Kapitel 1 - Startnummer 27

Kapitel 1
Startnummer 27
Motorenlärm ist ehrlich.
Er ist laut, dreckig und so gewaltig, dass er alles andere verschluckt. Wenn dreißig Maschinen gleichzeitig hochdrehen, bleibt kein Platz für Zweifel. Keine unbezahlten Rechnungen, keine Sponsoren, die lächelnd auf Ergebnisse warten, und keine Mechaniker, die sich seit einer Stunde gegenseitig widersprechen.
Nur ich, meine Maschine und das Gatter vor mir.
Zumindest sollte es so sein.
»Die Freigabe ist da«, ruft einer meiner Mechaniker gegen den Lärm an.
Hinter ihm schüttelt ein anderer den Kopf. »Noch nicht. Wir warten auf die Bestätigung.«
Ich sehe von einem zum anderen. »Welche Bestätigung?«
Beide reden gleichzeitig los. Der eine behauptet, die technische Abnahme sei erledigt. Der andere besteht darauf, dass noch eine Unterschrift fehlt. Irgendwo hinter ihnen fällt ein Werkzeug zu Boden. Niemand hebt es auf.
Seit wann wird in meinem Team darüber diskutiert, ob meine Maschine starten darf, während ich bereits fertig angezogen vor dem Vorstart stehe?
Ich ziehe den rechten Handschuh fester. »Klärt das.«
»Sind wir dabei.«
»Ihr habt zwei Minuten.«
Mein Blick wandert zur Maschine. Die weiße Sieben auf dem roten Untergrund der Startnummer wirkt im Schatten des Vorstartzelts fast schwarz. Siebenundzwanzig. Meine Zahl, seit ich alt genug bin, um selbst zu entscheiden, welche auf meiner Maschine steht.
Ein Mechaniker kontrolliert zum dritten Mal die Befestigung der Sitzbank. Ein anderer beugt sich über den Lenker und drückt wahllos gegen Kabel und Stecker, als könnte er ein Problem finden, von dem ich bisher nichts weiß.
»Was ist damit?«
Er richtet sich zu schnell auf. »Nichts.«
»Dann lass es in Ruhe.«
»War nur eine Kontrolle.«
Heute kontrollieren sie viel. Sie reden noch mehr. Nur klare Antworten bekomme ich keine.
Karolina schiebt sich zwischen zwei Teammitglieder. Selbst im Fahrerlager sieht sie aus, als wäre sie auf dem Weg zu einem Pressetermin. Die dunklen Haare liegen perfekt, während wir anderen längst Staub auf der Haut tragen.
»Nach dem Rennen kommst du direkt ins Hospitality«, sagt sie. »Der Termin mit den Sponsoren wurde vorgezogen.«
»Nach der Auswertung.«
»Miłosz.«
»Nach der Auswertung«, wiederhole ich.
Ihr Blick wird schmal. »Sie warten nicht gern.«
»Dann sollte ich ihnen einen Sieg mitbringen.«
Ich setze den Helm auf, bevor sie antworten kann. Das Visier trennt mich von ihrem missbilligenden Gesicht und dämpft die Stimmen um mich herum. Nicht genug, um die Unruhe vollständig auszublenden, aber genug, um wieder atmen zu können.
Einer meiner Mechaniker hebt endlich den Daumen.
Freigabe.
Ich schwinge mich auf die Maschine und starte den Motor. Die Vibrationen wandern durch meine Stiefel, meine Beine, bis in den Brustkorb. Vertraut. Berechenbar. Ich rolle aus dem Zelt, ohne noch einmal zurückzusehen.
Das hier ist ein Vorsaisonrennen. Kein Meisterschaftslauf. Keine Punkte, die mir am Ende des Jahres fehlen können.
Trotzdem bin ich nicht nach Spanien gekommen, um Zweiter zu werden.
Die Sonne steht über der Strecke, der Boden ist trocken und hart. An den Außenlinien liegt loser Sand, dazwischen haben sich bereits tiefe Rillen gebildet. Beim Training war die Strecke schneller, aber inzwischen sind die Kanten schärfer. Wer zu spät entscheidet, entscheidet gar nicht mehr.
Am Startgatter stelle ich das Vorderrad in die Spur, die ich mir ausgesucht habe. Zweimal trete ich den Boden fest. Kupplung. Gas. Gewicht nach vorn.
Links von mir nickt ein Fahrer in meine Richtung. Ich ignoriere ihn.
Das Fünf-Sekunden-Schild geht hoch.
Alles in mir wird still.
Das Schild fällt.
Einen Herzschlag später kippt das Gatter nach vorn.
Ich erwische den Start sauber. Das Hinterrad greift sofort, die Maschine zieht nach vorn und ich halte das Gas offen, obwohl rechts von mir ein Lenker gefährlich nah kommt. Wir rasen geschlossen auf die erste Kurve zu. Einer muss nachgeben.
Ich nicht.
Ich bremse spät, drücke die Maschine in die Innenlinie und komme als Zweiter aus der Kurve. Vor mir fliegt Erde vom Hinterrad des Führenden gegen meine Brille. Ich bleibe dicht an ihm, nehme den ersten Sprung flach und setze kurz vor der nächsten Rille auf.
Die Landung ist hart.
Für den Bruchteil einer Sekunde verstummt der Motor.
Nicht leiser. Weg.
Dann zündet er wieder.
Mein Körper reagiert schneller als mein Kopf. Gewicht nach vorn, Kupplung antippen, Gas halten. Der Fahrer hinter mir kommt näher, aber ich blockiere seine Linie, bevor er neben mich ziehen kann.
Vielleicht war ich zu niedrig in der Drehzahl.
Nein.
Ich war genau da, wo ich sein wollte.
In der nächsten Runde teste ich die Maschine, ohne Tempo herauszunehmen. Auf den kleineren Wellen läuft sie sauber. Auch aus den engen Kurven zieht sie gleichmäßig. Kein Leistungsverlust, kein Stottern.
Erst nach dem großen Table passiert es wieder.
Die Räder schlagen auf den harten Boden. Der Lenker zuckt in meinen Händen.
Der Motor setzt aus.
Diesmal länger.
Nur ein Augenblick, aber auf einer Rennstrecke reicht ein Augenblick, um zwei Plätze zu verlieren.
Ich halte dagegen, ziehe die Maschine mit zu viel Gas aus der folgenden Kurve und nehme den nächsten Sprung weiter, als ich es in der Besichtigungsrunde geplant habe. Hinter mir bleibt der Abstand knapp.
Belastungsabhängig.
Die Zündung bricht nach harten Landungen weg. Ein loser Kontakt. Ein beschädigtes Kabel. Vielleicht ein Stecker, der sich unter dem Schlag bewegt und sofort wieder zurückspringt.
Etwas, das bei einer Kontrolle im Stand nicht auffällt.
Etwas, das mein Team hätte finden müssen.
Wut steigt in mir auf, heißer als die Luft unter meinem Helm. Ich dränge sie zurück. Später. Wenn ich von der Maschine steige, können sie mir erklären, warum ich mit einem Fehler starte, den keiner bemerkt haben will.
Jetzt muss ich damit fahren.
Ich verändere meine Linien. Nehme die Absprungkanten präziser, fange die Landungen stärker mit den Beinen ab und halte die Drehzahl hoch. Wo das nicht reicht, gehe ich mehr Risiko. Ich springe eine Kombination durch, die ich im Training einzeln genommen habe, und gewinne dadurch genug Zeit, um wieder an den Führenden heranzukommen.
In der fünften Runde bin ich an seinem Hinterrad.
In der sechsten zwinge ich ihn auf die Außenlinie.
In der siebten gehe ich vorbei.
So muss es sein.
An der Boxentafel erscheint mein Vorsprung. Erst eine halbe Sekunde, dann acht Zehntel. Nicht genug. Ich brauche Abstand, bevor der nächste Aussetzer kommt.
Ich greife die Strecke an, bis meine Unterarme hart werden. Die Maschine arbeitet unter mir, unruhig, aber schnell. Jeder Sprung wird zur Rechnung: Höhe, Winkel, Landung. Ich darf nicht zu vorsichtig sein. Vorsicht kostet Geschwindigkeit. Also entscheide ich mich für sauber statt sicher.
Am Rand der Strecke bewegen sich Menschen hinter den Absperrungen. Teamkleidung, Warnwesten, Handys, Sonnenbrillen. Farbige Flecken, die verschwimmen, sobald ich den Blick auf die nächste Kurve richte.
Dann sehe ich sie.
Nur für eine Sekunde.
Klein. Blonder Longbob. Schwarzes Shirt. Tätowierte Arme.
Neben ihr steht ein hellblondes Mädchen, das beide Hände um den oberen Rand der Absperrung gelegt hat. Ihr Gesicht ist zur Strecke gedreht. Zu mir.
Meine Finger verkrampfen sich am Lenker.
Nein.
Die nächste Kurve kommt zu schnell. Ich bremse später als geplant, treffe die Rille nicht sauber und das Hinterrad bricht aus. Gerade noch fange ich die Maschine ab.
Als ich wieder an der Stelle vorbeikomme, suche ich den Rand ab.
Da sind zu viele Menschen. Ein Mann mit Kappe. Zwei Frauen in Teamshirts. Das blonde Mädchen hüpft aufgeregt hinter der Absperrung, aber von der Frau sehe ich nur einen schmalen Rücken, bevor sie sich weiter zwischen die Zuschauer schiebt.
Ein Tattoo verschwindet unter ihrem Ärmel.
Asphaltlinien auf heller Haut.
Für einen Moment ist Spanien fort.
Langes blondes Haar liegt über einer nackten Schulter. Unter meinen Fingern zeichnet sich eine schmale schwarze Strecke ab. Ihre Stimme ist nah, belustigt und leiser als der Lärm um uns herum. Sie sagt meinen Namen, als wäre er nichts Besonderes. Als wäre ich nicht der Fahrer, über den andere reden, sondern nur ein Mann, den sie ansehen will.
Gerda.
Der Name trifft mich härter als die Landung.
Der Motor verschluckt sich.
Ich werde nach vorn gerissen. Mein rechter Fuß rutscht von der Raste, der Fahrer hinter mir zieht außen vorbei und wirft mir eine Ladung Sand gegen den Oberkörper.
Scheiße.
Ich zwinge meinen Blick zurück auf die Strecke. Nicht zum Rand. Nicht zu der Stelle, an der sie vielleicht noch steht.
Gerda ist nicht hier.
Ich habe sie vor viereinhalb Jahren für eine Nacht gekannt. Eine Frau ohne Nachnamen, ohne Adresse und mit einer Telefonnummer, unter der sich ein fremder Mann meldete. Ich habe lange genug nach ihr gesucht, um zu begreifen, wann eine Suche lächerlich wird.
Menschen sehen einander ähnlich. Blonde Haare, Tattoos und eine bestimmte Art, den Kopf zu neigen, gehören nicht nur einem einzigen Menschen.
Trotzdem blicke ich beim nächsten Umlauf wieder hin.
Die Stelle ist leer.
Auch das Mädchen ist verschwunden.
Mein Vorsprung ebenfalls.
Noch zwei Runden zeigt die Tafel. Der neue Führende ist nicht weit vor mir. Ich erhöhe das Tempo, obwohl meine Arme brennen und ich jede Bewegung der Maschine zu genau spüre. Der Defekt kommt nicht in der nächsten Sprungkombination. Auch nicht nach dem kleinen Table.
Ich schließe auf.
In der letzten Runde hängt mein Vorderrad beinahe an seinem Hinterrad. Er macht die Innenlinie zu, also wechsle ich nach außen. Dort ist der Boden lockerer, aber ich kann mehr Geschwindigkeit mitnehmen. Am Absprung sind wir fast gleichauf.
Ich gehe höher, als ich sollte.
Für einen Moment hängt die Maschine ruhig unter mir. Das Ziel liegt nur noch wenige Kurven entfernt. Wenn die Zündung hält, bekomme ich ihn.
Die Räder treffen den Boden.
Stille.
Diesmal dauert sie nicht nur einen Herzschlag.
Die Maschine rollt ohne Leistung weiter. Mein Daumen zuckt zum Schalter, ich ziehe die Kupplung, gebe Gas. Hinter mir kommt der Dritte näher.
»Komm schon.«
Der Motor zündet wieder. Zu spät für den Sieg, aber früh genug, um den zweiten Platz zu retten.
Ich überquere die Ziellinie mit einer knappen Sekunde Rückstand.
Keine Punkte. Kein Titel. Nur ein Vorsaisonrennen.
Es fühlt sich trotzdem an wie eine Niederlage.
Ich fahre direkt zur Box. Noch bevor ich den Motor abstelle, stehen zwei Mechaniker neben mir.
»Sie ist nach den Landungen ausgegangen«, sage ich und ziehe den Helm ab. »Mehrmals.«
»Wir haben an der Box nichts gehört.«
»Dann hört besser hin.«
Einer greift nach dem Lenker. »Vielleicht warst du kurz im Begrenzer.«
Ich starre ihn an. »Ich weiß, wie sich der Begrenzer anfühlt.«
»War nur eine Möglichkeit.«
»Nein. Die Zündung setzt unter Belastung aus. Prüft den Kabelbaum. Jeden Stecker, jede Scheuerstelle und jede Masseverbindung. Nicht nur im Stand. Bewegt die Maschine dabei.«
»Machen wir.«
Karolina wartet bereits hinter ihnen. »Der Sponsorentermin.«
»Später.«
»Du hast zugesagt.«
»Ich habe gerade einen Sieg verloren.«
»Du bist Zweiter geworden.«
Genau das ist das Problem.
Ich drücke ihr meinen Helm in die Hände und gehe, bevor aus der Antwort ein Streit wird.
Der Bereich hinter unserer Box ist voller Menschen. Mechaniker schieben Maschinen vorbei, Kinder tragen viel zu große Gehörschützer, irgendwo knallt eine Tür gegen einen Transporter. Ich gehe zuerst zu der Stelle, an der ich die beiden gesehen habe.
Vielleicht suche ich nur nach dem Beweis, dass dort irgendeine andere blonde Frau steht.
Vielleicht suche ich seit viereinhalb Jahren noch immer nach Gerda.
An der Absperrung ist niemand, der zu meiner Erinnerung passt. Ich gehe weiter, am Zaun entlang, vorbei an den Zuschauerreihen und einem Stand mit Getränken. Mein Herz schlägt noch zu schnell vom Rennen, aber nicht nur davon.
Ich weiß nicht einmal, was ich sagen würde, wenn sie plötzlich vor mir stünde.
Warum war die Nummer falsch?
Warum hast du mir deinen Nachnamen nicht gesagt?
Warum bist du verschwunden, obwohl du behauptet hast, du würdest dich melden?
Die vernünftige Antwort lautet, dass sie sich nicht melden wollte.
Ich kenne sie kaum. Eine Nacht ist kein Versprechen. Nicht einmal dann, wenn sie sich anders anfühlt.
Hinter mir startet der nächste Lauf. Der Lärm schiebt sich über das Gelände und lässt den Zaun unter meiner Hand vibrieren.
Im Staub neben der Absperrung liegt etwas Buntes.
Ich gehe in die Hocke und hebe es auf. Ein kleiner Kinderaufkleber, an einer Ecke mit Sand bedeckt. Darauf sitzt ein grinsender Fuchs auf einem viel zu großen Motorrad, umgeben von bunten Sternen. Vermutlich ist er dem blonden Mädchen heruntergefallen.
Ich reibe mit dem Daumen über die staubige Folie.
Ein lächerliches Stück Papier. Mehr ist es nicht.
Trotzdem schließe ich die Finger darum.
Ich habe ihr Gesicht nicht deutlich gesehen. Der Longbob ist anders. Damals reichten Gerdas Haare weit über ihre Schultern. Damals hatte sie nur dieses eine Tattoo, die geschwungene Linie einer Rennstrecke. Die Frau heute trug Tinte über beide Arme verteilt.
Vier Jahre verändern einen Menschen.
Der Gedanke entsteht, bevor ich ihn verhindern kann.
Ich stehe mitten im spanischen Staub, Tavis Aufkleber in meiner Hand, und mein Körper weiß längst, was mein Verstand noch abstreitet.
Die Frau war Gerda.








