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Zwischen Zauber und Wahrheit

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Zusammenfassung

Walpurga, eine einsam lebende Hexe tief im Herzen eines uralten Waldes, hat sich geschworen, niemals Magie zu nutzen, um Liebe zu erzwingen. Doch als sie an einem Vollmondabend am dunklen Waldsee eine geheimnisvolle Gestalt im Wasser verschwinden sieht, beginnt etwas in ihr zu erwachen – Neugier, Zweifel… und ein längst vergessenes Gefühl. Die alten Geschichten ihrer Großmutter lassen sie nicht los: Ein Wassergeist soll im See leben, der Menschen – vor allem Frauen – in die Tiefe lockt, aus der niemand je zurückkehrt. Als Walpurga dem Fremden begegnet, ist nichts so, wie sie erwartet hat. Roderik ist kein Geist, sondern ein Mann mit einer eigenen, schmerzhaften Vergangenheit – ausgestoßen wie sie selbst. Zwischen ihnen wächst langsam Vertrauen, dann Zuneigung… und schließlich eine Nähe, die beide verändert. Aus vorsichtigen Begegnungen wird ein gemeinsames Leben. Aus Misstrauen wird Liebe. Doch der See bleibt. Und mit ihm die Wahrheit. Als Walpurga mit einem alten Zaubertrank in die Tiefen blickt, erkennt sie, dass die Legenden nicht nur Märchen sind: Unter der ruhigen Oberfläche liegen Spuren vergangener Leben – Skelette, verborgen im Dunkel.

Status:
Abgeschlossen
Kapitel:
10
Rating
n/a
Altersfreigabe
16+

Im silbernen Licht des Vollmonds

Der Mond stand rund und schwer am Himmel, als hätte ihn jemand zu dicht über die Welt gehängt. Sein Licht fiel in kalten, bleichen Strahlen durch das dichte Blätterdach des Waldes und ließ die Schatten tanzen wie rastlose Geister. Es war eine Nacht, in der selbst der Wind innehielt, als lausche er auf uralte Geheimnisse, die sich nur im Flüstern der Dunkelheit offenbarten.

Walpurga mochte solche Nächte.

Barfuß glitt sie lautlos über den feuchten Waldboden, als wäre sie Teil der Finsternis selbst. Ihr dunkler Umhang streifte Farn und Moos, während ihre Finger mit geübter Sicherheit nach Pflanzen griffen, die ein ungeübtes Auge nicht einmal bemerken würde. Silberblatt, Mondnessel, Schattenwurz – sie alle gediehen im verborgenen Reich zwischen Licht und Nacht und trugen ihre Kraft besonders dann in sich, wenn der Vollmond sie berührte.

Der Weidenkorb an ihrem Arm war bereits halb gefüllt, doch Walpurga arbeitete weiter, bedächtig, fast ehrfürchtig. Es war nicht bloß das Sammeln von Kräutern – es war eine Zwiesprache mit dem Wald, eine Verbindung, die sie seit vielen Jahren pflegte. Vielleicht seit zu vielen Jahren.

Allein.

Der Gedanke kam nicht plötzlich, sondern kroch wie ein kalter Hauch in ihr Bewusstsein, während sie ein besonders kräftiges Büschel Nachtkraut aus der Erde löste. Sie hielt inne und betrachtete es im Mondlicht. Die Blätter schimmerten fast bläulich, durchzogen von feinen Adern wie das Geflecht eines Lebens, das sich selbst genügte.

So war sie gewesen. Immer.

Walpurga war kein junges Mädchen mehr, aber auch keineswegs alt. Ihre Zeit floss anders als die der Dorfbewohner jenseits des Waldes, die sie ohnehin mieden oder fürchteten. Sie hatte Wissen, Macht – mehr, als die meisten Menschen je ertragen könnten. Mit einem einzigen Zauberspruch könnte sie jemanden an sich binden. Liebe erzwingen. Begierde entfachen. Treue sichern.

Doch wäre es Liebe?

Ihre Lippen verzogen sich leicht, während sie das Kraut sorgfältig in den Korb legte. Nein. Das wäre nichts als ein Trick. Ein schön verpackter Schwindel. Und Walpurga hatte sich geschworen – lange bevor die Einsamkeit begann, ihr ins Herz zu kriechen – dass sie so etwas niemals tun würde.

„Wenn jemand zu mir kommt“, murmelte sie leise, „dann ohne Ketten, ob sichtbar oder nicht.“

Ein leises Geräusch ließ sie innehalten.

Ein Rascheln, kaum mehr als ein Hauch, irgendwo zwischen den Bäumen. Walpurga richtete sich auf und lauschte. Ihre Sinne waren scharf, geschärft durch Jahre der Wachsamkeit. Doch diesmal war es kein Tier, das sich durch das Unterholz bewegte. Es war etwas anderes.

Langsam wandte sie sich dem Waldsee zu.

Der See lag still und schwarz zwischen den Bäumen, als wäre er ein Stück Nacht, das die Erde verschlungen hatte. Sein glatter Spiegel fing das Mondlicht ein und warf es zitternd zurück, doch alles wirkte gedämpft, als würde das Wasser selbst Geheimnisse bewahren.

Und dann sah sie ihn.

Ein Mann.

Er stand am Ufer, nur wenige Schritte vom Wasser entfernt. Sein Körper zeichnete sich im silbrigen Licht in scharfen Linien ab – breit, muskulös, kraftvoll wie der eines Kriegers oder eines Holzfällers. Sein Rücken war ihr zugewandt, doch selbst aus dieser Entfernung spürte sie die schlichte, rohe Präsenz, die von ihm ausging.

Walpurga hielt instinktiv den Atem an.

Seit Jahren hatte sie keinen Fremden mehr so nah an ihrem Gebiet gesehen. Die Menschen mieden diesen Teil des Waldes. Zu dicht, zu alt, zu still – und zu sehr von Geschichten durchzogen, in denen ihr Name oft eine Rolle spielte, wenn auch nicht immer eine freundliche.

Der Mann bewegte sich.

Ohne zu zögern, ohne sich umzusehen, trat er ins Wasser. Kühles Mondlicht funkelte auf seiner Haut, während er Schritt für Schritt in den See hinabstieg. Kein Laut entwich ihm, kein Zögern bremste seine Bewegung. Als das Wasser seine Hüfte erreichte, dann seine Brust, war er immer noch so ruhig wie ein Schatten.

Dann tauchte er ab. Die Oberfläche schloss sich über ihm mit einem leisen, dunklen Laut.

Walpurga wartete. Ein Moment verging. Dann noch einer.

Sie trat näher an den Rand der Bäume, blieb jedoch im Schatten verborgen. Ihre Augen waren auf das Wasser gerichtet, auf die Stelle, an der er verschwunden war. Der See lag reglos da, als wäre nie etwas hineingetreten.

Er musste gleich wieder auftauchen. Menschen konnten nicht lange unter Wasser bleiben. Selbst die stärksten nicht. Und doch ... die Zeit dehnte sich.

Der Mond wanderte kaum merklich weiter am Himmel, und noch immer blieb die Oberfläche unberührt. Keine Welle, kein Blubbern, kein Luftholen. Nichts.

Walpurga spürte, wie ein leiser Unmut in ihr aufstieg, vermischt mit etwas, das sie nicht recht benennen konnte. Unruhe? Neugier? Ein kaum wahrnehmbares Ziehen tief in ihrer Brust?

„Komm schon“, flüsterte sie, mehr zu sich selbst als zu dem Verschwundenen. Doch der See blieb stumm.

Schließlich zwang sie sich, den Blick abzuwenden. Ihr Korb war nun voll, schwer von den Kräutern, die sie noch in dieser Nacht verarbeiten musste, solange ihre Kraft am größten war. Es war töricht, hier länger zu verweilen. Vielleicht war es ein Trick der Dunkelheit gewesen – ein Spiel aus Licht und Schatten, das ihre müden Sinne genarrt hatte.

Oder… etwas anderes.

Noch einmal sah sie zurück. Nichts.

Mit einem leisen Seufzen wandte sie sich endgültig ab und verschwand zwischen den Bäumen, ihr dunkler Umhang verschluckt von der Nacht.

Ihre Hütte lag tief im Wald, verborgen zwischen knorrigen Eichen und wild wuchernden Sträuchern. Rauch stieg träge aus dem Schornstein, als sie die schwere Holztür aufstieß und eintrat. Der Raum war erfüllt vom Duft getrockneter Kräuter, Harz und eines kaum wahrnehmbaren Hauch von Rauch.

Ohne Zeit zu verlieren, begann Walpurga mit ihrer Arbeit.

Sie breitete die frischen Pflanzen auf langen Holzbrettern aus, sortierte sie sorgfältig nach Art und Wirkung. Einige hängte sie in Bündeln an die Deckenbalken, andere legte sie zum Trocknen nahe der Feuerstelle aus. Ihre Bewegungen waren routiniert, fast meditativ.

Und doch war ihr Geist nicht ganz bei der Sache. Immer wieder kehrten ihre Gedanken zum See zurück. Zu dem Mann.

Zu dem Moment, in dem er ins Wasser getreten war – als hätte ihn nichts gehalten, nichts gebremst. Und zu der Stille danach.

Walpurga hielt inne, ein Zweig Mondnessel zwischen ihren Fingern.

„War da überhaupt jemand?“ murmelte sie leise.

Die Frage hing im Raum, schwer und unbeantwortet.

Vielleicht hatte das Mondlicht ihr einen Streich gespielt. Vielleicht hatte die Einsamkeit begonnen, ihr Bilder zu schenken, wo keine waren. Es wäre nicht das erste Mal, dass der Wald Dinge zeigte, die nur halb real waren.

Und doch…

Sie konnte sich noch so sehr bemühen – das Bild dieses Körpers, stark und fremd, blieb klar vor ihrem inneren Auge.

Langsam legte sie die Pflanze beiseite und trat an das kleine Fenster. Draußen lag der Wald ruhig und dunkel, nur vom blassen Schein des Mondes durchzogen.

„Wenn du wirklich da warst…“ flüsterte sie, kaum hörbar, „dann wirst du wieder auftauchen.“

Ob sie es hoffte oder fürchtete, wusste sie selbst nicht.

Doch tief in ihr, leise und hartnäckig, regte sich etwas, das sie lange nicht gespürt hatte. Nicht Zauber oder Macht, sondern die Möglichkeit, dass ihr Leben sich verändern könnte.

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