Die Tür unter der Erde
Mara Vale hatte gelernt, dass Frieden nicht bedeutete, dass alles vorbei war.
Manchmal bedeutete Frieden nur, dass die nächste Katastrophe noch nicht begonnen hatte.
Drei Monate waren vergangen, seit sie die Schleuse zerstört hatte.
Drei Monate seit dem Krieg.
Drei Monate seit Veyr verschwunden war.
Und drei Monate, seit Mara ihre Mutter zum letzten Mal gesehen hatte.
Die Akademie hatte sich verändert.
Früher waren die Gänge von Misstrauen erfüllt gewesen. Hexen hielten Abstand zu Vampiren. Werwölfe betraten bestimmte Räume nicht. Und Vampire aus Aeterna waren für die meisten Bewohner von Nocturna noch immer etwas Unheimliches.
Jetzt liefen sie gemeinsam durch die Flure.
Aeterna-Vampire trugen Tageslichtringe.
Werwölfe trainierten mit Vampiren.
Hexen unterrichteten Schüler in Magie, die noch vor wenigen Monaten als verboten gegolten hatte.
Es war kein perfekter Frieden.
Aber es war Frieden.
Mara stand am Fenster des großen Speisesaals und beobachtete den Innenhof.
Elias trat neben sie.
„Du starrst schon wieder.“
Mara sah ihn nicht an.
„Ich beobachte.“
„Das ist ein anderes Wort für starren.“
„Nein.“
„Doch.“
Mara lächelte.
„Du hast dich verändert.“
Elias hob eine Augenbraue.
„Inwiefern?“
„Du bist frecher geworden.“
„Vielleicht fühle ich mich einfach sicherer.“
Mara drehte sich zu ihm.
„Das ist schön.“
Elias sah sie einige Sekunden lang an.
„Ja.“
Für einen kurzen Moment war alles ruhig.
Dann bebte der Boden.
Die Gläser auf den Tischen klirrten.
Mehrere Schüler sprangen erschrocken auf.
Ein weiterer Ruck ging durch das Gebäude.
Mara sah Elias an.
„Das war nicht normal.“
„Nein.“
Ein dritter Ruck.
Diesmal war er stärker.
Von irgendwo tief unter der Akademie kam ein Geräusch.
Ein dumpfer Schlag.
Dann noch einer.
Mara spürte, wie ihre Magie reagierte.
Nicht auf eine Bedrohung.
Auf etwas Vertrautes.
Sie wurde blass.
„Mara?“
„Ich kenne das.“
Elias sah sie fragend an.
„Was?“
Mara legte eine Hand auf ihre Brust.
„Es fühlt sich an wie die Schleuse.“
Lyra erschien plötzlich am anderen Ende des Raumes.
Sie war kreidebleich.
Mara ging sofort zu ihr.
„Was hast du gesehen?“
Lyra schüttelte den Kopf.
„Nichts.“
„Das sagst du in letzter Zeit ziemlich oft.“
„Diesmal meine ich es anders.“
Der Boden bebte erneut.
Lyra sah nach unten.
„Es kommt von dort.“
„Aus dem Keller?“
Lyra nickte.
„Etwas ist aufgewacht.“
Die Treppe zum Keller war normalerweise abgeschlossen.
Jetzt stand die Tür offen.
Niemand wusste, wer sie geöffnet hatte.
Mara ging zuerst.
Elias folgte dicht hinter ihr.
Lyra und Stefania kamen ebenfalls.
Je weiter sie hinuntergingen, desto kälter wurde die Luft.
Stefania blieb plötzlich stehen.
„Wartet.“
Mara drehte sich um.
„Was?“
Stefania blickte auf ihren Schatten.
Er bewegte sich.
Nicht im Takt ihrer Bewegungen.
Er zeigte nach unten.
„Mein Schatten will nicht weiter.“
Mara runzelte die Stirn.
„Dein Schatten?“
„Ja.“
Elias sah sie an.
„Du sagst das mittlerweile so, als wäre es völlig normal.“
„Für mich ist es leider normal.“
Dann hörten sie eine Stimme.
Ganz leise.
Mara.
Mara erstarrte.
„Habt ihr das gehört?“
Lyra nickte.
„Ja.“
Stefania wurde blass.
„Ich nicht.“
Mara sah sie an.
Das war beunruhigend.
Denn Stefania hörte normalerweise Dinge, die niemand sonst hören konnte.
Sie gingen weiter.
Am Ende des Korridors war eine Wand verschwunden.
Dahinter führte eine Treppe nach unten.
Eine Treppe, die keiner von ihnen zuvor gesehen hatte.
Die Stufen waren schwarz.
Nicht aus Stein.
Sie glänzten wie Glas.
Mara setzte einen Fuß darauf.
Sofort schoss ein Bild durch ihren Kopf.
Schnee.
Ein schwarzer Turm.
Ein Mädchen.
Und tausende Augen.
Mara zog den Fuß zurück.
Elias fing sie auf.
„Was hast du gesehen?“
„Eine Stadt.“
„Welche?“
Mara sah auf die Treppe.
„Noctis.“
Lyra wurde blass.
„Du kennst den Namen.“
„Ich habe ihn gehört.“
„Wo?“
Mara zeigte nach unten.
„Von dort.“
Niemand sprach.
Dann begann die Treppe zu leuchten.
Ganz unten erschien eine Tür.
Schwarz.
Alt.
Und darauf stand nur ein Wort.
NOCTIS.
Mara ging langsam näher.
Elias griff nach ihrer Hand.
„Mara.“
„Ich weiß.“
„Nein. Du weißt nicht, was dahinter ist.“
Mara sah ihn an.
„Genau deshalb muss ich es herausfinden.“
Sie legte ihre Hand auf die Tür.
Sie öffnete sich.
Dahinter war Dunkelheit.
Dann erschien ein Gesicht.
Ein Mädchen.
Dunkles Haar.
Helle Augen.
Sie lächelte.
„Endlich.“
Mara hielt den Atem an.
Das Mädchen sah sie direkt an.
„Du hast lange gebraucht.“








