1~Olive
~2018~
Er warf mir die Papiere entgegen, und ich schnappte schockiert nach Luft.
„Was soll das?“, fragte ich überrascht und zog mir die Bettdecke über den Körper.
„Scheidungspapiere. Unsere Abmachung ist vorbei.“
Sofort schrillten bei mir alle Alarmglocken. Machte er Witze? Hatten wir diese Phase nicht längst hinter uns?
„Aber …“
„Aber was? Dachtest du etwa, du könntest mich mit einer Nummer im Bett an dich binden?“
„Dich verführen?“ Ich versuchte immer noch zu begreifen, was hier gerade passierte. Wie kam er jetzt darauf? Noch vor einer Minute hatten wir eng umschlungen im Bett gelegen und eine schöne Zeit gehabt, und jetzt kam er mir so. Es war einfach unfassbar.
„Xander, ich dachte, wir verstehen uns gut. Was ist los?“, fragte ich so sanft ich konnte. Vielleicht war er irgendwo gegen den Kopf gestoßen worden oder wollte mich nur verarschen.
„Ich will nicht mehr mit dir zusammen sein. Wir hatten einen Deal. Ich liebe dich nicht, also solltest du besser verschwinden.“ Er sah absolut ernst aus.
„Was?“, sagte ich und wollte nach seiner Hand greifen. Er wich zurück. Noch nie in meinem Leben hatte ich mich so klein gefühlt wie in dem Moment, als er mich so angewidert ansah.
„Ich will dich nicht sehen, wenn ich zurückkomme“, sagte er. Ich kannte ihn gut genug, um zu wissen, dass er das ernst meinte.
Als er aus dem Zimmer ging, fühlte es sich an, als würde er mein Herz mitnehmen. Wie sollte ich mein Leben, das sich doch ein bisschen zu sehr um ihn gedreht hatte, jetzt wieder in den Griff bekommen?
~
Ich packte meine Sachen und suchte mir ein Hotel, während ich überlegte, was ich nun tun sollte. Ich war gerade beim Auspacken, als mich völlig aus dem Nichts eine Welle von Übelkeit überkam, begleitet von Kopfschmerzen und Fieber. Das war in den letzten Wochen schon öfter passiert, aber ich hatte den Arztbesuch immer vor mir hergeschoben. Ich konnte es mir nicht leisten, jetzt krank zu werden oder mich gehen zu lassen.
Als ich beim Arzt war, erhielt ich die wohl beste und gleichzeitig schlimmste Nachricht meines Lebens.
„Frau Giovanni, herzlichen Glückwunsch, Sie sind in der dritten Woche schwanger.“
Ich schlug mir die Hand vor den Mund und ein erstickter Laut entwich meinen Lippen. Ich nahm das Testergebnis und überflog es. Es war echt. Ich trug sein Kind unter dem Herzen. Vielleicht war das unsere zweite Chance, dachte ich hoffnungsvoll. Wie naiv von mir.
Gleich am nächsten Tag holte ich die Scheidungspapiere und den Umschlag mit den Testergebnissen und fuhr voller Aufregung zu seiner Firma. Ich war mir sicher, dass er dort sein würde.
Als ich in seinem Büro ankam, bemerkte ich den seltsamen Blick seiner Sekretärin, schenkte dem aber keine Beachtung. Ich klopfte kurz, öffnete die Tür und erwischte ihn in einer eindeutigen Situation mit Tasha.
„Xander?“, sagte ich.
Der Schock in seinem Gesicht, als er mich ansah, war unverkennbar. Dann blitzte kurz Schuld auf, aber sie verschwand so schnell, wie sie gekommen war.
„Wir müssen reden“, sagte ich zu ihm.
„Ich höre.“
„Unter vier Augen“, betonte ich.
Ohne mit der Wimper zu zucken, sagte er: „Sie ist keine Fremde.“
Sie hatte ein spöttisches Lächeln auf den Lippen, als er das sagte, und ich hätte ihr am liebsten eine geknallt.
„Wir können uns nicht scheiden lassen.“
Er zog die Stirn kraus: „Warum nicht?“
„Weil …“ Ich hielt inne und überlegte kurz. Hier stand ich und war kurz davor, seine Behauptung zu bestätigen, ich würde versuchen, ihn mit allen Mitteln an mich zu binden – diesmal mit einer Schwangerschaft. Ich wollte nicht das Mädchen sein, das ein Mann nur wegen eines Kindes ertragen muss. Ich wusste, dass ich etwas Besseres verdient hatte. Wenn er mich nicht wollte, würde ich nicht um seine Zuneigung betteln. Er hatte seine Wahl getroffen, und ich würde ihn nicht dazu zwingen, sie zu ändern.
„Schon gut“, sagte ich und schüttelte den Kopf. Ich ging zum Tisch, nahm einen Stift, unterschrieb an den vorgesehenen Stellen und reichte ihm die Papiere zurück. Seine Hand verharrte einen Moment länger auf meiner, als ich ihm den Umschlag gab. „Viel Glück in deinem Leben, Xander.“ Ich meinte es wirklich ehrlich.
Als ich dort hinausging, wusste ich, dass ich ihn für eine sehr lange Zeit nicht mehr sehen würde.
Ich nahm den nächsten Flug nach Atlanta, fest entschlossen, dort ein neues Leben zu beginnen und die Erinnerungen an ihn zu begraben.
~
~2022~
„Sind die Papiere schon unterschrieben?“, fragte ich meinen Mitarbeiter, als er mir ein paar Akten reichte.
„Ja, Chefin. Sie kommen gleich zu uns“, antwortete er.
„Und wie sieht es mit dem Einstellungsprozess für das Büro in LA aus?“
„Was das betrifft, glaubt Jennifer, dass sie noch nicht die qualifiziertesten Kandidaten gefunden hat. Sie ist aber optimistisch für diese Woche.“
Ich summte zustimmend: „Hmm. Sie sollte sich beeilen, ich habe schon alles gepackt und bin bereit für den Umzug.“
„Ich richte es ihr aus, Chefin.“
„Danke“, sagte ich und wollte gerade noch etwas fragen, als ich das kleine Stimmchen meines Schatzes hörte.
„Mama!“
„Hey, mein Schatz.“ Ich nahm sie hoch und küsste ihre Wange. „Wie geht es dir?“
„Mir geht es gut“, sagte sie und legte ihren Kopf auf meine Schulter. Sie war müde.
„Wir müssen los. Mein Baby muss sich ausruhen“, sagte ich und stand auf.
Nachdem sie den ganzen Tag durch das Büro gerannt war, musste sie natürlich wieder zu Kräften kommen, um morgen weiterzumachen – nur dass morgen alles anders sein würde.
Er nickte: „Schönen Feierabend, Chefin.“
„Dir auch. Arbeite nicht zu lange“, sagte ich zu ihm.
Während ich mit meiner Tochter auf dem Arm aus dem Büro schlenderte, erwiderte ich die Abschiedsgrüße, bis ich das Auto erreichte. Ich würde Atlanta vermissen, aber es war Zeit für neue Herausforderungen, und der Umzug nach LA war der nächste Schritt für meine Karriere und mein Unternehmen.
Am nächsten Tag saß ich im Flugzeug, erste Klasse, mit meiner Tochter und meiner persönlichen Assistentin an meiner Seite. Als wir in LA landeten, seufzte ich. Das würde eine aufregende Reise werden, das spürte ich.
Malik wartete bereits am Flughafen auf uns. Ich lächelte, als er mit schnellen Schritten auf uns zukam. Mit einer fließenden Bewegung nahm er Arya aus meinen Armen und wirbelte sie herum, bis sie kicherte. Ich musste auch lachen.
„Danke, dass du uns abholst“, sagte ich zu ihm.
„Du weißt doch, ich würde alles für dich tun.“ Er schenkte mir dieses Grübchen-Lächeln, bei dem alle Frauen in seiner Umgebung dahin schmolzen. Ich wuschelte stattdessen durch sein lockiges Haar, und er lachte.
„Komm, lass uns los“, sagte ich und ging vor, während er unser Gepäck hinter mir herzog.
Als er tiefer in die Stadt fuhr, musste ich unweigerlich an das letzte Mal denken, als ich hier war, und wie sehr sich seitdem alles verändert hatte. Die Stadt war geschäftig und lebendig, genau wie ich sie in Erinnerung hatte.
Eine Welle von Erinnerungen überrollte mich, und ich wurde fast etwas schwermütig bei dem Gedanken daran, was mich damals hierhergeführt und wieder weggetrieben hatte. Ich schob diese traurigen Gedanken beiseite und genoss einfach die Fahrt.









