Pilot
Meine Stirn lag an der kalten Flugzeugscheibe. Bei jedem langsamen Atemzug beschlug das Glas. Das tiefe Summen der Triebwerke dröhnte wie ein statisches Rauschen in meinen Ohren – beruhigend und stetig. Die Kabine war dunkel und in den sanften blauen Schimmer der Deckenbeleuchtung getaucht. Alles fühlte sich weit weg an. Ich wurde ganz ruhig, während ich wegdämmerte.
~~~
Der Wald lebte.
Aufragende Kiefern erhoben sich um mich herum wie Gefängnisgitter; ihre Stämme waren dunkel und endlos. Der Mond war nur ein blasser Fleck hinter jagenden Wolken und warf flackernde Schatten auf den Waldboden. Mein Atem ging stoßweise und schnell. Ich rannte – barfuß, mein Nachthemd klebte in nassen Fetzen an meinen Beinen. Mein Herz hämmerte so wild gegen meine Brust, als wollte es ausbrechen.
Ich wusste nicht, worauf ich zurannte – nur, wovor ich floh.
Zwei Gestalten.
Nicht ganz Männer. Groß. Stark. Unnatürlich grazil. Sie bewegten sich wie Raubtiere, wie Schatten. Ich konnte sie nicht hören – kein Knacken von Blättern unter ihren Füßen, kein Atemzug in der eisigen Luft. Ich konnte auch ihre Gesichter nicht sehen – nur die skulpturenhaften Umrisse. Scharfe Linien, eine unmögliche Schönheit und noch etwas anderes …
Absicht.
Sie jagten mich.
Äste kratzten an meinen Armen und Beinen und schnitten wie Papier in meine Haut. Der Wind schrie durch die Bäume und trug meinen Namen mit sich.
Kismet.
Ich stolperte, fing mich ab und rannte weiter. Meine Lungen brannten, meine Beine schrien, aber ich konnte nicht aufhören. Nein, ich wagte es nicht.
Dann bog ich um eine Ecke – und da waren sie.
Sie warteten.
Sie lächelten.
Der vordere von beiden streckte die Hand aus. Der andere legte den Kopf schief, seine Augen glänzten wie Onyx.
Ich wollte schreien.
WUMMS.
Das Flugzeug ruckte heftig, und ich riss die Augen auf.
Für ein paar verwirrte Sekunden wusste ich nicht, wo ich war. Mein Herz raste noch immer, und mein Brustkorb fühlte sich eng an, als würde ich immer noch verfolgt. Dann knackte die Stimme des Kapitäns über mir aus den Lautsprechern.
„Meine Damen und Herren, wir beginnen nun mit dem Landeanflug auf den Washington Dulles International Airport. Bitte schnallen Sie sich an und bereiten Sie sich auf die Landung vor.“
Ich setzte mich aufrechter hin und strich mir die Haare von der feuchten Stirn, während ich versuchte, den Traum abzuschütteln. Der ältere Mann neben mir, der mit Kopfhörern und Trenchcoat leise schnarchte, war nicht einmal zusammengezuckt. Ich beneidete ihn.
Es war nur ein Traum, sagte ich mir.
Aber es hatte sich nicht danach angefühlt.
Die Reifen quietschten auf der Landebahn, und ein tiefes Grollen erschütterte den Boden des Flugzeugs. Lichter huschten am Fenster vorbei, und in der Ferne tauchte langsam die Skyline von D.C. auf – getaucht in das Licht der untergehenden Sonne. Orange. Gelb. Indigo. Violett.
Zuhause.
Nach vier Jahren in London wollte ich mich einfach nur in meinen Kissenberg fallen lassen und unter meiner Lieblingsdecke verschwinden. Einfach … für eine Weile abtauchen.
Das Terminal war voll mit müden Reisenden und Durchsagen. Ich bewegte mich wie ein Geist durch die Passkontrolle und zog meinen Koffer hinter mir her. Meine Glieder fühlten sich bleiern an. Mein Kopf war wie in Watte gepackt. Keine künstliche Wärme des Flughafens konnte die Kälte vertreiben, die immer noch an meinem Rückgrat klebte.
Und dann sah ich sie.
Meine Eltern standen hinter der Absperrung, beleuchtet von dem grellen Neonlicht.
„Kismet!“
Meine Mutter war als Erste bei mir – sogar in ihrer Jeansjacke und der alten Hose sah sie grazil aus. Ihre lockigen schwarzen Haare waren jetzt kürzer und umrahmten ihr olivfarbenes Gesicht in sanften Wellen. Sie schlang ihre Arme um mich und zog mich in eine dieser Mutter-Umarmungen, die einem fast die Rippen zerdrückt, bei der man aber komischerweise leichter atmen kann.
„Oh, Schätzchen, sieh dich an. Du bist dünner geworden. Isst du auch genug? Du riechst nach Flugzeug und Nervosität.“
Ich lachte müde. „Hallo, Mama.“
Mein Vater folgte direkt hinter ihr; sein Strauß leicht verwelkter Tulpen wurde bei unserer Umarmung fast zerquetscht.
„Da ist ja mein Mädchen“, sagte er mit rauer, aber herzlicher Stimme. „Wie war London? Du siehst aus wie ein Zombie. Haben die Briten dir die Seele gestohlen oder nur den Schlaf?“
„Ehrlich? Wahrscheinlich beides“, sagte ich mit einem schwachen Lächeln. „Und ich hatte einen schrecklichen Traum.“
„Oh, das arme Kind“, sagte Mama und schürzte die Lippen. „Komm, wir bringen dich nach Hause. Dein Vater hat versucht, die Politesse um den Finger zu wickeln. Sie hat damit gedroht, ihn zu tasern.“
„Es war eine respektvolle Meinungsverschiedenheit“, murmelte Dad.
Wir gingen hinaus in die Nacht, ich eingekeilt zwischen ihnen. Das vertraute Rollen von Koffern und das ferne Weinen von Babys umgaben uns. Und zum ersten Mal seit langer Zeit fühlte ich mich … sicher. Vollständig.
Sie halfen mir, mein Gepäck in den Wagen zu laden. In dem Moment, als ich auf den Rücksitz sank, war ich schon halb eingeschlafen. Der Rhythmus der Straße, der vertraute Duft von Dads Aftershave und das warme Summen der Stimme meiner Mutter vom Vordersitz ließen mich endgültig in den Schlaf abgleiten.
~~~
„Wir sind da, Kissie!“
Meine Mutter stupste mich an, und ich blinzelte gähnend auf. Ich streckte meine Arme in die Höhe. Es war erst 20:39 Uhr, aber draußen war es schon stockfinster. Durch das Fenster sah ich die Umrisse unseres zweistöckigen Hauses – es stand noch stolz da, eingerahmt von den sanften Schatten des Gartens meiner Mutter und ihren sorgsam gepflanzten Blütenbäumen.
Vorfreude breitete sich in meiner Brust aus, als ich nur an mein Bett dachte. Nichts klang besser, als in ein Koma zu fallen.
Mit der Hilfe meiner Eltern schleppte ich meine Taschen zur Haustür. Sobald wir drinnen waren, atmete ich den Duft von Zimt und Zuhause ein.
Alles war genau wie früher.
Die weißen Stoffsofas, die vollgestellten Beistelltische mit all dem Kleinkram, die Grünlilie, die prächtig in der Mitte des Couchtisches gedieh. Die Wände waren übersät mit Familienfotos und Urkunden – der Beweis für alles, worauf sie stolz bei mir waren.
Oben ging ich in mein altes Zimmer – lila und weiß, genau wie ich es zurückgelassen hatte. Meine Hände waren voll, also trat ich die Tür mit dem Fuß auf und zuckte zusammen, als sie gegen die Wand knallte. Hoffentlich hatte das niemand gehört.
Ich stellte meine Taschen behutsam ab und sah mich mit einem sanften Lächeln um. Mein Queensize-Bett mit der lila Tagesdecke. Die große Kommode, in der immer noch die schönsten Andenken meiner Highschool-Zeit lagen. Mein Flachbildfernseher auf der hohen Kommode in der Ecke. Das Fenster, das halb von den blickdichten Seidenvorhängen verdeckt war. Mein begehbarer Kleiderschrank, immer noch voll. Mein eigenes Bad, wie der Traum eines jeden Teenagers.
Ich wanderte einen Moment durch das Zimmer und ließ meine Finger über alte Fotos an der Wand gleiten. Dann schlüpfte ich ins Badezimmer und knipste das Licht an.
Es sah genauso aus, wie ich es in Erinnerung hatte – mittelgroß, lila-weiße Fliesen, lila Badematten, und der schwache Geruch von Bleiche und Lavendel verriet mir, dass Mama hier vor Kurzem geputzt hatte. Ich lächelte bei der Erinnerung daran, wie ich mir damals die Haare lila gefärbt hatte. Mama war stinksauer gewesen, während ich nur gelacht hatte.
Als ich mein Spiegelbild in dem breiten dreiteiligen Spiegel sah, runzelte ich die Stirn. Meine haselnussbraunen Augen wirkten müde. Dunkle Schatten. Ja, ich sah definitiv so aus, als wäre ich gerade über den Atlantik geflogen und hätte einen übernatürlichen Albtraum überlebt.
Ich trat zurück in mein Zimmer, kroch auf mein Bett, strich mir ein paar verirrte Locken aus dem Gesicht und ließ die Augen zufallen.
Bitte, keine Wälder heute Nacht.
Lass es einfach nur Schlaf sein.
Und diesmal war es genau das. Einfach nur Schlaf.








