Kapitel 1: Zwischen zwei Welten
Am Nachmittag zeigte sich Las Vegas frei von Neonlicht und Glamour. Genau diese nackte Ehrlichkeit liebte Mei an dieser Stunde . Die Wüstensonne brannte alles Grelle weg und ließ nur die Konturen übrig, die Dächer der Casinos, die reglosen Palmen, das matte Band des Strips in der Ferne. Sie stand am Fenster ihrer Suite im Meridian, die Stirn fast am warmen Glas, und unter ihrer Haut lag ein tiefer, ruhiger Puls von Vorfreude. In achtzehn Minuten begann ihre Session.
Seit fünf Tagen lief in diesem Hotel Dominion Matches, ein diskretes Spiel für Eingeweihte, das dominante Frauen mit Männern zusammenbrachte, die sich nach Führung sehnten. Mei gehörte zu diesen Frauen. Sie hatte den Markt hinter sich, die Cocktailabende, die ersten Prüfungen, und an diesem Nachmittag wartete eine private Stunde, neunzig Minuten allein mit einem einzigen Sub, um zu sehen, ob aus Neugier etwas Dauerhaftes werden konnte. Zu Hause in Seattle las sie als Finanzanalystin Bilanzen, hier las sie Menschen, und sie war in beidem gut.
Sie war seit Stunden vorbereitet, und Vorbereitung fühlte sich bei ihr nie nach Pflicht an, sondern nach Genuss. Das smaragdgrüne Lederkleid schmiegte sich wie eine zweite Haut an ihren Körper, die Rückenschnürung saß auf den Millimeter genau, während das Material bei jeder Bewegung an Hüfte und Taille leise knirschte. Gegen ihr schwarzes Haar und die helle Haut wirkte das tiefe Grün beinahe ungehörig schön. Die hochgesteckten Haare spannten ein wenig im Nacken, die schwarz lackierten Nägel waren seit dem Morgen trocken. Diese Ordnung war kein Zwang, sondern das Vergnügen, das immer vorausging.
Im dunklen Fensterglas fing sich ihr Spiegelbild, und sie musterte es so prüfend wie alles andere. Eine kleine, durchtrainierte Frau Mitte dreißig sah zurück, kaum einssechzig, der Körper sehnig und stark wie der einer Langstreckenläuferin, mit mandelförmigen Augen, die unter dem strengen Haarknoten noch dunkler wirkten. Ihre Züge waren fein und ein wenig zu scharf, um harmlos zu sein, auch wenn Männer dieses Gesicht gern unterschätzten und meist zu spät merkten, worauf sie sich eingelassen hatten. Mei hatte vor Jahren aufgehört, sie zu warnen.
Wieder musste sie an Andrew denken, obwohl sie sich das verboten hatte. Anscheinend gehorchte ihr jeder, nur sie selbst nicht. Der große Südafrikaner mit den grünen Augen hatte ihrem Blick standgehalten, ohne sich aufzuplustern und ohne zu kuschen, was seltener war als die meisten annahmen. Andrew hatte sie einfach angesehen, ruhig und neugierig, und etwas tief in ihr hatte darauf reagiert, leise, aber unverkennbar. Nur noch achtzehn Minuten warten, bis sie die Gelegenheit hatte, ihn ausgiebig zu prüfen. Zu sehen, wie weit sie mit ihm gehen konnte und wann er den Punkt erreichte, sie vollkommen zu akzeptieren.
Das Handy auf dem Nachttisch summte. Der Name ihrer Mutter stand auf dem Display, und der warme Puls unter Meis Haut war mit einem Schlag erloschen. Ihre Mutter rief nicht tagsüber an, wenn Mei unterwegs war. In zwanzig Jahren hatte sie es zweimal getan, und beide Male hatte danach etwas in ihrem Leben gebrannt.
„Mama, atme erst einmal. Sag es mir ganz langsam.”
Die Stimme ihrer Mutter zersprang an jedem zweiten Wort. „Es ist Jian. Ein Unfall, mit dem Auto, hier in Seattle. Sie haben ihn ins Krankenhaus gebracht, und keiner sagt mir, wie schlimm es ist.”
„Wo bist du in diesem Moment?”
„Im Wartebereich. Zu ihm lassen sie mich noch nicht.”
„Dann trink einen Schluck Wasser und setz dich. Ich nehme die nächste Maschine und bin bei dir, bevor du es merkst.”
Sie legte auf und blieb einen Atemzug lang reglos stehen, das Telefon in der Hand, die Augen feucht, ohne dass eine Träne fiel. Dann öffnete sie die App und buchte die Maschine um 16:40 Uhr nach Seattle. Sie verglich nichts und überlegte nicht, weil Überlegen jetzt nur Zeit gekostet hätte, die Jian vielleicht nicht hatte.
Sie schälte sich aus dem Leder, und die kühle Zimmerluft auf ihrer Haut fühlte sich an, als käme eine andere Frau wieder zum Vorschein. Schnell schlüpfte sie in Jeans und einen weichen Pullover und faltete das Lederkleid in den Koffer, zu allem, was dieser Abend nicht mehr brauchte. Das Spielzeug wanderte in die Kabinentasche, die Augenbinde zuoberst, weil ihre Hände ihrem Verstand schon einiges voraus waren. Sie schrieb eine schnelle Nachricht an Alisha, die Koordinatorin des Events. Der Reißverschluss der Kabinentasche hakte und ließ sich nicht ganz schließen. Doch das störte Mei nicht die in Gedanken bereits in Seattle war.
Im Foyer des Meridian hielt sie kurz inne, um ein kurzes Gespräch mit Andrew zu führen und sich von ihm zu verabschieden, auch wenn ihr das schwerfiel.
Draußen wartete ein Wagen, der sie zum Flughafen bringen würde. Die nachmittags Hitze legte sich wie eine warme Handfläche auf ihren Rücken, während sie ging, ohne sich noch einmal umzudrehen.
Die Maschine war halb leer. Mei nahm den Platz am Fenster und sah zu, wie Las Vegas unter ihr schrumpfte, wie der Strip im orangefarbenen Abendlicht ein letztes Mal aufglühte, bevor die Wüste ihn verschluckte. Ihr Pullover roch noch nach Parfüm und ein wenig nach dem Leder, das sie abgelegt hatte, und sie merkte erst jetzt, wie verspannt ihre Schultern den ganzen Tag gewesen waren.
Sie verlor nicht gern. Diese Eigenschaft war nicht ihre schönste, und sie gab sie nur sich selbst zu, doch heute saß der Verlust anders, tiefer, fast körperlich. Andrew wäre keine Niederlage gewesen, im Gegenteil. Sie hatte es gespürt, mit dieser stillen Gewissheit knapp unter dem Brustbein, dass er sich, nach dem Treffen, für sie entschieden hätte. Stattdessen saß sie nun in Jeans und Pullover im Flugzeug und das Leder zusammengefaltet im Koffer. Der Ärger, den die spürte, galt nicht Jian, das wäre absurd gewesen. Er galt dem Zufall, der sich so dreist zwischen sie und einen guten Abend geschoben hatte.
Ein anderer Gedanke schob sich nach, ungebeten und trotzdem klar. Ihre Mutter hätte Andrew nie akzeptiert. Mei wusste das, ohne dass es je hätte ausgesprochen werden müssen. Ihre Mutter hatte als junge Frau alles zurückgelassen, um nach Seattle zu kommen. Sie hatte ihre Kinder mit Erwartungen großgezogen, die niemals laut wurden und trotzdem den ganzen Raum füllten. Mei hatte diese Erwartungen ihr Leben lang höflich überhört. Heute Abend saß der Gedanke da wie ein Gast, den niemand eingeladen hatte, und sie ließ ihn bleiben, weil weggeschickte Gäste dieser Art immer wieder kamen.
Lieber dachte sie an Jian. An den Sechsjährigen, der nachts nach ihr gerufen hatte, „Mei, bist du da”, und sie war immer da gewesen, nicht aus Pflicht, sondern weil es sich nie nach Entscheidung angefühlt hatte. Ihre Mutter hatte das Restaurant gehabt und die Müdigkeit, die sie nie ganz aussprach. Mei hatte Jian gehabt, seinen Ranzen, seine Angst vor Hunden, später das Mädchen, von dem er ihr zuerst erzählte, weil er wusste, dass sie nicht urteilen würde. Dreißig war er jetzt und wohnte in Capitol Hill. Vor drei Wochen hatte er gefragt, ob sie ihm beim Umzug helfe, näher ans Wasser, und sie hatte sofort zugesagt.
Beim Sinkflug schoben sich die Lichter von Seattle durch die Wolken, das vertraute Muster der Stadt, der dunkle Spiegel des Puget Sound. Auf der Scheibe lag plötzlich Regen, feine Tropfen, der erste, den Mei seit Tagen sah. Sie lehnte die Stirn an das kühle Glas und schloss für ein paar Atemzüge die Augen, um Las Vegas dort zu lassen, wo es hingehörte.
Die Notaufnahme empfing sie mit grellem Licht und einer Kälte, die sich durch den Pullover fraß. Kurz nach halb neun am Abend war die erste Hektik verebbt, die Gänge lagen ruhig, nur die Leuchtstoffröhren summten, und irgendwo piepte ein Gerät in gleichmäßigen Abständen. Zehn Stunden auf den Beinen steckten Mei in den Knochen, und trotzdem ging sie über den blanken Linoleumboden, als gehörte er ihr. Hinter dem Empfangstresen tippte eine Frau, ohne aufzusehen. Das Schild wies sie als Brigitte Hoffmann aus, Mitte fünfzig, mit dem Gesicht eines Menschen, der zu viele solcher Abende erlebt und keine davon gemocht hatte.
„Ich suche meinen Bruder. Jian Chen, er wurde heute nach einem Autounfall eingeliefert.”
Schwester Hoffmann hob den Blick und ließ ihn langsam über Mei wandern, über die schwarz lackierten Nägel und die Kabinentasche aus mattem Leder, bevor er zur Tastatur zurückkehrte. „Chen, sagten Sie.” Sie tippte, eine Spur langsamer, als nötig gewesen wäre. „Zimmer 214, zweite Etage. Die Besuchszeit war allerdings nur bis acht.”
„Dann bin ich oben eben besonders unauffällig.”
Mei nahm ihre Tasche und stand am Aufzug, bevor die Frau eine Erwiderung fand.
Die Tür zum Zimmer 214 stand halb offen, und kein Laut kam von drinnen. Mei schob sie weiter auf und blieb auf der Schwelle stehen. Jian lag blass im weißen Kissen, einen Verband um den Kopf, einen Tropf am Arm, und schlief. Auf dem schmalen Besucherstuhl neben ihm saß ihre Mutter, den Kopf zur Seite gesunken, die Hände noch immer lose um Jians freie Hand gelegt, und schlief ebenso, erschöpft bis auf den Grund.
In diesem Augenblick fiel alles von Mei ab, was sie sonst aufrecht hielt. Sie war keine Frau mehr, die Räume mit einem einzigen Blick ordnete. Sie stand einfach in einer Krankenhaustür, ihrem schlafenden Bruder und ihrer erschöpften Mutter gegenüber, und ihr wurde die Kehle eng, ohne dass sie etwas dagegen unternahm.
Sie trat leise ein und legte ihrer Mutter eine Hand auf die Schulter. Die kleine Frau fuhr hoch, brauchte einen Moment, dann erkannte sie ihre Tochter, und ihre Augen liefen sofort wieder über. Sie stand auf und umarmte Mei mit einer Kraft, die man ihr nicht zugetraut hätte.
„Du bist da”, erwiderte sie auf Koreanisch, weil sie immer ins Koreanische fiel, wenn es zu viel wurde. „Gott sei Dank bist du da.”
„Natürlich bin ich da.” Mei hielt sie fest, atmete den Lavendelduft ihrer Seife ein, der nach Kindheit roch, und löste sich erst, als die Schultern der Mutter ruhiger wurden. „Wie geht es ihm?”
„Sie haben ihm etwas gegen die Schmerzen gegeben, er schläft. Mitten in der Stadt ist es passiert, im Berufsverkehr, kannst du dir das vorstellen.”
„Und du? Hast du heute überhaupt etwas gegessen, Mama?”
Das Schweigen darauf war Antwort genug.
Mei blickte sie ruhig an. „Dann gehst du jetzt nach unten.“ In ihren Augen lag kein Raum für Widerrede. „Einen Kaffee, eine Kleinigkeit zu essen. Ich bleibe bei ihm und warte. Keine Angst ich gehe nicht weg, bis du wieder zurück bist.”
Ihre Mutter wollte widersprechen, es stand ihr im Gesicht. Dann sah sie Mei an und ließ es bleiben, griff nach der Handtasche, strich ihrer Tochter im Vorbeigehen über den Arm und war fort.
Die Tür fiel ins Schloss, und die Stille kam zurück. Mei zog den Stuhl näher ans Bett, setzte sich und sah in das entspannte Gesicht ihres Bruders. „Du machst mir wirklich zu viel Arbeit, kleiner Bruder”, sagte sie leise, weil sie irgendetwas sagen musste und weil dieser Satz das Einzige war, was sie aussprechen konnte, ohne dass ihr die Stimme brach.
Hinter ihr öffnete sich die Tür. Ein junger Arzt kam herein, weißer Kittel, Stethoskop im Nacken, ein Klemmbrett in der Hand. Seine Augen fanden sie sofort und blieben auf ihr liegen, dunkel und unaufgeregt, und Mei, die das Mustern sonst selbst übernahm, bemerkte mit leiser Verwunderung, dass sie diesmal die Gemusterte war.
„Mein Name ist Dr. Fabian Keller, ich habe heute Dienst und sie sind?
“Chen, Mei Chen, Jian ist mein Bruder”
Mei stand auf und gab ihm die Hand. Seine war warm und trocken, der Druck genau richtig, weder Wettkampf noch Vorsicht. „Wie geht es ihm, Herr Doktor? Bitte die unverblümte Fassung, nicht die, die Sie sonst für Angehörige bereithalten.”
Sie wollte nach der Diagnose fragen, als ihre Kabinentasche beim Aufstehen den Türrahmen streifte. Der Reißverschluss, seit Las Vegas nie ganz zu, gab auf den letzten Zentimetern nach. Etwas glitt heraus und kam auf dem weißen Linoleum zur Ruhe, schwarz und schmal, aus weichem Leder, mit einer kleinen silbernen Schnalle an der Seite.
Beide sahen darauf. Mei machte keine Anstalten, sich zu beeilen. Sie ging in die Knie, hob die Augenbinde auf und ließ sie zurück in die Tasche gleiten, langsam, und sah dabei zu ihm hoch. Kein Erröten, keine Erklärung, nur diese stumme Frage in ihren dunklen Augen, was er nun damit anzufangen gedachte. Ein anderer Mann hätte weggesehen oder dümmlich gegrinst. Fabian tat weder das eine noch das andere. Er hielt ihren Blick einen Lidschlag zu lang, und für diesen Moment lag etwas zwischen ihnen in der Luft, warm und ungesagt, das in dieses nüchterne Krankenzimmer so gar nicht passte.
„Sie hatten heute Abend andere Pläne, nehme ich an“, vermutete er schließlich beiläufig, während er Notizen auf seinem Klemmbrett eintrug.
„Ganz andere.” Mei lehnte sich an das Fußende des Bettes und gestattete ihm, sie in Ruhe anzusehen. „Aber Pläne sind heute offenbar nicht meine Stärke.”
Er nickte, als hätte sie ihm nur die Uhrzeit gesagt, und wurde sachlich. „Ihr Bruder hatte großes Glück im Unglück. Eine Schädelprellung vom Aufprall gegen die Fahrertür, dazu ein paar blaue Flecken an der Schulter. Keine inneren Verletzungen, die Bilder zeigen keine Fraktur, keine Hirnblutung. Er ist seit dem Aufprall nicht bei Bewusstsein, das ist bei so einer Prellung nicht ungewöhnlich, und wir beobachten ihn engmaschig.”
„Gibt es noch etwas, worüber ich mir Sorgen machen müsste?”
Fabian betrachtete sie einen Moment und wog ab, wie viel Klartext der Augenblick vertrug. „Die nächsten Stunden bleiben ruhig. Mein ärztlicher Rat lautet, dass Sie ein wenig schlafen sollten.”
„Das werde ich ganz bestimmt nicht tun, Doktor.”
„Nein”, entgegnete er und klemmte sich das Brett unter den Arm, „das hätte ich auch nicht erwartet.”
In dem Satz lag kein Tadel, nur ein schlichtes Verstehen, und genau das traf sie mehr als alles andere an diesem endlosen Tag. Menschen widersprachen ihr, sobald sie etwas so entschieden sagte, beinahe reflexhaft. Dieser Arzt nahm sie einfach beim Wort, und ein Teil von ihr hätte gern gewusst, was er sonst noch so einfach hinnahm.
An der Tür drehte er sich halb um. „Ich schicke Ihnen eine Decke. Und der Kaffee am Automaten unten ist eine Zumutung, aber er ist heiß, und um diese Uhrzeit ist das im ganzen Haus das beste Angebot.”
„Vielen Dank, Doktor.”
„Nennen Sie mich Fabian”, rief er über seine Schulter, bevor er im Flur verschwand und die Tür ins Schloss fiel.
Kaum war die Tür zu, drang von draußen die scharfe Stimme von Schwester Hoffmann herein, durch das Holz gedämpft, im Ton aber vollkommen klar. Mei verstand nur Wortfetzen, „Besuchszeit” und „so läuft das hier nicht”, dazwischen Fabians gelassene, knappe Antwort, die ganz offensichtlich nicht das war, was die Frau hören wollte.
Mei setzte sich zurück auf den Stuhl neben Jians Bett. Sie streifte unter dem Tisch die Schuhe von den Füßen und zog die Beine an, lehnte den Kopf an die kühle Wand und ließ den Blick an der geschlossenen Tür hängen, hinter der die beiden Stimmen sich weiter aneinander rieben. Auf ihren Lippen lag etwas, das noch kein Lächeln war, aber genau wusste, wohin es wollte. Draußen tickte der Regen gegen die Scheibe, drinnen schlief ihr Bruder und dieses Krankenhaus, dachte Mei, würde womöglich doch mehr zu bieten haben als kalte Flure und schlechten Kaffee.








