ARABELLA
Wieder ein Sommer in den Hamptons.
Die warme Meeresbrise kribbelte auf meiner Haut, während ich am Terrassentisch saß. Es war Mittag, und ich hatte die letzten Stunden hier draußen nur mit Zeichnen verbracht.
Papa bestand seit Mums Tod vor sieben Jahren darauf, dass wir jeden Sommer hierherkamen. Ich wusste nicht einmal warum; er war ja doch nie da. Von Vater-Tochter-Zeit konnte keine Rede sein. Er hatte sich völlig in sein geliebtes Baseballteam gestürzt – die LA Knights, die ihm gehörten.
Ich verbrachte meine Tage im Haus mit dem Personal oder zeichnete die Aussicht vom Garten aus. Ich verließ das Haus kaum, wenn es nicht unbedingt sein musste. So sehr ich es auch hasste, meine Sommer hier zu verbringen, so wenig freute ich mich darauf, zurück nach LA zu gehen. Ich hatte die High School abgeschlossen und würde im September auf die UCLA gehen. Nach dem Desaster an der High School wollte ich da eigentlich nie hin. Ich wollte nach England, wo meine Tante lebte, und dort Kunst studieren. Stattdessen hatte Papa mich in LA eingeschrieben.
„Arabella, da bist du ja“, sagte Papa, als er auf die Terrasse trat.
„Wo sollte ich sonst sein?“
Er sah mich mit ausdruckslosem Gesicht an. „Wir gehen heute Abend essen.“
Ich rutschte auf meinem Stuhl hin und her und setzte mich aufrecht hin. „Was? Nein. Das ist keine gute Idee.“
Er stieß einen Atemzug aus und setzte sich auf den Stuhl gegenüber. „Das Restaurant ist informiert, und ich habe dafür gesorgt, dass wir nicht mitten im Trubel sitzen.“
„Papa –“
„Du kannst nicht wegen deines Zustands allem aus dem Weg gehen. Deine Medikamente sind erst vor Kurzem höher dosiert worden, und es scheint zu wirken.“
Ich hatte mich während der High School ziemlich gut darin geübt, Dingen aus dem Weg zu gehen. Deshalb hatte ich auch keine Freunde. Niemand wollte mit dem komischen Mädchen zusammensitzen, das öfter im Krankenzimmer landete als im Unterricht. Trotzdem hatte ich es mit Nachhilfe zu Hause geschafft, Bestnoten zu schreiben. Vielleicht hatte er recht. Es war sechs Monate her, seit sie die Dosis geändert hatten, und nichts war passiert. Vielleicht war es endlich unter Kontrolle.
„Okay“, sagte ich schwach.
Stille breitete sich aus, als er einen Moment lang dasaß, auf die Aussicht blickte und mit dem Finger auf den Tisch trommelte. Er wollte noch etwas sagen.
„Sag es einfach“, sagte ich.
Er räusperte sich und sah mich an. „Der Grund für das Abendessen … Ich möchte, dass du …“ Er verstummte.
Ich kniff die Augen zusammen. „Was?“
„Ich habe jemanden kennengelernt und möchte, dass du sie heute Abend triffst.“
Meine Brauen zogen sich zusammen, ich legte den Kopf schief und meine Lippen öffneten sich leicht. Er hatte jemanden kennengelernt? Wann? Wie? Er hatte vorher nichts erwähnt. Mein Puls begann zu rasen. Wie lange waren sie schon zusammen? Ich versuchte, mein Gedankenkarussell zu stoppen, aber all diese Fragen schwirrten mir durch den Kopf.
„Ich verstehe das nicht.“
„Ich weiß, dass du viele Fragen hast, und ich hätte es dir früher sagen sollen, aber ich war mir nicht sicher, wie ernst es werden würde.“
„Es ist ernst?“, fragte ich.
„Ich habe ihr einen Heiratsantrag gemacht.“
Meine Augen weiteten sich, während ich langsam in den Stuhl zurücklehnte und versuchte, das Gesagte zu begreifen. Ein säuerliches Gefühl stieg in meinem Magen auf, das in Wut umschlug. Wie konnte er mir das verheimlichen? Ich sprang vom Stuhl auf, der dabei über die Steinfliesen scharrte.
„Arabella.“ Er streckte die Hände aus, um mich zum Hinsetzen zu bewegen. „Es tut mir leid, dass ich es dir nicht früher gesagt habe. Das hätte ich tun sollen, das war mein Fehler. Aber du wirst sie und ihren Sohn lieben.“
„Sohn?“, spuckte ich aus.
„Ja, er ist achtzehn wie du und wird diesen September ebenfalls auf der UCLA anfangen.“
„Nein, Papa. Du kannst mir nicht einfach so eine Bombe vor die Füße werfen und erwarten, dass ich damit einverstanden bin.“
„Ich weiß, dass das Zeit braucht. Deshalb habe ich das Abendessen heute organisiert, damit du sie kennenlernen kannst.“
„Wann habt ihr euch überhaupt kennengelernt? Wie lange läuft das schon? Warum hast du es mir nicht gesagt?“ Meine Fragen schossen nur so aus mir heraus.
Er atmete schwer aus. „Wir haben uns vor einem Jahr kennengelernt, als ich mit John unterwegs war, um an verschiedenen High Schools nach Talenten für die LA Knights zu scouten. Wir hatten von ein paar Jungs mit außergewöhnlichem Talent gehört und wollten uns das ansehen.“
John war Papas bester Freund. Er machte das gesamte Scouting für das Baseballteam, und mein Vater begleitete ihn manchmal. Er hängte sich bei dem Team voll rein, auch wenn er es nicht gemusst hätte, aber er liebte Baseball. Schon immer.
„Warte mal“, sagte ich und versuchte zu begreifen, was er da sagte. „War sie die Mutter von jemandem, den ihr gescoutet habt?“ Schock schwang in meiner Stimme mit.
„So war das nicht“, antwortete er unbeholfen.
„Also dachtest du dir, du sicherst dir einen Spieler, indem du seine Mutter knallst?“
„Arabella!“, er erhob sich vom Stuhl. „Sprich nicht so. Sarah ist eine gute Frau und eine fantastische Mutter für Cayden.“
„Hast du ihn schon getroffen?“
„Natürlich. Ich habe ihn unter Vertrag genommen.“
„Also spielt ihr alle schon seit einem Jahr heile Familie und konntet es nicht für nötig halten, mir bis jetzt irgendetwas davon zu sagen?“, fuhr ich ihn an.
„Nein. Ich wollte dich nicht wegen deines Zustands stressen, nachdem es dir vor einem Jahr so schlecht ging. Jetzt, wo es unter Kontrolle ist, möchte ich, dass wir alle zusammen sind.“
„Also hättest du mich weiter belogen, wenn die Medikamente nicht angeschlagen hätten? Hättest du sie heimlich geheiratet und mir dann ein ‚Überraschung‘ präsentiert, hier ist meine neue Frau und mein neuer Sohn?“
War das Papas Ernst? Ich konnte mir das nicht länger anhören, und wenn er glaubte, dass ich heute Abend die heile Familie spielen würde, dann hatte er sich geschnitten. Ich konnte nicht glauben, dass er mir das einfach so aus dem Nichts vor den Latz knallte.
„Nein, Arabella, natürlich hätte ich es dir gesagt.“
„Das sieht aber ganz und gar nicht danach aus. Du hättest mich einfach nach England zu Tante Sally lassen sollen, dann hättest du mir gar nichts sagen müssen.“
„Ich diskutiere das jetzt nicht, Arabella. Du wirst dafür sorgen, dass du heute Abend fertig bist, um zum Essen zu gehen, und du wirst dich von deiner besten Seite zeigen“, fuhr er mich an.
„Was auch immer“, antwortete ich, drängte mich an ihm vorbei und ging ins Haus.