Kapitel 1
Lucy
Ich hasste dieses Gefühl. Dieses Gefühl, beobachtet zu werden, noch bevor ich überhaupt das Haus verlassen hatte. „Lucy, beeil dich bitte! Du weißt genau, wie sehr Mr. Mellor es hasst zu warten!“ Die Stimme meiner Mutter hallte durch das riesige Anwesen der Montclairs, als würde selbst das Haus ihr gehorchen.
Ich verdrehte leicht die Augen und blieb vor dem gold verzierten Spiegel im Foyer stehen. Natürlich. Es ging nie darum, ob ich glücklich war. Nie darum, wie ich mich fühlte. Es ging immer nur darum, wie alles nach außen aussah. Perfekt.
Die perfekte Tochter.
Die perfekte Familie.
Das perfekte Leben.
„Ja, Mum. Ich komme ja schon“, antwortete ich ruhig, obwohl ich innerlich längst genervt war.
Kurz darauf erschien Anna hinter mir. Wie immer ordentlich und mit einer Bürste in der Hand. „Miss Lucy, wir müssen wirklich los.“
„Ich weiß.“ Ich setzte mich widerwillig auf den kleinen gepolsterten Stuhl vor dem Spiegel, während Anna begann, meine langen rotbraunen Haare zu frisieren. Geschickt flocht sie einzelne Strähnen zusammen und ließ den Rest in sanften Wellen offen über meine Schultern fallen. „So sieht es wunderschön aus“, sagte sie zufrieden. Natürlich tat es das. Alles an meinem Leben sah wunderschön aus. Das bedeutete noch lange nicht, dass es sich auch so anfühlte.
Wenige Minuten später saß ich bereits in der schwarzen Limousine und starrte schweigend aus dem Fenster. Die Straßen Londons glitten an mir vorbei, doch meine Gedanken waren woanders. Ich fragte mich manchmal, wie es wäre, einfach normal zu sein.
Ohne Chauffeur.
Ohne Aufmerksamkeit.
Ohne diesen Namen.
Montclair.
Selbst in der Schule fühlte sich dieser Name oft wie ein Käfig an. Als die Limousine schließlich vor dem Schulgebäude hielt, wusste ich bereits, was passieren würde. Alle starrten. Wie immer. Kaum öffnete Mr. Mellor die Tür, wurde es auf dem Schulhof unangenehm still.
„Oh mein Gott…“
„Die Montclairs…“
„Ist das ihre echte Limousine?“
Ich atmete tief durch und stieg aus.
Ruhig.
Kontrolliert.
Perfekt.
So, wie man es von mir erwartete.
„Lucy!“ Emma kam beinahe angerannt und fiel mir sofort um den Hals. Im Gegensatz zu den meisten anderen behandelte sie mich nie wie irgendeine Berühmtheit. Und genau deshalb war sie wahrscheinlich meine beste Freundin. „Du glaubst nicht, wie viele Erstklässler mich gefragt haben, ob du wirklich hier zur Schule gehst“, sagte sie lachend. Ich grinste leicht. „Die wissen vermutlich nicht, wie die Montclairs ihre Kinder transportieren.“ Emma lachte leise, während wir Richtung Hauptgebäude gingen. Natürlich tuschelten die anderen weiter. Das taten sie immer. Ich bemerkte die kleine Gruppe von Schülern am Rand des Weges sofort.
„Das muss sie sein.“
„Sie sieht noch hübscher aus als auf den Fotos.“
„Die ist bestimmt total arrogant.“
Ich räusperte mich demonstrativ. Die Gruppe zuckte zusammen und sah mich erschrocken an. „Ich denke auch, dass ich Lucy Montclair bin“, sagte ich trocken. „Schließlich weiß ich ziemlich gut, wer ich bin.“ Emma prustete los. Das schüchterne Mädchen aus der Gruppe lief sofort rot an. „Tut mir leid…“ „Schon okay“, antwortete ich ruhiger. Manchmal vergaßen die Leute, dass ich sie hören konnte. Nicht nur ihre Stimmen. Auch ihre Gedanken. Und das war meistens deutlich anstrengender.
Im Klassenraum verstummten die Gespräche augenblicklich, als ich die Tür öffnete. Ich ignorierte die Blicke und setzte mich wie immer nach hinten neben Emma. „Na, Lucy“, erklang plötzlich Claras Stimme. Natürlich. Meine Cousine ließ keine Gelegenheit aus, mich zu nerven. Sie ließ sich elegant auf den Tisch vor uns sinken und musterte mich mit diesem selbstgefälligen Lächeln. „Musstest du den kleinen Kindern wieder erklären, wer du bist?“ „Nicht nötig“, erwiderte ich ruhig. „Die Limousine übernimmt das meistens.“ Clara verdrehte grinsend die Augen. Manchmal fragte ich mich wirklich, wie zwei Menschen gleichzeitig verwandt und sich so wenig ähnlich sein konnten. Bevor Clara etwas erwidern konnte, öffnete sich die Tür erneut. Unsere Geschichtslehrerin trat ein. Und hinter ihr stand ein Junge, den ich sofort erkannte. Mein Herz setzte einen Moment aus. Finn. Für einen Augenblick vergaß ich sogar zu atmen.
Schwarze Haare.
Braune Augen.
Dieses leicht verwirrte, aber trotzdem charmante Grinsen.
Er sah älter aus als früher. Aber ich hätte ihn überall erkannt. Die Lehrerin lächelte freundlich. „Das ist euer neuer Mitschüler Finn Cooper.“ Finn. Der Junge, dessen Erinnerungen gelöscht worden waren. Der Junge, der mich früher gekannt hatte. Der Junge, der sich nicht mehr an mich erinnerte. Ich spürte sofort dieses seltsame Ziehen in meiner Brust. „Finn, du kannst dich neben Lucy setzen.“ Natürlich. Das Universum musste mich wirklich hassen. Finn setzte sich neben mich und sah mich kurz an. Sein Blick blieb etwas länger auf mir liegen, als wahrscheinlich nötig gewesen wäre. Und dann hörte ich seine Gedanken: Sie ist wunderschön. Ich blinzelte überrascht. Okay… Damit hatte ich nicht gerechnet. „Ja“, sagte ich kühl, bevor er überhaupt etwas sagen konnte. „Ich bin Lucy Montclair.“ Er runzelte verwirrt die Stirn. „Woher—_“ „Und ja“, unterbrach ich ihn erneut, „meine Familie ist reich. Sehr reich. Das wolltest du doch fragen, oder?“ Er starrte mich an. „Woher weißt du—_“ Ich drehte langsam den Kopf zu ihm. „Ich kann Gedanken hören.“ Sein Gesichtsausdruck war unbezahlbar. Emma begann neben mir sofort zu lachen.
Der restliche Unterricht verging erstaunlich ruhig. Zumindest äußerlich. Innerlich war ich komplett durcheinander. Finn war wieder hier. Nach all den Jahren. Und er erinnerte sich an nichts.
Nicht an mich.
Nicht an früher.
Nicht daran, warum seine Familie überhaupt weggezogen war.
Manchmal hasste ich Zeitmagie wirklich.
In der zweiten Stunde begann plötzlich alles zu verschwimmen. Ich spürte sofort dieses bekannte Ziehen. Verdammt. Nicht jetzt. Neben mir griff sich Finn an den Kopf. Also hatte ich recht. Seine Kräfte wurden stärker. „Mir ist nicht gut“, sagte ich ruhig zur Lehrerin und stand auf. Kaum war ich draußen auf dem Flur, hörte ich seine Schritte hinter mir. Gut. Zumindest hatte er auf mich gehört. „Was passiert hier?“, fragte er atemlos. Ich sah ihn kurz an. „Wir machen gleich einen Zeitsprung.“ „Einen was?!“ Ich ignorierte seine Panik und streckte ihm die Hand entgegen. „Wenn du nicht willst, dass die gesamte Schule merkt, dass du magische Kräfte hast, solltest du jetzt besser meine Hand nehmen.“ Er zögerte nur kurz. Dann griff er nach meiner Hand. Im nächsten Moment verschwamm die Welt um uns herum. Die Luft vibrierte. Der Boden unter uns schien zu verschwinden. Zeit fühlte sich plötzlich falsch an. Finns Griff wurde fester. „Bleib ruhig“, sagte ich leise. Er nickte hektisch. Fünfzehn Minuten später standen wir wieder auf demselben Flur. Finn sah aus, als hätte er gerade einen Geist gesehen. Fairerweise hatte er das wahrscheinlich auch. „Was zur Hölle war das?“, fragte er schließlich. Ich ließ seine Hand los. „Willkommen in meinem Leben.“
Nach der Schule zog es mich direkt zum Stall. Der Geruch von Heu, Leder und Pferden war der einzige Ort, an dem sich mein Kopf wirklich ruhig anfühlte. „Na, meine Schöne“, murmelte ich lächelnd, als Sienna sofort den Kopf hob. Meine Stute schnaubte zufrieden, sobald ich ihre Stirn berührte. Bei ihr musste ich nicht perfekt sein. Bei ihr war ich einfach nur ich. Ich begann ruhig, ihr Fell zu putzen, während langsam die Abendsonne durch die Stallfenster fiel. „Du verstehst mich wenigstens“, sagte ich leise. Sienna stupste mich sanft an. „Lucy?“ Ich erstarrte leicht. Finn stand am Eingang des Stalls. Natürlich tat er das. Und natürlich sah er vollkommen überwältigt aus. „Du reitest?“, fragte er überrascht. Ich hob eine Augenbraue. „Du klingst, als wäre das unmöglich.“ „Nein… nur…“ Er sah zu Sienna. „Das passt irgendwie zu dir.“ Ich musste unwillkürlich leicht lächeln. Und genau das machte mir Angst.








