Familienabend
Johanna
Erschöpft schaute ich mein Gesicht noch einmal im Rückspiegel meines klapprigen Autos an. Die Augenringe konnte man inzwischen schon deutlich sehen, obwohl ich etwas drüber geschminkt hatte.
‚Es ist bereits dunkel, vielleicht werden sie es nicht bemerken…‘
Ich atmete noch einmal tief durch, zwang mir ein sorgloses Lächeln aufs Gesicht, griff nach dem Präsentkorb und stieg aus dem Auto.
Kaum hatte ich die Klingel gedrückt, wurde auch schon der Summer betätigt und ich konnte rein. Der klapprige Fahrstuhl war mir nach wie vor nicht ganz geheuer, also nahm ich wie immer die Treppe, bis hoch in den siebten Stock.
Oben angekommen, ging ich durch den Flur um mehrere Ecken und sah bereits die Tür zur Wohnung meiner Eltern offenstehen.
Der zerzauste Kopf meines Bruders streckte sich hindurch und grinste breit, als er mich kommen sah.
„Johanna ist da!“, rief er laut und begeistert und stürmte freudig auf mich zu.
„Pass auf, Erik! Sonst verliere ich noch Papas Geschenk! Schön, dich zu sehen.“
Ich drückte ihn einmal ganz fest und schob mich an ihm vorbei in die kleine Wohnung.
Mein Vater kam mit offenen Armen auf mich zu, als ich durch die Wohnungstür trat.
„Happy Birthday, Papa! Das ist für dich. Alle haben zusammengeworfen.“
Ich hielt ihm den Präsentkorb hin, den er direkt beiseite stellte, um mich zu umarmen.
Er drückte ein wenig fester zu, als notwendig gewesen wäre. Sofort machte ich mir noch mehr Sorgen als ohnehin schon.
Es ging ihm nicht gut.
„Du bist alleine gekommen?“, fragte Erik hinter mir und sprach genau das an, was ich diesen Abend eigentlich nicht bereden wollte – unter anderem. „Wo ist Collin?“
Ich seufzte.
„Ich wollte nicht, dass er mitkommt. Ich habe mich vor einer Woche von ihm getrennt.“
Das war nicht ganz die Wahrheit. Tatsächlich hatte Collin sich von mir getrennt. Daher wollte ich ganz bestimmt nicht, dass er heute mitkommt.
Papa wusste das schon, doch Erik hatte ich davon noch nichts erzählt. Er hatte sich gut mit ihm verstanden. Sie hatten gemeinsam viele Computerspiele gespielt.
„Hat er dich verletzt? Ist er fremdgegangen?“, löcherte Erik weiter und ich musste mir einen genervten Seufzer verkneifen.
Erik hatte ziemlich gut geraten. Jedoch wusste ich nicht genau, ob Collin wirklich fremdgegangen war. Er hatte mich wegen einer Anderen verlassen, das war eine Tatsache, aber ich glaubte nicht, dass er mich betrogen hatte.
„Keine Fragen mehr. Heute ist mein Geburtstag und ich möchte nur meine Liebsten um mich haben. Also auf ins Wohnzimmer!“, sagte mein Vater und trug den Geschenkkorb in den nächsten Raum.
Ich atmete tief durch, bevor ich durch den Türrahmen gehen konnte. Dann lächelte ich meine Mutter an.
Sie saß halb auf einem Bett, das mitten im Wohnzimmer stand. An ihrem Arm hing ein Schlauch, der an einem Tropf befestigt war. Sie durfte dieses Wochenende Zuhause bleiben, weil mein Vater Krankenpfleger war und sie selbst betreuen konnte.
Sie lächelte angestrengt.
„Da ist ja meine Große. Du wirst mit jedem Mal schöner. Ich sehe dich eindeutig viel zu selten.“
Ihre Stimme war rau und dünn. Sie trug ein Tuch um ihren Kopf gewickelt, um die fehlenden Haare zu verbergen.
„Hi, Mama“, flüsterte ich ihr ins Ohr und gab ihr einen Kuss auf die Wange. „Tut mir leid. Das Studium und die Kurse… Ich habe nicht viel Zeit, um hier rüber zu fahren.“
„Hauptsache, du bist jetzt hier. Und jetzt setzt euch. Papa soll sein Geschenk auspacken.“
Wir setzten uns gemeinsam um den kleinen Couchtisch herum und beobachteten, wie Papa das Papier von den vielen kleinen Paketen abriss.
Es fühlte sich fast so an wie immer, stellte ich erleichtert fest.
Mit einem Stich im Magen schaute ich zwischen meinen Eltern hin und her.
Trotz Mamas Zustands waren sie einfach glücklich, einander zu haben. Glücklich, dass wir hier zu viert saßen und einen gemeinsamen Spieleabend machen würden – wie früher. Das war Papas einziger Wunsch zu seinem Geburtstag gewesen, doch natürlich hatten wir noch einige Sachen zum Auspacken für ihn gefunden.
Ich sollte wirklich häufiger herkommen. Doch ich hatte wirklich nicht viel Zeit. Aber daran war ich selbst schuld.
Ich musste nicht so viel für die Uni lernen oder für den Unterricht vorbereiten. Ich brauchte auch nicht zusätzlich zu den Kursen in der Tanzschule die AG in der Schule anbieten und dann noch abends kellnern gehen.
Die Studiengebühren konnte ich allein durch die Tanzkurse finanzieren, genau wie meine kleine Wohnung. Die Kellnerei brachte mir ein gutes Nebeneinkommen ein, doch seitdem ich im Referendariat war, brauchte ich eigentlich nichts anderes mehr tun, um finanziell über die Runden zu kommen. Außerdem würde mein Vater mich liebend gerne irgendwie unterstützen, doch jedes Mal, wenn er seine finanzielle Hilfe anbot, lehnte ich ab.
Er hatte inzwischen weniger Einkommen als ich und er musste sich zusätzlich noch um meine Mutter und Erik kümmern. Dazu kam noch seine Großzügigkeit, grundsätzlich jedem Menschen, der ärmer war als er, zu helfen. Selbst denjenigen, die mehr hatten als er, half er ohne nachzufragen oder um Gegenleistung zu bitten.
Ich war zwar auch großzügig – zumindest behaupteten das meine Freunde – aber an ihn kam ich lange nicht heran.
Gedankenverloren verpasste ich meinen Einsatz bei unserem dritten Spiel an diesem Abend und schob es auf die bevorstehenden Prüfungen.
„Es sind doch noch ein paar Monate bis dahin, oder nicht?“, erkundigte sich meine Mutter.
„Ja, das ist richtig. Aber ich überlege schon jetzt, was ich mit meinen Schülern machen soll. Das ist nicht so einfach, wie es gerne mal dargestellt wird.“
Mama lehnte sich zu mir rüber und legte einen Arm um meine Schultern.
„Da hast du wahrscheinlich recht. Aber wir glauben an dich. Du wirst das ganz großartig machen.“
Ich drückte sie sanft zurück.
Langsam stand ich auf und streckte meine Beine aus.
„Ich muss langsam wieder los. Ich fahre eine halbe Stunde zu meiner Wohnung. Morgen muss ich noch ein wenig Unterricht vorbereiten und dann Kurse geben. Ein wenig schlafen sollte ich vorher auch noch.“
„Fahr vorsichtig, mein Schatz“, sagte mein Vater und drückte mich einmal fest. „Und vergiss ihn. Wenn er nicht sehen will, was für eine tolle Frau du bist, dann hat er dich nicht verdient.“
Überrascht musste ich kurz schlucken. Ich hatte nicht mehr damit gerechnet, dass mein Vater das nochmal ansprach…
Ich verabschiedete mich von den anderen beiden und lief die Treppe des Hochhauses hinunter. Ich wusste, dass die Trennung von Collin meine Mutter härter traf, als sie heute gezeigt hatte. Auch sie hatte ihn sehr gemocht. Wir hatten erst kürzlich noch darüber gesprochen, zusammenzuziehen.
Er hatte mich sogar schon gefragt, ob ich mir vorstellen könnte, mit ihm eine Familie zu gründen. Er hat mehr als genug Andeutungen gemacht, dass er mir bald einen Heiratsantrag machen würde, und das wusste meine Mutter. Auch sie hatte sich Hoffnungen gemacht, dass sie bald auf meiner Hochzeit tanzen könnte. Doch jetzt war noch nicht einmal klar, ob sie überhaupt fit genug werden würde, um bis zu der Zeit durchzuhalten, bis ich wieder jemanden fand, der überhaupt eine Beziehung mit mir wollte.
Nicht, dass es wichtig war, auf biegen und brechen einen heiratswürdigen Mann zu finden... Ich kam auch sehr gut alleine klar. Aber für meine Mutter würde ich gerne jemanden haben, der ihr die Sicherheit gab, dass ich in guten Händen war. Sie machte sich immer zu viele Sorgen.
Wenn ich einen Freund hatte, dann wirkte es so, als hätte sie weniger Angst vor meiner Zukunft.
Ich drehte die Zündung meines Autos.
Es ratterte, doch der Wagen ging nicht an.
Ich versuchte es noch dreimal, bis er endlich ansprang und ich in der Dunkelheit nach Hause fahren konnte – von meinem einen Zuhause weg, auf mein einsames Zuhause zu.
Als ich durch die Tür trat, sah ich sofort unzählige Sachen, die mich an Collin erinnerten.
Bisher hatte ich sie aus Melancholie stehen und liegen lassen. Wir waren die vergangenen fünf Jahre ein Paar gewesen, daher hatte sich sehr vieles angesammelt, was mit ihm zu tun hatte. Ich wollte nichts mehr davon sehen.
Also nahm ich einen Müllsack aus dem Schrank und warf alles hinein, das irgendwas mit ihm zu tun hatte: Die Bilderrahmen, die Dekostücke, die Sammelfiguren und vor allem die Videospiele.
Ich seufzte, als ich einen Blick auf die Uhr an der Wand warf, die ich bisher ignoriert hatte und bei der ich bemerkte, dass sogar sie mich an meinen Exfreund erinnerte.
Ich räumte alle Schubladen aus, sortierte die Schränke und Schubladen neu, wischte dadurch an Stellen den Staub weg, an denen ich scheinbar noch nie gewesen war, und hatte bald meine kleine Wohnung auf den Kopf gestellt und umgeräumt.
Mit dem Schlaf hatte es sich inzwischen erledigt.
Es war vier Uhr morgens und der Tanzkurs begann um zehn. Mein Wecker ging um sieben Uhr, damit ich noch den Unterricht der nächsten Woche vorbereiten konnte.
Scheinbar konnte ich das erst am Sonntag machen – nach den Kursen. Denn heute war ich in der Samstags-Spätschicht der Bar eingeteilt worden, was hieß, dass ich auch kommende Nacht nicht pünktlich ins Bett kam.
Ich seufzte und stellte den überfüllten Müllsack vor meine kleine Küchenzeile. Den Wecker stellte ich für einige Zeit später ein, damit ich mehr als nur einen kurzen Schlaf bekam.
Mit müden Augen griff ich nach den Beruhigungstabletten, die mein Arzt mir verschrieben hatte, nahm eine davon und legte mich ins Bett. Die vergangenen Monate hatte ich nicht ohne Tabletten einschlafen können, seitdem ich mir so starke Sorgen um meine Mutter machte.
Ganz langsam spürte ich, wie ich in einen wenig erholsamen Schlaf sank und kurz darauf wieder von meinem Wecker aus den Träumen gerissen wurde.








