Des Wolfes Kalb von Hai Samy 🦈 bei Inkitt
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Des Wolfes Kalb

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Zusammenfassung

Es war einmal ein kleines Kalb, das im Schatten eines mächtigen Wolfsrudels lebte und nichts von der Welt kannte als Gehorsam und Furcht. Bis es für eine uralte Blutjagd ausgewählt wurde und ausgerechnet dem gefürchteten Erben des Alphas in die Fänge geriet. Doch statt bloßer Beute fand der Wolf in dem jungem Rind etwas, das nicht existieren durfte. Und so begann ein dunkles Märchen über einen Wolf, der lernen musste, dass Liebe kein Besitz ist und ein kleines Kalb, das vielleicht viel mehr veränderte wird als nur ihn.

Status:
vor 14 Minuten
Kapitel:
3
Rating
n/a
Altersfreigabe
16+

1. Der große, böse Wolf

Hey ihr Lieben ! 🐺🤍

Vielen Dank, dass ihr meiner Geschichte eine Chance gebt! Ich freue mich riesig über jeden einzelnen Leser und natürlich auch über eure Kommentare und euer Feedback.

Updates wird es täglich geben !!

Viel Spaß beim Lesen,

- Hai Samy


Vor langer Zeit, tief im Norden, jenseits der letzten menschlichen Siedlungen, wo die Tannen so dicht beieinanderstanden, dass selbst zur Mittagsstunde kaum ein Sonnenstrahl den Waldboden berührte, lag ein Dorf.

Das Dorf hieß Dornfels.

Und in Dornfels fürchtete man den Wolf.

Nicht jenen Wolf, der des Nachts durch die Wälder streifte und gelegentlich ein unachtsames Schaf riss. Nein. Man fürchtete den schwarzen Wolf, der auf zwei Beinen ging, dessen Augen die Farbe von gefrorenem Silber besaßen und dessen Zähne selbst dann gefährlich waren, wenn er lächelte.

Sein Name war Hunter Woodghost.

Er war der Alpha des Nordrudels, Herr über die Vier Wälder und die zwölf Dörfer, die sich seinem Willen unterworfen hatten. Seit dreißig Jahren saß er auf seinem schwarzen Thron, und in diesen dreißig Jahren hatte kein einziges Geschöpf es gewagt, ihm zu widersprechen und anschließend davon zu erzählen.

Hunter war ein grausamer Herrscher, doch er war kein törichter Mann. Er wusste, wann ein Wolf hungern musste, damit er besser jagte. Er wusste, wann ein Feind sterben musste, damit hundert andere sich unterwarfen. Und er wusste, dass Furcht ein zuverlässigerer Diener war als Liebe.

Sein Rudel war wohlhabend. Seine Wälder waren voller Wild. Seine Krieger waren gefürchtet, und seine Feinde waren entweder tot oder klug genug, weit entfernt zu leben.

Nur eines bereitete dem alten Wolf Sorgen.

Sein Sohn.

Ole Woodghost war fünfundzwanzig Jahre alt und besaß sämtliche schlechten Eigenschaften seines Vaters, ohne auch nur eine seiner guten geerbt zu haben.

Er war ein schöner junger Mann, wenn man an schönen Dingen Gefallen fand, die einem bei der ersten Berührung die Hand abbissen.

Sein Haar war dunkel wie die Federn der Raben, die auf den Dächern des Herrenhauses nisteten. Seine Schultern waren breit, seine Gestalt hochgewachsen, und seine blau-grauen Augen blickten gewöhnlich so missmutig drein, als habe die gesamte Welt ihn persönlich beleidigt.

Ole war launisch, ungeduldig und besonderen Grausamkeit,

Wenn ihm das Frühstück nicht schmeckte, flog der Teller gegen die Wand. Wenn ein Diener ihm widersprach, wurde dieser ausgepeitscht. Wenn einer seiner Krieger einen Fehler beging, ließ Ole ihn so lange gegen sich kämpfen, bis der Unglückliche nicht mehr aufstehen konnte.

Er hatte nie Hunger gelitten, nie um etwas bitten müssen und nie erfahren, wie es sich anfühlte, wenn ein anderer über sein Leben entschied.

Sein Vater hatte ihn mit der Überzeugung erzogen, dass die Welt ihm gehörte.

Und Ole hatte keinen Grund gefunden, daran zu zweifeln.

Sein Wolf war ebenso schwarz wie der seines Vaters, doch noch größer, noch ungestümer und so temperamentvoll , das selbst die ältesten Rudelmitglieder erschaudern ließ.

Wenn Ole sich verwandelte, zerriss seine Kleidung unter dem gewaltigen Körper eines schwarzen Ungeheuers. Seine Krallen waren lang, sein Fell dicht und sein Gebiss stark genug, einem ausgewachsenen Hirsch das Genick zu brechen.

Er liebte die Jagd.

Allerdings weniger wegen des Fleisches als wegen der Angst seiner Beute.

Dornfels war ein eigentümliches Dorf. Auf den ersten Blick hätte ein Wanderer es für einen recht wohlhabenden Ort gehalten. Es gab eine Bäckerei, aus deren Schornstein bereits vor Sonnenaufgang Rauch stieg, eine Schmiede, mehrere Gasthäuser und einen großen Marktplatz mit einem steinernen Brunnen.

Die Häuser der Werwölfe waren aus dunklem Holz und grauem Stein errichtet. Ihre Fenster waren groß, ihre Gärten begrünt und ihre Vorratskammern stets gefüllt.

Doch hinter den letzten Wohnhäusern, dort, wo der gepflasterte Weg in schlammige Erde überging, begann ein anderes Dornfels.

Hier standen die Ställe. Lange, niedrige Gebäude mit schiefen Dächern und kleinen Fenstern, durch die im Winter der Wind pfiff.

Hier lebten andere Gestaltwandler und Hybride. Wolfsunwürdige Kreuzungen und Kreaturen. Es waren eigentümliche Geschöpfe, halb Mensch und halb Tier, die schon seit Jahrhunderten den Werwölfen dienten. Niemand wusste mehr genau, woher sie ursprünglich gekommen waren. Manche behaupteten, die Mondgöttin selbst habe sie erschaffen, damit ihre geliebten Wölfe niemals hungern müssten.

Andere erzählten, es habe einst eine Zeit gegeben, in der Hybride und Wölfe friedlich nebeneinander gelebt hätten. Doch wer solche Geschichten erzählte, tat gut daran, seine Stimme zu senken.

In Dornfels hatte jedes Geschöpf seinen Platz.

Die Schafe waren für die Kinder zuständig. Mit ihrer weichen Art und ihrem geduldigen Wesen galten sie als ausgezeichnete Kindermädchen. Sie wiegten die Wolfswelpen in den Schlaf, nähten ihre Kleidung und sangen ihnen Lieder vor.

Die Hasen arbeiteten in den Häusern. Sie putzten die Böden, wuschen die Wäsche, bereiteten die Mahlzeiten zu und hielten ihre langen Ohren gesenkt, wenn ihre Herren schlechte Laune hatten.

Und dann gab es die Rinder.

Sie waren Vieh. Man hielt sie in Ställen, versah sie mit gelben Ohrmarken und führte über jedes einzelne von ihnen sorgfältig Buch. Sie Arbeiteten auf Feldern, zogen schwere Karren und gaben Milch und Fleisch.

Die Werwölfe fanden daran nichts Ungewöhnliches.

Schließlich fraß der Wolf das Rind. So war es immer gewesen. So sollte es immer bleiben.

—

An einem besonders kalten Herbstmorgen im September saß Ole am langen Frühstückstisch seines Vaters und war schlecht gelaunt.

Das war an sich nichts Bemerkenswertes.

Bemerkenswert war lediglich, dass er bereits drei Bedienstete zum Weinen gebracht hatte, obwohl die Sonne noch nicht einmal vollständig aufgegangen war.

»Du wirst heiraten.« Hunter sprach diese Worte, während er ein Stück blutiges Fleisch von seinem Teller schnitt.

Ole hob den Kopf und ließ seine Gabel auf den Tisch fallen. »Ich werde ganz bestimmt nicht irgendeine dumme Wölfin heiraten, nur weil du beschlossen hast, dass es an der Zeit ist.«

Sein Vater blickte auf. Ein gewöhnlicher Wolf wäre bei diesem Blick verstummt.

Ole war jedoch kein gewöhnlicher Wolf. »Ich habe überhaupt keine Lust auf eine Gefährtin«, knurrte er. »Die gehen mir alle auf die Nerven.«

»Dann such dir eine, die den Mund hält.«

»Vater!«

Hunter legte sein Besteck nieder. Es wurde still.

Selbst die kleine Hasendienerin, die gerade frischen Kaffee einschenkte, hielt mitten in ihrer Bewegung inne.

»Im Frühjahr wirst du sechsundzwanzig«, sagte der Alpha. »Ich habe dieses Rudel lange genug geführt. Es ist an der Zeit, dass du meine Nachfolge antrittst.«

Ole lehnte sich zurück. Nun, das klang schon wesentlich angenehmer. »Und?«

»Und ein Alpha benötigt eine Gefährtin.«

»Wozu?«

»Um Nachkommen zu zeugen, du törichter Junge.«

Ole verdrehte die Augen. Hunter betrachtete seinen Sohn eine Weile. Dann lächelte er auf jene unangenehme Weise, bei der selbst seine engsten Vertrauten gewöhnlich nervös wurden.

»Das Gefährtenritual findet am nächsten Vollmond statt. Alle unverheirateten Wölfinnen der umliegenden Rudel werden anwesend sein. Die Mondgöttin wird dir deine Gefährtin zeigen.«

»Und wenn mir keine gefällt?«

»Dann wirst du lernen, mit Enttäuschungen umzugehen.«

Ole schnaubte. Die Hasendienerin wagte es in diesem Augenblick, seine leere Tasse aufzufüllen.Dabei zitterte ihre Hand. Ein einzelner Tropfen Kaffee landete auf der weißen Tischdecke. Ole packte sie am Ohr.

Das arme Geschöpf schrie auf.

»Bist du eigentlich vollkommen bescheuert?«

»Verzeihung, Herr! Bitte, ich—«

»Sieh dir die Sauerei an!«

»Ole.« Die Stimme seines Vaters war ruhig.

Ole ließ das Mädchen los.

Am selben Morgen wurden im ganzen Dorf die Glocken geläutet.

Der zukünftige Alpha würde seine Gefährtin finden!

Die Werwölfe waren außer sich vor Freude. Der Bäcker, ein bärtiger Ziegenbock, begann augenblicklich, besondere Kuchen zu planen. Die Schneiderinnen, zwei schmale Gänsedamen, holten ihre schönsten Stoffe hervor, und die jungen Wölfinnen der umliegenden Dörfer träumten bereits davon, eines Tages die Luna des Alphas zu werden.

Im Herrenhaus wurden die Böden geschrubbt, die Kronleuchter poliert und die schweren Samtvorhänge ausgetauscht.

Hunter ließ sogar einen neuen Thron für seinen Sohn anfertigen.

Er sollte aus schwarzem Eichenholz bestehen und mit den Knochen der Wölfe verziert werden, die einst versucht hatten, die Familie Woodghost zu stürzen.

Ein angemessenes Geschenk für einen jungen Alpha.

Und während im Dorf die Vorfreude wuchs, wurden hinter den Stalltüren ängstlich getuschelt.

—

Ole verbrachte den Nachmittag im Wald. Er hatte sich verwandelt und jagte einen jungen Hirsch, den er bereits zweimal absichtlich hatte entkommen lassen.

Das Tier war erschöpft.

Seine Beine zitterten, sein Atem ging rasselnd, und auf seinem braunen Fell klebte Blut. Ole fand es ausgesprochen unterhaltsam. Er sprang über einen umgestürzten Baum, schnitt dem Hirsch den Weg ab und ließ ihn ein weiteres Mal davonlaufen.

Erst als die Sonne hinter den Baumwipfeln verschwand, wurde ihm langweilig.

Mit einem einzigen Satz warf er das Tier zu Boden und beendete was er begonnen hatte.

In jener Nacht fiel der erste Schnee auf Dornfels.

Er legte sich auf die Dächer der Werwolfhäuser, auf die schwarzen Türme des Herrenhauses und auf die kleinen, undichten Ställe am Rande des Dorfes.

Dort, zwischen Stroh und schlafenden Rindern, lag ein kleines Kälbchen mit hellbraunen Locken, zwei winzigen Hörnern und einer gelben Marke im linken Ohr.

Es hieß Niklas.

Und während der zukünftige Alpha in seinem gewaltigen Himmelbett schlief und von Macht und Blut träumte, zog Niklas seine dünne Decke bis unters Kinn und hoffte, dass der Winter nicht allzu kalt werden würde.

Keiner von beiden wusste, dass die Mondgöttin bereits ihre Entscheidung getroffen hatte.

Und hätte man die alte Göttin gefragt, weshalb sie ausgerechnet diese Beiden füreinander bestimmt hatte, so hätte sie vermutlich nur gelächelt.

Denn die Götter waren nicht immer gütig.

Und manche Märchen begannen mit einem Fluch…


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