Kapitel 1
Andreas erwachte wie immer vom Krähen des Hahnes. Laut und deutlich drang sein Ruf durch jedes geschlossene Fenster. Dunkle Holzwände, Dachschrägen – sein kleines, vertrautes Zimmer. Jeden Morgen dasselbe.
Er hatte wieder von der großen weiten Welt geträumt. Von Abenteuern und Reisen. So wie sie in den Büchern beschrieben waren.
Doch jetzt war er wieder hier, wo er schon immer gewesen war.
Er setzte sich auf und streckte sich. Seine Familie bewirtschaftete den Hof schon seit vier oder fünf Generationen. Andreas wusste es nicht einmal genau. Und ehrlich gesagt interessierte es ihn auch nicht besonders. Er wollte hinaus in die Welt. Er wollte selber sehen wovon seine beste Freundin nach ihren Reisen immer erzählte.
Aber das durfte er nicht. In zwei Jahren sollte er heiraten und den Hof übernehmen. Alle gingen davon aus, dass es so kommen würde. Nur Andreas selbst wollte davon nichts wissen. Mit der Ehe würde nur wieder Hof, Kinder, Hof folgen. Für den Rest seines Lebens. Er schüttelte sich, stand auf und zog sich an. Dabei glitt sein Blick aus dem Fenster. Er sah das Dach der Scheune, dahinter das Gemüsefeld, noch weiter der Wald.
„Gefahren“, hatte Luneth ihm erzählt. Auch seine Eltern hatten immer wieder davon gesprochen. Jedes Kind kannte die Geschichten der Wanderer. Geschichten über Wesen, denen man besser nicht zu nahekam, über Menschen, die sich im Wald verirrt hatten, und über Dinge, die Andreas sich kaum vorstellen konnte.
Und er wusste, dass sie wahr waren. Luneth hatte es ihm bestätigt.
Alles was er außerhalb des Bauernhofs kannte, lag zwischen hier und dem Dorf, zehn Reitminuten entfernt. Und das Stück Wald, wo man gefahrlos Pilze sammelte.
Gefahr! Immer dieses eine Wort. Er fühlte sich zunehmend gefangen, eingezäunt, wie die Tiere auf der Weide.
Wie jeden Morgen ging er runter und blinzelte wenig später draußen in die aufgehende Sonne. Die Luft war noch kalt, aber überall roch es nach Frühling. Der letzte Frost war vorüber. Die Felder waren schon für die erste Saat vorbereitet.
“Morgen Andreas. Holst du Eier?“, grüßte ihn sein Vater im Vorbeigehen.
“Klar.“, antwortete er genervt. Als ob er an seine Aufgaben erinnert werden musste. Seit er denken konnte war er eingebunden worden. Seit vierzehn Jahren die gleichen Abläufe.
Auch die anderen begrüßten ihn auf den Weg zu ihren morgendlichen Aufgaben. Zwei weitere Ehepaare wohnten und arbeiteten hier. Beide kinderlos. Es hatte immer nur ihn gegeben. Immer alleine.
Außer im Dorf, wenn er den mal mitdurfte. Dort hatte er nachmittags manchmal andere Kinder gesehen und ab und zu mit ihnen Ball spielen dürfen. Ein paar wenige Gespräche hatte er dabei geführt. Aber am nächsten Morgen war er wieder hier, in den unnachgiebigen Fängen seiner Oma gewesen, während alle Kinder im Dorf gemeinsam zur Schule hatten gehen dürfen.
Andreas kam am Hühnerstall an und sprang schwungvoll über den Zaun. Die großen, schwarzen Hühner flatterten wie immer gackernd aus dem Weg.
“Morgen Berthold.“, begrüßte er den Hahn, der wie immer nicht von seiner Seite wich und ihn fixierte. Immer Angst um seine Hennen und Küken. Ein guter Hahn.
Andreas schnappte sich routiniert die Eier, verteilte Futter und lief zu seiner Oma in die Küche, um ihr beim Frühstück zu helfen.
“Morgen, gut geschlafen?“, fragte sie.
“Wie immer”, sagte er und holte Brettchen aus dem Schrank.
Nach und nach kamen alle von ihren morgendlichen Aufgaben und setzten sich. Die Mahlzeiten waren eigentlich immer angenehm. Keiner sprach über die Arbeit. Keiner schloss ihn aus Gesprächen aus.
Dann der übliche Kampf. Erst Oma im Haushalt helfen, dann rechnen, schreiben, lesen. Seine Oma war streng, humorlos und duldete keine Ablenkung und Fehler.
Danach half er seiner Oma beim Kochen. Als er endlich am Mittagstisch saß, kam ihm der Vormittag bereits endlos vor.
Nach der Enge und Dunkelheit der Küche war er fast immer froh, wenn er nach dem Mittagessen endlich raus durfte. Irgendwas ernten, sähen, reparieren, Tiere pflegen. Egal. Hauptsache keine Oma mehr. Alles, was ihn irgendwann zur großen Pferdeweide brachte, war ihm recht. Das war nämlich der schönste Teil des Tages. Dort wartete sie: seine beste Freundin.
Er sah sie schon von Weitem. Luneth, schwarz, silbern, wunderschön. Sie stand zwischen den anderen Einhörnern, die hier jedes Jahr überwinterten.
Es war selten, dass sie sich bei Menschen so wohl fühlten. Aber Andreas kannte es nicht anders. Alle auf dem Hof versorgten die Einhörner soweit sie es zuließen. Ansonsten ließen sie die EInhörner in Ruhe.
Als Gegenleistung heilten die Einhörner kleine Wunden, hielten Krankheiten vom Vieh fern und sorgten dafür, dass gefährliche Tiere den Hof mieden. Das machte das Leben hier sehr sicher und ruhig. Selbst, wenn sie im Sommer weg waren. Es war eine Ehre, wenn Einhörner sich Menschen zeigten.
Andreas setzte sich auf den Zaun, der mehr Begrenzung der Weide, als zum Einsperren diente. Einhörner konnte man nicht einsperren und die wenigen Pferde liefen nicht weg. Nie. Auch ohne Zaun.
Er wartete grinsend und wie immer ungeduldig. Aber niemals durfte man einfach auf ein Einhorn zu rennen. Niemals einfach ihr Gebiet betreten. Das erweckte ihren Zorn, was einem nicht bekam.
Luneth bemerkte ihn nach wenigen Augenblicken.
“Andreas”, hörte er sie in seinem Kopf, ehe er sie sah.
“Luneth”, freute er sich laut.
Dann kam sie. Elegant langsam, ganz wie jedes Einhorn. Hektik waren ihnen meistens fremd.
Luneth war schwarz wie die Nacht. Ihr Fell glänzte wie Sterne. Ihre Augen, Haare und das Horn waren hell wie der Mond. Vor vier Jahren hatte sie als Fohlen angefangen mit ihm zu reden. Seitdem hatte sie nie aufgehört. Im Gegenteil. Jedes Jahr, wenn sie und ihre Herde kamen, freute sie sich auf ihn und er sich auf sie.
Er erinnerte sich noch an das Erste, was sie ihm damals in den Kopf geschickt hatte. Nur ein einzelnes Wort. Ihr Name. Er hatte danach eine ganze Woche lang geglaubt, er hätte sich das eingebildet. Aber dann war er im Kopf angestupst worden. Richtig wie ein Schubs. Solange bis er seinen Namen genannt hatte. Seitdem sprachen sie miteinander. Allerdings musste sie ihn dafür ansehen, um ihm Dinge zu schicken.
Während Luneth auf ihn zu kam, sprang er, wie immer aufgeregt, vom Zaun, ging ihr aber betont langsam entgegen. Alles andere hätte den Rest aufgescheucht. Luneth erreichte ihn und rieb ihren Kopf an ihm.
“Ich freue mich auch, dich zu sehen.“, antwortete er.
Luneth legte sich auf ihre Beine. Er setzte sich ihr gegenüber.
Um ihn herum schnaubte der Leithengst. Ein mittelaltes braunes, und kräftiges Einhorn. Der Leithengst beobachtete Andreas aufmerksam. Seit einem Jahr führte er die Herde und schien nicht besonders begeistert davon zu sein, dass Luneth so viel Zeit mit ihm verbrachte.
Ein Bild eines aufgeschlagenen Buches tauchte in seinem Kopf auf. Er grinste. Nach vier Jahren verstand er sie auf Anhieb. Nicht immer alles, aber meistens das, was sie meinte.
“Wieder der Mensch mit Schiff auf dem Meer. Ein Sturm.” Während er sprach, zeichnete er einzelne Worte mit den Händen in die Luft oder ins Gras.
Sie schüttelte den Kopf. Sie verstand nicht warum Menschen übers Meer fuhren. Einhörner mieden unruhige Gewässer.
“Tot?“, fragte sie neutral. Leben war für sie mit tot verbunden. Tot traurig, aber keine Katastrophe.
“Nein. Er hat gebetet und der Sturm war weg.”
Jetzt lachte sie. Einhörner glaubten nicht an etwas anderes als an Tatsachen.
“Ja Unsinn.“, sagte er grinsend.
Auch Andreas glaubte nicht an eine unsichtbare Macht die das Wetter beeinflusste, um einen zu bestrafen. Aber seine Oma tat das und versuchte es immer wieder ihn zu überzeugen.
“Was machen wir heute?“, fragte Andreas.
“Aufgabe?“, fragte Luneth. Ein Wort von vielen, dass sie von ihm gelernt hatte.
“Nein. Beeren sammeln geht immer.”
Luneth schüttelte den Kopf. Okay, dachte er, dann hierbleiben, und rutschte zu ihr. Sie fragte ihn nie, was er später einmal werden würde. Nur was er jetzt gerade tun wollte. Zufrieden lehnte er sich an und genoss, dass Luneth ihm übermittelte was sie in den Wolken und im Gras sah. Ein Spiel von ihnen.
Die anderen Einhörner und Pferde grasten, standen und spielten um sie herum. Keiner störte sie. Aber es sprach auch sonst keins mit Andreas. Nur ein neugieriges Fohlen kam, um stumm und spielerisch Kontakt aufzunehmen.
Irgendwann kam sein Vater, um ihn daran zu erinnern, dass vor dem Abendessen noch die Hühner warteten. Andreas seufzte und verabschiedete sich von Luneth.
Aber morgen würde er wiederkommen und übermorgen auch. Solange sie hier war, würde er kommen.
Er seufzte. Wo sollte er auch sonst hin.








