Beneath the Whisper

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Summary

Die schüchterne und unscheinbare Ella Chambers wollte nie auffallen. Sie hat gelernt zu schweigen, gelernt sich klein zu machen – denn als Kind glaubte ihr niemand, was in ihrem Zuhause wirklich geschah. Irgendwann begann sie selbst daran zu zweifeln. Als ihre Freunde sie zu einem illegalen Motoradrennen mitschleppen, prallen Ellas stille Welt und die gefährliche Nachtwelt der Biker aufeinander. Und ausgerechnet Damian Hawkins, der gefeierte Rennstar und Spross einer mächtigen Familie, bemerkt sie – das Mädchen, das nie jemand sieht. Er beginnt, ihre Mauern Stück für Stück zu durchbrechen. Doch je näher er kommt, desto deutlicher erkennt er die Wahrheit, die Ella so verzweifelt vergraben hält – eine Wahrheit, die alles verändert. Aus Furcht wird Nähe. Aus Stille ein Gefühl. Doch manche Geheimnisse lassen sich nicht für immer verstecken. Vor allem nicht, wenn die Dunkelheit erst beginnt…

Genre
Romance
Author
nxmentix
Status
Complete
Chapters
45
Rating
5.0 7 reviews
Age Rating
18+

1. Mitgeschleppt

Ella

Alles ist laut, voll und zu eng.

Als würde die Nacht selbst mich erdrücken.

Ich habe wirklich keine Ahnung, warum ich mitgekommen bin. Nein – eigentlich weiß ich es. Mira hatte mich nicht gefragt, sie hat mich einfach mitgezogen. Und ich war zu müde, um nein zu sagen.

Jetzt stehe ich zwischen hunderten Menschen, deren Stimmen ineinander übergehen wie ein einziger, viel zu lauter Puls. Motoren brüllen, Reifen quietschen, jemand grölt hinter mir – und ich spüre nur den Wunsch, mich in Luft aufzulösen. Ich möchte in meiner Wohnung sein. An meinem Computer. In der Stille, die mir gehört. Nicht hier.

„Junge, heute fährt er! Ich schwöre, er gewinnt das mit links!“, kreischt einer von Miras Freunden – ich glaube, er heißt Tom, aber ich bin mir nicht sicher. Sie reden alle durcheinander. Schnell, laut, euphorisch. Und sie reden, als wäre ich nicht hier. Vielleicht haben sie mich vergessen. Das passiert oft. Und manchmal fühlt es sich sogar leichter an, als gesehen zu werden.

Mira lehnt sich lachend an Emily, die wiederum an Tom hängt und die drei bilden eine kleine, geschlossene Gruppe. In der ich keinen Platz habe. Kein Blick, kein Wort, kein „Alles gut, Ella?“ Ich stehe gefühlt einen halben Meter daneben, aber ich könnte genauso gut auf einem anderen Planeten stehen.

„…ich sag doch, Damian ist unschlagbar!“, schwärmt Emily. Damian. Wer auch immer das ist. Ein Name, der für mich so belanglos ist wie der Lärm um mich herum. Das alles ist nicht meine Welt. Nicht meine Leute. Nicht mein Problem. Ich ziehe meine Kapuze tiefer ins Gesicht. Die Baumwolle schirmt mich kaum ab, aber es ist besser als nichts. Wenn ich mich klein mache, schauen sie nicht zu mir. Wenn ich mich still halte, klingelt niemand in meinem Kopf.

Ein Motorrad heult auf, so laut, dass mir das Herz in die Kehle springt. Ich verkrampfe die Finger im Stoff meiner Jacke, atme flach ein und aus. Die Menge drängt sich vorwärts und ich werde mit gedrückt, ohne gefragt zu werden. Mira und die anderen gehen weiter. Natürlich ohne mich. Meine Schritte stolpern hinterher, aber keiner dreht sich um. Vielleicht wissen sie nicht einmal mehr, dass ich mitgekommen bin.

Ich würde gerne etwas sagen. Einen Satz. Eine Erinnerung daran, dass ich existiere. Aber die Worte stecken dort fest, wo sie immer feststecken: hinter einer Mauer aus „Was, wenn sie nicht zuhören?“ und „Was ist, wenn du wieder überreagierst?“

Also schweige ich. Es ist sicherer so.

Ein weiteres Motorrad donnert an mir vorbei und wirbelt die Luft gegen meine Beine. Die Menschen jubeln, klatschen, schreien. Ich zucke zusammen, obwohl ich es nicht will.

„Ella, du bist so empfindlich“, höre ich eine Stimme aus der Vergangenheit. Zu laut, zu echt. Ich blinzele heftig und zwinge mich zurück ins Hier und Jetzt.

Mira kreischt vor Begeisterung, die anderen lachen, während jemand mich unbeabsichtigt anstößt und nicht einmal ein „sorry“ murmelt. Ich stehe mitten in der wildesten Nacht, die ich mir vorstellen kann – und fühle mich noch nie so allein.

„Ich will nach Hause…“

Die Worte verlassen nur meine Gedanken, nicht meine Lippen.

Ich drehe mich halb um, sehe den Weg zurück – eine enge Schneise durch Körper, Stimmen und Motorengeräusche. Unmöglich. Ich würde niemals durch diese Menge kommen ohne in Panik zu geraten. Also bleibe ich. Gefangen zwischen Freunden, die mich nicht brauchen, Menschen, die mich nicht sehen und einem Lärm, der mir in den Knochen vibriert.

Der Jubel bricht wie plötzlich wie eine Welle über die Menge hinein. Schreie, Klatschen, Trillerpfeifen – alles vermischt sich zu einem chaotischen Klangteppich, der mir unter die Haut kriecht.

„Er hats wieder getan! Damian ist einfach nicht zu schlagen!“, ruft Tom ekstatisch.

„Oh mein Gott, habt ihr das gesehen?“, kreischt Emily und hüpft so sehr, dass Mira sie lachend festhalten muss. „Ich sag’s euch, wenn wir nah genug rankommen, redet er vielleicht mit uns. Ganz sicher!“

Sie kichern, stoßen sich an und zerren sich gegenseitig Richtung einer vibrierenden Masse, die sich um jemanden scharrt – vermutlich diesen Damian, über den sie seit einer halben Stunde reden, als sei er ein halbgöttlicher Motorrad-Prophet. Ich bleibe einen Schritt zurück, wie immer. Der Lärm dröhnt, Menschen schieben sich an mir vorbei und trotzdem fühle ich mich…ungehört. Als stünde ich in einem Vakuum innerhalb des Chaos.

„Ich…ähm…gehe dann mal langsam“, murmle ich gegen den Rand meiner Kapuze, meine Stimme kaum ein Hauch im Lärm. „Es ist ziemlich spät und –“

Meine Worte prallen ab wie Regentropfen an Glas. Keiner dreht sich um. Nicht einmal Mira. Sie reden weiter – darüber, wer genug „Ausstrahlung“ hat, um zu diesem Damian durchzukommen. Wer beim Ansprechen mutiger wirkt. Wer von den aufgedrehten Fangirls eine Chance haben könnte.

Ich öffne den Mund und schließe ihn wieder. Versuche es nochmal. „Vielleicht könnten wir –“

Nichts. Kein Blick. Keine Reaktion. Als wäre ich ein Hintergrundelement. Unscharf, bedeutungslos.

Ich lasse den Kopf sinken, meine Schultern runden sich automatisch. „Natürlich…“, flüstere ich. „Ist schon okay.“

Es wäre gelogen zu behaupten, ich wäre es nicht schon gewohnt. Aber trotzdem sticht es jedes Mal ein bisschen. Ich starre auf meine Schuhe – staubige Sneaker, die nicht hierher gehören. Eine leere Bierdose rollt gegen meinen Fuß und bleibt dort liegen, als würde selbst Müll mich suchen. Zwischen meinen Schuhspitzen liegt ein kleiner, grauer Kieselstein. Unscheinbar, unbedeutend. Wie ich.

Ich hebe den Fuß und tippe leicht dagegen. Der Stein kullert ein Stück über den Asphalt, verschwindet unter einer parkenden Maschine. Das Geräusch ist leiser als die Stimmen um mich herum, aber irgendwie…beruhigend. Klar. Kontrollierbar.

Vielleicht sollte ich einfach weggehen. Ich würde ohnehin niemandem fehlen.

Doch bevor ich mich entscheiden kann, reißt ein ekstatisches Quietschen der Mädels mich wieder in den Moment zurück.

„Da ist er! Damian ist echt hier!“

„Oh mein Gott, er sieht in echt noch besser aus!“

„Wir müssen rüber, sofort!“

Die Gruppe stürzt nach vorne, als wäre eine unsichtbare Leine angezogen worden. Mira rennt voran, ohne auch nur einmal zurückzublicken. Ich bleibe zurück. Meine Hände zittern ein wenig, weil die Menge dichter wird. Laute Stimmen. Ellenbogen. Parfüm. Schweiß.

Ich versuche ruhig zu atmen. Einen Moment lang frage ich mich, wie viele Menschen es wohl braucht, um jemanden vollständig verschwinden zu lassen, ohne dass es jemand bemerkt. Wahrscheinlich gar nicht so viele. Ich stehe jetzt hinter der Gruppe von Fangirls, die sich weiter nach vorne drängeln und nervös ihre Haare richten. Jedes Lachen, jede aufgeregte Bemerkung dreht sich um diesen Mann, den ich nicht einmal erkennen würde, wenn er direkt vor mir stünde. Ich atme aus. Lang und leise. Wie jemand, der sich selbst beruhigt, weil niemand anderes es tut.

„Ich will nach Hause…“, flüstere ich, ohne es noch einmal zu versuchen, laut zu sagen. Ich bin nicht hier. Nicht wirklich. Doch für den Moment stehe ich einfach hier und trete gedankenverloren den nächsten Kieselstein zur Seite.


Während ich auf meine Schuhe und den dunklen Asphalt starre, fällt plötzlich ein Schatten über meine Füße. Zwei schwarze Stiefel tauchen in meinem Sichtfeld auf – schwer, abgenutzt, eindeutig nicht neu, aber doch gepflegt. Sie stehen so nah vor mir, dass ich unwillkürlich einen halben Schritt zurückweiche. Mein Herz macht einen unangenehmen Satz.

Langsam, fast widerwillig, hebe ich den Kopf. Vor mir steht ein Mann, der deutlich größer ist als ich. Seine Statur breit, aber nicht übertrieben – eher wie jemand, der Kraft nicht zeigen muss, weil sie in jeder seiner Bewegungen mitschwingt. Dunkle Jeans, dunkle Jacke und Haare, die ihm leicht über die Stirn fallen, als hätten sie längst beschlossen, sich nicht bändigen zu lassen; ein Gesicht mit scharfen, markanten Linien und ein leichter Schatten dunkelster Stoppeln zeichnet seinen Kiefer nach. Aber es sind seine Augen, die mich sofort festhalten. Klar, wach, intensiv und dunkel wie die Nacht über einem Schrottplatz. Nicht neugierig – eher prüfend. Als würde er einen Blick auf mich werfen und bereits mehr sehen, als mir lieb ist.

Ich vergesse zu atmen. Meine Hände beginnen zu schwitzen und ich wische unauffällig an meiner Jacke entlang. Fremde machen mich nervös. Fremde, die mich direkt anschauen, lassen mein Herz stolpern.

Ich schaue automatisch weg, wieder auf meine Sneaker, wieder dorthin, wo es sicherer ist. Er bewegt sich nicht. Nicht einen Zentimeter.

„Du wirkst fehl am Platz.“

Seine Worte kommen ruhig, fast beiläufig – nicht spöttisch oder abwertend. Eher wie eine Feststellung. Eine Tatsache. Etwas, das ihm einfach entglitten ist, weil es so offensichtlich war. Ich zucke zusammen. Nicht heftig, aber sichtbar. Die Art von Reaktion, die mir sofort unangenehm ist.

Ich blinzle und hebe den Kopf ein Stück weiter, gerade genug, um ihn wieder anzusehen. „Was?“

Es ist kaum ein Wort, mehr wie ein hauchender Laut, aber er hört es trotzdem. Er hebt eine Augenbraue, leicht, aber erkennbar.

„Du siehst aus, als wärst du aus Versehen hier gelandet.“

Ich starre ihn an. Erstaunt. Verwirrt. Überrumpelt. Nicht, weil er unrecht hat – sondern weil jemand es bemerkt hat. Weil jemand mich überhaupt bemerkt hat. Meine Freunde haben nicht einmal gemerkt, dass ich noch hier bin. Die anderen Leute sehen alles, außer mich.

Doch dieser Fremde… Er sieht mich.

Ich öffne den Mund, schließe ich wieder. Ein kurzes, peinliches Gestammel bleibt in meiner Kehle stecken.

„Ich…ähm…also…“

Mein Herz hämmert gegen die Rippen. Meine Hände zittern, als stände ein Raubtier mir gegenüber. Ich versuche meine Gedanken zu sortieren, aber alles verschwimmt kurz zu einem einzigen, nervösen Rauschen.

Was sagt man zu so etwas? Was sagt jemand wie ich zu so etwas?

Er neigt den Kopf minimal zur Seite, als würde er darauf warten, dass ich einen vollständigen Satz zustande bekomme. Ich zwinge mich zu einem Atemzug.

„Ich bin…nicht oft auf solchen Veranstaltungen.“

Das ist die Untertreibung des Jahrhunderts.

Sein Mundwinkel hebt sich ein Stück. Nicht zu einem Lächeln – eher zu einem Ausdruck, der sagt: Das dachte ich mir.

„Hm.“

Nur dieses Geräusch. Ein Laut, der gleichzeitig Verständnis und eine Art amüsiertes Erkennen trägt. Mein Magen zieht sich zusammen.

Ich fühle mich durchleuchtet. Gefunden. Gesehen. Und ich weiß nicht, ob ich das will. Also senke ich den Blick wieder.

„Keine Sorge“, sagt er schließlich, ruhig und überraschend sanft. „Ich beiße nicht.“

Ich blinzle ein paar Mal, unfähig, eine sinnvolle Antwort zu finden, als er sich neben mir an die kühle Betonmauer lehnt. Die Art, wie er die Arme verschränkt, wirkt beiläufig – und gleichzeitig so, als würde er alles um uns herum genau beobachten.

„Fühlst du dich unwohl?“ fragt er. Seine Stimme ist ruhig, tief und irgendwie…sicher. Ganz anders als das Stimmengewirr um uns herum.

Ich schlucke. Meine Finger verkrampfen sich ineinander, bis die Knöchel weiß hervortreten.

„In großen…Menschenmassen“, beginne ich stockend, „fühle ich mich nicht besonders wohl.“ Ich senke den Blick, beobachte, wie meine Schuhe aneinanderreiben. „Ich habe immer Angst, dass…irgendwas passiert. Und dann bekomme ich schnell Panik.“

Er widerholt meine Worte leise, fast so, als würde er sie abwägen. „Panik, hm?“

Dann schnalzt er mit der Zunge, ein gedämpftes Geräusch, das mich unwillkürlich zusammenzucken lässt. Bevor ich mir weitere Sorgen machen kann, beugt er sich zu mir hinunter. So nah, dass ich seinen Atem an meinem Ohr spüre.

„Komm mit“, flüstert er.

Ehe ich protestieren kann, nimmt er meine Hand – nicht fest, eher eine sanfte, prüfenden Berührung, bei der ich jederzeit wegziehen könnte. Und doch…mache ich es nicht.

Mein Herz schlägt unruhig gegen meine Rippen, als er mich durch die dicht-gedrängte Masse führt. Zwischen den Stimmen, den Lachen, dem Klirren von Flaschen entsteht um uns herum eine seltsame Art Tunnel – ich fixiere nur seinen Rücken, bemerke dabei wie sein Haar sich im Nacken leicht lockt. Jeder Schritt fühlt sich an, als würde ich mich freiwillig in unbekanntes Gelände wagen.

Ich könnte loslassen. Es wäre so einfach. Ein kurzer Zug, und ich wäre wieder allein am Rand. Aber ich halte mich fest.

Oder…halte ich mich an ihm fest?

Ich weiß es nicht. Doch ich folge ihm. Widerstandslos.

Und mit einem Gefühl in der Brust, dass ich nicht einordnen kann – eine Mischung aus Angst und einer seltsamen, ungewohnten Ruhe. Als hätte er mich aus der lauten Welt herausgefischt, bevor sie mich vollständig verschlingen konnte...