1 ~ Disrupted
Die Phantomhitze einer großen Handfläche blieb zurück.
Sie umfasste die Stelle zwischen HĂĽfte und Oberschenkel.
Langsam.
Schwer.
Ein besitzergreifender Rhythmus aus Samt und Rauch.
Ein honigwarmes Brennen pulsierte gegen ihre Haut.
Tiefer Bass in der Dunkelheit.
Dann das metallische Schrillen des Weckers.
Die Melodie zerbrach.
Sienna fuhr hoch.
Der Atem blieb in einer trockenen Kehle stecken.
Durstig.
Verdrehte Laken fesselten ihre Oberschenkel, feucht vor SchweiĂź.
Das Verlangen war lokalisiert. Schwer.
Es lieĂź ihre Brust regelrecht schmerzen.
Sie griff blind zur linken Seite der Matratze.
Auf der Suche nach einem Gegengewicht zur plötzlichen Leere in ihrem Brustkorb.
Kaltes Leinen.
Leere. Nichts.
Er war nicht da.
7:00 Uhr.
Der Digitalwecker blutete rot in den Raum.
„Scheiße."
Sie presste die Handballen tief in ihre Augen.
DrĂĽckte die bernsteinfarbenen Bilder zurĂĽck nach unten.
Hinab in die dunklen Ecken des Unterbewusstseins.
Eine Stunde zu spät.
Die PrĂĽfer aus der Regionalniederlassung kreisten bereits im Sydney CBD.
Blickten auf goldene Uhren.
Tippten mit polierten Schuhen auf den Boden.
Blätterten durch Compliance-Akten.
Ihr Team konnte das bewältigen.
Sie hatte Jahre damit verbracht, Mitarbeiter aufzubauen, die nicht einknickten.
Aber als regionale Finanzleiterin lag die endgĂĽltige Freigabe bei ihr.
Sie mochte Kontrolle.
Sie brauchte sie.
Das Einzige, was das Chaos davon abhielt, sich einzuschleichen.
Am Ende des Flurs knallte eine schwere TĂĽr.
Das dumpfe Aufschlagen einer Schultasche auf den Dielen.
Die Zwillinge.
Sienna schleppte sich aus dem Bett.
Ging am Spiegel vorbei, ohne hinzusehen.
Sie musste die mĂĽden Schatten unter ihren Augen nicht sehen.
Seit sieben Jahren liefen die Morgen wie beim Militär.
Reine Routine.
Kalte Dusche. Arbeitskleidung. Haare locker nach hinten in eine Spange gesteckt.
Fertig, bevor die Kinder nach ihren Sportsachen fragen konnten.
FĂĽr die nachhallende Hitze eines Traums war keine Zeit.
Schon gar nicht fĂĽr einen so intensiven.
So nahen.
Sieben Jahre auf den Tag genau.
Der Tag, an dem das Universum ihr Matteo entrissen hatte.
Und sie zurĂĽcklieĂź, um ein sinkendes Schiff zu halten.
Sie schloss die Augen.
LieĂź die Erinnerung an ihren verstorbenen Mann ĂĽber sich hinwegspĂĽlen.
Versuchte, mit seinem sanften Geist den Geschmack des Traums abzuwaschen.
Unter dem eiskalten Wasserstrahl versuchte sie, die PhantomberĂĽhrung von ihrer Haut zu spĂĽlen.
Aber Wasser konnte die Konturen davon nicht abwaschen.
Das Gewicht, das sich an ihren RĂĽcken gepresst hatte, war nicht Matteo gewesen.
Matteo war schlank gewesen.
Seine Berührung war vertraut, sanft – wie ein alter Akustiksong, den sie in ihren Zwanzigern auswendig gelernt hatten.
Der Mann in ihrem Kopf heute Morgen war breiter.
Massiv.
Ein tiefer Bass von einem Mann aus einem anderen Leben.
Ein Schatten aus einer Vergangenheit, die sie nichts anging, wieder auszugraben.
Es fĂĽhlte sich an wie Uni.
RĂĽcksichtslos. Laut.
Viel zu groĂź fĂĽr das stille, abgeschirmte Leben, das sie jetzt fĂĽhrte.
7:45 Uhr.
Der Rollkoffer ĂĽberquerte die Schwelle zum Hauptflur.
Joe saß an der Kücheninsel, eine Tasse Kaffee wärmte seine Hände.
„Du siehst aus wie der Tod auf Latschen, Sie", sagte er, den Blick auf sein Handy geheftet. „Der Flieger geht in – was, zwei Stunden?"
„Anderthalb."
Sie zog den Reißverschluss des Handgepäcks mit einem scharfen Ruck zu.
„Die Zwillinge kennen die Regeln. Keine Partys. Saubere Küche, oder ich kündige die Datentarife."
Joe salutierte lässig mit zwei Fingern.
„Geh zu deinem Firmen-Retreat, Schwesterherz. Lass die Prüfer jemand anderem die Seele rauben."
Sienna antwortete nicht.
Ihre Finger fanden instinktiv den kleinen goldenen Creole in ihrem rechten Ohrläppchen.
Die eingeschmolzenen Ăśberreste ihres Eherings.
Sie drehte das Metall, bis es zwickte.
Bis der scharfe Schmerz sie erdete.
Der Übergang von Sydney nach Surfers Paradise war ein plötzlicher Druckabfall.
KĂĽhle, stressgeladene Hektik wurde durch schwere, salzhaltige Luft ersetzt.
Das Taxi setzte sie am Altitude Solis ab.
Die Sonne sank unter den Horizont.
Verletztes Lila und Bernstein bluteten ĂĽber die Glasfassade des Turms.
Die Lobby roch nach kĂĽnstlichem Jasmin und teurem, kaltem Stein.
„Es tut mir unglaublich leid, Ms Vance."
Die Stimme der Rezeptionistin sank in das tiefe Register, das fĂĽr Firmenkatastrophen reserviert war.
„Ein Fehler bei der Systemmigration. Ihr Executive-Zimmer wurde als Doppelbuchung markiert."
Sienna lehnte sich gegen den Marmortresen.
Die Reise hatte sich direkt in ihrem unteren RĂĽcken festgesetzt.
„Das heißt, ich habe kein Zimmer."
„Das heißt, wir haben Sie auf die Penthouse-Ebene hochgestuft", korrigierte sie schnell und blitzte ein synthetisches Lächeln auf. „Eine Suite mit Doppelbelegung. Sicherheitstüren teilen sie in Suite A und Suite B. Vollkommen privat. Schallisoliert."
„Solange es ein Bett und ein Schloss gibt."
Sienna schob ihre Firmenkreditkarte ĂĽber den Stein.
Die Aufzugfahrt in die oberste Etage war still.
Ein langsamer Aufstieg, der dem gleichmäßigen Pulsieren ihrer Gedanken entsprach.
Die TĂĽren glitten auf.
Ein weites, minimalistisches Foyer, gesäumt von dunklen Holzpaneelen.
Suite B lag links, ihr Schloss dunkel und schlafend.
Sie wandte sich nach rechts.
Zog ihre Karte durch das Schloss von Suite A.
Trat in ihr Refugium.
Die schwere HolztĂĽr fiel mit einem Klicken ins Schloss.
Das Summen des Flurs erstarb.
Sie streifte ihre Lederslipper ab.
Nackte Fersen versanken in einem Teppich, weich wie eine Wolke.
KĂĽhle Bodenfliesen fingen die goldene Nachmittagssonne ein.
Der Raum war atemberaubend.
Klarer Stein. Schwarze Akzente. Tiefe, weiche Texturen.
Aber ihr Blick ging direkt zur raumhohen Glasfront.
Vor ihr öffnete sich die Welt.
Der Pazifik breitete sich unter dem Himmel aus wie ein endloses Tuch aus zerknitterter, glitzernder blauer Seide.
Sie lieĂź den Griff ihres Koffers los.
Die Taschen trafen mit einem leisen Aufprall den Boden.
Das schwere Gewicht von Sydney glitt endlich von ihren Schultern.
Ihre Hände wanderten zum Kragen.
Lösten den steifen Stoff ihrer Firmenrüstung.
Sie schälte sich aus dem maßgeschneiderten Blazer und warf ihn über einen schwarzen Akzentstuhl.
Die feuchte KĂĽstenbrise aus den LĂĽftungsschlitzen traf die klamme Haut ihres Nackens.
Sie seufzte.
Sie wĂĽhlte durch die ordentlich gepackten Reihen von Arbeitskleidung in ihrem Koffer.
Ihre Finger fanden verwaschenen, weichen Denim.
Die steife Leinenhose glitt herunter.
Sofort nahm der vertraute Komfort ihrer liebsten Jeansshorts deren Platz ein.
Sie stand auf und zupfte das lockere weiĂźe Leinenhemd zurecht.
Sie zog es nach unten.
Der Stoff fiel locker und lässig von ihrer rechten Schulter.
Sie fing ihr Spiegelbild in der Glasscheibe auf.
Stoff, der ĂĽber das nackte SchlĂĽsselbein streifte.
Getaucht in das warme, sonnengekĂĽsste Licht der Gold Coast.
Zum ersten Mal an diesem Tag konnte ihre Haut atmen.
Sie packte schnell aus.
Ordentlich. Akkurat.
Sie wollte nicht an die PrĂĽfung denken.
Oder an die Zwillinge.
Oder an den Jahrestag, der schwer auf ihrer Brust lastete.
Sie brauchte etwas zu essen. Einen Drink.
Irgendetwas, um die Geisterbilder des Morgens zu ertränken.
Eine Margarita unten im Restaurant.
Dann wĂĽrde sie wieder hochgehen, die Welt aussperren und schlafen.
Das Restaurant war ĂĽber den Sand hinaus gebaut.
Eine 360-Grad-Glasfront lieĂź die Tische wirken, als schwebten sie ĂĽber der Brandung.
Ăśber ihnen lief ein langsamer Neo-Soul-Track.
Die schwere, synkopierte Basslinie vibrierte direkt in ihrer Brust.
Sie wählte einen kleinen, abgeschiedenen Tisch in der hintersten Ecke.
Versteckt vor dem Geplauder der ersten Konferenzteilnehmer.
Der Stuhl ihr gegenĂĽber war leer.
Ein Tisch fĂĽr vier Personen.
Drei weite Flächen aus poliertem Holz.
Weniger wie Möbel.
Mehr wie ein stummer Vorwurf.
AchtunddreiĂźig.
Die Stimme flĂĽsterte aus der dunklen, stillen Ecke ihres Verstandes.
Dem Ort, an dem sie ihre schlimmsten Impulse unter Verschluss hielt.
Zwei Jahre bis vierzig, Sienna.
Allein sitzend in einem Raum voller Paare.
Sie erstickte den Gedanken. Sofort.
Sie presste das beschlagene, eiskalte Glas der Margarita gegen ihre Wange.
Kühlte die plötzliche Hitze auf ihrer Haut.
Romantik war keine Leerstelle, die sie fĂĽllen wollte.
Es war ein Berg an organisatorischem Aufwand.
Es bedeutete, einen anderen Menschen in ein Haus zu lassen, in dem sie sieben Jahre lang gelernt hatte, nach Matteo allein zurechtzukommen.
Sie nahm einen langsamen, scharfen Schluck.
LieĂź die Limette die ungebetenen Gedanken wegbrennen.
Es ging ihr gut.
Die guten Tage ĂĽberwogen endlich die schlechten.
Aber Verlangen lässt sich nicht mit Vernunft bändigen.
Sieben Jahre selbst auferlegtes Exil hatten nicht das Geringste daran geändert, das körperliche Sehnen zum Schweigen zu bringen.
Die Art, an die kein Sport der Welt herankam.
Dann veränderte sich die Luft um den Tisch.
Die salzige Brise von den Glasschiebetüren wurde plötzlich abgeschnitten.
Von etwas Dichtem. Warmem. Erschreckend Vertrautem.
Es traf zuerst ihren Rachen.
Reiches Zedernholz. Herb und klar.
Geerdet durch das schwere, sĂĽĂźe Harz von rohem Sandelholz und teurem Tabak.
Ihr Herz setzte nicht einfach aus.
Es explodierte gegen ihre Rippen.
Jeder Muskel in ihrem Nacken erstarrte.
Dieser Duft gehörte nicht in ein öffentliches Resort.
Ein intimer Geruch.
Ein Schlafzimmergeruch.
Genau das Parfum, das um sieben Uhr morgens unter ihren Laken gefangen gewesen war.
Ein groĂźer Schatten fiel ĂĽber die Leinentischdecke.
Ohne zu fragen, ohne ein Wort an die Gastgeberin, zog ein Mann den Stuhl am Tisch direkt rechts neben ihr hervor.
Er war massiv.
Aus der Nähe füllte das dunkle Marineblau seines aufgeknöpften Leinensakko ihr gesamtes Blickfeld.
Der edle, teure Stoff spannte ĂĽber der breiten Masse seiner Schultern, als er sich setzte.
Er trug diesen lässigen, küstennahen Luxus mühelos.
Aber da war eine rohe Schwere an ihm.
Sie lieĂź die Luft sofort dichter werden.
Er sah sie nicht an.
Er sah nicht auf die Karte.
Er beugte sich vor.
StĂĽtzte die Ellbogen auf das dunkle Holz.
Hob eine große, schwere Hand und presste die Fingerballen gegen seine Schläfen.
Eine Geste purer, tiefsitzender Erschöpfung.
Wie stilles Wasser verharrte Sienna reglos. Nur das leichte Zittern ihres Atems verriet sie.
Ihr Glas schwebte kaum fĂĽnf Zentimeter ĂĽber dem Tisch.
Aus diesem Winkel konnte sie nur die scharfe Linie seines Profils sehen.
Eine messerscharfe, markante Kieferlinie.
Verdunkelt von einem dichten, gepflegten Bart, durchzogen von Silber.
Mittleres Alter. Gestandener Mann.
Völlig ahnungslos, dass die Frau knapp einen Meter entfernt gerade vergaß, wie man einatmet.
Sie zog ihr Handy aus der Tasche.
Starrte blind auf den dunklen Bildschirm.
Nur um ihren Augen einen Ort zu geben, an dem sie ruhen konnten.
Es funktionierte nicht.
Ihre Haut kribbelte.
Lebendig und elektrisiert von einer erschreckenden, magnetischen Anziehung zu einem Mann, dessen Gesicht sie noch nicht einmal ganz gesehen hatte.
Ganz unauffällig, Sienna. Wirklich unauffällig.
Sie war komplett aus der Ăśbung.
Das langsame, stetige GlĂĽhen von sieben Jahren Frieden zerfiel.
Schmolz dahin unter der schieren Hitze seiner Gegenwart.
Sie kannte seine Arbeit nicht.
Sie kannte seine Geschichte nicht.
Sie wusste nicht, warum er sich von vierzig freien Tischen in diesem riesigen Raum ausgerechnet den direkt neben ihrem ausgesucht hatte.
Die Stille zwischen ihren Tischen dehnte sich.
Dicht. Schwer.
Vibrierend wie ein tiefer Gitarrenton.
Der Mann atmete aus.
Ein langes, raues Geräusch, das die stille Luft zwischen ihnen aufwühlte.
Er ließ die Hände vom Gesicht sinken.
Breite Handflächen lagen flach auf dem dunklen Holz seines Tisches.
Er sah sie immer noch nicht an.
Aber sein Kopf neigte sich leicht.
Sein Profil fing den bernsteinfarbenen Schein der gedämpften Restaurantbeleuchtung ein.
Sein Duft legte sich um sie wie eine körperliche Berührung.
Zog sie zurĂĽck in die samtenen Schatten des Traums, der sie im Morgengrauen aufgerissen hatte.
Ein schwerer Schauer lief ihr ĂĽber den RĂĽcken.
Sammelte sich direkt in diesem tiefen, vertrauten Sehnen.
Ihre Hände zitterten leicht, während sie auf ihr Handy starrte.
Versuchte, ihren rasenden Puls zu beruhigen.
Versuchte, Sauerstoff zurĂĽck in ihre Lungen zu zwingen.
Versuchte, so zu tun, als wäre sie nur eine weitere Konferenzteilnehmerin, die einen ruhigen Drink am Meer genoss.
Aber ihr Körper wusste es besser.
Jede Zelle stand in Alarmbereitschaft.
Erkannte das Gewicht seines Schattens, bevor ihr Verstand die unmögliche Wahrheit auch nur begreifen konnte.
Der zerbrechliche, schöne Frieden ihres geordneten Lebens stand kurz davor zu explodieren.









@LukeMoore I'm exhaling rn. Not going to lie, this was hard, but I worked on this chapter, taking on board your feedback. Lmk what you think :) (Is it weird I feel like you're my writing mentor lol - truly grateful for the help) Cheers
A stronger, better focused opening chapter.
this a good story