Kapitel 1
Kapitel 1
Sienna
»Sienna, jetzt beeil dich doch! Wir müssen dich pünktlich an der Wildblood Academy für die Willkommensansprache abliefern, und wir brauchen bis in den Schwarzwald glatt vier Stunden!«
Die gestresste Stimme meiner Mutter hallte von unten durch das alte, knarrende Treppenhaus und sie war das exakte Spiegelbild dessen, wie es im Inneren meines Kopfes aussah. Ein reinster, unkontrollierbarer Sturm aus Aufregung, Panik und Zweifeln.
Das einundzwanzigste Jahrhundert lief draußen auf Hochtouren. Während die Welt von Smartphones, Highspeed-Internet, Social-Media-Trends und digitaler Perfektion bestimmt wurde, existierte im Verborgenen eine ganz andere Realität, von der die Menschheit keine Ahnung hatte. Ob man es glauben wollte oder nicht: Es gab Gestaltwandler. Viele hielten sie für einen bloßen Mythos, für eine Legende aus alten Märchenbüchern oder für puren Aberglauben. Doch die nackten Zahlen sprachen eine unerbittliche, kalte Sprache. Gerade einmal 0,0000012 Prozent der Gesamtbevölkerung machten diese Spezies aus eine verschwindend geringe Minderheit, unsichtbar im Strom der modernen Zivilisation.
Tja, und ich hatte je nachdem, wie man es betrachtete das fragwürdige Glück oder das pure Unglück, zu genau diesem winzigen Prozentsatz zu gehören. Ich war eine Pantherwandlerin.
Schon mein ganzes Leben lang hatte ich das nagende Gefühl gehabt, anders zu sein. Tief in meinem Inneren wusste ich, dass ich nicht in die Form passte, in die mich die anderen Mädchen in meinem Alter pressen wollten. Ich war zu wild, zu unnahbar, zu intensiv in meinen Gefühlen und die Menschen um mich herum hatten mich das spüren lassen. Ausgrenzung, verständnislose Blicke und das schmerzhafte Gefühl, nirgendwo dazuzugehören, hatten meinen Alltag geprägt.
Doch das war nichts im Vergleich zu dem, was vor zwei Tagen passiert war. Kaum hatte ich die Schwelle meines achtzehnten Lebensjahres erreicht, hatte mein Körper rebelliert. Mitten am Frühstückstisch, während meine Tasse Kaffee noch dampfte, hatte sich mein Inneres mit einer unbändigen Wucht entladen. Ein plötzlicher, glühender Schmerz in den Knochen, ein Rauschen in den Ohren und im nächsten Moment war ich keine Menschenfrau mehr gewesen, sondern eine Pantherin. Ein majestätisches, stockfinsteres Raubtier, gefangen im Wohnzimmer meiner Eltern, mit Sinnen, die schärfer waren als jede Rasierklinge.
Jetzt, zwei Tage nach diesem schicksalhaften Wendepunkt, stand ich vor meinem offenen Koffer. Die Erinnerung an das Gefühl von Ballast und menschlicher Fragilität schien plötzlich unendlich weit weg, während unter meiner Haut immer noch ein leises, vibrierendes Schnurren zu spüren war die ständige Erinnerung daran, wer oder was ich nun war. Jedes Geräusch im Haus schien tausendfach verstärkt, der Duft von frischem Kaffee aus der Küche und dem alten Holz des Fußbodens bohrte sich intensiv in meine Nase.
Im Schwarzwald, tief im dicht bewaldeten und magisch abgeschirmten Internatsgelände der Wildblood Academy, sollte ich lernen, mit dieser neuen Natur umzugehen. Ob ich bereit dafür war? Keineswegs. Wie konnte man sich auch auf etwas vorbereiten, das alle bekannten Gesetze sprengte? Doch die Reise hatte bereits begonnen. Ob ich nun wollte oder nicht, spielte dabei keine Rolle mehr.
Mit einem tiefen, zittrigen Atemzug schloss ich den Reißverschluss meines Koffers, warf einen letzten prüfenden Blick in den Spiegel und rief nach unten: »Ich komme!«
Ich griff nach dem Koffergriff, warf einen letzten, Wehmut auslösenden Blick in mein Zimmer, das ich nun für längere Zeit nicht mehr sehen würde, und stieg die Treppen hinunter. Am Treppenabsatz tippte meine Mutter nervös mit den Fingern auf das alte Holzgeländer. Ohne dass ich überhaupt die Zeit hatte zu reagieren, nahm sie mir den Koffer aus der Hand, griff stattdessen nach meinem Handgelenk und zog mich im Eiltempo nach draußen, während die schwere Haustür hinter uns ins Schloss fiel.
Draußen in der Einfahrt lief der Motor unseres Autos bereits im Leerlauf. Mein Vater saß hinter dem Lenkrad und schien nicht minder nervös zu sein; seine Hände umfassten das Leder des Lenkrads so fest, dass seine Knöchel weiß hervortraten.
»Na endlich«, stieß er aus und strich sich durch die graulwerdenden Haare, als er mich auf dem Beifahrersitz einsteigen sah. »Wir haben ohnehin schon Verspätung, und auf der Autobahn nach Süden ist um diese Zeit erfahrungsgemäß die Hölle los.«
Ich schwieg, während meine Mutter den Koffer mit einem hörbaren Krachen im Kofferraum verstaute und sich kurz darauf schnellen Schrittes auf die Rückbank schwang. Der Geruch von Leder, das Summen des Motors und die eng vertraute Atmosphäre des Autos bildeten einen krassen Kontrast zu dem brodelnden Chaos in meinem Inneren. Als mein Vater den Gang einlegte und wir langsam aus der Einfahrt rollten, presste ich die Hände fest auf meine Oberschenkel. Meine Fingernägel bohrten sich tief in die Haut ein winziger physischer Schmerz, um den unaufhörlichen Strom meiner Gedanken zu erden und die tierische Unruhe in meinen Adern im Zaum zu halten.
Die vertrauten Straßen unserer Kleinstadt zogen an der Fensterscheibe vorbei. Jedes Haus, jede Straßenecke und jeder Baum schien mir im Rückspiegel zuzuwinken, wissend, dass ich als ein völlig anderer Mensch oder besser gesagt: als ein ganz anderes Wesen zurückkehren würde, falls überhaupt. Draußen ging das ganz normale Leben der Menschen weiter. Sie warteten an Bushaltestellen, tranken in Cafés ihren Vormittagskaffee oder gingen zur Arbeit, völlig ahnungslos von der magischen, wilden Welt, die nur wenige Autostunden entfernt im tiefen, verschlungenen Schwarzwald auf mich wartete.
Wenig später ließen wir die letzten Häuser der Vorstadt hinter uns, als das Band der Landstraße in die schier unendliche Weite der Autobahn überging. Der Lärm der vorbeirauschenden Lastwagen und der monotone Rhythmus der Reifen auf dem Asphalt wirkten fast wie ein Wiegenlied, das jedoch viel zu brüchig war, um meine Anspannung zu beruhigen. Aus den Augenwinkeln beobachtete ich meinen Vater, der abwechselnd in den Rückspiegel und starr auf die dreispurige Fahrbahn blickte. In seinem Gesicht lag eine Mischung aus Stolz und tiefer Sorge der Blick eines Vaters, der wusste, dass er sein Kind in eine Welt schickte, die er selbst niemals würde betreten oder ganz verstehen können.
»Es wird alles gut, Sienna«, durchbrach plötzlich die sanfte Stimme meiner Mutter die angespannte Stille von der Rückbank aus. Sie lehnte sich nach vorne, und ihre Hand legte sich beruhigend auf meine Schulter. Doch selbst durch den Stoff meiner Jacke hindurch konnte sie das Beben nicht verbergen, das von meiner nagenden Panik herrührte. »Die Wildblood Academy hat den Ruf, die beste ihres Fachs zu sein. Dort bist du unter deinesgleichen. Du musst dich nicht mehr verstellen, musst deine Natur nicht länger in Ketten legen.«
Ich nickte stumm, obwohl mir jedes Wort wie eine Lüge schien. Wie sollte ich mich dort sicher fühlen, wo Wesen lebten, die weit stärker, erfahrener und gefährlicher waren als ich? Meine Krallen, die sich noch vor zwei Tagen im Eifer des Erwachens in den Teppich unseres Wohnzimmers gegraben hatten, schienen unter meinen Fingernägeln zu brennen. Ich wandte den Blick ab und starrte hinaus auf die vorbeiziehende Landschaft, während die Kilometer wie im Flug vergingen und das unvermeidliche Ziel unaufhaltsam näher rückte.








