Kapitel 1
Ich hatte Rachel kennengelernt, da war ich fünf Jahre alt gewesen. Natürlich erinnerte ich mich nicht mehr im Detail daran, aber unsere Mütter waren nie müde geworden immer und immer wieder von diesem schicksaalhaften, ersten Aufeinandertreffen zu erzählen. Es war in der Vorschule gewesen und ich hatte mit ein paar anderen Kindern in der Pause in der Puppenküche gespielt. Auch Rachel war dabei gewesen. Sie hatte mir das Geschirrtuch, mit dem ich gerade Plastikgeschirr abtrocknen wollte weggenommen und ich hatte sie dafür in den Arm gebissen. Unsere Mütter waren daraufhin in das Büro der Leitung bestellt worden. Meine Mutter meinte immer, ihr wäre vor dem Treffen mit Angelica, Rachels Mutter, Angst und Bange gewesen. Angelica hatte den Ruf der knallharten Geschäftsfrau, trug immer Hosenanzüge oder schicke Etuikleider sowie einen kühlen Blick, der jeden im Boden versinken ließ. Die Coopers waren mehr als nur reich und bekannt im Immobiliengeschäft. Angelica lachte immer über die Beschreibung meiner Mutter. Die Leiterin war weiter und weiter in ihrem Stuhl versunken, während sie den beiden Müttern von dem Vorfall erzählt hatte und Angelicas eisblaue Augen kühl auf ihr gelegen hatten. Wahrscheinlich hatte sie sich in Gedanken schon ausgemalt, wie Angelica sie wegen Verletzung der Aufsichtspflicht in Grund und Boden verklagte. Als sie geendet hatte, war es totenstill im Raum geworden, bis meine Mutter angefangen hatte eine Entschuldigung zu plappern und sich dabei mehrfach verhaspelt hatte. Sie sagte sie könne sich mein Verhalten nicht erklären, würde mit mir darüber sprechen und so etwas würde niemals wieder passieren, bis Angelica anfing zu lachen. Meine Mutter hatte sie stirnrunzelnd angeschaut und Angelica hatte nur gemeint, dass Eliot seine große Schwester mindestens dreimal in der Woche beißen würde und sie prinzipiell auch nichts dagegen habe, wenn Rachel lernen würde, dass man nicht die Sachen anderen stehlen darf – vorzugsweise jedoch gewaltfrei. Ihre Lösung des Streits zwischen Rachel und mir war gewesen, meine Mom und mich zu sich nach Hause einzuladen. Und so hatte alles angefangen. Rachel und ich, die im weitläufigen Garten oder Pool der Coopers spielten und unsere Mütter, die es sich mit fruchtigen Cocktails auf Liegen in der Sonne gemütlich gemacht hatten. Und diese Art der Streitschlichtung hatte funktioniert. Seit jenem Tag waren Rachel und ich beste Freundinnen gewesen. Mit sechs Jahren waren wir gemeinsam an Halloween, verkleidet als Froschkönigin und Frosch – ich hatte der Frosch sein wollen -, mit unseren Moms durch die Straßen gezogen. Alle waren verwirrt gewesen, Angelica im Kontext von Süßes oder Saures zu sehen, solche Angelegenheiten hatte vorher Roberta, die Hausangestellte der Coopers erledigt. Angelica hatte immer gesagt, sie habe von meiner Mom viel gelernt, was die praktischen Dinge des Lebens anging und meine Mutter hatte gemeint, sie habe von Angelicas Attitude einiges aufgeschnappt, dass ihr weitergeholfen habe. Und auch ich konnte das sehen, als ich älter wurde. Nach der Trennung von meinem Vater hatte meine Mutter sich eine Weile zurückgezogen gehabt, nicht vor mir oder anderen Menschen, sondern irgendwie vor sich selbst. Durch Angelica hatte sie mehr Selbstbewusstsein erlangt und sich letztendlich doch getraut den Schritt zu gehen, ihren Job im Supermarkt an den Nagel zu hängen und sich als Künstlerin selbstständig zu machen. Vor allem mit den Verbindungen zu Angelica und ihren wohlhabenden Freunden, hatten die Werke meiner Mutter viele Abnehmer gefunden. Rachel und ich waren von Schulbeginn an immer gemeinsam in eine Klasse gegangen und wenn ihre Eltern nicht in der Stadt waren, hatte sie bei uns übernachtet. Manchmal war auch Eliot mitgekommen, aber wir hatten ihn oft als lebensgroße Puppe eingekleidet und dann war er doch lieber mit Roberta Zuhause geblieben. Und als wir älter wurden, wuchs unsere Freundschaft mit uns. Sie verwandelte sich von kindlich-selbstverständlich in eine tiefe Verbundenheit die sich eigentlich nicht beschreiben lässt. Wir hatten unseren ersten Streit als wir in der dritten Klasse beide verliebt in Dennis Crowley waren, der uns aber beiden einen Korb gab und dann mit Vanessa Smith in der Pause Händchen hielt. Rachel war für mich da, als mein Vater seine neue Freundin heiratete und nach Washington zog. Ich war für Rachel da, als sie in der neunten Klasse doch mit Dennis Crowley zusammen kam und die Beziehung zu einem ewigen hin und her wurde. Wir teilten einfach alles. Rachels Sorgen, weil ihre Eltern ständig auf Geschäftsreise waren und dass auch noch an unterschiedlichen Orten, meine Selbstzweifel, weil mir einfach kein Busen wachsen wollte und noch viel mehr. Für diese Gelegenheiten hatten wir schon früh ein Ritual entwickelt – bergeweise Schokoladeneis mit Sahne. Als wir älter wurden, war noch etwas Cremelikör heimlich darauf gekommen. Wir gingen gemeinsam auf Partys, trafen unsere Freundinnen in der Stadt, quatschten über Jungs und veranstalteten Übernachtungspartys. Ich hielt ihre Haare, als sie sich zum ersten Mal wegen Alkohol übergeben musste und sie zupfte mir die Augenbrauen, wobei ich so laut schrie, dass meine Mutter keuchend in mein Zimmer gerannt kam. Sie erzählte mir nachts, als ich bei ihr übernachtete im Flüsterton, wie verliebt sie in Andrew Tanner war, obwohl der für sie absolut Tabu war. Schließlich war es der Sohn eines der größten Konkurrenten ihrer Familie und ich leistete einen Kleiner-Finger-Schwur, dass ich niemals jemandem davon erzählen würde und ihr gleichzeitig helfen würde, mit ihm zusammen zu kommen. Ich gab ihr ein Alibi, damit sie sich mit Andrew heimlich nachts treffen konnte. Wir bewarben uns gemeinsam in Berkeley, auch wenn ihre Eltern Rachel lieber in Yale gesehen hätten. Wir machten gemeinsam unseren Abschluss und wurden in Berkeley angenommen. Und dann war sie plötzlich weg.








