Kapitel 1
„Man sieht nur mit dem Herzen gut. Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar.“
Antoine de Saint-Exupéry
Jetzt, wo ich das Ende meines Lebens erreicht habe, ist es an der Zeit, darüber nachzudenken, was wirklich wichtig war. Wo ich zum ersten Mal erlebt hatte, was es bedeutete, eine reine und ehrliche Liebe zu spüren.
Ich hatte in meinen mittleren Jahren geheiratet und war lange glücklich gewesen. Doch diese Liebe endete eines Tages. Irgendwann traf ich wieder jemanden, die mich nun bis zu meinem Ende begleitet.
Sie sitzt gerade hier und schaut mir dabei zu, wie ich euch die Geschichte erzählen möchte, in der ich merkte, dass diese Welt ohne Liebe niemals lebenswert gewesen wäre.
Diese Geschichte ist die Geschichte meiner allerersten Liebe.
Diese Liebe ist für jeden Menschen wichtig, denn sie prägt alles, was danach kommt. Jede Person, der man später begegnet, wird – bewusst oder unbewusst – an dieser ersten Liebe gemessen.
Darum ist es so wichtig, euch davon zu berichten. Nicht, weil ich meine Ex-Frau nicht geliebt hätte oder weil ich meine jetzige Frau weniger lieben würde. Selbst die Liebe zu Gott ist nicht mit den Erfahrungen dieser ersten großen Liebe vergleichbar.
Und dennoch wuchs jeder schöne Moment meines späteren Lebens aus dieser ersten Begegnung heraus. Ohne sie hätte ich mein Glück am Ende meines Lebens vielleicht niemals gefunden.
Aus diesem Grund beginnen wir mit dem Anfang meines Lebens. Mit der Person, der ich in die Augen sah und die mir zeigte, dass in mir jemand steckte, der zu Liebe fähig war.
Denn wenn man gerade einmal acht Jahre alt ist, kennt man so etwas noch nicht.
Vorher war nur wichtig, wo der nächste Spielplatz war oder wie man am schnellsten eine Lego-Eisenbahn bekam.
Alles begann mit dem Ende einer anderen Liebe. Mit dem Ende der Liebe zwischen meinem Vater und meiner Mutter.
Heute weiß ich natürlich, warum dies zwischen ihnen geschah. Doch wenn man acht Jahre alt ist, sieht man nur, wie sich die Eltern, die man so lieb hat, dauernd streiten und schließlich trennen.
Ich war traurig und weinte lange.
Denn ich musste mit meiner Mutter wegziehen. Das hieß, dass ich auch die Schule wechseln musste. Mit acht Jahren war ich gerade einmal anderthalb Jahre in der Grundschule gewesen und hatte erst neue Freundschaften geschlossen.
Nun musste ich diese wieder verlassen. Und leider, so kann ich Ihnen, werter Leser, mitteilen, habe ich niemals wieder einen dieser Menschen getroffen.
Selbst heute macht mich das noch ein wenig traurig.
So war mein jüngeres Ich sogar noch viel betrübter über die ganze Situation. Doch wer hätte damals ahnen können, was da noch auf mich zukam?
Wenn ich heute meine jetzige Frau anschaue und sehe, wie sie mir gerade zulächelt, denke ich, dass jeder Schmerz es wert gewesen ist. Vielleicht war er sogar wichtig.
Meine Mutter zog mit mir in den Norden, weit weg von dem Ort, an dem ich all die Jahre aufgewachsen war. Meinen Vater sah ich erst viele Jahre später wieder. Bis dahin war ich oft wütend auf ihn gewesen.
Meine neue Schule war nicht weit von unserer neuen Wohnung entfernt. Der Ort war viel kleiner als die Stadt, in der ich vorher gelebt hatte.
Alles war plötzlich neu. Und sogar ein wenig unheimlich.
Ich würde mitten im zweiten Schuljahr wieder einsteigen und hatte furchtbare Angst, nicht angenommen zu werden. Denn ich war der Fremde, der plötzlich da war, der in die Klassengemeinschaft eindrang.
Und ich hatte niemanden, an dem ich mich orientieren konnte.
So stand ich schließlich vor meiner neuen Klasse. Alle blickten mich verwirrt, neugierig oder sogar ein wenig genervt an. Ich stand neben dem Pult wie ein Zwerg, der sogar noch kleiner aussah, weil ich ängstlich und schüchtern auf den Boden blickte.
Die Klassenlehrerin stellte mich den anderen vor. Sie erklärte, dass ich aus familiären Gründen plötzlich umziehen musste und deswegen nun hier in die Klasse kommen würde.
„Seid nett zu ihm. Er ist nicht nur neu in dieser Schule, sondern auch neu in unserem kleinen Dorf.“ Ihre Stimme war sanft gewesen. Viel sanfter als die meiner Mutter. Dennoch beruhigte sie mich kaum. Im Gegenteil.
Ich hatte nun umso mehr Angst, denn jetzt sollte ich etwas sagen. Darum setzte ich auch immer wieder an, doch es kam nichts heraus. Ich vergaß sogar, was ich den anderen zur Begrüßung sagen wollte. Dabei hatte meine Mutter das mit mir geprobt.
Vor lauter Frust biss ich mir auf die Lippe, während ich weiter verlegen auf den Fußboden blickte. Ich weiß bis heute nicht, wie lange ich dort gestanden und nichts gesagt hatte. Eine Minute? Zwei? Vielleicht sogar eine ganze Stunde. Obwohl ich das gerade für sehr unwahrscheinlich halte.
„Wie ist dein Name?“, ertönte plötzlich eine liebliche und sehr neugierige Stimme. Ich war damals dankbar, weil mich jemand aus meiner Starre befreite.
Und heute bin ich dankbar, weil es die ersten vier Worte meines Lebens waren, die ich nicht mit den Ohren wahrnahm, sondern mit dem Herzen.
Was sich heute vielleicht seltsam oder sogar ein wenig schnulzig anhört. Doch erst als ich aufblickte, um zu sehen, wer mir diese Frage gestellt hatte, merkte ich, dass ich sie bereits in mein Herz aufgenommen hatte, ohne vorher ihr Gesicht gesehen zu haben. Warum, weiß ich nicht. Doch so war es.
Es war keine Liebe auf den ersten Blick. Es war Liebe auf das erste Wort. Und ich war erst acht Jahre alt gewesen. Ich kannte solch ein Gefühl nicht. Es war, als hätte man mir im selben Moment die Luft zugeschnürt und mich gleichzeitig neu beatmet.
Es ist nicht einfach zu erläutern, wie ich sie damals mit meinen Augen wahrnahm, ohne dass es heute in eine unnatürliche Beschreibungsorgie mit Blumen, Farben und engelgleichen Auswüchsen ausartet.
Darum versuche ich jetzt, mit meinem heutigen Ich, sie ganz sachlich zu beschreiben. Sie lächelte mich ganz natürlich an. Sie hatte langes, golden blondes Haar und leuchtend grüne Augen.
Vielleicht sollte ich erwähnen, dass es an dieser Schule eine Schuluniformpflicht gab. Eine der wenigen Grundschulen in diesem Land, an denen das der Fall war.
Und dennoch würde ich heute mit meinem Leben schwören, dass sie das einzige Mädchen gewesen war, das ein weißeres Shirt trug als die anderen.
„Ich ... ich heiße Samuel ... aber alle nennen mich nur Sam.“ Meine Stimme klang noch etwas zittrig. Doch mein Blick war so konzentriert auf dieses eine Mädchen gerichtet, dass ich alle anderen in der Klasse völlig vergessen hatte.
Sogar ihre Frage stellte ich ihr sofort zurück. „Wie heißt du denn?“
Sie kicherte, als die Lehrerin mir eine Hand auf die Schulter legte und nur meinte, dass wir doch eine große Vorstellungsrunde machen könnten.
Erst in diesem Moment wachte ich wie aus einem Tagtraum auf und bemerkte, dass es ja noch andere Kinder in der Klasse gab. Zu dieser Zeit wusste ich nicht, was mit mir los war.
Was war so anders an ihr? Und warum konnte ich nur so selten meinen Blick von ihr lösen? Heute ist mir das natürlich klar.
Doch eine Liebe, die man vor seiner Pubertät erfährt, spielt nach anderen Regeln. Mit acht Jahren hatte man weder genug Erfahrung in solchen Dingen, noch traute man sich, jemanden zu fragen, was genau mit einem geschah.
Jedenfalls vergaß ich am ersten Tag sofort alle Namen meiner neuen Klassenkameraden. Nur ihr Name blieb haften, und ich werde ihn mein Leben lang niemals vergessen. Denn er hatte sich in mein Herz gebrannt.
Erst als viele, viele Jahre später meine Tochter geboren wurde, gab ich diesen Namen an sie weiter. Annika.
Sie war an diesem Tag meine allererste Liebe geworden. Doch ich denke, jeder, der das hier liest, wird es ebenfalls kennen. Diese Ungewissheit, ob diejenige, die man liebt, ebenso empfindet wie man selbst.
Doch ich war eben erst acht Jahre alt. Und als Achtjähriger tat man leider selten die klügsten Dinge. Schon gar nicht, wenn Gefühle einen völlig verwirrten. Obwohl das nur noch davon übertroffen wird, wenn man in die Pubertät kommt.
Also tat ich das Dümmste, was ich tun konnte, als ich endlich die Gelegenheit bekam, kurz mit ihr zu sprechen. Ich sagte zu ihr – als frischgebackenes Scheidungskind, das sich nach Stabilität sehnte:
„Wenn wir erwachsen sind, werden wir heiraten!“ Und das sagte ich mit voller Überzeugung.








