Prolog
Man sagt, dass Stille friedlich ist. Aber das ist eine Lüge. Die Stille in diesem Haus schmeckte nach Metall und Angst.
Ich kniete auf dem teuren Marmorboden des Wintergartens, meine Finger tief im seidigen Fell von Mogli vergraben. Er war warm gewesen, als ich ihn vor einer Stunde gefunden hatte. Jetzt sickerte die Kälte der Steinplatten langsam in seinen kleinen Körper – und in mein Herz.
Er war alles, was ich noch hatte. Das letzte Fragment eines Lebens, in dem ich nicht nur ein dekoratives Objekt in Julians Welt gewesen war. Mogli hatte nicht geurteilt, wenn ich nachts leise weinte. Er war einfach da gewesen.
„Immer noch?“
Die Stimme schnitt durch die Stille wie eine Rasierklinge. Ich erstarrte, aber ich sah nicht auf. Ich kannte das Echo seiner maßgeschneiderten Schuhe auf dem Boden. Julian.
„Er ist tot, Julian“, flüsterte ich. Meine Stimme klang brüchig, als bestünde sie aus Glas.
„Es war nur eine Katze, Liv. Ein stinkendes Tier, das die Polster ruiniert hat.“ Er trat so nah an mich heran, dass ich den Duft seines sündhaft teuren Parfüms riechen konnte – Sandelholz und Arroganz. „Steh auf. Du siehst erbärmlich aus. Wir sind heute Abend bei den Millers eingeladen. Ich erwarte, dass du das rote Kleid trägst. Und verdeck die Augenringe.“
Ich spürte, wie sich etwas in mir zusammenzog. Ein winziger Funke Trotz, der zwischen der ganzen Asche aufglimmte. „Ich werde ihn nicht einfach hier liegen lassen.“
Plötzlich spürte ich seine Hand in meinem Nacken. Sein Griff war nicht schmerzhaft, noch nicht, aber er war besitzergreifend. Er zwang mich, den Kopf zu heben und ihn anzusehen. Seine dunklen Augen waren völlig leer. Keine Spur von Mitgefühl. Nur Ungeduld.
„Du wirst genau das tun, was ich dir sage“, sagte er leise, fast zärtlich, was es nur noch schlimmer machte. „Ich habe dir ein Leben geschenkt, von dem andere träumen. Ich besitze dieses Haus, ich besitze dieses Auto und ich besitze dich. Und ich dulde keine Tränen wegen eines verdammten Streuners. Hast du mich verstanden?“
In diesem Moment, während er mich ansah wie ein Möbelstück, das nicht richtig funktionierte, begriff ich es.
Wenn ich hier blieb, würde ich genau wie Mogli enden. Still. Kalt. Vergessen.
Ich würde gehen. Ich wusste noch nicht wie, und ich wusste nicht wohin. Aber ich würde diesen Ort verlassen. Und ich würde dafür sorgen, dass er mich nie wieder berühren konnte.