Nein
Ivy
Ich hätte Nein sagen sollen.
Das denke ich, während ich an meinem Hoodie zerre - zu warm für drinnen, zu dick für eine Party, wo alle anderen glitzern und leuchten.
Aber ich behalte ihn trotzdem an.
Die Ärmel reichen über meine Hände. Wie eine Barriere.
Ich hätte Nein sagen sollen.
Zu Vi. Zu dieser Party.
Aber ich konnte nicht Nein sagen. Nicht nach allem, was ich ihr angetan habe.
Den ignorierten Anrufen. Den Monaten, in denen ich nicht geredet habe, keine ihrer Fragen beantwortet habe.
Weil die Antworten alles zerstören würden. Mehr, als mein Schweigen.
Ich greife nach einem Becher, der Alkohol brennt in meiner Kehle.
Gut.
Um zu vergessen, zu betäuben. Um heute Nacht nicht ich selbst sein zu müssen.
Zwei Stunden später ist alles verschwommen. Die Musik zu laut, die Lichter zu hell.
Ich greife nach meinem Becher. Leer. Wieder.
Wann ist das passiert?
Süße klebt an meinem Gaumen, mein Kopf ist voll Nebel. Dichte, graue Schwaden, die die Welt um mich weicher machen. Erträglicher.
Gut. Genau das wollte ich.
“Ivy, komm!” Vis Stimme schneidet durch den Lärm, ihre Hand legt sich um mein Handgelenk.
Ich zucke zusammen. Es passiert automatisch, ich kann es nicht verhindern.
Sie merkt es nicht, zieht mich einfach mit. Durch Körper. Zu viele. Zu eng.
Ich konzentriere mich auf ihren Rücken, ihre Hand.
Kalt, schmal. Vi.
Sicher. Vi ist sicher.
Wir stoppen in der Küche, Vi lässt mich los. Ihr Blick geht... irgendwohin. Ich folge ihm, blinzle. Doch das Bild will nicht scharf werden.
Ein breiter Rücken, ein blondes Mädchen dahinter.
“Siehst du das?” Vis Stimme klingt merkwürdig. Zu schrill. Zu hoch. “Seriously? Mit IHR?”
Ich starre weiter dorthin. Aber… verstehe nicht.
Was sollte ich sehen?
Die Gedanken rutschen weg. Wie Seife. Einfach weg.
“Das... das ist...” Sinnloses Gestammel.
Vis Augen legen sich auf mich. Hart, irgendwie. “Gott, Ivy.”
Etwas in ihrer Stimme klingt... verletzt? Wütend?
Ich versuche es herauszufinden, aber…
“Du kannst ja kaum noch stehen.”
Ich schaue auf meine Füße. Sie sind da, unter mir, ich sehe sie. Aber sie fühlen sich weit weg an.
“Wie viele davon hattest du?”
Sie nimmt mir das Glas aus der Hand. Ich starre auf meine Finger, sie greifen immer noch. Das ist… irgendwie witzig.
“Wie viele?”
Zu viele. Oder nicht genug? Ich weiß es nicht mehr.
Ich zucke mit den Schultern. “Nicht viele... Zwei? Drei?”
Vi verdreht die Augen. Dann schaut sie wieder weg. Zur Küche. Zu dem... Rücken?
“Cola?”
Ich nicke.
“Setz dich dahin.”
Sie schiebt mich rückwärts, ich stolpere, stoße gegen etwas. Ein Sofa. Braunes kühles Leder.
Ich sinke runter, wie eine Marionette, der man die Fäden abgeschnitten hat.
“Warte hier.”
Und dann ist sie weg.
Wieder.
Der Boden bewegt sich. Wie aufgewühltes Wasser.
Ich schließe die Augen. Ein Fehler. Es wird schlimmer, alles dreht sich.
“Hey, alles gut?” Eine Stimme über mir. Tief. Nicht Vi.
Ich blinzle, schaue langsam hoch.
Ein Gesicht. Unscharf, aber bekannt. Helle Haare.
Jax?
Mein Magen zieht sich zusammen.
Er geht runter in die Hocke. Nah. Zu nah.
Seine Augen, sie schauen. Suchen. Intensiv. Zu...
“Wasser?”
Seine Hand auf meiner.
Warm. Zu warm. Unangenehm warm.
Meine Haut kribbelt.
Zieh die Hand weg! Sag was!
Aber mein Körper regt sich nicht.
Mein Mund öffnet sich, aber nichts kommt raus.
Mein Kehle ist zu eng. Meine Zunge zu schwer.
“Nein.” Die Worte. Endlich. Aber zu spät. “Vi holt Cola.”
Jax lächelt. Aber seine Hand bleibt auf meiner Haut.
Und das ist alles, was ich spüre. Nur das.
Diese Hand.
Die ich nicht will.
Die ich nicht stoppen kann.
“Hier.” Ein Glas vor meinem Gesicht.
Vi ist zurück.
Ihr Blick zuckt kurz zwischen Jax und mir hin und her.
Sieht sie seine Hand?
Ihre Augen. Das ist was. Nur kurz. Dann ist es wieder weg.
Sie lacht laut, redet mit ihm.
Über meinem Kopf.
Ich verstehe nichts, betrachte das Glas in meiner Hand, die Blasen, die hochsteigen, oben platzen.
Wie meine Gedanken.
“Trink.” Jax’ Stimme.
Und ich trinke. Die kalte Flüssigkeit kribbelt in meinem Hals.
Doch es hilft nicht. Die Luft wird weniger.
Etwas kriecht hoch. Kalt und klebrig.
Luft. Ich brauche Luft.
Ich stehe auf, oder... versuche es. Doch die Welt kippt. Ich falle zurück aufs Sofa. Zu Jax.
Seine Hand, sein Arm. Mein Arm. Alles zu nah.
“Hey, langsam...”
Nein.
Nein, nein, nein.
Vi steht neben mir, etwas flackert in ihren Augen. Ihre Lippen öffnen sich. Aber dann - eine Stimme, männlich, aus der Küche.
Sie ruft ihren Namen und Vi dreht sich um und geht. Schon wieder.
Raus. Ich muss hier raus. Die Stimme in mir schreit. Laut und durchdringend.
Und diesmal klappt es, ich komme hoch.
Jax sagt was, doch ich höre nicht zu. Jemand drängt sich zwischen uns, trennt uns. Und ich gehe. Stolpere. Durch Menschen, Hitze, Gelächter.
Zur Terrassentür.
Raus.
Luft.
Endlich.
Kalt. Klar. Gut.
Ich atme, ringe nach Luft. Wie eine Ertrinkene zurück an der Oberfläche.
Mir ist schlecht, mein Herz rast.
Doch ich gehe weiter. Weg von... allem.
Von…
KNALL!
Schmerz. Scharf und real. Er schießt durch mein Schienbein.
“Fuck!”
Der Nebel in meinem Kopf reißt auf. Für einen Moment.
Denn Schmerz ist real.
Alles andere... nicht.









Also dein Vorwort war schonmal super! Danke, das du die Protagonisten so gut beschieben hast! Ich werde deiner Geschichte aufjedenfall eine Chance geben! Werde den zweien beim Fehler machen und beim wachsen ,,zuschauen"! Und ein danke das du deinen Lesern diese ausführliche Trigger warnung gibst!