Ein Urlaub mit Anlauf
Olivia Hartmann schob ihren Koffer durch die Abflughalle und fragte sich zum wiederholten Mal, warum sie sich das eigentlich antat. Nicht das Reisen an sich. Das mochte sie.
Es waren die Menschen, die ständig fragten, warum eine Frau mit einundvierzig Jahren allein Urlaub machte.
"Und? Kein Mann dabei?"
"Ganz allein?"
"Ist das nicht langweilig?"
Als könne man nur mit männlicher Begleitung schöne Erinnerungen sammeln.
Olivia seufzte und stellte ihren Koffer auf das Gepäckband.„Pass gut auf ihn auf“, murmelte sie. Der Mitarbeiter hinter dem Schalter grinste. „Auf den Koffer oder auf den Flug?“ „Auf beides.“
Wenn Olivia geahnt hätte, dass dies die letzte Begegnung mit ihrem Gepäck für mehrere Tage sein würde, hätte sie wahrscheinlich noch ein Abschiedsfoto gemacht.
Zehn Stunden später landete ihr Flug in Philadelphia. Olivia war müde, zerknittert und fühlte sich, als hätte jemand ihre Wirbelsäule gegen ein Lineal ausgetauscht.
Doch sie hatte es geschafft. Zwei Wochen Urlaub. Keine Termine. Keine Besprechungen. Keine E-Mails. Keine Nachfragen, warum irgendeine Zahl plötzlich um drei Prozent von der Planung abwich.
Sie stand am Gepäckband und beobachtete die ersten Koffer, die vorbeiratterten. Schwarzer Koffer. Roter Koffer. Golfbag. Kinderwagen. Ein weiterer schwarzer Koffer. Noch einer. Noch zehn andere.
Aber nicht ihrer.
Olivia verschränkte die Arme. „Das dauert bestimmt einfach etwas länger.“ Fünfzehn Minuten später sagte sie das Gleiche noch einmal. Nach dreißig Minuten glaubte sie selbst nicht mehr daran. Eine Stunde später war das Gepäckband leer. Komplett leer.
Nur Olivia stand noch da. Und ein einsamer Herr mit einer Angelrute. „Ist Ihrer auch verschwunden?“, fragte er. „Wenn meine Zahnbürste plötzlich Angeln gelernt hat, dann ja.“
Der Mann lachte.
Olivia nicht.
Die nächste Stunde verbrachte sie damit, von Schalter zu Schalter geschickt zu werden. Ein Mitarbeiter verwies auf eine Kollegin. Die Kollegin verwies auf einen anderen Schalter.
Dort erklärte man ihr, sie sei eigentlich in der falschen Halle. In der anderen Halle erklärte man ihr, sie müsse zurück.
Olivia begann langsam zu vermuten, dass ihr Koffer inzwischen irgendwo entspannter Urlaub machte als sie selbst.
Endlich traf sie auf eine junge Mitarbeiterin namens Rachel. Rachel sah tatsächlich so aus, als wolle sie helfen. Ein vielversprechender Anfang. „Sie sagen, Ihr Gepäckstück ist nicht angekommen?“
Olivia nickte. „Seit ungefähr zwei Stunden versuche ich, genau das jemandem zu erklären.“
Rachel tippte auf ihrer Tastatur. Dann runzelte sie die Stirn. Tippte weiter. Runzelte die Stirn noch mehr. „Das ist seltsam.“
„Sie sind heute schon die vierte Person die das sagt.“
Rachel räusperte sich. „Ihr Koffer befindet sich nicht in Philadelphia.“
„Das hatte ich bereits vermutet.“
„Er befindet sich aktuell in Spanien.“
Olivia blinzelte. „Wie bitte?“
„Madrid um genauer zu sein.“
„Madrid?“
Rachel nickte vorsichtig. „Madrid.“
Olivia starrte sie an. „Ich habe einen Direktflug nach Philadelphia gebucht.“
„Ihr Koffer offenbar nicht.“
Für einen kurzen Moment spielte Olivia mit dem Gedanken, hysterisch zu lachen. Dann tat sie es tatsächlich.
Rachel beobachtete sie besorgt. „Geht es Ihnen gut?“
„Mein Koffer führt ein aufregenderes Leben als ich.“
„Wir kümmern uns darum.“
„Das hoffe ich. Dort sind sämtliche Sachen für meinen Urlaub drin.“
„Wir werden ihn schnellstmöglich nachliefern lassen.“
Olivia nickte. Was blieb ihr auch anderes übrig? Nach insgesamt drei Stunden am Flughafen verließ sie schließlich das Gebäude. Ohne Gepäck. Ohne Zahnbürste. Ohne Wechselkleidung. Mit schlechter Laune.
Draußen wartete bereits das nächste Problem. Es regnete. Natürlich regnete es. Warum auch nicht?
Olivia zog die Schultern hoch und stieg ins Taxi. „Zum Harbor View Grand Hotel, bitte.“
Der Fahrer nickte. „Urlaub?“
„Noch nicht.“
Vierzig Minuten später erreichte sie das Hotel. Das Gebäude war wunderschön. Große Glasfront. Eleganter Eingangsbereich. Freundliche Portiers. Der perfekte Ort für einen entspannten Urlaub.
Olivia lächelte zum ersten Mal seit Stunden. Vielleicht wurde jetzt alles besser. Mit neuer Hoffnung trat sie an die Rezeption.
Der junge Mitarbeiter dahinter lächelte. „Willkommen im Harbor View Grand Hotel. Darf ich Ihren Namen erfahren?“
„Olivia Hartmann.“
Er tippte. Dann stoppte er. Tippte erneut. Sein Lächeln verschwand. Olivia kannte diesen Gesichtsausdruck. Er bedeutete niemals etwas Gutes.
„Ist alles in Ordnung?“
„Einen Moment bitte.“ Er tippte wieder. Dann rief er eine Kollegin. Die Kollegin rief einen weiteren Mitarbeiter. Nach wenigen Minuten standen drei Menschen vor demselben Bildschirm.
Olivia schloss die Augen. „Bitte sagen Sie mir nicht, dass mein Zimmer auch in Spanien ist.“
Niemand lachte. Das war kein gutes Zeichen. Der Mitarbeiter räusperte sich. „Mrs. Hartmann, ich fürchte, es gibt ein Problem.“
„Natürlich gibt es das.“
„Ihr Zimmer wurde versehentlich an eine andere Person vergeben.“
Olivia blinzelte. Einmal. Zweimal. „Sie machen Witze.“
„Nein.“
„Mein Gepäck ist verschwunden und jetzt habe ich kein Zimmer?“
„Es tut uns außerordentlich leid.“
„Das sollte es auch.“
Der Mitarbeiter wurde blass. „Wir kümmern uns darum. Versprochen.“
Olivia atmete tief durch. Sehr tief. Sie war zu müde, um wütend zu werden. „Wie lange dauert das?“
„Das können wir im Moment leider noch nicht sagen.“
Olivia nickte langsam. „Wissen Sie was?“
„Ja?“
„Ich werde jetzt spazieren gehen.“
„Das klingt vernünftig.“
„Wenn ich noch fünf Minuten hier stehen bleibe, werde ich das aller Voraussicht nach vielleicht nicht mehr sein.“
Der Mitarbeiter schluckte.
Olivia zwang sich zu einem Lächeln. „Ich komme in zwei Stunden wieder. Dann haben Sie hoffentlich entweder mein Zimmer gefunden oder eine gute Ausrede.“
Damit drehte sie sich um und verließ das Hotel. Draußen hatte der Regen aufgehört. Zumindest etwas.
Ohne Ziel lief sie die Straße entlang. An kleinen Geschäften vorbei. An Restaurants. An Menschen, die offenbar deutlich bessere Tage hatten als sie.
Nach einigen Minuten entdeckte sie ein kleines Café. Gemütlich. Ruhig. Genau das Richtige.
Olivia trat ein, setzte sich ans Fenster und bestellte einen Kaffee und ein belegtes Brötchen.
Als die Bedienung ging, zog sie ihr Handy hervor. Es gab genau eine Person, die diese Geschichte hören musste. Ihre beste Freundin Julia. Schon nach dem zweiten Klingeln wurde abgenommen.
„Na? Wie ist Philadelphia?“
Olivia lehnte sich zurück.
„Möchtest du die kurze oder die lange Version?“
„Die lange.“
Olivia seufzte.
„Gut. Mein Koffer ist in Spanien, mein Hotelzimmer existiert nicht mehr, und ich sitze gerade in einem Café und hoffe, dass nicht noch jemand meine Identität geklaut hat.“
Am anderen Ende entstand einen Moment lang Stille. Dann brach Julia in Gelächter aus.
Während Olivia ihr die komplette Katastrophe schilderte, bemerkte sie nicht, dass am Nachbartisch ein Mann aufmerksam zuhörte.
Ein Mann mit dunklem Haar, freundlichen Augen und einem kaum sichtbaren Lächeln. Und der zufällig Eigentümer genau des Hotels war, das ihren Urlaub bisher erfolgreich sabotiert hatte.
Benjamin Carter hörte sich jede einzelne ihrer Beschwerden an.
Und je länger er zuhörte, desto interessanter fand er die Frau am Fenster.Noch wusste Olivia nichts davon.
Aber ihr Urlaub war gerade dabei, eine sehr unerwartete Wendung zu nehmen.








