Kapitel 1: Schichten und Lösungsmittel
Der scharfe Geruch von synthetischer Verdünnung und getrocknetem Leinöl hing schwer in der kalten Luft des Ateliers.
Elena hielt den Atem an, während sie mit der feinen Spitze ihres Skalpells die Firnisschicht in der unteren rechten Ecke der Leinwand vorsichtig abkratzte. Das gelbe Licht der Schreibtischlampe leuchtete die Oberfläche des Landschaftsgemäldes aus dem 19. Jahrhundert in einem schrägen Winkel aus. Die Lupe in ihrer linken Hand vergrößerte die mikroskopisch kleinen Risse in der Farbe zu tiefen Schluchten.
„Langsamer“, flüsterte sie sich selbst zu. „Wenn du dich beeilst, verbrennst du die Leinwand.“
Alte Leinwände logen nie. Menschen konnten ihre Gesichter, ihre Stimmen oder ihre Unterschriften fälschen, aber die Spuren der Zeit unter den Farbpigmenten täuschten niemals. Die Aufgabe einer Restauratorin war es nicht, zu malen. Die Aufgabe einer Restauratorin war es, die Lügen freizulegen, die die Zeit verdeckt hatte.
Als die schwere Holztür des Ateliers ohne Anklopfen aufglitt, wirbelte der hereinströmende kalte Hamburger Wind die Wattestäbchen auf ihrem Arbeitstisch leicht hoch.
„Dafür haben wir keine Zeit mehr, Elena.“
Der Mann, der an der Schwelle stand, hatte seine handschuhbewehrten Hände tief in den Taschen seines teuren Kaschmirmantels vergraben.
Julian Vance.
Eine Schattengestalt der Hamburger Aristokratie, dessen Name hinter verschlossenen Türen nur im Flüsterton ausgesprochen wurde.
Elena legte das Skalpell nicht ab. Ohne den Kopf zu heben, blickte sie hinter der Lupe hervor auf Julians makellos geschnittenen dunkelgrauen Anzug und seine vom Regen nassen Schultern.
„Die Firnisschicht ist zu hart geworden“, sagte Elena mit ruhiger, distanzierter Stimme. „Wenn ich zu viel Lösungsmittel auf Azetonbasis auftrage, löst sich die ursprüngliche Grundierung darunter auf. Die Zeit, die du mir gegeben hast, reicht nicht aus, um dieses Gemälde zu retten.“
Julian trat Schritt für Schritt näher an den Tisch heran. Jeder seiner Schritte erzeugte ein dumpfes Geräusch auf dem knarzenden Holzboden. Als er vor dem Tisch stehen blieb, warf sein Schatten die Hälfte der Leinwand in Dunkelheit.
„Ich habe dich nicht gebeten, das Gemälde zu retten“, sagte Julian. Seine Stimme war so kalt und tief wie die Strömung der Elbe draußen. „Ich habe dich gebeten, herauszufinden, was darunter verborgen ist. Die Auktion ist in drei Tagen.“
Elena holte tief Luft. Sie legte das Skalpell beiseite und griff nach der UV-Lampe. Als sie den Schalter drückte, um das Hauptlicht des Ateliers auszuschalten, versank der Raum augenblicklich in Dunkelheit. Nur das tiefe, violette Licht der Lampe legte sich über die Leinwand.
Mit bloßem Auge sah man nur ein stürmisches Meer und felsige Klippen, doch unter dem UV-Licht zeichnete sich eine völlig andere Karte ab. Direkt unter der Oberflächenfarbe befanden sich Textzeilen, die mit einem Pigment von völlig anderer chemischer Zusammensetzung geschrieben worden waren.
Elena führte die Lampe näher an den linken Rand der Leinwand heran. Wo das violette Licht hinfiel, leuchtete ein Symbol auf, das unter der dunkelblauen Farbschicht versiegelt war:
Eine sechsblättrige Lilie.
Und direkt darunter eine achtstellige Seriennummer, die in feiner Handschrift eingraviert war.
Elenas Finger erstarrten. Der Atem stockte in ihrer Brust.
„Das …“, flüsterte Elena.
„Was siehst du?“, fragte Julian.
Zum ersten Mal schien seine Stimme ihre Beherrschung zu verlieren, wenn auch nur um eine Nuance. Er machte einen weiteren Schritt auf die Leinwand zu.
Elena nahm das UV-Licht nicht von dem Symbol weg. Aber ihr Blick glitt von der Leinwand zu ihrem eigenen linken Handgelenk – zu der verblassten Narbe, die sie unter ihrem Pulloverärmel verbarg, ein Brandmal aus der Brodemnacht, als sie acht Jahre alt war.
Zu dem Brandmal in Form einer sechsblättrigen Lilie, genau in der Mitte dieser Narbe.
Dieses Gemälde war vor hundert Jahren geschaffen worden. Doch das Siegel darunter war identisch mit dem Zeichen auf ihrer eigenen Haut.
Elena hob langsam den Kopf. Unter der unheimlichen Reflexion des purpurnen Lichts blickte sie Julian Vance direkt in die Augen.
In Julians Gesicht war keine Spur von Überraschung zu sehen. Diese kalten, berechnenden Augen sahen aus, als hätte er bereits gewusst, dass sie das Siegel wiedererkennen würde.
„Du wusstest bereits, was sich unter diesem Gemälde befindet“, sagte Elena, während ihre Stimme diesmal zitterte. „Du hast mich nicht hierhergebracht, um dieses Werk zu restaurieren.“
Julian beugte sich langsam vor. Er stützte beide Hände auf die Tischkante und verringerte den Abstand zwischen ihnen auf wenige Zentimeter.
„Ich habe dich nicht hierhergebracht, um dieses Gemälde zu restaurieren, Elena“, flüsterte Julian. „Ich habe dich hierhergebracht, damit du verstehst, dass das Einzige, was bei der Stillen Auktion in drei Tagen verkauft wird, nicht nur diese Leinwand ist. Und wenn du diesen Saal nicht als meine Verlobte betrittst, wirst du niemals erfahren, was hinter dieser Nummer verkauft wird.“









