Kapitel 1 – Flammen der Ruinen
Der Junge war so traurig.
Sein Herz war gefroren.
Keine Sonne konnte es erwärmen.
Kein Leid es erreichen.
Nur sein Rosengarten schien ihm heilig.
Denn man sah ihn nur dort.
Selbst als ein Feuer alles verschlang,
war das Letzte, was man sah,
seine sterbende Silhouette im Flammenmeer.
Heute stehen da nur noch Ruinen.
Keiner wagt sich dorthin,
denn nie ist jemand zurückgekehrt.
Ein Monster soll dort wohnen.
Man hört seinen Schrei in jener dunklen Nacht.
Traust du dich?
Dorthin?
Oder hast du Angst?
Angst vor dem Biest,
welches dich verschlingt mit Haut und Haar.
Komm, trau dich.
Es hat Hunger.
So unstillbaren Hunger.
Sei sein Mahl.
Für alle Zeit…
Klirrendes Besteck auf Tellern erfüllte neben dem Rascheln der Zeitung den Raum. Draußen ging gerade die Sonne auf und warf ihre roten Strahlen in unser Esszimmer.
Ich saß über meiner Schüssel mit Haferflocken gebeugt zwischen meiner essenden Schwester und meinen lesenden Vater. Diese Stille war ein gutes Zeichen für einen Tagesstart. Ein Grunzen von links nahm mir die Hoffnung.
„So ein dummer Jugendlicher verschwand schon wieder bei den Ruinen.“ Vater faltete darauf die Zeitung zusammen und blickte uns an. „Ich hoffe, dass ich euch genügend Verstand eingetrichtert habe, dass ihr nicht auf so einen Schwachsinn kommt.“
„Bestimmt.“ Mutter lächelte schwach und strich sich eine Strähne ihrer schwarzen, grau melierten schulterlangen Haare hinters Ohr. Das Sonnenlicht brach sich darauf und brachte ihr Haar noch mehr zum Leuchten.
„Wer sagt, dass es bei den Ruinen passiert ist?“ Meine Schwester legte ihr angebissenes Croissant zurück auf den Teller. Das Feuer in ihren blauen Augen schürte einen unguten Verdacht in meinem Herzen.
„Ihre Freunde. Irgend so eine bescheuerte Mutprobe.“ Vater winkte ab und blätterte schon weiter. „Wahrer Mut ist zu erkennen, wenn man es wagt, mal den Schwanz einzuziehen.“
„Mutproben sind das Beste, was es gibt.“ Ich konnte mir ein unterdrücktes Lachen auf ihre Worte nicht verkneifen. Ihren giftigen Blick ignorierte ich und konzentrierte mich lieber auf die Haferflocken, die in der Milch um die Wette schwammen. Wer wohl gewann und wo war die Ziellinie?
„Bella? Was willst du mir damit sagen?“ Ein gefährlicher Unterton trug die Worte durch den Raum. Ich wollte verschwinden, aber mein Magen verkrampfte bei dem Gedanken, das Essen zurückzulassen.
„Ich treffe mich heute mit Freunden und werde zu den Ruinen gehen.“ Es war keine Frage, sondern eine Aussage, die Vaters Augenbrauen tiefer zog. Ich suchte den Blick unserer Mutter. Sie hielt ihn auf ihren Teller gesenkt. Ihr Marmeladenbrot lag unberührt darauf. Nur die Brösel zeigten, dass es schon ein Opfer gab.
„Spinnst du?! Das wirst du nicht tun! Keiner von euch beiden!“ Der dürre Finger unseres Vaters wanderte zwischen uns hin und her. Ich hatte nicht vor, mich diesem Gebäude zu nähern. Was sollte ich auch da? Außer verschwinden? Es gab dort nichts für mich. Obwohl ...
„Ich bin kein Kind mehr! In drei Monaten sind wir volljährig! Du hast uns also gar nichts zu sagen!“ Ich sah in das rot angelaufene Gesicht meiner Schwester und versuchte, ihre Worte zu verstehen. Warum zog sie mich da jetzt mit rein? Ich wollte nicht zu den Ruinen und auch sonst tat ich nichts, was unsere Eltern nicht guthießen.
„Ja, auf dem Papier vielleicht. Es ist egal, solange du deine Füße unter meinen Tisch steckst, wirst du immer ein Kind bleiben! Und Kinder hören auf ihre Eltern!“ Er faltete die Zeitung zusammen und drehte den Artikel über die verschwundene Jugendliche zu uns herum. „Ihr werdet zu keinem Artikel, wie diesen werden. Haben wir uns da verstanden?“
„Das habe ich auch nicht vor. Ich bin mir sicher, dass diese Ruinen nichts damit zu tun haben. Der Irre hat sie sich irgendwo anders geschnappt.“ Trotzig warf Isabella eine ihrer blonden, taillenlangen Haarsträhne nach hinten. „Ich werde gehen, Vater. Es war keine Frage um Erlaubnis, sondern nur eine Information.“
Ich aß weiter und zog meine Schultern nach oben. Diese Streitereien zwischen ihnen waren etwas Alltägliches. Auch Mutter aß schweigend die zweite Hälfte ihres Brötchens. In solchen Momenten wünschte ich mir einen Extratisch für Mutter und mich, an dem wir uns einfach in Ruhe unterhalten konnten oder nur essen.
„Wie kannst du es wagen?“ Seine Faust zerknüllte die Zeit. Isabella hob ihr Kinn und verschränkte die Arme vor der Brust. „Siehst du die Gefahr denn nicht?“
Er drehte die Zeitung wieder um und strich sie kurz neben seinem Teller flach. Ein Räuspern und er begann den Zeitungsartikel vorzulesen: „Wieder ist eine Jugendliche nach einem Ausflug zu den Ruinen verschwunden. Damit steigt die Zahl der Vermissten auf zwölf an. In erster Linie scheint es Mädchen zu treffen. Von den elf Mädchen und einem Jugen fehlt bis heute jede Spur. Die Ausflüge, die wohl eine Art Mutprobe unter den Heranwachsenden darstellen, erfreuen sich weiterhin einer großen Beliebtheit. Zeugen berichteten von einem spitzen Schrei und leeren Ruinen. Die Polizeisperre verfehlt ihre Wirkung. Man überlegt bereits dort einen ständigen Polizeiposten einzurichten. Immer wieder zieht es Jugendlichen zu den Ruinen. Eine Durchsuchung dieser brachte bis jetzt keine Ergebnisse. Darum besteht noch die Hoffnung, dass die Kinder lebend zurückkehren. Die Polizei warnt weiter, diesen Ort zu meiden, bis die Sache geklärt sei.“
„Und weiter? Ich werde mit meinen Freundinnen dorthin gehen. Wir sind nicht so dumm wie diese Puten.“ Sie winkte ab. Vater faltete die Zeitung viel zu ordentlich zusammen. Ich senkte meinen Löffel in die Müslischale. Meine Kehle war wie zugeschnürt.
Vater massierte sich den Nasenrücken und strich sich durch sein graues Haar, sodass es wirr zu allen Seiten abstand.
„Es kann jeden treffen. Niemand weiß irgendwas. Lass es einfach bleiben. Hör nur einmal auf uns, Schätzchen.“ Mutter griff nach Isabellas Hand. Der Hals unseres Vaters hatte sich schon rot verfärbt. Sein Adamsapfel hüpfte auf und ab. Seine Finger blieben auf seiner Nase und seine Augen fest zusammengekniffen.
„Glaubt ihr wirklich, dass ich so dumm bin? Ich kann auf mich aufpassen! Das konnte ich–!“ Ein harter Schlag unterbrach Bellas Ansprache. Ich zuckte so stark zusammen, dass ich mit dem Löffel gegen den Rand der Schüssel schlug.
„Wir haben Nein gesagt! Du wirst nicht zu diesen Ruinen gehen, Isabella! Du wirst kein verdammter Zeitungsartikel werden!“ Erneut deutete Vater auf sie. Seine dünnen Schultern und Lippen bebten. Das Rot war mittlerweile bis zu seinem Kopf gekrochen.
„Ihr könnt mir gar nichts mehr verbieten!“ Sie schlug mit der flachen Hand auf den Tisch und schob ihren Stuhl so heftig zurück, dass er krachend zu Boden stürzte. Sie beugte sich zu Vater hinüber. „Ich werde gehen! Wegen euch werde ich nicht wie ein Feigling dastehen!“
Ohne eine Antwort abzuwarten, stürmte sie aus dem Raum. Sie stampfte die Treppen hoch und schon knallte ihre Zimmertür. Ich wagte es nicht, aufzusehen, sondern konzentrierte mich weiter auf mein Frühstück.
Vater seufzte. Er ließ die Zeitung liegen und aß nun ebenfalls. Seine dunklen Augen wirkten müde und sein Gesicht nahm langsam wieder eine normale Farbe an. Mutter legte ihm die Hand auf den Arm.
„Wir müssen ihr vertrauen.“ Sie drückte ihn leicht und bekam ein Grunzen.
„Ja, wir können nur hoffen, dass sie weiß, was sie tut.“ Er schüttelte ihre Hand ab und wandte sich wieder der Zeitung zu.
Ich sah zwischen meinen Eltern hin und her. Der Schmerz in ihren Gesichtern drückte mein Herz zusammen. Wenn ich wüsste, dass es etwas half, würde ich mit Isabella sprechen, doch sie hörte auf niemanden. Nicht einmal auf mich, ihrem Zwillingsbruder.
Bitte, Isabella ... mach nur einmal in deinem Leben keinen Blödsinn ... nur ein einziges Mal ...
~*~
Würdet ihr euch dieser Mutprobe stellen? Glaubt ihr an das Biest – oder steckt etwas anderes dahinter?
Danke, dass du meine Geschichte liest und Teil dieser Reise bist 🖤









