Einführung
Ich war zehn Jahre alt.
Wenn ich heute darüber nachdenke, kommt mir dieses Alter gleichzeitig unglaublich jung und unglaublich weit weg vor. Zehn Jahre. Ein Kind. Eigentlich sollte man in diesem Alter darüber nachdenken, wann man mit seinen Freunden draußen spielen darf, welches Geschenk man sich zum Geburtstag wünscht oder ob man am nächsten Tag in der Schule abgefragt wird.
Ich hieß Jay.
Zumindest nannten mich die Menschen so, die mir nahestanden. Damals wusste ich noch nicht, dass dieser Name irgendwann viel mehr für mich bedeuten würde als nur einen Spitznamen. Er würde mich durch verschiedene Versionen von mir selbst begleiten. Durch Zeiten, in denen ich glücklich war. Durch Zeiten, in denen ich mich selbst kaum wiedererkannte. Und durch Momente, in denen ich mich gefragt habe, wie ein Mensch überhaupt so viel aushalten kann.
Damals wohnte ich in Pflaumheim.
Für mich war Pflaumheim keine besondere Geschichte. Es war einfach mein Zuhause. Die Straßen, die Häuser, die bekannten Gesichter – all das war meine kleine Welt. Wenn man zehn Jahre alt ist, glaubt man meistens, dass diese Welt für immer so bleiben wird.
Ich dachte, meine Familie würde immer meine Familie bleiben.
Ich dachte, Erwachsene hätten Antworten.
Ich dachte, wenn etwas Schlimmes passiert, würde jemand kommen und es wieder gut machen.
Ich sollte lernen, dass das Leben nicht immer so funktioniert.
Meine Eltern trennten sich, als ich zehn war.
Meine Mutter hatte einen neuen Partner kennengelernt. Für sie war es vielleicht der Beginn eines neuen Lebens. Für mich fühlte es sich eher so an, als würde jemand mitten in meinem alten Leben eine Tür zuschlagen und ich hätte keine Ahnung, was sich auf der anderen Seite befand.
Ich verstand nicht alles.
Eigentlich verstand ich fast gar nichts.
Ich wusste nur, dass plötzlich Dinge anders waren. Gespräche wurden anders geführt. Die Stimmung zu Hause veränderte sich. Menschen, die vorher zusammengehört hatten, gehörten plötzlich nicht mehr auf dieselbe Weise zusammen.
Und irgendwo dazwischen war ich.
Jay.
Zehn Jahre alt.
Ein Kind, das versuchte zu verstehen, warum das Leben der Erwachsenen plötzlich auch sein eigenes Leben geworden war.
Damals konnte ich noch nicht wissen, dass diese Trennung nicht das Ende meiner Kindheit sein würde, sondern der Anfang von etwas, das mich noch viele Jahre begleiten sollte.
Ich wusste noch nicht, dass ich mit elf Jahren Dinge tun würde, die für ein Kind eigentlich unvorstellbar sein sollten.
Ich wusste noch nicht, dass ich meine erste Zigarette rauchen würde.
Ich wusste noch nicht, dass ich anfangen würde, mich selbst zu verletzen.
Ich wusste noch nicht, dass ein Mensch, der eigentlich eine Vaterfigur für mich sein sollte, mir Angst machen würde.
Mein Stiefvater war ein Nazi. Und irgendwann würde ich verstehen, dass seine Weltanschauung nicht nur aus Worten bestand.
Es gab Gewalt.
Es gab Schläge.
Es gab Situationen, über die ich lange mit niemandem gesprochen habe.
Aber an diesem einen Tag, an dem ich zehn Jahre alt war, wusste ich davon noch nichts.
Ich war einfach Jay.
Ein Mädchen aus Pflaumheim, das noch glaubte, dass Erwachsene auf Kinder aufpassen.
Ein Mädchen, das noch nicht wusste, wie schnell ein Zuhause sich verändern kann.
Und vielleicht ist genau das das Schwierige daran, sich an die eigene Kindheit zu erinnern:
Man erinnert sich nicht nur an das, was passiert ist.
Man erinnert sich auch an das Kind, das man einmal war – und daran, wie wenig es wusste von dem, was noch vor ihm lag.
Wenn ich heute an die zehnjährige Jay denke, möchte ich sie manchmal einfach in den Arm nehmen.
Ich möchte ihr sagen, dass sie nicht schuld ist.
Dass sie nicht schwach ist.
Dass sie irgendwann verstehen wird, warum so vieles wehgetan hat.
Und vor allem möchte ich ihr sagen:
Du wirst nicht für immer dieses kleine Mädchen bleiben.
Aber bevor ich das verstehen konnte, musste ich erst durch all das hindurch.
Das hier ist meine Geschichte.
Und sie beginnt mit einem zehnjährigen Mädchen, das noch nicht wusste, dass sein Leben gerade dabei war, sich für immer zu verändern.








