Kapitel 1
Tick. Tack. Tick. Tack.
Der Zeiger der Küchenuhr läuft gleichmäßig weiter. Ein steter Rhythmus, der mich daran erinnert, dass die Zeit nicht stehen bleibt. Obwohl sich mein Leben genau danach anfühlt.
Fünf Jahre Studium. Drei unbezahlte Praktika. Ein Abschluss mit Auszeichnung. Und trotzdem habe ich nichts erreicht. Ich stecke immer noch in demselben Leben fest wie damals. Mit neunzehn. Sitze nach wie vor in der viel zu kleinen Küche meiner Eltern. Weit entfernt von meinen eigentlichen Zielen.
Dabei habe ich vor ein paar Wochen meine erste feste Stelle angetreten. In einer Hamburger Redaktion. Nicht der investigative Journalismus, von dem ich immer geträumt habe. Stattdessen schreibe ich über Dinge, die niemals auf einer Titelseite landen würden. Vielleicht nicht mal auf Seite drei.
Ich mach’s im Prinzip nur, um einen Fuß in der Tür zu haben. Um Erfahrungen zu sammeln. Um das erste Mal ein halbwegs festes Gehalt zu haben.
Aber die Urkunde über meinem Schreibtisch fühlt sich trotzdem an wie ein hübsches Aushängeschild. Mehr nicht.
Meine Eltern würden vermutlich protestieren. Für sie ist es der Beweis, dass alles möglich ist. Dass man weiterkommen kann im Leben, wenn man es will. Dass ihre Entscheidungen, die Nachtschichten, die billigen Urlaube und das ewige Rechnen nicht umsonst waren.
Wenn sie nur wüssten, dass ich mich jahrelang abgerackert habe für – na ja, für Reportagen über Waschbär-Plagen und Lehrermangel.
Ich seufze und gieße mir eine Tasse Kaffee ein.
Im selben Moment springt die Wohnungstür auf.
Papa ist vor zwei Stunden auf die Arbeit gegangen. Jetzt kommt Mama von der Nachtschicht im Krankenhaus. So war es schon immer. Sie geben sich morgens die Klinke in die Hand. Dafür waren meine Schwester Rieke und ich nie allein.
Rieke ist längst ausgezogen. Aber ich bin immer noch hier. Mit Mitte zwanzig. Keine eigene Wohnung. Keine große Story. Kein Beweis, dass sich dieser Weg wirklich gelohnt hat.
»Guten Morgen.« Mama beugt sich zu mir, küsst meine Schläfe. »Musst du gleich schon los?«
»Mhm«, mache ich. »Kaffee?«
»Gerne.«
Ich stelle die Tassen auf den Tisch und wir setzen uns. Mama greift automatisch nach dem Tablet und der Lesebrille. Jeden Morgen nach der Arbeit liest sie Zeitung. Und manchmal frage ich mich, ob sie hofft, etwas zu entdecken, was von ihrer ach so genialen Tochter stammt.
»Tilda, hast du das gelesen?«
Ihre Stimme ist plötzlich zögerlich. Fast vorsichtig. Der Löffel in meiner Hand stoppt mitten in der Bewegung. »Was genau?«
»Die Sachen über ... Robin.«
Sein Name sticht. Schärfer als erwartet. Ich wünschte, es würde mich kaltlassen. Aber das tut es nie. Auch nach fünf Jahren nicht.
»Nein. Was ... was ist mit ihm?«
»Die schreiben von Partyeskapaden. Alkohol. Frauen. Die Schlagzeilen sind grausig. Das ist doch ... Also, ich meine ...« Sie stockt, sucht nach Worten. »So war er doch nie.«
Ich schließe die Augen. Sehe sein Gesicht vor mir. Wie von selbst. Und ich lächle. Automatisch.
»Der hat doch deiner Oma die Einkäufe reingetragen, weißt du noch? Und mit deinem Vater hat er immer Fußball geschaut. Auf unserem winzigen Fernseher. Obwohl er zu Hause alles hatte.« Sie schüttelt den Kopf. »Er war doch ... ein guter Kerl.«
»Ja«, flüstere ich.
Drei Jahre zusammen löscht man nicht einfach aus. Vor allem, wenn sie nicht schmerzen. Ganz im Gegenteil. Mit Robin war immer alles leicht gewesen.
Und noch heute ist er der Maßstab dafür, wie sich Nähe anfühlen sollte. Wie Vertrauen klingt, wenn es in Worte gegossen wird. Er hat nie etwas falsch gemacht. Und vielleicht konnte deshalb niemand nach ihm alles richtig machen.
Ich ziehe das Tablet zu mir. Die Überschrift ist fett, die Sprache billig: »Partys, Groupies, kein Gewissen: Was hinter Robin Brunners Rockstar-Image steckt.«
Darunter ein Screenshot. Ein Interview von vor drei Wochen. Der Moderator fragt, ob er sich vorstellen kann, wieder in einer festen Beziehung zu sein. Robin lacht. Dieses Lachen, das ich noch kenne. Oder zu kennen glaube. Weil etwas daran wirkt anders. Genauso Ablenkung wie früher. Aber nicht mehr so verlegen. »Ich bin halt kein Beziehungstyp«, soll er gesagt haben. »Die Frauen, mit denen ich Zeit verbringe, wissen, worauf sie sich einlassen.«
Ein Satz. Mehr braucht es nicht. Und der Artikel malt das entsprechende Bild dazu: Robin Brunner, der Rockstar, der nach jedem Konzert als letzter die Location verlässt. Nie allein. Der in Hotelbars fotografiert wird, immer mit einem Glas in der Hand. Immer umgeben von Frauen, die am nächsten Tag nicht mehr da sind. Gerüchte über durchgemachte Nächte. Über Auftritte, bei denen er angeblich nicht nüchtern auf der Bühne stand.
Die Quellen? Namenlos. Aber die Frauen, die zitiert werden, bestätigen immer dasselbe Muster. Er sei charmant, präsent, dann weg. Ohne Erklärung. Ohne richtigen Abschluss. Es sind nicht mal wirklich schwere Vorwürfe. Aber sie zeichnen alle ein Bild, das haften bleibt.
»Er nutzt seinen Status«, wird eine zitiert. »Einfach weil er es kann.«
Ich starre auf den Satz, länger als nötig. Das Foto darunter ist verwackelt, das Licht schlecht. Irgendein Backstageausgang, aus dem er gerade mit zwei Frauen tritt, ein Grinsen im Gesicht. Es beweist nichts, aber es reicht für alles, was die Leute sehen wollen.
Und selbst ich kann nicht verhindern, dass da ein Gedanke durch meinen Kopf schießt: Was, wenn er jetzt wirklich so ist?
Es wäre so viel einfacher. Wenn der Robin von damals einfach nicht mehr existieren würde. Wenn er jetzt nur noch dieser weit entfernte Rockstar wäre, der mit mir nichts mehr zu tun hat. Vielleicht brauche ich genau dieses Bild von ihm, um endlich loslassen zu können.
Ich schiebe das Tablet zurück. »Der Erfolg hat ihn offenbar verändert«, sage ich.
Mama sieht mich an, mit diesem viel zu wissenden Blick. Als würde sie genau das sehen, was ich im Kopf habe, wenn ich die Augen schließe. Ich weiche ihrem Blick aus, mein Blick fällt aus dem Fenster. Auf die Sonne, die sich gerade durch die Wolken schiebt.
Und plötzlich ist alles wieder da. Hell, warm und beinahe greifbar.
Licht flutete mein Zimmer durch das offene Fenster. Es war Frühling geworden. Draußen lärmten Kinder. Ich saß am Schreibtisch. Um mich herum Karteikarten, Textmarker und Notizblätter.
Robin saß im Schneidersitz auf dem Boden. Er lehnte mit dem Rücken gegen die Wand, ein Buch lag auf seinen Knien. Abiturtraining Geschichte. Er las es nicht. Stattdessen trommelte er mit den Fingern rhythmisch auf den Oberschenkel. Immer im Takt, stets in Bewegung.
Er konnte nie lange still sein. Weder mit dem Körper noch mit dem Kopf.
»Du machst mich wahnsinnig!«, stöhnte ich, ohne ihn anzusehen. Aber gleichzeitig schlich sich ein Schmunzeln in mein Gesicht.
»Sorry. Ich trommel im Takt deiner Schreibbewegungen. Ist fast meditativ.«
Ich schüttelte den Kopf, lachte leise. Dann schob ich die Unterlagen weg, stand auf und ging zu ihm. Ich wusste, dass er darauf die ganze Zeit gewartet hatte. Das gemeinsame Lernen klappte nie.
Er griff nach meiner Hand, sobald ich nah genug war, zog mich zu sich herunter. Ich landete neben ihm auf dem Boden, Schulter an Schulter. Für einen Moment war da nur Ruhe.
Robin sah mich an. Mit einem Blick, der schwer zu deuten war. Ernster, als ich es gewohnt war. Fast zu ernst für einen Moment wie diesen.
Ich stieß ihn mit der Schulter an. »Was ist los?«
Er ließ den Kopf nach hinten kippen. »Hast du manchmal das Gefühl, das hier ist das letzte Mal, dass alles so einfach ist?«
Ich legte meine Hand auf sein Bein. »Ständig.« Ich nickte in Richtung seines Buchs. »Das Studium wird nicht so leicht sein wie das hier.«
Er legte den Kopf schief. »Du packst das mit links, Tilly.«
»Nicht, wenn du mich dann immer noch bei jeder Gelegenheit ablenkst.«
Er grinste. Es hatte damals schon etwas Bühnenreifes. »Klar. Weil du nicht jetzt schon die ganze Einführungsliteratur verschlungen hast, weil dir der Abistoff zu langweilig ist.«
Ich boxte ihn leicht in die Seite. »Ich bin halt fleißig. Kann ja nicht jeder mit ein bisschen Trommeln berühmt werden.«
Er zuckte mit den Schultern. »Tja, ich bin halt nicht so gut mit Worten wie du.« Seine Finger fanden meine, warm und fest. »Irgendwann wirst du als große Enthüllungsjournalistin bekan nt. Und bringst ein Buch über mich raus.«
Ich lachte leise. »Dafür musst du mir vorher ein paar Skandale liefern.«
»Gib mir ein paar Jahre«, grinste er. »Ich kann dramatisch sein, wenn ich’s sein muss.«
»Dein Ernst?«
Er stupste mich mit der Schulter an, sein Daumen strich über meinen Handrücken. »Keine Sorge. Bis dahin bin ich langweilig. Keine Drogen, keine Groupies. Nur ne Freundin, die mich andauernd korrigiert, wenn ich ›als wie‹ sage.«
Ich schnaubte leise. »Das wirst du nie lassen, oder?«
»Nein.« Er grinste zufrieden und ließ seinen Kopf gegen meinen sinken. Unser Atem passte sich fast unmerklich aneinander an. Die Ruhe zwischen uns fühlte sich an wie Heimkommen.
»Tilda ...« Seine Stimme wurde leiser. »Ich weiß, dass es kitschig klingt.«
Ich drehte den Kopf ein Stück zu ihm.
»Aber das hier – dich, uns –, ich will das nicht verlieren.«
Ich konnte förmlich sehen, wie sich seine Gedanken sortierten. Oder ins Weite schweiften, wie so oft. »Egal, was da kommt mit der Musik, mit deinem Studium ... Ich will, dass du eins weißt.« Er löste den Kopf ein Stück, sah mir tief in die Augen. »Wenn du jemals sagst, dass du mich brauchst, dann werde ich da sein. Ich lasse alles stehen und liegen. Du bist mir wichtiger als alles andere.«
Mein Herz schmolz. Weil ich wusste, dass er es wirklich so meinte. »Ich nehm dich beim Wort, Rob«, flüsterte ich, bevor ich meine Lippen auf seine legte. Ruhig, vertraut, ohne Eile.
Wir waren nicht zwei Teenager, die ausprobierten, wie das geht. Wir wussten, was wir einander bedeuteten. Vielleicht zum ersten Mal so richtig.
Und dann saßen wir einfach da. Unsere Körper ineinander verschränkt. Zwischen Karteikarten und Träumen von der Zukunft. Während Robin leise weiter trommelte.
Ich blinzle und starre auf meine Hand. Mamas Berührung ist sacht. Ihr Blick liegt ruhig auf mir, als hätte sie gespürt, wo ich gerade war.
»Es kann sein, dass der Erfolg ihn verändert hat«, sagt sie schließlich. »Aber das heißt nicht, dass sich dadurch das Bild ändert, dass man von jemandem hat.«
Ich lächle traurig.
Weil sie recht hat. Robin ist seit Jahren berühmt. Und trotzdem sehe ich in ihm mehr als das. Er war nicht einfach nur meine Jugendliebe. Er war der erste Mensch, der mich wirklich gesehen hat. Und mich trotzdem liebte. Oder genau dafür.
Nichts an unserer Beziehung war je falsch. Wir waren einander immer wichtig. Zu wichtig, vielleicht. Weil ich damals genau deshalb eine Entscheidung getroffen habe, die ich ihm nie erklärt habe. Eine, von der ich bis heute nicht sicher bin, ob sie richtig war.
Mama sagt nichts mehr. Sie zieht ihre Hand zurück, greift nach der Kaffeetasse, um zu trinken. Dann überfliegt sie weiter Schlagzeilen.
Und die Küchenuhr tickt weiter.
Ich stehe auf, räume meine Tasse in die Spülmaschine. Dann lasse ich meinen Blick durch die Küche gleiten.
Wo stände ich heute, wenn ich mich damals anders entschieden hätte?
Ich schüttle kaum merklich den Kopf.
Es bringt nichts, darüber nachzudenken. Weil ich nur das Beste für ihn wollte. Und wenn man jemanden wirklich liebt, dann ist es egal, was es für einen selbst bedeutet. Ob man Jahre danach immer noch am selben Punkt steht, während der andere längst weitergezogen ist.
Und deshalb sollte ich gar nicht erst über diese Gerüchte nachdenken. Wenn sie wahr sind, dann denkt er wenigstens nicht mehr an irgendwelche Nachmittage mit seiner Ex zurück. Sondern nur noch an Nächte mit Fremden.
»Musst du nicht los?«, fragt Mama.
Ich sehe wieder zur Küchenuhr. Auf ihr unaufhörliches Ticken. Es ist ihr egal, ob ich stehen bleibe. Ob ich zu spät zum Job komme. Vielleicht ist genau das das Gemeine an der Zeit. Sie geht fünf Jahre lang einfach weiter.
Gefühle tun das nicht immer.









Das fängt ja schon einmal sehr gut an...... Der Einstieg ist Dir sehr gut gelungen❣️