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Die letzte Sünde des Dämonenkönigs

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Zusammenfassung

Envy ist die letzte der sieben Sünden – und nun die persönliche Trophäe des Dämonenkönigs. Nachdem sein Aufstand gescheitert ist, hält Ciel ihn in goldener Isolation gefangen. Was als Spiel aus Unterdrückung und brennendem Hass beginnt, entwickelt sich zu einem gefährlichen Tanz: Denn solange Envy atmet, ist der Dämonenkönig unsterblich – und ein Gefangener seines eigenen Schicksals.“Zwischen dem König und seiner widerspenstigsten Sünde keimt eine dunkle Vision: Gemeinsam wollen sie die Trümmer der Dämonenwelt aus der Asche neu errichten. Ein Pakt aus Zorn, Leidenschaft und Macht.

Genre:
Fantasy
Autor:
Martina
Status:
In Arbeit
Kapitel:
3
Rating
n/a
Altersfreigabe
18+

Kapitel 1: Das Schweigen der Sünden


Ich hatte erwartet, dass die Welt bebt, wenn ich gehe. Ich hatte erwartet, dass Pride die Jagd eröffnet, dass Lust sich spöttisch an ihn drückt, während er meine „Unverschämtheit“ bestraft, und dass der Dämonenkönig selbst aus seinem Thronsaal stürmen würde, um den kleinen Verräter einzufangen, der plötzlich den Dienst quittierte. Ich hatte mit einem Sturm gerechnet, mit dem Zerreißen des Gefüges, mit Zorn, der den Himmel verdunkelt.

Doch als ich das Schloss verließ, war es… still.

Ich stand in den dunklen, in Obsidian getauchten Korridoren, das Siegel-Mal auf meiner Brust glühte unruhig, ein schmerzhaftes Pochen, als würde es auf einen Befehl warten, der einfach nicht kam. Ich hatte das Zimmer verlassen, die Kette gegen die Wand geschleudert – das Klirren war in der Stille so ohrenbetäubend laut gewesen, dass ich zusammenzuckte und instinktiv den Atem anhielt. Doch nach draußen war kein Echo gedrungen. Niemand war mir gefolgt. Kein Alarm, keine Wachen, kein königlicher Zorn.

Aus dem Thronsaal drang noch immer das raue Lachen des Dämonenkönigs. Es war ein tiefes, souveränes Grollen. Er lachte über einen Witz von Gluttony, unterbrochen vom geschmeidigen, fast schon gelangweilten Schnurren von Lust, die sich an ihn schmiegte. Pride donnerte mit seiner schweren, gepanzerten Faust gegen die Lehne des Throns, ein Zeichen unerschütterlicher Treue.

Sie waren alle da. Alle sechs. Die Macht im Saal war so dicht, so berauschend und absolut, dass sie wie flüssiges Pech durch die Gänge floss. Sie brauchten mich nicht. Sie brauchten den „Energy Drink“ Envy nicht, solange die anderen Sünden sich an ihm labten. Sie waren ein geschlossener Kreis, eine Perfektion aus Zerstörung und Verderben, in der mein Platz ohnehin nur der des nützlichen Werkzeugs gewesen war.

*Ich bin so bedeutungslos, dass er nicht einmal merkt, wenn ich gehe.*

Die bittere Galle stieg mir die Kehle hoch. Ich hatte geglaubt, ich wäre eine Bedrohung, ein Stolperstein für sein Imperium, ein rebellischer Geist, den man unterdrücken musste. Dabei war ich für ihn nur ein Hintergrundgeräusch gewesen, eine lästige Konstante, die nun einfach verstummt war. Die Erkenntnis traf mich härter als jeder Schlag von Pride es je getan hätte. Ich wollte schreien. Ich wollte zurückgehen, die Tür eintreten, ihn packen, ihn zwingen, mich anzusehen – nicht als Teil seiner Macht, sondern als jemanden, der ihn hasste. Nur damit er mich wahrnahm.

Doch mein Stolz hielt mich zurück. Er war wie ein kalter Stein in meiner Magengrube. Ich drehte mich um und ging. Schritt für Schritt, erst langsam, dann immer schneller, als würde die Stille des Schlosses hinter mir in Verfolgungswahn umschlagen. Ich rannte, bis ich die Schwelle der Dämonenwelt hinter mir ließ und in das zerklüftete Niemandsland zwischen den Dimensionen trat.

Als ich in der kühlen, fremden Luft der Menschenwelt ankam, zitterte ich. Nicht vor Kälte, sondern vor einer ganz neuen, bodenlosen Art von Einsamkeit. Ich hatte mein Siegel abgelegt – jedenfalls die Fassade davon – und die Welt hatte nicht einmal geblinzelt. Ich war weg. Und für ihn war ich bereits vergessen.

Die Stille des Waldes, in dem ich schließlich landete, war das Erste, was ich wirklich hörte. Hier gab es kein Flüstern der anderen Sünden, kein hämisches Lachen des Königs. Hier war nur ich. Ich atmete tief ein, und für einen Moment fühlte es sich an, als würde ich zum ersten Mal seit Ewigkeiten nicht mehr in einer Rüstung aus Lügen stecken. Ich ließ die Fassade fallen. Die Maske, die ich mir jahrelang mit purer Willenskraft aufgesetzt hatte, zerbröckelte wie vertrockneter Lehm unter dem Regen.

Ich ließ meine Magie fließen, nicht um zu siegeln oder um Macht zu kanalisieren, sondern um zu sein.

Die Veränderung war wie ein Erwachen. Meine Haare, die ich sonst kurz und diszipliniert getragen hatte, wie es einem treuen Diener geziemte, wuchsen. Es war kein langsamer Prozess, sondern ein Ruck, ein Entfalten. Ein dunkler, samtiger Strom ergoss sich über meine Schultern, schwarz wie der Abgrund, tief und schwer. Ein Vorhang, hinter dem ich mich hätte verstecken können, wenn ich gewollt hätte. Ich spürte, wie sich meine Knochen neu ausrichteten. Ich war kein muskulöser Krieger mehr, kein künstliches Abziehbild von Prides Dominanz. Meine Statur wurde feiner, eine Mischung aus der harten, geschmeidigen Kraft eines Kämpfers und der androgynen Eleganz, die bisher unter der Last der Sünden vergraben gewesen war.

Ich blieb an einem Bachlauf stehen, dessen Wasser im bleichen Mondlicht wie flüssiges Silber glänzte. Ich beugte mich vor. Meine Augen – diese verfluchten, roten Augen – starrten mir entgegen. Sie waren nicht mehr das glühende, verräterische Warnsignal eines Dämons. Sie wirkten menschlicher, gefährlicher, ein tiefer Glanz, der die Welt aus einer anderen Perspektive sah.

*„Versager“*, flüsterte eine Stimme in meinem Kopf, die so klang wie Pride.

*„Unzureichend“*, höhnte Lust in einer Erinnerung, die in meinem Gedächtnis verblasste.

„Halt die Klappe“, zischte ich mein Spiegelbild an. Meine Stimme war weicher, melodischer, aber sie trug die Schärfe eines geschliffenen Messers. Ich sah mich an – wirklich an. Ich war nicht muskulös genug, nicht dominant genug, nicht „Sünde“ genug. Ich war ein Fehler im System. Aber zum ersten Mal seit Ewigkeiten fühlte ich keine Eifersucht auf die anderen. Ich fühlte nur eine kalte, bittere Freiheit. Wenn ich ein Versager in den Augen des Dämonenkönigs war, dann war das der größte Erfolg meines Lebens.

Ich wusch mir den Schmutz der Dämonenwelt aus dem Gesicht, die letzten Reste der Asche und des Obsidians, und stand auf. Ich war vielleicht ein Niemand, aber ich war mein eigener Niemand.

Die Stadt, die ich nach Tagen der Wanderschaft erreichte, roch nach einer Mischung aus Schweiß, billigem Bier und der brodelnden, ehrlichen Eifersucht der Menschen. Sie stritten um Brot, um Liebe, um Anerkennung – ihre Wünsche waren so klein, dass sie fast schon wieder herzerwärmend wirkten. Sie trugen ihre Neide wie ein Parfüm, das nur ich riechen konnte, und hier, zwischen all den unerfüllten Träumen, war ich plötzlich… unsichtbar.

Ich zog meinen Umhang tiefer ins Gesicht. Meine schwarzen Haare fielen mir wie ein Schutzwall über die Schultern. Ich sah aus wie einer der vielen Söldner, ein unsteter Wanderer, der keine Fragen stellte. Mein Körper mochte sich verändert haben, er mochte sich „falsch“ anfühlen für einen Dämon, aber der Instinkt zu töten und zu überleben, steckte in meinen Knochen wie das Mark in meinen Gliedern.

Die Taverne „Zum rostigen Dolch“ roch nach abgestandenem Fett. Als ich eintrat, verstummte das Gelächter. Ein paar Gäste blickten auf, musterten meine androgyne Gestalt, das fremdartige Rot meiner Augen. Ich spürte, wie sich im Schatten eines Tisches Neid regte – ein betrunkener Söldner, der mein Aussehen mit einer Mischung aus Abscheu und begehrlichem Hass betrachtete. Er wollte das haben, was ich war, oder er wollte mich vernichten, weil er mich nicht verstand. Ich saugte diesen Neid unbewusst ein. Es war wie ein kleiner, schmutziger Happen Nahrung, der mich für einen Moment stabilisierte, ohne dass ich mich jemandem unterwerfen musste.

Ich ging zum Tresen. Der Wirt war ein bulliger Kerl mit einer Narbe über der Nase, der mich mit offenem Mund anstarrte.

„Ein Zimmer. Und Arbeit“, sagte ich.

Ich war kein Siegel mehr. Ich war kein Energy-Drink für einen arroganten Gott. Ich war ein Wanderer mit einer Klinge an der Hüfte und einem Blick, der zu viel gesehen hatte. Es war mies. Es war absolut deprimierend, in dieser sterblichen Welt zu versauern. Aber als ich mich auf einen Hocker setzte und den sauren Wein vor mir betrachtete, spürte ich zum ersten Mal seit Jahrhunderten keinen Schmerz in meiner Brust.

Ich war allein. Und zum ersten Mal fühlte sich Alleinsein nicht wie ein Gefängnis an, sondern wie eine Chance. Das war der Anfang meines neuen Lebens. Und wenn der Dämonenkönig mich vergessen hatte, dann würde ich ihm beweisen, dass die Welt auch ohne ihn weiterdrehte – selbst für einen Versager wie mich.


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