Der erste Schritt
Ich hatte Connor schon seit meinem ersten Tag im Fitnessstudio bemerkt.
Eigentlich war das unmöglich gewesen, ihn nicht zu bemerken.
Er war groß, breit gebaut und offensichtlich jemand, der wusste, wie man seinen Körper trainierte. Kurze braune Haare, ein gepflegter Bart und diese ruhige, selbstsichere Art, mit der er sich durch das Studio bewegte. Wenn er jemandem bei einer Übung half, wirkte er konzentriert und geduldig.
Und genau das war es, was mich an ihm faszinierte.
Nicht nur sein Aussehen.
Seine Ruhe.
Seine Stimme.
Dieses Gefühl, dass neben ihm irgendwie alles ein kleines bisschen weniger beängstigend war.
Ich war inzwischen seit zwei Monaten regelmäßig hier. Normalerweise hielt ich mich von den Trainern fern. Ich wollte niemanden um Hilfe bitten. Schon gar nicht ihn.
Doch an diesem Nachmittag stand ich vor einer Übung und hatte absolut keine Ahnung, ob ich sie richtig ausführte.
Ich atmete tief durch.
Okay, Emma. Du gehst einfach hin. Du fragst ihn. Mehr nicht.
Connor stand gerade neben dem Kabelzug und erklärte einem anderen Mitglied etwas.
Ich wartete.
Als er fertig war, sah er zu mir herüber.
Connor: „Alles okay?“
Ich nickte viel zu schnell.
Emma: „Ja. Also ... eigentlich nicht.“
Er lächelte leicht.
Connor: „Das klingt nach einem Problem.“
Ich musste ebenfalls lächeln.
Emma: „Ich glaube, ich mache die Übung falsch.“
Connor: „Welche?“
Ich zeigte auf das Gerät.
Connor kam zu mir herüber.
Connor: „Zeig mal.“
Ich stellte mich hin und versuchte, die Bewegung auszuführen.
Emma: „So?“
Er beobachtete meine Haltung.
Connor: „Fast.“
Mein Herz machte einen kleinen Sprung.
Emma: „Fast?“
Connor: „Deine Haltung ist gut. Aber du gehst hier ein bisschen zu weit nach vorne.“
Er trat näher und deutete auf meine Position.
Connor: „Versuch es nochmal.“
Ich machte die Bewegung erneut.
Connor: „Besser.“
Emma: „Wirklich?“
Connor: „Ja. Aber halte deine Schultern etwas gerader.“
Bevor ich darüber nachdenken konnte, hob er vorsichtig eine Hand und berührte meine Schulter. Nur ganz kurz. Seine Finger lagen kaum länger als einen Moment an meinem oberen Rücken, während er meine Haltung sanft korrigierte.
Für mich fühlte es sich an, als hätte jemand den gesamten Raum plötzlich lauter gestellt.
Mein Atem stockte.
Mein Herz schlug so heftig, dass ich überzeugt war, Connor müsste es hören können.
Oh mein Gott. Er berührt mich.
Ich versuchte, stillzuhalten, doch in meinem Kopf herrschte völliges Chaos.
Ganz ruhig. Es ist nur eine Korrektur. Er hilft dir nur bei der Übung. Das bedeutet überhaupt nichts.
Aber mein Körper schien diese Erklärung nicht zu akzeptieren.
Die Wärme seiner Hand schien noch immer auf meiner Schulter zu liegen, obwohl er sie längst wieder weggenommen hatte. Ich spürte jeden einzelnen Herzschlag bis in meine Fingerspitzen und hatte plötzlich keine Ahnung mehr, wohin ich sehen sollte.
Connor: „So ist es besser.“
Ich blinzelte.
Emma: „Was?“
Er lächelte leicht.
Connor: „Deine Haltung.“
Emma: „Ach so. Ja. Natürlich.“
Natürlich? Warum sage ich natürlich?
Ich machte die Bewegung erneut und konzentrierte mich verzweifelt darauf, nicht völlig die Kontrolle über meinen Körper zu verlieren.
Connor: „Besser.“
Emma: „Wirklich?“
Connor: „Ja.“
Sein Lächeln wurde etwas breiter.
Connor: „Du lernst schnell.“
Ich spürte, wie mir warm wurde.
Emma: „Danke.“
Connor: „Kein Problem.“
Er wandte sich gerade wieder ab, als ich plötzlich den Mut fand, etwas zu fragen.
Emma: „Connor?“
Er drehte sich um.
Connor: „Hm?“
Emma: „Du ... hast du vielleicht irgendwann mal Lust, mit mir einen Kaffee trinken zu gehen?“
Stille.
Ich hätte mich am liebsten sofort in Luft aufgelöst.
Warum habe ich das gerade gesagt?
Doch Connor sah mich nur überrascht an.
Dann lächelte er.
Connor: „Klar.“
Ich blinzelte.
Emma: „Wirklich?“
Connor: „Warum nicht?“
Ich musste lachen.
Emma: „Ich dachte gerade, ich sterbe vor Nervosität.“
Connor: „Dann war es vermutlich gut, dass du gefragt hast.“
--
Unser erstes Treffen war drei Tage später.
Ich stand bestimmt fünf Minuten vor dem Café und überlegte, ob ich einfach wieder nach Hause gehen sollte.
Dann sah ich ihn.
Connor kam auf mich zu, in Jeans und einem schlichten dunklen Shirt.
Und plötzlich vergaß ich, wie man normal atmete.
Connor: „Hey.“
Emma: „Hey.“
Connor: „Du bist früh.“
Emma: „Du auch.“
Er grinste.
Connor: „Dann sind wir beide wohl nervös.“
Emma: „Ich bin nicht nervös.“
Er hob eine Augenbraue.
Connor: „Nein?“
Emma: „Nein.“
Connor: „Du hast gerade ungefähr zehnmal auf dein Handy geschaut.“
Ich sah auf mein Handy.
Emma: „Vielleicht.“
Er lachte.
Es war ein schönes Lachen.
Wir setzten uns an einen Tisch am Fenster.
Am Anfang redeten wir über belanglose Dinge. Das Fitnessstudio. Musik. Arbeit. Meine Schule.
Doch irgendwann wurde das Gespräch persönlicher.
Connor: „Du bist ziemlich zurückhaltend.“
Ich sah in meine Tasse.
Emma: „Ja.“
Connor: „Ist das schlimm?“
Emma: „Nein.“
Er machte eine kurze Pause.
Connor: „Du musst mir nichts erzählen, was du nicht erzählen möchtest.“
Ich sah ihn an.
Seine Stimme war plötzlich anders.
Sanfter.
Emma: „Danke.“
Connor: „Wofür?“
Emma: „Dass du nicht fragst.“
Er nickte nur.
Und genau das machte ihn für mich noch attraktiver.
Nach unserem Treffen sah ich Connor wieder im Fitnessstudio.
Ich war ungewöhnlich nervös.
Wir hatten uns erst einmal getroffen und trotzdem fühlte es sich plötzlich anders an, ihn zu sehen.
Als ich an der Umkleide vorbeiging, bemerkte ich, dass die Tür nicht vollständig geschlossen war.
Ich wollte eigentlich einfach weitergehen.
Doch aus dem Augenwinkel sah ich Connor.
Er kam gerade aus der Dusche, dampfumhüllt und mit feuchten Haaren, die ihm dunkler als sonst an der Stirn klebten. Wassertropfen glitzerten auf seiner Haut und liefen über seine Schultern und seine breite Brust. Er griff nach einem Handtuch und schlug es sich hastig um die Hüften – gerade rechtzeitig, sodass ich nichts mehr sah, was ich nicht hätte sehen sollen.
Trotzdem blieb der Anblick für einen Moment in meinem Kopf hängen.
Die Wärme, die von ihm auszugehen schien. Die kräftigen Konturen seines Körpers. Die lässige Selbstverständlichkeit, mit der er dastand, als wäre ihm nicht bewusst, wie atemberaubend er auf mich wirkte.
Connor bemerkte mich nicht. Er war ganz auf das Handtuch und seine Sachen konzentriert und hatte keine Ahnung, dass ich ihn gerade halb nackt gesehen hatte.
Ich blieb wie angewurzelt stehen.
Mein Blick wanderte sofort wieder weg.
Mein Gesicht wurde heiß.
Oh Gott.
Ich ging schnell weiter.
Mein Herz raste.
Ich wusste selbst nicht genau, warum dieser kurze Moment mich so aus der Fassung gebracht hatte.
Vielleicht lag es daran, dass ich ihn bisher immer nur als den ruhigen Mann aus dem Fitnessstudio gesehen hatte.
Jetzt hatte ich plötzlich eine andere Seite von ihm gesehen.
Eine, die ich eigentlich gar nicht hätte sehen sollen.
Und natürlich begann mein Kopf sofort, sich Dinge auszumalen.
Ich schüttelte den Kopf.
Emma: „Nein.“
Emma. Er ist älter als du. Viel älter.
Ich versuchte, die Gedanken beiseitezuschieben.
Doch sie verschwanden nicht sofort.
Am Abend vibrierte mein Handy.
Connor: Bist du gut nach Hause gekommen?
Ich lächelte automatisch.
Emma: Ja :) Du?
Die Antwort kam fast sofort.
Connor: Auch. War ein langer Tag.
Emma: Meiner auch.
Connor: Dann solltest du dich ausruhen.
Ich grinste.
Emma: Du klingst schon wieder wie mein Trainer.
Connor: Berufsrisiko.
Emma: Und wenn ich morgen wieder trainieren komme?
Connor: Dann bekomme ich vermutlich Ärger mit mir selbst, weil ich dir wieder helfen muss.
Emma: Vielleicht brauche ich ja gar keine Hilfe.
Connor: Das glaube ich dir nicht.
Ich musste lachen.
Es war nur ein kleiner Chat.
Aber für mich fühlte er sich wie etwas Besonderes an.








