Kapitel 1: Der Nullpunkt
Man sagt ja, das Leben zieht einem am Ende nochmal vor Augen vorbei. Bei mir war es eher ein nasser Fleck auf der Straße, ein rutschender Reifen und, zack, Dunkelheit.
Hi, mein Name ist Elian. Vor ungefähr zehn Sekunden hätte ich dir noch erzählt, dass man beim Sterben mit Engeln, hellem Licht oder zumindest einer dramatischen Zeitlupe rechnet. Jetzt weiß ich: Es ist verdammt unspektakulär. Erwischt hat mich, während ich völlig in mein Handy versunken über die Straße schlenderte, offiziell Truck-kun, inoffiziell ein Fiat 500e, was die Sache ehrlich gesagt nicht wirklich besser macht.
Nach meinem Tod war ich nur noch ein winziger Lichtpunkt in einem schier endlosen Lichtermeer. Ich konnte nichts weiter tun, als wie ein stummer Fisch im Kreis um herzuschwimmen, genau wie all die anderen unzähligen Leuchtkugeln um mich herum. Eine gefühlte Ewigkeit glitt ich durch diesen grenzenlosen Raum, umgeben von einer fast schon betäubenden Stille, und, weil man in so einem Zustand offenbar viel Zeit zum Nachdenken hat, zog tatsächlich mein bisheriges Leben an mir vorbei.
Kein besonders episches, muss ich zugeben. Ich bin wohl nicht der übliche Kandidat für einen Transport in eine Isekai-Welt, den Truck-kun sonst so erwischt. Ich lebte weder zurückgezogen noch sozial distanziert, war aber auch kein Mensch, der um jeden Preis im Mittelpunkt stehen musste. Man hätte mich wohl, wie einer meiner Freunde es ausgedrückt hätte, am besten als typischen Alman bezeichnet. Diese Geschichte nahm ihren Anfang in Deutschland, genauer in der schönen, aber teuren Stadt München, wo ich, nachdem das mit dem Architekten nix wurde (weil mir ein Vertrag mit dem Fach Mathematik fehlte), das Nächstbeste genommen hatte und Bauzeichner geworden war.
Klar, von Statik hatte ich weiterhin keine Ahnung, aber ich konnte immerhin Pläne konstruieren. So lebte ich, neben zahlreichen Survival-Aufbauspielen, zumindest ansatzweise meinen Traum aus: Tagsüber zeichnete ich die Träume anderer, nachts in virtuellen Welten meine eigenen. Am liebsten baute ich kleine Städte, plante verwinkelte Gassen und verbrachte Stunden damit, Details an Fassaden und Winkeln auszuarbeiten, die sowieso nie jemand außer mir bemerkt hätte.
Okay, gut … vielleicht passte ich doch ein bisschen ins japanische Isekai-Klischee.
Bis ich plötzlich, wie aus dem Nichts, auf einem harten Stuhl vor einem Schreibtisch saß.
Zuerst überkam mich pure Verwirrung. Ich starrte ungläubig auf meine Hände. Ich hatte wieder einen Körper. Ich ballte die Fäuste, spürte meine Knöchel und versuchte zu begreifen, dass das hier tatsächlich Realität war und nicht nur das letzte, verrückte Aufbäumen meines geschundenen Verstandes.
Ein trockenes Hüsteln riss mich jäh aus meinen Gedanken.
„Willkommen, Seele!“, ertönte eine Stimme von der anderen Seite des Schreibtisches.
Ich blickte auf. Vor mir saß eine humanoide Gestalt. Anstelle eines Kopfes besaß sie jedoch nur ein grelles, pulsierendes Licht. Es blendete mich seltsamerweise nicht, ließ mich aber völlig fassungslos zurück. Außer dem Schreibtisch und den Stühlen, auf denen wir saßen, gab es keine Wände, keine Decke, keinen Boden. Nur die unendliche Schwärze des Weltraums, durchzogen von majestätisch wirbelnden, kosmischen Nebeln.
„Ich... ich heiße Elian...“, brachte ich stotternd hervor.
Die Entität antwortete mit einer Stimme, die so voller bürokratischer Gleichgültigkeit klang, dass sie auch aus einem städtischen Bürgeramt hätte stammen können: „Schön für dich, Seele. Nun kommen wir zum Wesentlichen.“
Die Gestalt machte eine kurze, theatralische Pause. Während ich noch versuchte zu verarbeiten, dass mein Stuhl buchstäblich im Vakuum des Kosmos schwebte, sprach das Lichtwesen weiter: „Kurzum: Du bist gestorben und warst im Warteraum.“
„Warteraum?!“, echote ich dümmlich.
Die Entität gab ein genervtes Seufzen von sich. „Ja, Warteraum. Der Ort, an dem Seelen zwischengelagert werden, bis wir ihre Wiedergeburt bearbeiten können. Und davon gibt es im Moment leider sehr viele... aber ich schweife ab. Heute bist du an der Reihe.“
In den Händen der Erscheinung materialisierte sich wie von Geisterhand ein dicker Klemmordner. Das Wesen blätterte flüchtig darin herum.
„Ach ja, hier haben wir es ja... Du hast die erste Phase erfolgreich abgeschlossen und darfst nun in die nächste Paralleldimension wechseln.“
Ich blinzelte. „Phase? Paralleldimension?“
Wieder ein tiefes, gequältes Seufzen. „Ja, Paralleldimension. Da dein Beitrag zur Entwicklung in der Dimension NM abgeschlossen ist, wirst du nun in die nächste geschickt, um dort weiter zur Entstehung neuer Seelen beizutragen.“
„Was? Welcher Beitrag denn überhaupt?“, fragte ich verwirrt.
„Das hat dich nicht zu kümmern“, wiegelte die Erscheinung ab. „Wir führen dieses Gespräch hier nur, um festzulegen, in welcher Form du in der nächsten Dimension erscheinen willst und welches Geschenk du erhältst. Zur Auswahl steht eine komplette Wiedergeburt als Säugling, was dir logischerweise mehr Lebenszeit einbringt. Oder die Wiedergeburt in deinem früheren Körper mit dem exakt gleichen Alter, das wäre...“
Das Lichtwesen blätterte noch einmal kurz im Ordner. „...ach ja, hier: zwanzig Jahre.“
Ich überlegte fieberhaft und fragte dann: „Wenn ich als Zwanzigjähriger dort auftauche... kann ich mich dann an mein früheres Wissen erinnern?“
Die Entität schwieg einige Sekunden und blätterte dabei den Klemmordner durch.
„Bei deinem Wissensstand geht das klar“, antwortete die Entität dann beiläufig, ohne aufzusehen. „Immerhin kannst du mit deinem ungefähren Wissen nichts anrichten, was sich nennenswert auf die dortige Gesellschaft auswirken würde.“
Ich schluckte die vermeintliche Beleidigung herunter und überlegte kurz, ob die Entität mich gerade als dumm bezeichnet hatte. Dann ging ich im Geist meine Fähigkeiten durch und musste mir eingestehen: Ich hatte tatsächlich keine Ahnung, wie ein Toaster im Detail mechanisch funktionierte. Ich schwieg also lieber.
Die Erscheinung fuhr unbeeindruckt fort: „Zusätzlich erhältst du die geläufigste Sprache dieser Welt direkt in deinen Geist projiziert sowie eine Fähigkeit deiner Wahl. Diese Boni würdest du zwar auch als Neugeborener bekommen, allerdings müsstest du dann eben bei Stufe Null anfangen, sprich als Säugling, und wir könnten nicht garantieren, in welcher Familie du landest. Ein Waisenhaus im Schlamm ist da immer im Bereich des Möglichen.“
„Ich nehme meinen alten Körper“, sagte ich sofort. „Und die Fähigkeit... Warte, was ist das überhaupt für eine neue Dimension?“
Das Wesen blätterte gelangweilt zurück. „Mittelalterliche Fantasy. Gleicher Planet, aber eine völlig andere historische Entwicklung aufgrund der Existenz von Magie.“
Ich atmete tief durch. Okay. Wenn schon Fantasy, dann richtig.
„Ich wäre gerne ein krasser Magier, der seine Magie bis ins Unermessliche steigern kann!“
Die Erscheinung klappte den Ordner mit einem satten Klack zu. „Dann sei es so. Viel Glück, Seele.“
Noch bevor ich antworten oder eine meiner anderen 1.000 Fragen stellen konnte, erlosch auch schon das Licht vor mir und die Schwärze des Weltraums verschlang mein Bewusstsein.
Ich würde lügen, wenn ich sagen würde, dass das eine angenehme Erfahrung war. Ich denke, am besten kann man es damit beschreiben, als würde man eine Zahnpastatube ausdrücken: Aus dem Körper, über den ich mich gerade noch gefreut hatte, wurde ich gewaltsam gepresst und irgendwo hingeworfen, während ich gleichzeitig in ein neues Gefäß gepresst wurde.








