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Die Wolfspfote 1

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Zusammenfassung

Am Rand des Waldes finden Dorfbewohner einen Säugling - am rechten Arm des Mädchens wächst statt einer Hand eine Wolfspfote. Jahre später: zur jungen Frau herangewachsen, muss Deidre, das Findelkind von einst, in die Wälder fliehen - gejagt von einem rätselhaften Orden, der in ihr die Inkarnation des Bösen sieht. Gequält von einer Vision, die ihren eigenen Tod vorhersagt, macht sie sich auf, das Rätsel ihrer Herkunft zu lösen.

Status:
Abgeschlossen
Kapitel:
35
Rating
5.0 1 Bewertung
Altersfreigabe
16+

Prolog - Wolfsnacht

Den Wolf erkennt man nicht an seinen Zähnen, sondern an seinem Biss.

Sprichwort

Heftige Schneeböen drückten gegen die hölzerne Wand des Rundhauses, als wollten Wind und Frost ihre gemeinsame Macht unter Beweis stellen. Die mit Stroh und Lehm nur notdürftig abgedichteten Palisaden trotzten dem Ansturm des Winters nur mühsam. Immer wieder bahnte sich ein eisiger Luftzug seinen Weg und ließ Kairna erschauern. Wie mochte es erst ihrem Mann draußen in den Wäldern ergehen?

Gut vierzig Dorfbewohner hatten im Rundhaus Schutz gefunden. Kairna versuchte, etwas näher an das Feuer zu rücken, das in der Mitte des Raumes prasselte und die Luft mit stickigem Rauch erfüllte.

„Sie werden noch kommen, das spüre ich.“ Die alte Srai legte ihre Hand auf Kairnas Schulter.

„Sie sind nun schon seit Stunden fort.“ Kairna sprach mehr zu sich selbst. Sie blickte noch einmal herüber zur schweren Eingangstür, an der die beiden Druiden mit Ziegenblut Schutzrunen aufbrachten.

„Bei diesem Unwetter kann sich nicht mal ein verdammter Schneehase einigermaßen fortbewegen“, sagte die alte Frau beruhigend. „Die beiden sind die besten Jäger, die wir haben, da werden sich die paar räudigen Wölfe umsehen.“

„Die Wölfe sind seit elf Wintern nicht in die Nähe der Dörfer gekommen.“ Kairna starrte in die Flammen. „Sie müssen völlig ausgehungert sein.“

„Da ist genug Vieh, das sie schlagen könnten, Mädchen.“ Srai rieb behutsam Kairnas Schultern. „Sie wären wahrlich verrückt, sich mit deinem Mann und Önskar dem Schmied anzulegen.“

„Wenn jemand verrückt ist, dann die beiden.“ Der kräftige, grauhaarige Hirte, der neben der Alten am Feuer kauerte, hatte den Kopf erhoben. „Das sind nicht einfach nur Wölfe. Sie kommen direkt von den dunklen Göttern.“

„Rede keinen Unsinn, Ghabold.“ Srai hatte anscheinend die Angst in Kairnas Augen bemerkt. „Es ist nichts Ungewöhnliches an diesen stinkenden Dreckshunden. Sie haben Hunger, sicher. Das haben wir auch in diesem verfluchten Winter.“

„Hast nicht die Kunde aus dem Osten gehört, wie?“, murmelte der Hirte unwirsch. „Ganze Rudel ziehen durch die Berge, plündern die Karawanen. Selbst in die Dörfer fallen sie ein. Sag mir, dass das normal ist. In den Augen der Bestien spiegelt sich das Schwarz des Todes wieder, sagt man.“

„Dummes Geschwätz“. Die Alte winkte verächtlich ab. Ghabold setzte zu einer weiteren Bemerkung an, als es plötzlich laut an der Tür hämmerte. Die Druiden schoben eilig den schweren Holzriegel beiseite und ließen die beiden Jäger eintreten. Selbst die dicken Bärenfellmäntel hatten die Männer offenbar nicht vor der grausamen Kälte schützen können, denn sie zitterten am ganzen Körper. Von ihren Bärten hingen kleine Eiszapfen herab und ihre Lippen waren blau angelaufen. Die Leinentücher, mit denen sie ihre Hände umwickelt hatten, waren an den Griffen ihrer Waffen festgefroren.

„Jeborn!“ Kairna sprang erleichtert auf und eilte ihrem Mann entgegen. Jeborn schlug vorsichtig seinen Mantel zurück, während sein Begleiter die schwere Bronzeaxt an die Wand stellte.

„Was hast du da?“ Verwundert starrte Kairna auf das zappelnde, in Lumpen gehüllte Bündel, das Jeborn unter seinem Mantel hervorzog.

„Ein Kind“, antwortete er knapp. „Die Wölfe hatten es bei sich. Sie haben uns zu ihm geführt.“

Ein Raunen ging durch die Menge. Die der Tür am nächsten stehenden drängten sich ungläubig um das Kind, das vor Kälte nicht mal ein Wimmern über die Lippen brachte. Jemand schrie nach einer trockenen Decke, um das Kind einzuwickeln.

„Los, ihr lahmen Esel, bringt es endlich ans Feuer“, keifte Srai. „Es muss aus den verdammten nassen Lumpen raus, bevor es sich den Tod holt.“

„Vielleicht wär’s das Beste.“ Der Hirte Ghabold hatte sich nach vorne gedrängt und stellte sich Srai in den Weg. „Wisst Ihr, was es mit dem Kind auf sich hat? Ich weiß nur eins - dass es von den Wölfen kommt, hat nichts Gutes zu bedeuten. Was, wenn es ein Wechselbalg ist? Ein Dämon in Menschengestalt? Man hat schließlich von solchen Dingen gehört...“

Einige der Umstehenden redeten wütend auf den Rufer ein, aber viele andere murrten zustimmend.

„Es ist nur ein Kind“, sagte Jeborn mit fester Stimme. „Ich werde es bei mir aufnehmen.“

„Die Ältesten müssen das entscheiden. Was mit dem Kind geschieht.“ Ghabold baute sich drohend vor Jeborn auf. „Das ist Gesetz.“ Nur das Pfeifen des Sturms durchbrach noch die eisige Stille, die sich im Rundhaus ausbreitete.

„Ich habe es gefunden, ich werde es behalten“, antwortete Jeborn mit fester Stimme. „Auch das sagt das Gesetz.“ Önskar hatte wieder seine Bronzeaxt ergriffen und stellte sich breitbeinig in die Tür. Sein Blick ließ keinen Zweifel daran, dass er die Waffe gebrauchen würde. Kairna sah Jeborn überrascht an. Zwar hatten sie sich seit Langem vergeblich ein Kind gewünscht, aber sie hatte zumindest erwartet, dass er ihre Zustimmung einholen würde. Es war ein harter Winter, sie hatten für sich selbst wenig genug zu essen. Warum zog er den Zorn der Gemeinschaft auf sich, anstatt den Rat entscheiden zu lassen?

„Jeborn, sollen wir nicht erst ... ich meine es ist eine weit reichende Entscheidung ...“

„Nicht jetzt, bitte.“ Jeborn sah seine Frau mit einem dringlichen, fast flehenden Blick an. „Wir klären das später. Bitte ...“

Kairna schwieg. Sie kannte diesen Blick, sie wusste, dass etwas nicht stimmte.

„Wir gehen jetzt zurück in unsere Hütte“, wandte sich Jeborn an die Versammlung. „Das Kind braucht trockene Kleidung.“

„Ach was, wir haben trockene Tücher hier“, meldete sich Srai wieder. „Hört nicht auf diese abergläubischen Bauern. Ihr könnt bei diesem verdammten Schneesturm nicht hinaus.“

„Sie hat Recht, die Wölfe werden euch holen.“ Heskar, einer der Druiden, hatte sich durch die Menge gedrängt. „Bis zum Morgen können wir in Ruhe beraten, was mit dem Kind geschehen wird. In Einklang mit unseren Gesetzten. Wir werden die Runen befragen, sie werden den Weg weisen ...“

„Die Wölfe sind weiter gezogen.“ Jeborn wich dem Blick des Druiden aus. „Ich danke euch sehr, aber wir würden jetzt gerne in unsere Hütte zurückkehren. Kairna, lass uns gehen.“

Er nickte Önskar zu, der die schwere Holztür öffnete, in der anderen Hand die Axt. Niemand versuchte, sie aufzuhalten. Kairna murmelte peinlich berührt einen kurzen Abschiedsgruß in die Menge. Dann folgte sie Jeborn, der immer noch das Kind trug, in die Kälte. Wütendes Getuschel begleitete sie. Der Wind schlug die Tür des Rundhauses hinter ihr zu, eine eisige Schneeböe peitschte ihr ins Gesicht und vertrieb das letzte Gefühl von Geborgenheit, das ihr die Gemeinschaft der anderen gegeben hatte.

„Was um alles in der Welt ist in dich gefahren?“, schrie sie Jeborn gegen den Sturm hinterher. „Warum stößt du die anderen so vor den Kopf? Was haben sie dir getan?“

„Es geht nicht darum, was sie mir getan haben, sondern darum, was sie diesem Kind antun werden.“

„Das Gerede von dem Wechselbalg? Das ist doch nur dummes Geschwätz. Sie hätten dem Kind schon nichts getan.“

„Warte, bis du es gesehen hast.“ Jeborn stapfte unbeirrt weiter durch den Schnee. Kairna versuchte durch die fallenden Schneeflocken einen Blick auf das sich schwach windende Bündel zu erhaschen, das Jeborn fest umklammert hielt, als könne er es auf diese Weise den Krallen des Frostes entreißen.

Das Dorf lag im eisigen Schlaf, nur aus der Hütte der Wachen am Dorftor stieg weißer Rauch auf, der sich gegen die dunklen Schneewolken abhob.

Jeder vernünftige Mensch ist im Rundhaus, anstatt kostbares Feuerholz im aussichtslosen Kampf gegen diesen Sturm zu vergeuden, dachte Kairna bitter.

Endlich erreichten sie die Hütte, die wie ein verendendes Tier unter den Schneemassen ächzte. Im Inneren war es nicht viel Wärmer als draußen, doch boten waren sie wenigstens geschützt vor Wind und Schnee. Kairna ging zum Kamin und zündete eine kleine Pechfackel an, während Jeborn das Kind auf das Stroh in der Mitte des Raumes legte. Die Glut des Feuers war längst heruntergebrannt.

„Hol eine Decke, es ist ganz durchgefroren“, rief Jeborn. „Ich werde es schon mal auswickeln.“

Kairna öffnete die Wäschetruhe und fand eine halbwegs saubere Wolldecke.

Sie blickte auf das Kind, das nun nackt im Schein der Fackel auf dem Lumpenbündel lag und strampelte. Ihr Atem stockte.

„Verstehst du nun, was ich meine?“, fragte Jeborn.

„Ja, ich verstehe ...“

“Das darf niemals unter gar keinen Umständen jemand erfahren, hörst du?“

Kairna konnte ihren entsetzten Blick nicht von dem Kind abwenden. Es war ein Mädchen, und an seinem rechten Arm wuchs keine menschliche Hand, sondern eine behaarte Wolfsklaue.

Sie nickte stumm. Das Kind schrie vor Hunger und Kälte.

„Wir können es Deidre nennen“, sagte sie. „Das ist ein schöner Name.“

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