Kapitel 1
»Hanna, kommst du bitte mal in mein Büro!«
Seit Wochen war es das erste Mal, dass mein Chef überhaupt ein Wort direkt an mich richtete. Sofort schossen mir tausend Gedanken durch den Kopf. Hatte ich etwas Wichtiges übersehen? Eine Deadline verpasst? Zögernd stand ich von meinem Schreibtisch auf, an dem ich noch tief in meinen aktuellen Lifestyle-Artikel vertieft gewesen war. Mit wackligen Knien lief ich an meinen Kollegen vorbei und spürte ihre Blicke, die wie kleine Nadelstiche auf mir lasteten. Schultern zuckend schob ich eine blonde Strähne zurück, die sich aus meinem Dutt gelöst hatte, glättete mein Kleid und trat ins Büro meines Vorgesetzten. Zu meiner Überraschung zierte ein warmes Lächeln seine Lippen. Eine Geste, die ich bei ihm, dem sonst so wortkargen Chef, nicht erwartet hätte.
»Setz dich doch, Hanna«, bat er mich freundlich und deutete auf den Stuhl an seinem Schreibtisch. Während ich auf den freien Platz zusteuerte, ließ ich meinen Blick durch das geschmückte Büro wandern. Mein Chef schien schon voll im Weihnachtsmodus zu sein, und das Mitte November. Schon beim Betreten des Büros war mir der intensive Duft von Zimt und frisch gebackenen Keksen in die Nase gestiegen, als würde ich direkt in eine Weihnachtsbäckerei treten. Von der Decke hingen große goldene und rote Weihnachtskugeln, die mit Schleifen verziert waren. Und obwohl es dezent und geschmackvoll wirkte, überkam mich eine Gänsehaut.
Weihnachten war ein Fest, das mich seit Jahren verloren hatte und das mich wohl nie wieder zurückgewinnen würde. Seit mein Bruder vor vier Jahren gestorben war und meine Eltern sich daraufhin trennten, war Weihnachten nur noch ein Fest voller Traurigkeit, Vorwürfe und Streit. Deshalb hatte ich beschlossen, mich jedes Jahr in Arbeit zu stürzen, um dem Schmerz zu entkommen.
»Ich habe beim gestrigen Redaktionsmeeting gehört, dass du dich für den Reiseteil beworben hast«, unterbrach er meine Gedanken und fixierte mich mit einem prüfenden Blick. »Stimmt das?«
»Ja«, antwortete ich vorsichtig und spürte, wie sich mein Magen zusammenzog.
»Gut, ich habe einen Auftrag für dich«, begann mein Chef und lehnte sich zurück. »Magda, unsere Reisejournalistin, verlässt uns, und ich denke, du könntest ihre Nachfolgerin werden.«
»Ich«, wiederholte ich ungläubig.
»Hanna, ich bin mit deinen Artikeln immer sehr zufrieden. Du recherchierst sauber und schnell. Deswegen biete ich dir an, eine Doppelseite zum Thema „traditionelle Weihnachten in Irland zu schreiben. Denkst du, du bekommst das hin?«
Hatte ich da gerade richtig gehört? Eine Doppelseite im Reiseteil? Am liebsten wäre ich über den Schreibtisch gesprungen und hätte meinen Chef umarmt, aber stattdessen nickte und murmelte ich nur ein ruhiges
»Natürlich!«
»Das freut mich zu hören. Ich lasse dir in den nächsten Tagen alle weiteren Details und Reisedaten per E-Mail von meiner Sekretärin zukommen.«
»Danke«, sagte ich und stand auf. Gerade als ich die Hand auf die Türklinke legte, hielt mich die Stimme meines Chefs zurück: »Hanna, das ist deine große Chance. Enttäusch mich nicht.«
»Niemals«, sagte ich grinsend, öffnete die Tür und trat hinaus – bereit für das, was vor mir lag.