Der Staub der Erinnerungen
Der Dachboden war ein Friedhof der Familiengeheimnisse, erfüllt vom Geruch alten Papiers, Staub und Zedernholz. Der zwanzigjährige Aster Sinclair saß im Schneidersitz auf dem Boden. Die überlangen Ärmel seines cremefarbenen Pullovers verschluckten seine Hände vollständig, während er gedankenverloren die Seiten eines alten, in Leder gebundenen Albums umblätterte. Er bildete einen ätherischen Kontrast zu der düsteren Umgebung – helle Haut und pechschwarzes Haar, das ihm in die auffallend leuchtend grünen Augen fiel. Er war ein Omega, doch er besaß eine stille, intensive Neugier, die ihn oft an Orte führte, an denen er nicht sein sollte.
Seine Finger hielten ganz hinten im Album inne und blieben an einer losen Naht des Samteinbands hängen. Eine Ecke eines glänzenden, nicht eingeklebten Fotos schaute hervor. Aster runzelte leicht die Stirn, schob seine Finger in die Lücke und zog das Bild heraus.
Der Atem stockte ihm augenblicklich im Hals.
Es war das Bild eines Mannes, aufgenommen vor Jahrzehnten. Der junge Mann auf dem Foto schien genau Asters Alter zu haben – zwanzig Jahre –, doch er besaß eine Ausstrahlung, die vollkommen und erschütternd überwältigend war. Er war unmöglich breit gebaut, mit scharfen, aristokratischen Zügen und einer Kieferpartie, die wie aus Marmor gemeißelt wirkte. Doch es war seine Farbgebung, die Asters Herz einen Schlag aussetzen ließ: Haar in der Farbe von gesponnenem Mondlicht, ein auffälliges Silber, das das Licht einfing, und Augen in einem stechend kalten Grau. Selbst durch den verblassten, körnigen Glanz des zwanzig Jahre alten Abzugs schienen diese grauen Augen direkt in Asters Seele zu blicken und eine mühelose, urzeitliche Dominanz zu behaupten.
„Aster? Schatz, was machst du da oben im Dunkeln?“
Aster zuckte zusammen, und seine grünen Augen weiteten sich, als die Stimme seiner Mutter die Stille durchbrach. Er versuchte, das Foto zurück in das Futter zu schieben, doch Eleanor Sinclair trat bereits in das Licht des Dachbodens. In dem Moment, als ihr Blick auf das alte Foto in seiner Hand fiel, entwich ihr der Atem in einem scharfen, abgehackten Keuchen. Ihre Hand flog zu ihrer Kehle und jede Farbe wich aus ihrem Gesicht.
„Woher hast du das?“, flüsterte Eleanor mit zitternder Stimme. „Gib mir das, Aster.“
„Mom, warte“, sagte Aster und hielt das Foto außer Reichweite, während sein Blick zurück zu dem silberhaarigen Alpha schnellte. Ein seltsamer, magnetischer Sog breitete sich tief in seinem Bauch aus, eine Wärme, die sich jeder Vernunft widersetzte. „Wer ist das? Er ist... er ist wunderschön. Ich habe noch nie jemanden gesehen, der so aussieht.“
Eleanor sank auf eine alte Holztruhe und wirkte, als hätte sie gerade einen Geist gesehen. „Pack es weg, Aster. Du solltest ihn dir nicht ansehen.“
„Aber wer ist er?“, drängte Aster und trat einen Schritt näher, während seine grünen Augen plötzlich intensiv leuchteten. „Er war mit dir zusammen, oder? Auf dem Foto hältst du seine Hand, als wäre... als wäre er deine ganze Welt.“
„Das war er“, gab Eleanor zu. Ihre Stimme brach, als sie auf den Boden starrte. „Eine Zeit lang war er das. Das ist Lucian. Lucian Blackwood.“
„Lucian Blackwood“, wiederholte Aster. Der Name schmeckte schwer auf seiner Zunge, dunkel und berauschend. „Wenn er deine Welt war, warum bist du dann mit Dad verheiratet? Dad ist... nun ja, er ist schlicht. Er ist einfach ein normaler, ruhiger Alpha. Aber dieser Mann...“ Aster fuhr mit dem Finger über den Rand des Fotos und verweilte bei Lucians markanter Kieferpartie. „Dieser Mann sieht aus wie ein König.“
Eleanor riss den Kopf hoch, ihre Augen weit vor plötzlicher, heftiger Panik. „Sag das nicht, Aster! Dein Vater ist ein guter, sicherer Mann. Er hat mir ein friedliches Leben gegeben. Ich habe Lucian verlassen, weil ich musste. Ich bin vor ihm geflohen.“
„Warum sollte jemand vor so jemandem fliehen?“, murmelte Aster, völlig gefesselt von der rohen Kraft, die von dem jugendlichen Bild ausging.
„Weil du nicht verstehst, was er ist“, sagte Eleanor und packte Asters Handgelenk. Ihr Griff war fest und verzweifelt. „Lucian war zwanzig auf diesem Foto, ja. Aber selbst damals war er die buchstäbliche Definition von Gefahr. Er liebt nicht, Aster. Er nimmt sich. Er dominiert. Er wollte kontrollieren, wie ich atmete, welche Kleidung ich trug, welche Gedanken in meinem Kopf waren. Seine Alpha-Pheromone waren so erstickend besitzergreifend, dass ich mich fühlte, als würde ich ertrinken. Wäre ich geblieben, hätte er mich zu einem perfekten, willenlosen Submissive gebrochen. Ich habe mich für die Sicherheit entschieden. Ich habe mich entschieden zu überleben.“
Aster blickte auf die zitternden Hände seiner Mutter und dann zurück zu dem silberhaarigen Mann. Anstatt des Schreckens, den seine Mutter erwartet hatte, jagte ein Schauer durch Asters Wirbelsäule. Seine Omega-Natur, die sonst so ruhig und fügsam war, erwachte zum Leben und schnurrte förmlich bei dem Gedanken an eine solche absolute, erdrückende Dominanz.
„Und wo ist er jetzt?“, fragte Aster mit einer sanften, atemlosen Stimme. „Wie alt wäre er wohl?“
„Er wäre jetzt zweiundvierzig“, sagte Eleanor, während ein sichtbares Zittern durch ihren Körper lief. „Und Gott stehe jedem bei, der heute seinen Weg kreuzt. Wenn er mit zwanzig gefährlich war, ist er heute ein Monster. Er hat das Blackwood-Imperium übernommen, Aster. Er hat Geld, Blut und eine Art von Macht, bei der Regierungen wegsehen. Er ist älter, kälter und absolut unnachgiebig. Versprich mir eins, Aster. Versprich mir, dass du niemals nach seinem Namen suchst. Männer wie Lucian Blackwood zerstören zerbrechliche Dinge wie dich.“
„Ich verspreche es, Mom“, log Aster geschmeidig. Seine Stimme klang sanft und beruhigend, während er ihr das Foto reichte.
Eleanor nahm es mit einem Seufzer der Erleichterung entgegen und steckte es weg, um es später zu vernichten. Dabei entging ihr das dunkle, obsessive Funkeln in den leuchtend grünen Augen ihres Sohnes. Aster stand auf und verließ den Dachboden, doch seine Gedanken blieben in der Dunkelheit gefangen. Zweiundvierzig. Ein reifer, gefestigter Alpha mit silbernem Haar, grauen Augen und einer Seele aus reiner, unverfälschter Gefahr. Als Aster die Treppe hinunterging, schlug sein Herz in einem hektischen, sehnsüchtigen Rhythmus gegen seine Rippen. Seine Mutter war vor der Bestie geflohen, doch Aster spürte es in jeder Faser seines Körpers: Sollte er Lucian Blackwood jemals begegnen, würde er nicht wegrennen. Er würde direkt in den Käfig spazieren.








