Jenseits der Erde

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Zusammenfassung

Sarah ist eine ganz normale junge Mutter aus Lancashire, England, die mit ihrem Ehemann, ihrer kleinen Tochter und ihrem Hund ein ruhiges Leben führt – bis ein abendlicher Spaziergang in der Dunkelheit endet. Sie erwacht gefesselt auf einem Metalltisch in einem fensterlosen Raum, entkleidet, unter Drogen gesetzt und beobachtet von Wesen, die eigentlich gar nicht existieren dürften. Die Menschheit ist nie über den Mond hinausgekommen. Aliens sind bloße Fiktion. Doch Sarah erkennt bald, dass sie weit von der Erde entfernt wurde; sie ist auf einem verborgenen Schiff gefangen, zusammen mit zwei verängstigten Kindern und ohne einen Weg nach Hause. Nach Wochen voller Angst, Hunger und brutaler Experimente durchbricht ein Alarm die Stille des Schiffes. Im Chaos schlägt Sarah zurück. Sie wird von einem seltsamen Alien-Mann mit schwarzen Augen und grün-schwarzer Haut gefunden, der eine ruhige, beunruhigende Intensität ausstrahlt. Sein Name ist Sonn, und obwohl er kein Mensch ist, scheint er ihren Schrecken besser zu verstehen als jeder andere. Gerettet und in eine riesige Galaxie verschlagen, von der die Erde nichts ahnt, muss Sarah unerträgliche Wahrheiten akzeptieren. Während Sarah damit kämpft, ihre Trauer, die Entfremdung und die Geheimnisse einer außerirdischen Zivilisation zu überleben, bleibt Sonn eine stete, rätselhafte Präsenz – direkt, wachsam, manchmal hart, aber niemals gleichgültig. Und was auch immer ihn an sie bindet, es könnte weit seltsamer sein als eine bloße Rettung.

Status:
Abgeschlossen
Kapitel:
24
Rating
4.6 10 Bewertungen
Altersfreigabe
18+

Kapitel 1: Sarah

Sarah erwachte in weißem Licht.

Für ein paar Sekunden war da nur das. Licht. Hartes, weißes, künstliches Licht drückte durch ihre Augenlider. Es färbte das Innere ihres Schädels rot. Sie blinzelte dagegen an, einmal, zweimal. Ihre Wimpern fühlten sich schwer an, als hätte sie zu tief oder zu lange geschlafen.

Die Decke über ihr war völlig fremd. Sie bestand aus Metall. Sie war glatt, grau und spiegelte leicht. Nur ein langer Streifen Neonlicht, der über ihr summte, durchbrach die Fläche. Das Geräusch war leise und gleichmäßig. Es klang in der Stille fast wie ein Insekt.

Sarah versuchte, eine Hand zu heben, um ihre Augen zu schützen. Ihr Handgelenk bewegte sich nicht. Für eine dumme Sekunde dachte sie, ihr Ärmel hätte sich irgendwo verfangen.

Dann zog sie noch einmal.

Etwas zog sich um ihr Handgelenk eng. Sie sah an sich herab.

Gurte.

Ihr Kopf war plötzlich völlig leer.

Nicht ruhig.

Nicht entspannt.

Leer wie ein Raum, der still wird, wenn ein Glas zerbricht.

Sie lag flach auf einem Metalltisch. Ihre Arme waren an ihren Seiten fixiert. Dunkle Fesseln hielten ihre Handgelenke. Auch ihre Knöchel waren festgeschnallt. Sie ruckte mit einem Fuß, dann mit dem anderen. Die Fesseln schnitten sofort in ihre Haut.

„Nein“, flüsterte sie.

Das Wort klang winzig in dem Raum.

Sie zog fester. Ihr Körper reagierte, bevor ihr Verstand nachkam. Ihre Schultern wanden sich, ihr Rücken bog sich durch. Ihre Finger krallten in die leere Luft. Der Tisch unter ihr war schmal und kalt. Ihre Haut klebte leicht daran fest, wo das Krankenhaushemd über ihre Oberschenkel gerutscht war.

Krankenhaushemd.

Ihr Pullover war weg. Ihre Leggings ebenso. Ihre Turnschuhe. Ihre Socken. Ihre Unterwäsche.

Jemand hatte sie umgezogen.

Die Panik stieg so schnell auf, dass ihr die Luft wegblieb. Jemand hatte sie ausgezogen. Jemand hatte sie berührt, während sie bewusstlos war. Jemand hatte sie hierher gebracht und festgeschnallt. Sie wurde einfach hier unter diesem schrecklichen weißen Licht zurückgelassen.

„Nein. Nein, nein, nein.“

Sie versuchte sich aufzusetzen und schaffte es nicht. Sie versuchte sich auf die Seite zu rollen, ohne Erfolg. Sie riss an einem Arm, um ihn zu befreien. Dadurch schnitt die Fessel nur tiefer in die weiche Innenseite ihres Handgelenks.

Sie nahm den Raum nur stückweise wahr. Metallwände. Stahlboden. Kisten, die an einer Seite gestapelt waren. Andere Tische standen in einer Reihe um sie herum.

Operationstische.

Ein neuer Schrecken machte sich in ihr breit.

Sie war spazieren gegangen. Das war das Letzte, woran sie sich erinnerte. Sie hatte Isobel kurz nach sieben hingelegt. Sie hatte die warme Rundung ihrer Wange geküsst und ihr die dunkle Haarsträhne aus der Stirn gestrichen. Isobel war mit so vielen Haaren geboren worden. Jeder hatte in den ersten Wochen etwas dazu gesagt. Aber jetzt waren nur noch kleine Strähnen übrig. Sarah hasste und liebte es zugleich.

Lewis war in der Küche gewesen. Er hatte die Spülmaschine schlecht eingeräumt, weil er das immer tat. Sarah hatte gelacht und ihm gesagt, dass sie mit Twiglet rausgeht, bevor es richtig dunkel wird.

Ein ganz normaler Abend.

Ein dummer, kostbarer, gewöhnlicher Abend.

Der Weg unter ihren Turnschuhen war trocken gewesen. Kies und Steine knirschten unter ihren Füßen. Felder auf beiden Seiten, Weizen raschelte in der Sommerluft. Twiglet war an der Rollleine ein Stück vorausgetrabt. Seine Ohren wippten, die Nase war am Boden. Sein kleiner rauhaariger Körper wirkte sehr wichtig. Sarah hatte ihre Wasserflasche in der einen und die Leine in der anderen Hand gehalten.

Dann nichts mehr.

Kein Geräusch.

Kein Blitz.

Kein Schmerz.

Einfach nichts.

Und jetzt das.

Da fing sie an, richtig zu kämpfen. Nicht vorsichtig. Nicht vernünftig. Sie schlug wild gegen die Fesseln, bis der Tisch unter ihr bebte.

Ein Geräusch brach aus ihr heraus. Es war halb Grunzen, halb Schluchzen. Tränen sammelten sich, fielen aber nicht. Die Panik war noch zu körperlich für Tränen. Sie saß in ihren Rippen, ihrem Hals, ihren Handgelenken. Es war das wilde tierische Bedürfnis aufzustehen, rauszukommen und zu fliehen.

„Hilfe!“, schrie sie.

Der Schrei riss an ihrer Kehle.

Keine Antwort.

„Helft mir doch jemand!“

Nichts.

Der Raum schluckte ihre Stimme. Das Licht über ihr flackerte. Sarah erstarrte. Für einen Moment gab es nur das elektrische Summen und ihren eigenen Atem. Er klang rau und hässlich in dem verschlossenen Raum. Keine Fenster. Keine Uhr. Keine Stimmen. Keine Ahnung, wo sie war.

Die Luft roch nach Metall, Desinfektionsmittel und etwas Trockenem, Gefiltertem. Es wirkte, als wäre sie zu oft gekühlt und gereinigt worden. Winzige Staubkörnchen schwebten reglos im Neonlicht über ihr. Nichts bewegte sie, außer ihrem Atem.

Sie schluckte. Ihr Hals tat weh.

Sie hatte Durst.

Nicht nur ein bisschen Durst.

Nicht die Art von Durst nach einem Sommerspaziergang.

Ihre Zunge fühlte sich dick an. Ihre Lippen waren trocken. Die Erkenntnis breitete sich langsam in ihr aus, kälter als der Tisch unter ihr. Sie musste schon seit Stunden hier sein.

Dann drang ein anderes Gefühl durch die Panik. Ein Schmerz. Tief, heiß und hartnäckig. Sarah hielt still. Für einen Moment konnte sie ihn nicht zuordnen. Da war zu viel Angst, zu viel Kälte, alles war so falsch. Dann wurde das Ziehen in ihrer Brust stärker, schwer und geschwollen. Es war furchtbar vertraut.

Ihre Brüste.

Sie sah an sich herab, so weit die Fesseln es zuließen. Die Vorderseite des Krankenhaushemds war feucht. Für eine verwirrte Sekunde verstand sie es nicht. Dann dämmerte es ihr.

Milch.

Das Geräusch, das aus ihr herauskam, war schlimmer als ein Schluchzen. Ihre Brüste waren voll. Schmerzhaft voll. Die Haut spannte und war empfindlich unter dem dünnen Hemd. Ihr Körper war überlastet und forderte Erleichterung. Eine langsame, warme Feuchtigkeit hatte sich im Stoff ausgebreitet.

„Nein“, flüsterte sie.

Isobel.

Der Gedanke kam nicht sanft. Er durchfuhr sie wie ein Blitz.

Isobel hatte eine Mahlzeit verpasst.

Vielleicht mehr als eine.

Sarah hatte sie gestillt, bevor sie sie hinlegte. Aber es reichte nicht für die ganze Nacht. Noch nicht. Isobel war noch zu klein und wachte immer noch hungrig auf. Sie suchte dann blind an Sarahs Brust nach Milch. Dabei machte sie diese winzigen, wütenden Geräusche, die Sarahs Herz brachen, selbst wenn sie erschöpft war. Wenn Sarah so voll war, dann musste Isobel aufgewacht sein. Sie hätte geweint. Lewis hätte versucht, sie zu beruhigen. Er hätte es mit einer Flasche versucht, falls noch abgepumpte Milch übrig war. Falls er sie fand. Falls Isobel sie überhaupt von ihm nahm, wenn sie ängstlich und hungrig war und ihre Mutter brauchte.

Sarahs Atem stockte.

Sie musste ihr Baby füttern.

Der Gedanke war panisch und absolut. Sie musste sich aufsetzen. Sie musste nach Hause. Sie brauchte Isobels warmes Gewicht an sich. Sie vermisste das sanfte Ziehen ihres Mundes. Sie brauchte die kleine Hand, die sich immer gegen Sarahs Haut drückte, als wollte sie sie festhalten.

Stattdessen war sie auf einen Metalltisch geschnallt. Milch sickerte durch ein Krankenhaushemd, während Fremde Gott weiß was mit ihrem Körper angestellt hatten.

„Bitte“, flehte sie, obwohl niemand da war, der zuhörte.

„Bitte, ich muss nach Hause.“

Ihre Stimme brach beim letzten Wort. Sie zwang sich zum Atmen.

Ein.

Aus.

Noch zu schnell, aber immerhin.

Ein.

Aus.

Sie musste nachdenken. Sie musste herausfinden, was man ihr angetan hatte.

Schmerz.

Sie versuchte, sich wieder zu konzentrieren.

Habe ich Schmerzen?

Die Frage beruhigte sie, weil sie praktisch war. Das gab ihr etwas zu tun, außer zu schreien.

Sarah schloss für eine Sekunde die Augen. Sie ging gedanklich ihren eigenen Körper durch.

Zehen.

Sie wackelte damit.

Noch da.

Füße. Knöchel. Waden.

Sie spannte sie an, ließ los, spannte wieder an.

Kein stechender Schmerz.

Oberschenkel. Hüften. Ihr Magen verkrampfte sich.

Auch dort kein Schmerz.

Keine offensichtliche Verletzung.

Kein Reißen.

Kein Brennen.

Nichts, was ihr panischer Körper erkennen konnte. Es sei denn, ein Schock verbarg es vor ihr.

Sie machte weiter. Hände. Finger. Arme.

Noch da. Immer noch ihre.

Sie öffnete wieder die Augen und sah so gut es ging an sich herab. Das Hemd war weiß. Nur auf ihrer Brust breitete sich ein feuchter Fleck aus.

Kein Blut.

Okay, das ist gut.

Ihre nackten Schienbeine sahen im Neonlicht ganz gewöhnlich aus. Blasse Haut. Ein paar alte blaue Flecken, die sie aus dem echten Leben kannte. Eine schwache Stoppellinie an ihren Schienbeinen.

Meine Beine müssen rasiert werden.

Der Gedanke war so absurd und so fies normal. Für eine halbe Sekunde hätte sie fast gelacht.

Dann fing sie an zu weinen.

Zuerst nicht laut. Nur ein paar heiße Tränen in den Augenwinkeln. Sie glitten in ihren Haaransatz, weil sie keine Hand heben konnte, um sie abzuwischen. Sie starrte an sich herab und zwang ihren Blick über jeden sichtbaren Zentimeter.

Füße. In Ordnung.

Beine. Ein bisschen stoppelig, aber in Ordnung.

Hände. In Ordnung.

Arme— Sie hielt inne.

In der Beuge ihres linken Ellbogens war ein Fleck. Klein. Rot. Präzise. Darum herum hatte sich bereits ein leichter blauer Fleck gebildet. Sarah starrte darauf.

Eine Einstichstelle.

Das kleine bisschen Kontrolle, das sie sich erkämpft hatte, zerbrach.

Jemand hatte ihr etwas gespritzt. Oder etwas entnommen. Sie unter Drogen gesetzt. Sie betäubt. Blut abgenommen. Sie wusste es nicht. Sie hatte keine Möglichkeit, es herauszufinden.

Sie sah sich wild nach beiden Seiten um. Sie erwartete einen Tropf, einen Monitor oder Kabel an ihrer Brust. Irgendetwas, das erklären könnte, was man mit ihr gemacht hatte.

Nichts.

Keine Maschinen. Keine Infusionsbeutel. Keine Elektroden. Kein Herzmonitor, der neben ihr gleichmäßig piepte. Sie war einfach in einem fensterlosen Raum aus Metall festgeschnallt.

Allein.

Die Tür öffnete sich.

Sarah hielt so schnell still, dass es wehtat.

Sie war rechts von ihr in die Wand eingelassen. Die Wand war so glatt, dass sie die Naht gar nicht bemerkt hatte. Die Tür glitt mit einem hohen Zischen auf. Jeder Muskel in ihrem Körper spannte sich an.

Zwei Gestalten traten ein.

Zuerst weigerte sich ihr Verstand, sie wahrzunehmen.

Er versuchte nicht, sie zu benennen. Er versuchte nicht, es zu verstehen. Ihr Kopf schaltete einfach ab. Es war, als ob der Teil in ihr, der die Welt erkannte, auf etwas Unfassbares gestoßen wäre.

Sie waren nicht menschlich.

Sarah starrte.

Sie waren ungefähr so groß wie ein Mensch. Nicht größer als ein durchschnittlicher Mann, vielleicht so groß wie Lewis. Aber ihre Körper waren breiter. Kompakt. Kräftig. Ihre Kleidung – falls es Kleidung war – lag eng an. Sie war grau und schwarz und glänzte leicht. Wie Gummi oder nasser Stein.

Aber es waren ihre Gesichter, die den Schrei in ihr ersticken ließen. Vier Augen. Schwarz, glänzend, in Paaren auf der oberen Gesichtshälfte angeordnet. Kein Weiß. Keine sichtbaren Pupillen. Nur Schwärze, die das Neonlicht spiegelte. Wo eine Nase hätte sein sollen, waren zwei schmale Schlitze. Sie saßen weit oben und flach. Ihre Münder waren viel zu breit.

Das war das Detail, bei dem sich ihr der Magen umdrehte.

Zu breit, zu lang. Es zog sich als Linie über die untere Gesichtshälfte. Diese Linie hätte ausdruckslos sein können, oder ein Lächeln. Sie konnte es nicht sagen.

Ihre Haut war graubraun und fleckig. An einigen Stellen war sie dick, an anderen faltig. Sie war ledrig wie der Hals einer alten Schildkröte.

Aliens.

Das Wort tauchte vollständig und völlig lächerlich in ihrem Kopf auf.

Nein.

Nein, das war verrückt.

Es gab keine Aliens. Das konnte nicht sein. Die Menschheit war kaum weiter als bis zum Mond gekommen. Wenn Aliens existierten, wenn es Kontakt gegeben hätte, wäre es auf jedem Bildschirm. Auf jedem Handy und jedem Nachrichtensender der Welt.

Masken also.

Prothesen.

Ein aufwendiger Anzug.

Ein krankes Experiment oder ein Scherz.

Dann sprach eines von ihnen.

Das Geräusch war tief genug, um irgendwo unter ihren Rippen zu vibrieren. Es waren lange, gezogene Töne. Weniger wie Worte, sondern eher wie geformter Druck. Das andere antwortete in derselben Sprache.

Sarah konnte nicht schreien. Sie konnte nicht betteln. Für mehrere Sekunden konnte sie die Wesen nur anstarren. Ihr Körper lag starr auf dem Tisch. Jeder Teil von ihr wartete auf den Schmerz.

Das Wesen, das der Tür am nächsten war, sah sie an. Alle vier Augen waren auf ihr Gesicht gerichtet. Dann kam es näher.

Das durchbrach ihre Starre.

„Nein“, keuchte sie. „Nein, bitte. Bitte tun Sie das nicht. Bitte.“

Es reagierte nicht.

Sie wand sich heftig in ihren Fesseln. Aber sie konnte nirgendwo hin. Die Kreatur stand neben dem Tisch und griff nach dem Saum ihres Kittels. Sarah schüttelte den Kopf.

„Nein. Lassen Sie das. Fassen Sie mich nicht an. Bitte fassen Sie mich nicht an.“

Es hob den Kittel an.

Kalte Luft zog über ihre Oberschenkel, ihre Hüften und ihren Bauch.

Der Stoff rutschte nach oben und sammelte sich unter ihren Rippen. Sie versuchte, ihre Knie zusammenzupressen. Aber die Fesseln hielten ihre Beine gerade so weit auseinander, dass sie sich nicht schützen konnte. Sie konnte sich nicht zusammenrollen und nicht klein machen.

Dann entwich ihr ein Geräusch. Dünn. Gebrochen. Nicht ganz ein Schrei.

Die Kreatur berührte sie zunächst nicht. Irgendwie machte das die Sache noch schlimmer. Sie sah nur hin. Auf ihre Beine. Ihren Bauch. Zwischen ihre Beine. Auf ihre Brüste.

Die Untersuchung war langsam und methodisch. Sie war völlig frei von allem, was Sarah verstand.

Keine Scham.

Keine Grausamkeit.

Keine Neugier im menschlichen Sinne.

Keine Freundlichkeit.

Nichts, an das sie appellieren konnte. Für sie war sie keine Frau.

Sie war nicht Sarah.

Nicht Lewis' Frau.

Nicht Isobels Mutter.

Keine Person, die in der Abenddämmerung mit ihrem Hund über ein Feld gelaufen war.

Sie war nur ein Körper auf einem Tisch.

Dann hielt die Kreatur inne. Alle vier Augen waren auf ihre Brust gerichtet. Sarah folgte ihrem Blick. Mit einem widerlichen Anflug von Demütigung und Angst verstand sie, was das Wesen gesehen hatte.

Die Milch hatte den Kittel durchnässt. Ein weiterer Tropfen hatte sich dort gebildet, wo der Stoff verrutscht war. Warm und entblößt unter dem kalten Licht.

„Nein“, flüsterte sie.

Es streckte die Hand aus.

Die Berührung war kurz.

Ein langer Finger drückte gegen den auslaufenden Tropfen an ihrer Brustwarze. Sarah gab ein gebrochenes Geräusch von sich und versuchte, sich wegzureißen. Aber die Gurte hielten sie fest. Schmerz schoss durch beide Handgelenke.

Die Kreatur schien das nicht zu bemerken. Sie zog die Hand zurück und hielt sie hoch. Sie studierte den dünnen, weißen Schimmer auf ihrer Fingerspitze. Dann rieb sie die Flüssigkeit langsam zwischen zwei Fingern. Sarah starrte voller Entsetzen.

Milch.

Ihre Milch.

Isobels Milch.

Die Kreatur tippte ihre Finger einmal zusammen. Zweimal. Vielleicht prüfte sie die Konsistenz. Oder sie maß sie. Sarah hatte keine Ahnung. Dann gab das Wesen eines dieser tiefen, gezogenen Geräusche an die andere Kreatur ab. Die zweite trat näher und sah ebenfalls hin.

„Nein“, flehte Sarah. Das Wort war nutzlos in ihrem Mund. „Bitte. Ich habe ein Baby. Ich muss mein Baby füttern.“

Keines der beiden Wesen reagierte. Die erste Kreatur sprach erneut und rieb noch immer ihre Finger aneinander. Die andere antwortete. Ihre Stimmen wanderten über ihren entblößten Körper hin und her. Über den feuchten Kittel. Über das, was ihr Körper produziert hatte, weil Isobel sie brauchte.

Sie diskutierten über sie. Oder über die Milch. Oder darüber, was auch immer sie in ihr sahen.

Nicht Sarah.

Keine Mutter.

Versuchsobjekt.

Das Wort kam ihr mit solch kalter Klarheit in den Sinn, dass sie fast aufhörte zu atmen.

„Nein“, flehte sie erneut. „Bitte. Sie braucht mich. Mein Baby braucht mich.“

Sie sahen ihr nicht ins Gesicht.

Nach einer Weile schienen sie eine Art Einigung zu erzielen.

Die erste Kreatur ließ den Kittel los. Zog ihn nicht nach unten. Sie ließ ihn nur los. Der Stoff blieb um ihre Rippen gerafft. So lag sie ungeschützt unter dem Licht. Dann drehten sie sich um und gingen. Die Tür zischte hinter ihnen zu.

Für mehrere Sekunden konnte Sarah sich überhaupt nicht bewegen.

Dann begann sie so heftig zu zittern, dass der Tisch unter ihr vibrierte.

Sie bewegte verzweifelt ihre Finger. Sie griff nach dem Rand des Kittels, wo er sich an ihrer Seite gebauscht hatte.

Sie brauchte drei Versuche, bevor sie den Stoff zwischen zwei Fingern einklemmen konnte. Dann zog sie ihn ein paar Zentimeter nach unten.

Dann noch etwas weiter.

Nicht genug.

Nicht annähernd genug. Aber genug, um einen Teil von sich zu bedecken. Genug, um sich ein kleines bisschen weniger nackt zu fühlen.

Sie lag schluchzend da.

Lewis würde nach ihr suchen. Isobel würde weinen. Twiglet könnte irgendwo auf einem Feld tot sein.

Dieser Gedanke kam so plötzlich, dass sie ein Geräusch machte, als wäre sie geschlagen worden.

Nein.

Nein, Twiglet musste am Leben sein.

Er musste nach Hause gelaufen sein. Jemand musste ihn gefunden haben. Lewis würde wissen, dass etwas nicht stimmte. Er hätte die Polizei gerufen. Er hätte ihre Mutter angerufen. Seine Mutter. Alle.

Aber was könnten sie schon tun?

Wo war sie?

Wohin hatten sie sie gebracht?

Der Schmerz in ihren Brüsten pochte erneut. Heiß und eindringlich unter dem feuchten Kittel.

Ihr Körper verstand keinen Terror. Er verstand keine unmöglichen Räume oder schwarzäugige Kreaturen oder Metalltische. Er wusste nur, dass zu viel Zeit vergangen war. Und dass ihr Baby gestillt werden musste.

Sarah weinte noch heftiger.

„Es tut mir leid“, flüsterte sie. Obwohl sie nicht wusste, ob sie mit Isobel, Lewis oder sich selbst sprach.

„Es tut mir so leid. Bitte helft mir. Bitte, kann mir irgendjemand helfen.“

Bevor sie völlig zusammenbrach, öffnete sich die Tür erneut. Dieselben zwei Gestalten traten ein. Dieses Mal trug eine von ihnen eine Nadel.

Sarahs Körper begann zu kämpfen, noch bevor ihr Verstand den Gedanken formte. Sie zog so stark an den Fesseln, dass Schmerz durch beide Handgelenke zuckte.

„Nein“, rief sie. „Nein, bitte. Bitte, nein.“

Sie kamen näher.

„Nein. Nein, ich habe ein Baby. Sie haben es gesehen — Sie haben gesehen, ich habe ein Baby. Ich muss sie stillen. Bitte.“

Das Wesen mit der Nadel nahm ihren Arm. Sein Griff war fest und unpersönlich. Vielleicht trug es Handschuhe, oder vielleicht war das seine Haut. Sie konnte es nicht sagen.

Es drehte ihren Ellbogen mit geübter Leichtigkeit nach außen.

„Nein, bitte. Bitte. Sie braucht mich. Ich muss nach Hause gehen.

Die Nadel berührte ihre Haut.

Sarah schrie.

Sie drang ein.

Für eine Sekunde gab es Schmerz. Scharf und kalt.

Dann dehnte sich das weiße Licht über ihr aus.

Der Raum fiel weg.

Und Schwärze verschlang sie ganz.

Als Sarah wieder aufwachte, erinnerte sie sich, bevor sie verstand.

Ihre Augen rissen auf.

Weißes Licht. Metalldecke. Kalte Luft.

Sie schreckte keuchend hoch. Eine Hand krallte sich bereits an ihre Brust. Die andere griff nach dem Saum des Krankenhauskittels. Für eine wilde Sekunde erwartete sie, dass die Gurte wieder in ihre Handgelenke schneiden würden. Sie erwartete, dass ihre Arme nutzlos gegen den Tisch rucken würden.

Aber ihre Hände bewegten sich.

Sie erstarrte.

Dann berührte sie alles.

Ihre Arme. Ihre Handgelenke. Ihr Gesicht. Ihre Ohren. Ihren Hals. Ihren Bauch. Ihre Beine.

Sie strich mit panischer, zitternder Dringlichkeit über sich selbst. Sie suchte nach Schmerz, Blut oder fehlenden Teilen. Nach allem, was ihr sagen könnte, was man ihr angetan hatte, während sie weg war.

Immer noch am Leben.

Immer noch unversehrt.

Nicht sicher. Nicht unberührt. Aber unversehrt.

Erst dann bemerkte sie, dass sie nicht mehr festgeschnallt war.

Sarah sah auf ihre Handgelenke.

Die Fesseln waren weg, aber die Spuren blieben. Tiefrote Streifen zogen sich um beide Handgelenke. Wund und gerötet, wo sie dagegen angekämpft hatte. Ihre Knöchel sahen genauso aus. Blau und schmerzhaft. Der Beweis, dass der erste Raum real gewesen war.

Der Tisch war weg.

Nein.

Nicht weg.

Sie war woanders.

Sarah krabbelte rückwärts, bis ihre Wirbelsäule gegen eine Wand stieß. Der Schock des kalten Metalls durch den dünnen Kittel ließ sie nach Luft schnappen. Sie sah sich um und atmete zu schnell.

Der Raum bestand immer noch aus Metall. Immer noch silbergrau und kantig. Er wurde noch immer von demselben unbarmherzigen weißen Licht beleuchtet. An einer Seite waren Kisten zu unebenen Türmen aufgestapelt. Der Boden unter ihr war glatter Stahl. Kalt genug, um durch ihre nackten Füße zu schmerzen.

Aber es gab keine OP-Tische.

Keine Stühle.

Keine Fesseln.

Keine Tür, die sie sehen konnte.

Nur der Raum.

Die Kisten.

Sie.

Und ein Fenster.

Sarah starrte es an.

Für einen Moment bewegte sie sich nicht. Ein Fenster bedeutete draußen. Ein Fenster bedeutete eine Richtung und einen Ort. Etwas jenseits des versiegelten Metalls und der summenden Lichter.

Dann rannte sie darauf zu.

Ihre nackten Füße patschten auf den Boden. Sie erreichte das Glas — wenn es denn Glas war — und drückte beide Hände dagegen.

Draußen war es schwarz.

Nicht das Schwarz eines dunklen Feldes. Nicht das Schwarz eines Zimmers mit ausgeschaltetem Licht. Ein tieferes Schwarz. Ein riesiges, abgründiges Schwarz, gefüllt mit Lichtpunkten. Diese waren so scharf, dass sie fast künstlich aussahen. Silber, blau-weiß, blassrot. Einige leuchteten stetig, andere flackerten.

Für eine dumme, hoffnungsvolle Sekunde dachte sie: Nachthimmel.

Dann verstand sie, was nicht stimmte.

Es gab keinen Horizont.

Keine Bäume.

Keinen Boden.

Keine Wolken, die über die Sterne zogen.

Kein orangefarbener Schimmer einer Stadt in der Ferne. Kein Licht eines Bauernhauses. Keine Straße. Kein mondbeschienenes Feld. Nichts, was zu der Erde gehörte, wie sie sie kannte.

Nur Schwärze und Sterne, ausgebreitet in jede Richtung, die sie sehen konnte.

Sarah wich vom Fenster zurück.

„Nein“, flüsterte sie.

Das Wort ließ die Oberfläche vor ihr beschlagen.

Sie lehnte sich wieder vor, denn es musste eine Erklärung geben. Es musste einfach.

Vielleicht war es ein Bildschirm. Eine Art Projektion. Ein Trick. Ein Flugzeug bei Nacht. Ein Militärflugzeug. Etwas, das so hoch flog, dass der Boden unter den Wolken verschwunden war.

Sie drehte den Kopf und versuchte, die Seite von dem zu sehen, worin auch immer sie sich befand.

Kein Flügel.

Kein Triebwerk.

Kein blinkendes Flugzeuglicht.

Die Seite des Schiffs – Schiffs, das Wort tauchte auf, bevor sie es aufhalten konnte – schien flach und dunkel zu sein. Es verschwand hinter dem Rand des Fensters.

Sarah sah nach unten.

Da war kein Boden.

Nur noch mehr Schwärze.

Das Grauen bewegte sich diesmal langsam. Kein Anflug von Panik. Nicht die blanke tierische Angst, festgeschnallt aufzuwachen, sondern etwas Kälteres. Es sickerte in ihre Knochen. In die Hohlräume hinter ihren Rippen und in ihre Magengrube.

Der Weltraum.

Nein.

Unmöglich.

Der Weltraum.

Der Gedanke konnte nirgendwo hin. Er kehrte immer wieder zurück, stumpf, absurd und monströs.

Sie hatte den Weltraum schon immer geliebt.

Das war das Grausame daran.

Sie und Lewis hatten auf dem Sofa Dokumentation um Dokumentation angesehen. Und später im Bett, als sie eine Steuerrückzahlung bekamen und sich einen Fernseher fürs Schlafzimmer gönnten.

Es war ihr glücklicher Ort gewesen.

Noch mehr, nachdem Isobel geboren war. Vier Uhr morgens, Twiglet schnarchte. Die Lautstärke war leise, während das Baby trank, bis es an Sarahs Brust einschlief. Sarah drückte alle zehn Minuten auf Pause, um ihm etwas zu erzählen, an das sie sich gerade erinnert hatte. Oder etwas, das der Sprecher ausgelassen hatte. Oder irgendeinen Fakt über Quasare, Neutronensterne oder schwarze Löcher. Lewis tat so, als würde er es verstehen. Er duldete es und sah ihr heimlich gerne dabei zu, wie sie sich begeisterte.

Vor ein paar Geburtstagen hatte er ihr ein Teleskop gekauft. Kein Spitzenmodell. Aber teuer genug, dass sie beim Auspacken gequietscht hatte.

Er hatte es falsch aufgebaut, und die automatische Nachverfolgung funktionierte nie richtig. Also musste sie im Garten sitzen und es alle paar Minuten mit der kleinen Fernbedienung anstupsen.

Es war ihr egal gewesen.

In einer eiskalten Januarnacht hatte sie den Saturn gefunden.

Den echten Saturn.

Klein, blass und wunderbar durch die Linse. Seine Ringe waren geneigt, als wäre er zu zerbrechlich, um echt zu sein. Sie war nach oben gerannt und hatte Lewis in seinem Morgenmantel aus dem Bett gezerrt. Sarah hatte gelacht, während er sich über die Kälte beschwerte. Dann stand sie grinsend neben ihm, als er sich vorbeugte, um hineinzusehen.

Damals war der Weltraum ein Wunder gewesen.

Distanz.

Schönheit.

Etwas sicher Unerreichbares.

Jetzt war er draußen vor dem Fenster.

Jetzt war er überhaupt kein Wunder mehr.

Er war die Leere.

Er war die Stille.

Er war das Wissen, dass es jenseits dieser dünnen Barriere keinen Ort gab, um wegzulaufen. Keinen Ort zum Atmen. Keinen Ort zum Stehen. Keine Straße, die nach Hause führte. Keine Polizei, die die Felder absuchte. Kein Nachbar, der sie durch ein beleuchtetes Fenster sah und um Hilfe rief.

Sie hätte genauso gut Millionen von Meilen entfernt sein können.

Sie hätte genauso gut tot sein können.

Isobel.

Der Name öffnete etwas in ihr.

Ihr kleines Mädchen.

Sarah presste beide Hände auf ihren Mund. Aber das Geräusch kam trotzdem.

Es riss aus ihr heraus, roh und tief und ganz anders als normales Weinen. Es war ein Wehklagen. Ein tierisches Geräusch. Die Art von Geräusch, für die sie sich geschämt hätte. Zumindest, wenn ein Teil von ihr noch zu Scham fähig gewesen wäre.

Isobel würde aufwachen und nach ihr weinen.

Isobel würde an Lewis' Schulter wühlen, wütend, hungrig und verwirrt. Auf der Suche nach einem Körper, der nicht da war.

Sarah beugte sich vor und schlang die Arme um sich selbst.

„Nein“, flüsterte sie in ihre Hände. „Nein, nein, nein.“

Der Schmerz darüber machte sie krank.

Sie schaffte es kaum bis zur Ecke.

Sie ließ sich neben eine der Kisten fallen und erbrach sich auf den Metallboden.

Ihr Magen war fast leer.

Galle brannte in ihrem Hals.

Ihr Körper würgte trotzdem, immer und immer wieder. Er versuchte, sich von einem Schrecken zu befreien, der nirgendwo hin konnte.

Als es vorbei war, blieb sie auf Händen und Knien. Sie spuckte, zitterte und ihre Augen tränten.

Der Raum summte um sie herum.

Sie wischte sich den Mund am Handrücken ab und lehnte sich an die Wand zurück.

Da erinnerte sie sich an ihre Brüste.

Der Schmerz war weg.

Sarah hielt still.

Langsam sah sie nach unten.

Das Kittelchen war an der Brust noch feucht, aber der furchtbare Druck hatte nachgelassen. Ihre Brüste fühlten sich nicht mehr gespannt, heiß und schmerzhaft voll an. Sie fühlten sich weich an. Zart. Leergetrunken.

Für eine halbe Sekunde verspürte ein erschöpfter Teil von ihr fast Erleichterung.

Dann folgte das Entsetzen.

Leer.

Sie war ohnmächtig gewesen.

Sie hatte Isobel nicht gefüttert. Sie hatte nicht abgepumpt. Sie hatte gar nichts getan.

Jemand anderes hatte es getan.

Oder etwas anderes.

Sarah drehte sich erneut der Magen um, obwohl nichts mehr da war, was sie hätte hochwürgen können. Sie klammerte das Hemd über ihrer Brust zusammen. Ihre Finger gruben sich in den dünnen Stoff.

Die Erinnerung kehrte mit grausamer Klarheit zurück. Der Finger der Kreatur an ihrer Brustwarze. Wie sie ihre Milch zwischen zwei Fingern zerrieben hatte. Das leise Geräusch, das sie dem anderen gegenüber gemacht hatte.

Sie sah auf ihren Arm.

Da war ein weiterer roter Fleck über der ersten Einstichstelle.

Ein neuer.

Sie rieb mit dem Daumen fest darüber. Als ob Reibung die Tatsache auslöschen könnte. Als ob sie die Nadel wegschrubben könnte. Die fehlende Zeit. Die unmögliche Erleichterung in ihren Brüsten. Ihre Haut rötete sich nur noch mehr unter ihren Fingern.

Sarah rutschte an der Wand hinunter, bis sie auf dem Boden saß.

Das Metall war kalt unter ihren Oberschenkeln. Sie zog das Hemd so weit wie möglich über ihre Knie und rollte sich zusammen. Sie versuchte, sich kleiner, wärmer und unsichtbarer zu machen.

Sie weinte wieder.

Um Isobel.

Um Lewis.

Um Twiglet. Er lag vielleicht verletzt irgendwo im Dunkeln und hing noch immer an der dummen Rollleine.

Um sich selbst.



Sie legte beide Hände vor das Gesicht und ließ sich zerbrechen.

Ein Geräusch kam hinter den Kisten hervor.

Sarahs Kopf ruckte nach oben.

Sie hielt den Atem an.

Für einen Moment bewegte sich nichts.

Dann tauchte ein kleines Gesicht in der Lücke zwischen zwei Metallkisten auf.

Ein menschliches Gesicht.

Ein Kind.

Sarah starrte.

Ein kleiner Junge sah sie an.

Er konnte nicht älter als acht sein. Blass, dünn und schmutzig. So schmutzig, wie Kinder wurden, wenn sie tagelang niemand richtig gewaschen hatte. Sein braunes Haar hing in strähnigen, fettigen Fransen über seiner Stirn. Seine Augen waren aufgerissen und weiß umrandet vor Angst. Seine Lippen waren so fest zusammengepresst, dass es aussah, als würde er Tränen mit aller Kraft zurückhalten.

Sarah sprang auf, bevor sie überhaupt nachdenken konnte.

Der Junge zuckte zusammen und wich zurück.

Sie blieb sofort stehen.

Natürlich hatte er Angst.

Sie ging langsam in die Hocke und hob beide Hände, die Handflächen nach außen.

„Alles ist gut“, sagte sie.

Ihre Stimme klang gebrochen.

Sie schluckte und versuchte es noch einmal.

„Alles ist gut. Ich tue dir nichts.“

Der Junge bewegte sich nicht.

Seine Finger wanderten zu seinem Mund. Er begann an der Haut um seine Nägel zu kauen.

„Ich heiße Sarah“, sagte sie sanft. „Wie heißt du?“

Nichts.

Seine Augen wanderten hinter die Kiste.

Sarah folgte seinem Blick.

Ein weiteres Gesicht tauchte auf.

Diesmal ein kleines Mädchen.

Blondes Haar, verheddert und glanzlos. Die runden Wangen waren blass vor Angst. Nicht älter als fünf, dachte Sarah. Vielleicht jünger. Sie klammerte sich mit beiden Händen an die Kante der Kiste und spähte dahinter hervor.

Sarahs Herz brach so plötzlich, dass sie fast einen Laut von sich gab.

Zwei Kinder.

Da waren zwei Kinder hier.

Sie trugen dieselben weißen Kittel wie sie. Der des Jungen hing viel zu groß an seinen schmalen Schultern herab. Der des kleinen Mädchens hatte graue Flecken am Saum und Ärmel. Sarah sah rote Punkte auf dem Arm des Jungen. Es waren kleine Einstichstellen, genau wie ihre eigenen.

Sie hielt ihre Hände weiterhin erhoben.

„Hallo“, sagte sie.

Keines von beiden antwortete.

„Es ist alles in Ordnung. Ich komme nicht näher ran.“

Der Junge kaute weiter an seinen Fingern.

„Sprichst du Englisch?“

Der kleine Junge sah sie nur einen Moment lang an. Dann nickte er langsam.

Sarah setzte sich auf ihre Fersen zurück. So machte sie sich kleiner als ihn, obwohl alles in ihr die beiden Kinder packen und an sich drücken wollte.

„Bist du allein?“, fragte sie.

Der Junge zögerte.

Dann nickte er noch einmal.

Sarah warf dem kleinen Mädchen einen Blick zu.

„Ist das deine Schwester?“

Der Junge sah sie wieder an und schüttelte den Kopf.

Also keine Geschwister.

Verschiedene Kinder.

Vielleicht aus verschiedenen Orten.

Von verschiedenen Familien, die irgendwo auf der Erde gerade den Verstand verloren.

Sarah musste für eine Sekunde die Augen schließen.

Als sie diese wieder öffnete, sahen die Kinder sie immer noch an.

„Bist du verletzt?“, fragte sie.

Der Junge schüttelte den Kopf.

Ein winziger Hauch von Erleichterung entwich ihr.

„Gut“, flüsterte sie. „Das ist gut.“

Sie wollte am liebsten wieder zusammenbrechen. Sie wollte das Gesicht in den Händen vergraben und schreien, bis der Raum verschwand. Aber sie spürte die Veränderung in sich. Eine schreckliche und notwendige Veränderung.

Vorher war sie allein gewesen.

Jetzt war sie es nicht mehr.

Jetzt gab es Kinder, die genau beobachteten, ob sie in Sicherheit war.

Also musste sie Sicherheit ausstrahlen.

Das kleine Mädchen trat hinter der Kiste hervor. Sie stellte sich neben den Jungen. Mit einer Hand umklammerte sie den lockeren Stoff seines Kittels.

Einen Moment lang sah sie Sarah nur an.

Dann zeigte sie auf sie.

„Warum bist du da nass?“

Ihre Stimme war sehr klein und süß. Sie hatte einen sanften nordirischen Akzent. Sie sprach mit einem leichten Lispeln, das die Frage fast unerträglich machte.

Sarah sah an sich herab.

Milch war wieder ausgetreten. Eine frische Feuchtigkeit breitete sich auf der Vorderseite des Kittels aus.

Ihre Kehle schnürte sich zu.

Sie drückte den Stoff gegen sich. Sie versuchte, ihn mit so viel Würde abzutupfen, wie sie aufbringen konnte.

„Das ist Milch“, sagte sie.

Das kleine Mädchen blinzelte.

„Für mein Baby“, fügte Sarah leise hinzu. „Ich bin eine Mama. Mein Baby trinkt Milch von mir.“

„Oh“, sagte das kleine Mädchen.

Sie schien darüber nachzudenken.

„Wo ist dein Baby?“

Sarahs Gesicht verzog sich fast.

Sie kämpfte mit allem dagegen an, was sie hatte. Mit jeder Faser. Mit jedem letzten Teil von sich. Sie durfte vor ihnen nicht zusammenbrechen. Nicht jetzt.

„Sie ist zu Hause“, sagte Sarah.

Die Worte taten weh.

„Bei ihrem Papa.“

„Oh“, sagte das kleine Mädchen wieder.

Sarah dachte an Isobels dunkle Haare. An ihre weichen, runden Wangen. An ihre winzigen, pummeligen Hände, die sich auf Sarahs Haut öffneten und schlossen. An die kleinen Röllchen an ihren Oberschenkeln. An den milchigen Geruch ihres Atems. An die Art, wie sie im Schlaf die Stirn runzelte, als ob Träumen eine sehr ernste Angelegenheit wäre.

Eine Erinnerung kam so scharf, dass es fast grausam war.

Isobel mit drei Tagen, rotgesichtig und wütend mitten in der Nacht. Wie Sarah sie aus dem Beistellbettchen hob, noch voller Schmerzen und erschöpft. Und halb verängstigt, dass sie alles falsch machte. Wie sie sie festhielt. Wie sie an ihren winzigen Kopf flüsterte.

Mama ist hier. Ich habe dich. Ich werde immer kommen, wenn du mich brauchst.

Und nun würde Isobel weinen.

Und Sarah würde nicht kommen.

Die Tränen fielen, bevor sie sie aufhalten konnte.

Der Junge und das Mädchen beobachteten sie schweigend.

Dann machte der Junge einen vorsichtigen Schritt nach vorne.

Dann noch einen.

Sarah blieb ganz still.

Er kam nah genug heran, um sie zu berühren. Er hob eine kleine Hand. Unbeholfen, fast formell, tätschelte er ihre Schulter.

Einmal.

Zweimal.

Die Geste war so klein. So nutzlos gegen die Ungeheuerlichkeit dessen, was passierte.

Es hätte sie fast völlig aus der Bahn geworfen.

Ein Lachen brach durch ihre Tränen, scharf und brüchig. Sie lächelte ihn an, weil er das von ihr brauchte.

„Mach dir keine Sorgen“, sagte sie, obwohl ihre Stimme zitterte. „Mir geht es gut. Ich vermisse nur mein Baby.“

Das kleine Mädchen kam ebenfalls näher. Sie stand auf Sarahs anderer Seite.

„Kann ihr Papa nicht auf sie aufpassen?“, fragte sie.

Sarah wischte sich mit dem Handballen über die Wangen.

„Ja“, sagte sie. „Das kann er.“

Und er konnte es. Lewis war gut. Lewis war sanft. Lewis wusste, wo die Windeln waren und wie man ein Fläschchen warm machte. Und er kannte das blöde Lied, das Isobel zum Aufhören brachte, wenn sonst nichts half.

Aber er war nicht Sarah.

Und Sarah war nicht da.

Sie holte vorsichtig Luft.

Dann noch einmal.

Die Kinder sahen sie immer noch an. Verängstigt. Schmutzig. Wahrscheinlich hungrig. Allein.

Und irgendwie, unmöglicherweise, hatten sie sie getröstet.

Sie war siebenundzwanzig Jahre alt. Eine Ehefrau. Eine Mutter. Eine Erwachsene nach jedem vernünftigen Maßstab. Aber in diesem Moment fühlte sie sich selbst wie ein Kind. Sie wollte, dass jemand Größeres und Ruhigeres hereinkam. Jemand, der sie aufsammelte und ihr sagte, was sie tun sollte.

Sie wollte ihre Mama.

Sie wollte Lewis.

Sie wollte irgendwen.

Da war niemand.

Nur sie.

Sarah wischte sich wieder die Augen.

„Darf ich mich zu euch setzen?“, fragte sie.

Das kleine Mädchen sah den Jungen an.

Der Junge sah Sarah an.

Nach einem Moment streckte das Mädchen die Hand aus und nahm Sarahs Hand.

Ihre Finger waren klein und kalt.

Sarah ließ sich hinter die Kisten führen.

Dort war ein enger Raum, verborgen vor der Mitte des Zimmers. Nicht sicher. Nicht wirklich. Aber geschützt genug, dass die Kinder ihn zu ihrem Platz gemacht haben mussten. Eine Ecke aus Metall und Schatten und der schwachen Wärme zweier kleiner Körper.

Sarah setzte sich mit dem Rücken zur Wand.

Die Kinder kamen fast sofort zu ihr.

Nicht alle auf einmal. Nicht gerade vertrauensvoll. Aber mit dem erschöpften Instinkt von Kindern, die zu lange Angst gehabt hatten. Und die eine Erwachsene gefunden hatten, die leise sprach.

Der Junge setzte sich auf die eine Seite. Das Mädchen setzte sich auf die andere.

Sarah hob langsam ihre Arme, um ihnen Zeit zu geben, wegzuziehen.

Sie taten es nicht.

Also legte sie einen Arm um jeden von ihnen und zog sie an sich.

Beide Kinder waren kalt.

Eine tiefe, heftige Zärtlichkeit durchströmte sie.

Es machte ihr fast Angst.

Wenn diese Dinger zurückkämen und versuchten, diese Kinder anzufassen. Wenn sie versuchten, sie mitzunehmen, ihnen wehzutun. Wenn sie nur einen Finger auf ihre kleinen Körper legten, würde Sarah diese Kreaturen mit bloßen Händen in Stücke reißen. Sie würde ihnen alle vier ihrer schwarzen Augen ausstechen. Sie würde alles tun.

Alles.

Sie hatte keine Waffe. Keine Schuhe. Keinen Plan. Keine Stärke außer ihrem eigenen verängstigten Körper.

Aber das Gefühl blieb.

Meine, sagte ein alter Teil von ihr.

Nicht weil es ihre waren.

Sondern weil es jemandes Kinder waren. Es waren die Babys von jemandem, der nicht da sein konnte, um sie selbst zu beschützen. Jemand, der um sie weinen würde.

Sie waren jemandes Isobel. Und jemand musste sich ihrer annehmen.

„Wie heißt ihr?“, fragte sie leise.

Einen Moment lang antwortete keines der Kinder.

Dann sagte der Junge: „Elliot.“

Seine Stimme war so leise, dass sie ihn kaum hörte.

Sein Akzent war nicht wie ihrer. Englisch, ja, wie sie. Aber aus dem Süden. Geschliffen. Ein bisschen vornehm, sogar durch die Angst hindurch. Was auch immer sie mitgenommen hatte, hatte nicht nur von einem Ort genommen.

Sarah sah das Mädchen an.

„Ich heiße Suzie“, sagte sie um den Daumen herum, den sie in den Mund gesteckt hatte.

Sarah lächelte so sanft, wie sie konnte.

„Hallo, Elliot. Hallo, Suzie.“

Suzie lehnte sich schwerer gegen ihre Seite.

„Wisst ihr, wo eure Mamas und Papas sind?“

Beide Kinder schüttelten den Kopf.

Natürlich wussten sie es nicht.

Elliot starrte auf die Kiste gegenüber. Sein Gesicht war ganz still geworden.

„Ich habe Hunger“, sagte er.

Sarah sah zu ihm hinab.

Die Worte trafen sie härter, als sie erwartet hatte. Hunger war so alltäglich. So leicht zu beheben. So unmöglich.

Sie sah sich in dem versteckten Raum um. Als ob Essen aufgetaucht sein könnte, nur weil ein Kind es brauchte. Da war nichts. Keine Flasche. Keine Packung. Kein Krümel. Kein Wasser.

„Wann hast du zuletzt etwas gegessen?“, fragte sie.

Elliot zuckte mit den Schultern, ohne sie anzusehen.

„Vor Ewigkeiten.“

Sarah schloss kurz die Augen.

Hilflosigkeit stieg in ihr auf, heiß und erstickend.

Sie drängte sie nieder.

„Ich werde versuchen, etwas zu finden“, sagte sie.

Das Versprechen fühlte sich gefährlich an in dem Moment, als sie es gab. Denn sie hatte keine Ahnung, wie sie es halten sollte. Aber sie konnte nicht nichts sagen.

Elliots Blick wanderte zum offenen Raum hin.

„Die Monster kommen“, flüsterte er.

Sarahs Arm legte sich enger um ihn.

Sie hatten sie also auch gesehen.

Die Kreaturen waren kein Fiebertraum. Keine Halluzination. Nichts, was die Medikamente in ihrem Kopf erzeugt hatten.

Die Monster waren echt.

„Ich weiß“, sagte Sarah.

Ihre Stimme war fester, als sie sich fühlte.

„Ich habe sie auch gesehen.“

Suzie drückte sich näher an sie. Den Daumen im Mund, die Augen rund.

Sarah sah zwischen ihnen hin und her.

„Ich werde nicht zulassen, dass sie euch wehtun“, sagte sie.

Es war eine Lüge.

Das musste es sein.

Sie konnte diese Kreaturen nicht aufhalten. Sie konnte nicht einmal verhindern, dass sie ihr eine Nadel in den Arm steckten. Aber Elliot brauchte die Lüge. Suzie brauchte sie. Und vielleicht, wenn sie es nur bestimmt genug sagte, würde ein Teil von ihr anfangen an die Frau zu glauben, die es versuchen würde.

„Ich lasse sie nicht an euch ran“, sagte sie noch einmal.

Elliot sah sie an.

Zum ersten Mal lockerte sich etwas in seinem Gesicht.

Kein Vertrauen. Nicht ganz.

Aber der Anfang davon.

Sarah strich ihm über die Haare, dann Suzie. Sie glättete sanft die verhedderten Strähnen.

„Ihr solltet ein bisschen schlafen.“

Elliot versteifte sich.

„Was ist, wenn sie kommen?“

„Dann wecke ich dich“, sagte Sarah. „Und ich bin genau hier.“

Suzies Augen waren bereits schwer.

Elliot kämpfte länger dagegen an. Er starrte in den Raum hinaus, als wäre es seine Pflicht, Wache zu halten. Aber er war acht, oder fast, und über alle Maßen erschöpft. Nach ein paar Minuten kippte sein Kopf gegen Sarahs Arm.

Suzie rollte sich auf ihrer anderen Seite zusammen.

Ihr Atem wurde langsamer.

Sarah hielt sie beide auf dem harten Metallboden. Ihr Rücken an der kalten Wand. Der feuchte Kittel klebte an ihrer Brust. Ihre Handgelenke brannten, ihr Hals war rau.

Hinter den Kisten summte der Raum.

Hinter dem Fenster wartete der Weltraum.

Sie sah auf die beiden Kinder hinab, die sich an sie kuschelten, und versuchte nachzudenken.

Essen.

Wasser.

Ein Weg nach draußen.

Eine Waffe.

Eine Tür.

Es musste eine Tür geben.

Es musste in diesem Ort Regeln geben. Routinen, Muster. Die Kreaturen kamen und gingen. Sie brachten Nadeln. Sie nahmen Proben. Sie brachten sie von einem Raum in einen anderen. Das bedeutete, sie hatten Gründe. Systeme. Fehler, die sie machen könnten.

Sarah drückte ihre Wange gegen Elliots Haar und schloss die Augen.

Sie konnte später zusammenbrechen.

Nicht jetzt.

Nicht, solange Kinder an sie gelehnt schliefen.

Nicht, solange Isobel irgendwo unter all dieser Dunkelheit war und ihre Mutter brauchte.