich konnte sie da draußen doch nicht krepieren lassen.“

„Finn, such ihr einen Bademantel oder so was. Und sorg dafür, dass im Wohnzimmer das Feuer brennt.“

Der Rotschopf ließ die Arme verschränkt und die Lippen zusammengekniffen, während er sie anstarrte. Dann nickte er widerwillig und verließ den Raum.

Holdens Schultern zitterten, als er aufstand, um Finn zu folgen.

„Wo willst du hin?“, fragte ich ihn alarmiert. „Wir können sie hier drin nicht allein lassen. Sie ist ja kaum bei Bewusstsein.“

Holden schüttelte langsam den Kopf, als versuchte er, aus einer Trance aufzuwachen. „Ich weiß nicht. Ich glaube, ich drehe hier gleich komplett durch.“

„Was?“

„Der Duft, Soma. Hier drin ist er noch stärker. Ich--“ Er fluchte und fuhr sich mit den Händen durchs Haar wie ein Junkie, der versucht, sich vom nächsten Schuss abzuhalten. „Ich will sie besteigen. Es ist, als ob ich... mich nicht beherrschen kann. Ich kann nicht hier drin bleiben.“

Mist. Es ging also nicht nur mir so. „Und – was soll ich jetzt machen?“, fragte ich panisch und zeigte auf sie. „Ich spüre es doch auch.“

Holden kniff die Augen fest zusammen, leckte sich über die Lippen und versuchte, sich zu fangen. Er stützte sich mit einer Hand am Türrahmen ab und hob langsam den Kopf.

Ihm war plötzlich etwas klargeworden, als hätte er einen Geistesblitz.

„...Vaporub. Im Medizinschrank.“

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