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Der letzte Lehrling von Avalon

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Zusammenfassung

Alrik Fletcher hält sich für einen ganz gewöhnlichen jungen Mann. Er arbeitet im Stadtarchiv von Glastonbury, lebt mit seiner Mutter Rowena zusammen und macht sich eher Gedanken über vergessene Hausaufgaben und den Alltag als über Magie. Doch als er auf dem Glastonbury Tor einem geheimnisvollen alten Mann begegnet, gerät seine Welt aus den Fugen. Der Fremde nennt sich Elyndar. Er behauptet, ein Magier zu sein. Und er lebt in einem Turm, den außer Alrik offenbar niemand sehen kann. Während Elyndar verzweifelt versucht zu beweisen, dass Alrik unmöglich der Schüler sein kann, auf den eine uralte Prophezeiung hinweist, häufen sich seltsame Ereignisse. Verborgene Kräfte erwachen. Jahrhundertealte Runen reagieren auf den jungen Mann. Und Hinweise auf eine längst vergessene Vergangenheit führen tief in die Geheimnisse Avalons. Als schließlich ein Schatten aus Elyndars eigener Geschichte zurückkehrt, beginnt ein Wettlauf um die Wahrheit. Der geheimnisvolle Morcant sucht etwas, das seit Jahrhunderten verborgen ist. Und ausgerechnet Alriks Familie scheint der Schlüssel zu sein. Gemeinsam mit Elyndar muss Alrik herausfinden, was wirklich hinter den Legenden von Avalon steckt. Doch je mehr Antworten sie finden, desto deutlicher wird, dass manche Geschichten über die Vergangenheit falsch erzählt wurden. Und manche Wahrheiten sind mächtiger als jede Magie. Der letzte Lehrling von Avalon ist ein humorvoller und zugleich geheimnisvoller Fantasy-Roman über Freundschaft, Erinnerung, Familiengeheimnisse und die Frage, ob wahre Größe wirklich in Macht liegt oder im Mut, die Wahrheit zu erkennen. Für Leserinnen und Leser von klassischer Fantasy, modernen Avalon-Mythen und magischen Abenteuern voller Herz, Humor und Geheimnisse.

Status:
Abgeschlossen
Kapitel:
31
Rating
n/a
Altersfreigabe
13+

Ein Turm und sein Bewohner

Der Tag begann damit, dass ein Stück Decke auf Elyndars Frühstück fiel. Der alte Zauberer blickte auf das faustgroße Stück Mörtel, das mitten in seinem Haferbrei lag.

Er seufzte. "Auch dir einen guten Morgen.“ Über ihm knarrte das Gebälk des Turms. Eine Wolke aus Staub rieselte herab.

Elyndar hob seinen Stab. „Festus Structura.“

Goldene Lichtfäden schossen durch die Luft und umwickelten den morschen Balken. Das Holz richtete sich auf, straffte sich und wirkte für einen kurzen Moment fast neu.

Der Zauberer nickte zufrieden. „Siehst du. Geht doch.“ Der Balken hielt genau vier Sekunden. Dann löste sich ein weiteres Stück aus der Decke und fiel in den Haferbrei. „Undankbares Bauwerk.“

Der Turm antwortete mit einem langen, knarzenden Laut.

Elyndar war inzwischen überzeugt, dass der Turm ihn absichtlich ärgerte. Nach dreihundertzwanzig Jahren gemeinsamer Wohnzeit durfte man sich solche Vermutungen erlauben.

Er stand auf und trat an das Fenster. Von hier aus konnte er ganz Glastonbury sehen. Zumindest das moderne Glastonbury. Ein Anblick, den er ausdrücklich missbilligte.

Autos bewegten sich wie metallene Käfer durch die Straßen. Menschen liefen mit leuchtenden Bildschirmen durch die Gegend. Über einem Geschäft blinkte eine digitale Werbetafel.

Elyndar verzog das Gesicht. „Barbarei.“ Vor dreihundert Jahren hatte man noch Stil gehabt. Drachen. Türme. Prophezeiungen. Silberne Schwerter.

Heute gab es Kaffeehäuser namens „Dragon’s Brew“, deren größte Verbindung zu Drachen darin bestand, dass einer auf dem Firmenlogo zu sehen war.

Manchmal fragte sich Elyndar, ob die Welt beschlossen hatte, ihn persönlich beleidigen zu wollen. Er lebte am Glastonbury Tor. Zumindest technisch gesehen.

Die Besucher, die regelmäßig den berühmten Hügel mit den alten Kirchenruinen erklommen, konnten allerdings nur den sichtbaren Teil sehen. Der eigentliche Turm verbarg sich dahinter. Geschützt durch ein uraltes magisches Feld. Ein Schleier aus Avalon. Unsichtbar. Zumindest normalerweise.

Anfangs hatte Elyndar versucht, neugierige Menschen mittels Illusionen fernzuhalten. Er hatte Nebel erschaffen. Spukgestalten beschworen. Sogar einen Drachen erscheinen lassen.

Das Ergebnis war unerquicklich gewesen. Die Menschen waren nicht geflohen. Sie hatten Eintritt verlangt. Danach war alles schlimmer geworden. Einige hatten den Drachen fotografiert. Andere hatten Souvenirstände aufgestellt.

Ein besonders geschäftstüchtiger Mann hatte T-Shirts verkauft. Elyndar besaß noch immer eines.

Darauf stand: Ich überlebte den Drachen von Avalon.

Er trug es gelegentlich zum Schlafen. Wütend. Heute setzte er lieber auf die magische Barriere. Sie war deutlich zuverlässiger. Wer nicht dazu bestimmt war, den Turm zu betreten, konnte stundenlang danach suchen. Der Turm existierte dann schlicht nicht.

Eine der letzten großen Schöpfungen der alten Magie. Und gleichzeitig seine größte Hoffnung. Denn sie war mit der Prophezeiung verbunden. Jener Prophezeiung. Der Prophezeiung, die ihn seit Jahrzehnten beschäftigte.

Der Wahre Schüler würde eines Tages erscheinen. Ein Magier von außergewöhnlicher Begabung. Ein Held. Ein Erbe Avalons.

Elyndar war sich ziemlich sicher, dass ein solcher Held nicht lange auf sich warten lassen konnte. Diese Überzeugung vertrat er inzwischen seit über siebzig Jahren. Der alte Zauberer strich sich durch seinen langen silbernen Bart.

„Heute vielleicht.“ Der Turm knarrte. „Du könntest wenigstens optimistisch sein.“ Der Turm antwortete nicht. Wahrscheinlich, weil Türme gar nicht sprechen konnten.

Das hielt Elyndar allerdings nicht davon ab, regelmäßig mit ihm zu diskutieren.


Zur selben Zeit war Alrik Fletcher überzeugt, dass dieser Tag bereits jetzt zu den schlechtesten seines Lebens gehörte.

Sein Wecker hatte versagt. Der Bus war ihm vor der Nase weggefahren. Sein Chef hatte ihm zwei zusätzliche Schichten aufgedrückt. Und jetzt schleppte er sich durch die Straßen von Glastonbury.

Nieselregen fiel vom Himmel. Die Wolken hingen tief. Menschen drängelten aneinander vorbei. Niemand blickte jemanden an. Jeder starrte auf sein Handy. Alrik eingeschlossen.

Er war neunzehn Jahre alt und lebte gemeinsam mit seiner Mutter in einer kleinen Wohnung in der Nähe des Stadtzentrums.

Kein Zauberer. Kein Held. Kein Auserwählter. Ein ganz gewöhnlicher junger Mann. Sein auffälligstes Merkmal war vermutlich seine Angewohnheit, Fragen zu stellen.

Zu viele Fragen ... zumindest behaupteten das seine Lehrer, seine Kollegen, seine Mutter und gelegentlich sogar Fremde. Vor allem dann, wenn sie Unsinn erzählten.

Alrik konnte Widersprüche einfach nicht ignorieren. Sein Handy vibrierte. Eine neue Nachricht erschien.

Mutter: Vergiss nicht einzukaufen.

Darunter folgte unmittelbar die nächste Nachricht.

Und vergiss nicht, endlich einen Plan für dein Leben zu entwickeln.

Alrik starrte auf den Bildschirm. „Praktisch. Gleich zwei unmögliche Aufgaben.“

Das Handy piepte erneut: Und sei nicht frech.

„Woher weiß sie das immer?“ Diese Frage beschäftigte ihn schon seit Jahren. Er steckte das Telefon weg. Sein Blick wanderte hinauf zum Glastonbury Tor. Die Ruine auf dem Hügel war im Nebel zu erkennen. Schon als Kind hatte ihn der Ort fasziniert. Die Legenden. Die Geschichten über Avalon, König Artus und Verlorene Magie. Natürlich glaubte er kein Wort davon.

Aber die Geschichten mochte er trotzdem. Sie waren besser als die Realität.

Die Realität bestand hauptsächlich aus Rechnungen, Schichtplänen und Menschen, die im Internet über völlig belanglose Dinge stritten.

Gestern hatte er einen Streit darüber gesehen, ob Geister WLAN benutzen würden. Er war nicht sicher, welche Seite gewonnen hatte.

Plötzlich bemerkte Alrik etwas. Ein Licht. Oben auf dem Hügel. Nur für einen Moment. Dann verschwand es wieder.

Er runzelte die Stirn. „Seltsam.“


Elyndar bemerkte zur gleichen Zeit ebenfalls etwas Seltsames. Seine magische Schutzbarriere hatte geleuchtet. Nur ganz kurz. Er erstarrte.

Langsam stellte er seine Tasse auf den Tisch. Die Barriere reagierte normalerweise nicht. Schon gar nicht von selbst.

Er legte eine Hand auf die uralten Runen neben dem Fenster. Magie floss durch den Stein. Ein Bild entstand. Jemand befand sich auf dem Hügel. Ein junger Mann mit dunkler Jacke, Rucksack und einem Handy in der Hand.

Elyndar blinzelte. „Nein.“ Er kontrollierte den Zauber erneut. Dasselbe Ergebnis. „Nein.“

Die Schutzbarriere reagierte. Und sie reagierte auf diesen Jungen. „Das ist lächerlich.“

Der junge Mann sah aus wie jemand, der vergessen hatte, den Müll hinauszubringen. Nicht wie ein legendärer Schüler oder wie ein Magier und auch nicht wie irgendein Held. Vor allem hielt er einen Kaffeebecher in der Hand. Helden hielten keine Kaffeebecher. Helden hielten Schwerter. Das war allgemein bekannt.

Elyndar wurde unruhig. Vielleicht hatte die Barriere einen Fehler. Vielleicht war sie nach dreihundert Jahren defekt. Vielleicht hatte ein Eichhörnchen die Magie beschädigt. Das war schon einmal vorgekommen. Ein äußerst unangenehmes Kapitel seines Lebens.


Währenddessen erreichte Alrik den Fuß des Hügels. Eigentlich hatte er gar keinen Grund hier zu sein. Irgendetwas hatte ihn einfach hergeführt.

Ein Gefühl, ein Impuls ... vielleicht reine Neugier oder auch Langeweile. Oder vielleicht auch die Hoffnung, für zehn Minuten niemandem begegnen zu müssen.

Der Wind wurde stärker. Nebelfetzen zogen über das Gras. Langsam begann er den Aufstieg. Nach einigen Minuten bemerkte er etwas Merkwürdiges. Eine Art Flimmern in der Luft. Fast wie eine Glasscheibe. Er sah die Kirchenruinen und den Weg dorthin.

Alrik blieb stehen. „Was ist das denn?“ Er streckte die Hand aus. Das Flimmern pulsierte. Der Nebel wirbelte. Für einen Augenblick hatte er das Gefühl, dass ihn etwas beobachtete ... oder jemand.

Dann trat er einen Schritt nach vorn. Und durchquerte das Flimmernde etwas. Er spürte etwas wie Elextrizität auf seiner Haut. Alrik blinzelte. „Okay.“ Er blickte nach links. Er blickte nach rechts. Dann sagte er laut: „Das war definitiv seltsam.“

Vielleicht war er müde. Vielleicht halluzinierte er. Vielleicht sollte er weniger Energydrinks trinken. Das erschien ihm die wahrscheinlichste Erklärung.

Also ging er weiter. Nach einigen Schritten blieb er abrupt stehen. Neben der Kirchenruine erhob sich nun ein Turm. Vor einer Minute hatte dort definitiv keiner gestanden. Dann erinnerte er sich, dass es in seinen Kindheitstagen dort tatsächlich einen Turm gab. Dort sollte damals ein alter, grimmiger Mann gewohnt haben. Doch irgendwann war der Turm einfach weg und er vermutete, dass er zusammengefallen war.


Im höchsten Raum seines alten Zuhauses stand Elyndar regungslos am Fenster. Sein Gesicht war bleich geworden. Zum ersten Mal seit Jahrzehnten spürte er so etwas wie Unsicherheit. Der Junge kam näher. Schritt für Schritt.

Die Schutzbarriere hatte ihn nicht aufgehalten. Die alten Runen leuchteten. Die Prophezeiung erwachte. Und tief in seinem Inneren wusste Elyndar plötzlich, dass etwas Unumkehrbares begonnen hatte. Er wusste nur noch nicht, was.

Der Junge unten wusste es ebenfalls nicht. Der dachte gerade über die deutlich wichtigere Frage nach, weshalb mitten auf dem Glastonbury Tor ein Turm stand, den bisher offenbar niemand bemerkt hatte.

Alrik blieb stehen. „Moment mal.“ Er starrte den mächtigen, halb verfallenen Turm an. „Wie kann man so etwas übersehen?“

Oben im Fenster erschien die Silhouette eines Mannes mit langem Bart und einem Stab. Elyndar blickte hinab, Alrik blickte hinauf. Beide schwiegen.

Nach einer langen Pause hob Alrik die Hand. „Hallo?“

Elyndar schloss die Augen. Die alte Prophezeiung hatte viele Dinge angekündigt. Drachen, Gefahren, Schicksal, große Prüfungen. Doch sie hatte mit keinem einzigen Wort erwähnt, wie unglaublich unpassend ihr auserwählter Schüler aussehen würde.

Und genau das war der Moment, in dem die Geschichte des letzten Zauberers von Avalon wirklich begann.

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