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Sommerluft

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Zusammenfassung

Ein Sommer auf dem Land. Eine Familie die zusammenhält. Und ein Landwirt, der Annas Gefühlswelt gehörig durcheinander bringt. Anna hat alles richtig gemacht – gute Noten, ein glänzendes Abitur. Doch während ihre Eltern längst konkrete Vorstellungen für ihre Zukunft haben, sehnt Anna sich danach, endlich herauszufinden, was sie selbst glücklich macht. Ein Sommer auf einem Bauernhof soll ihr notgedrungen die Zeit dafür geben. Zwischen staubigen Feldern, langen Erntetagen und neu entfachten Freundschaften beginnt Anna, das Leben mit anderen Augen zu sehen. Wäre da nur nicht Max. Stur, selbstbewusst und mit einer spitzen Bemerkung immer zur Stelle, treibt er sie regelmäßig zur Weißglut. Während der Sommer alles verändert, muss Anna sich entscheiden: Will sie weiterhin das Leben führen, das andere für sie vorgesehen haben, oder endlich ihrem eigenen Herzen folgen? Manchmal muss man sich erst verlieren, um sich selbst zu finden. Und manchmal beginnt die Liebe genau dort, wo man sie am wenigsten erwartet.

Genre:
Young Adult
Autor:
Melanie
Status:
vor 8 Tagen
Kapitel:
1
Rating
n/a
Altersfreigabe
16+

Kapitel 1

Heiß flimmerte die Mittagssonne über die Pflastersteine des Schulhofes. Ein warmer Luftstoß trug die aufgeheizte Luft in den Schatten des Baumes unter dessen Blätterdach es sich Anna bequem gemacht hatte. Sie wartete hier nun schon seit einer halben Ewigkeit auf ihre beste Freundin Emily. Diese befand sich noch im Gebäude und zitterte vermutlich noch vor Aufregung auf ihre Prüfungsergebnisse. Anna hatte diesen Schritt bereits hinter sich und scrollte nun gelangweilt durch ihren Newsfeed auf Instagram. Hin und wieder blickte sie auf, um zu schauen, ob sie Emily schon sah.

Leise seufzend senkte sie ihren Blick wieder, ihre Augen huschten über die verschiedenen Posts, doch ihre Gedanken begannen abzuschweifen. Sie hatte vor weniger als einer Stunde die Ergebnisse für ihr sehr gutes Abitur erhalten. Doch wie sollte es nun weitergehen? Es war bereits Anfang Juni und sie hatte noch keine Bewerbung für einen Ausbildungsplatz verschickt oder sich für einen Studiengang entschieden. Ihre Eltern saßen ihr deswegen bereits seit Monaten im Nacken.

Anna wurde jäh aus ihren Gedanken gerissen, als Emilys laute Stimme über den Schulhof rief und ein blonder Wirbelwind auf sie zugestürmt kam.

„Anna, ich habe bestanden!“ Mit einem leichten Lächeln auf den Lippen erhob sich Anna von ihrem schattigen Platz.

„Ich sagte doch du schaffst das“, entgegnete sie noch immer lächelnd und ließ sich von ihrer Freundin in eine Umarmung ziehen. Dabei quietschte die quirlige Emily vergnügt.

Im Gegensatz zu Anna hatte Emily aufgrund ihrer schlechten Vornoten noch nicht genau sagen können, ob sie ihr Abitur schaffen würde und war dementsprechend angespannt in den heutigen Termin gegangen. Jetzt schien gerade alle Last von ihr abzufallen.

„Es ist Freitag, wir haben unser Abitur in der Tasche und sind jetzt endlich frei. Das muss gefeiert werden! Ach, wo ich gerade von Freiheit spreche, hast du deine Eltern endlich wegen unseres Europatrips um Erlaubnis gefragt?“, fragte Emily motiviert, als sie nebeneinander das Schulgelände verließen.

Sofort wurde Annas Herz schwer. Sie hatte noch nicht den Mut aufgebracht ihre Eltern zu fragen, wohlwissentlich dass diese es nicht erlauben würden oder, und das war der springende Punkt, sie nicht finanziell unterstützen würden. Zumindest so lange nicht, bis sich Anna endlich für ihren weiteren Lebensweg entschieden hatte.

„Nein, ich habe noch nicht gefragt. Du kennst das Thema doch. Diesen Trip kann ich mir aus dem Kopf schlagen. Solange ich meinen Eltern keinen perfekten Plan vorlege, wie ich mein Leben bis zur Rente strukturiere, brauche ich gar nicht daran denken, dass sie mir diesen Urlaub bezahlen.“

Anna seufzte laut, als sie Emilys Blick sah. Die beiden 19-jährigen Mädchen stammten aus guten Verhältnissen, doch ein wichtiger Punkt unterschied sie maßgeblich voneinander: Während Emily alle Freiheiten der Welt genoss, wurde Anna mit einem hohen Maß an Disziplin erzogen und bekam Regeln über Regeln auferlegt. Ihre Eltern besaßen eine eigene Anwaltskanzlei und hatten dafür hart gearbeitet. Nun erwarteten sie das gleiche von ihren beiden Töchtern. Strebsam, erfolgsorientiert und ehrgeizig sollten sie durch das Leben gehen. Angefangen bei den schulischen Leistungen. Gute Noten schafften Anna Freiheiten und Belohnungen. Zum Glück fielen ihr die guten Noten in den Schoß ohne, dass sie dafür viel lernen musste. So hatte sie es auch geschafft, einen der besten Abschlüsse ihres Jahrganges zu erreichen. Doch sobald es darum ging, was nach dem Abitur kam, wusste Anna nicht weiter.

Am liebsten würden ihre Eltern es sehen, wenn Anna sich für ein Jurastudium entscheiden würde und neben ihrer Schwester in ein paar Jahren in die Kanzlei eintreten würde. Doch das konnte sie sich nicht vorstellen. Anna wollte kein langweiliges Leben hinter einem Schreibtisch leben, keinen Nine to Five Job, bei dem man sich im Nachhinein fragte, was man denn effektiv den ganzen Tag gemacht hatte. Doch eine Alternative hatte sie leider noch nicht gefunden.

„Aber ich frage sie heute Abend“, sagte Anna versöhnlich, als sie Emilys enttäuschten Blick bemerkte. „Sehr gut. Und nun hopp hopp in die Innenstadt. Ich würde gern Eis essen und vielleicht springt noch ein neues Outfit für die heutige Partynacht raus“, grinste Emily, während die beiden in den Bus einstiegen. Mit ihren präsentierbaren Prüfungsergebnissen standen die Chancen gut, dass Anna heute mit ausgehen durfte.

Der Bus war voll besetzt und die Luft konnte man durch die ausgefallene Klimaanlage buchstäblich schneiden. „Wie ich das hasse“, grummelte Anna, als sie sich an den verschwitzten Menschen vorbeischob, um weiter hinten einen Sitzplatz zu finden.

Bevor sie sich auf den Sitz fallen ließ, zog Anna ihr Smartphone aus der hinteren Hosentasche und warf auch sogleich einen Blick darauf. Ihr wurde eine neue Nachricht ihrer Mutter angezeigt.

MAMA: War die Ergebnisverkündung zufriedenstellend? Hoffentlich so, wie wir es uns vorgestellt haben. Denk dran: Wir erwarten dich pünktlich 18 Uhr zum Abendessen. Und wir sollten heute wirklich eine Entscheidung treffen, wie es für dich nach dem Abitur weitergeht. So kann es nicht ewig weitergehen.

ANNA: Ich werde da sein.

Die Antwort formulierte Anna kurz und knapp, die Nachricht ihrer Mutter machte sie nervös. Nachdenklich zog sie die Unterlippe zwischen die Zähne und kaute darauf herum. Vielleicht könnte Sie es heute wirklich wagen den Urlaub anzusprechen? Vielleicht war es aber auch absolut keine gute Idee, wenn ihre Mutter in einer einfachen Nachricht schon so drängelte. Aber viele Chancen hatte Anna nicht mehr, immerhin sollte es bereits in zwei Wochen losgehen.

Zwei Stunden und einen großen Eisbecher später stieg sie aus dem Bus an der Haltestelle nahe ihrem Elternhaus. Ihre Eltern besaßen eine große moderne Stadtvilla in einem großen Neubaugebiet in der Nähe von Köln. Gedankenverloren schlenderte sie die Straße entlang. Den Urlaub mit ihren Freundinnen hatte Anna schon geplant, auch wenn sie noch nicht genau wusste, wie sie die Erlaubnis und finanzielle Unterstützung ihrer Eltern bekam. Emilys Eltern waren sogar so großzügig und würden den vier jungen Frauen ein Wohnmobil für den Zeitraum mieten. Dann würden sie als erstes nach Amsterdam fahren, um sich die Stadt anzusehen und das Flair zu genießen. Dann wollten sie weiter über Antwerpen nach Frankreich, um in aller Ruhe die Küste entlangzufahren, bis sie bis sie nach Bordeaux kamen. Dann sollte es durch die Pyrenäen weiter nach Madrid gehen und schließlich über Valencia und Barcelona wieder ein Stück in Richtung Heimat. Sie planten dann einen weiteren Zwischenhalt in Marseille, um zum Schluss in aller Ruhe Italien zu erkunden. Hier planten sie Florenz, Rom und Venedig anzusteuern. Auf dem Rückweg sollte es noch einen kurzen Halt in Salzburg und München geben, ehe es wieder nach Köln zurück ging.

Die vier Freundinnen schwärmten schon sehr lang von dieser Reise und die Vorfreude war riesig. Wäre da nicht Annas Problem mit ihren Eltern.

Es war nicht so, als hätte Anna nicht versucht sich für eine weiterführende Richtung zu entscheiden. Doch die Fragerei begann bereits damit, dass ihr sowohl die Möglichkeiten eines Studiums als auch eine Ausbildung offenstanden. Obwohl ihre Eltern es sicherlich nicht gutheißen würden, sollte sie ihr gutes Abitur mit einer einfachen Ausbildung verschwenden. Also hatte sie sich an einem Studium orientiert. Doch auch hier gab es unendliche Möglichkeiten. Medizin, Wirtschaft, Jura und so weiter.

Viele ihrer Freunde interessierten sich bereits seit Jahren für eine bestimmte Fachrichtung, da war es logisch, dass sie diese auch einschlugen. Doch für Anna war das schon immer schwierig. Sie hatte keine nennenswerten Hobbies, hatte bis jetzt in ihrer Freizeit meist gelernt, Netflix geschaut oder war mit ihren Freunden unterwegs gewesen. Wahrscheinlich war das auch der Grund, warum sie sich so an diese Rundreise klammerte, obwohl sie eigentlich wusste das es chancenlos war. Ab jetzt würde sich ihr Leben für immer ändern. Ihre Freunde, die sie teilweise bereits seit über zehn Jahren kannte, würden sich über ganz Deutschland verstreuen, um ihre Studien zu beginnen. Da blieb schon allein der Entfernung wegen keiner Gelegenheit sich mal so auf ein Eis zu treffen. Und sie? Würde sie hier in Köln bleiben?

Der große SUV ihrer Eltern stand bereits vor der Garage als Anna die Einfahrt hinauflief. Noch einmal tief durchatmend stecke Anna den Schlüssel in das Schloss der Haustür und öffnete diese. „Ich bin zu Hause!“, rief sie in den offenen Wohnbereich hinein. „Hi Anna“, lächelte ihre ältere Schwester Alina ihr zu als sie in diesem Moment die Treppe herunterkam.

Alina war das Vorzeigekind ihrer Eltern. Mit dem besten Abiturdurchschnitt ihres Jahrganges begann sie gleich im Anschluss mit ihrem Jurastudium und hatte mit ihren 24 Jahren bereits das erste Staatsexamen abgeschlossen. Nun legte sie ihr Referendariat in der Kanzlei ihrer Eltern ab. Insgeheim bewunderte Anna ihre ältere Schwester. Sie war unheimlich zielstrebig und wusste genau, was sie wollte. „Hi“, antwortete Anna etwas verzögert und schob sich an ihrer Schwester vorbei die Treppe hinauf, „bin kurz oben, brauche noch fünf Minuten bevor ich die Höhle der Löwen betrete.“ Sie wollte die Zeit bis zum Abendessen wenigstens noch für eine kurze Dusche nutzen.

Frisch geduscht und ausgehfertig umgezogen betrat Anna schließlich den Wohnbereich: „Schön, dass du da bist“, empfing ihre Mutter sie. Sollte so viel heißen wie, gut, dass du die Uhr lesen kannst. Ihre Mutter war eine hochgewachsene Frau mit kurzen schwarzen Haaren. Sie trug meist einen strengen Gesichtsausdruck zur Schau, welcher sich selten erweichen ließ. Oft hatte Anna zu hören bekommen, dass sie das Ebenbild ihrer Mutter war. Zugegeben, äußerlich ließen sich die schwarzen Haare und die grünen Augen nicht verleugnen, doch ansonsten waren Annas Meinung nach nicht viele Gemeinsamkeiten vorhanden.

„Wo ist Papa?“, fragte Anna und versuchte dabei ihre Nervosität zu überspielen. Sie wusste, dieser Kampf würde nicht leicht werden.

„Noch kurz im Garten. Deckt doch bitte schon den Tisch“, antwortete ihre Mutter knapp und wies ihre beiden Töchter an.

Als alle am Tisch saßen, war nur das Klappern des Bestecks zu hören. Anna wurde immer nervöser und wippte leicht mit dem rechten Fuß unter dem Tisch.

„Wie sehen deine Ergebnisse denn aus?“, wollte Alina neugierig wissen und legte ihre Gabel zur Seite. Sie lächelte Anna aufmunternd an, ganz so, als merkte sie wie nervös ihre kleine Schwester war. Kurz erwiderte Anna das Lächeln, ehe sie zu sprechen begann.

„Ich denke ich kann zufrieden sein mit meinen Leistungen. Mit einem Durchschnitt von 1,2 bin ich zwar nicht so gut wie du, aber ich denke einen Platz an einer Universität werde ich damit sicher finden.“

Erstaunt blickte ihre Mutter auf und Anna schloss ergeben die Augen, sich darüber ärgernd nicht nachgedacht zu haben, bevor sie sprach.

„Das sind ja ganz neue Töne“, stieg auch ihr Vater in das Gespräch ein und Anna blickte zwischen ihren Eltern hin und her. Schließlich nahm sie all ihren Mut zusammen und beschloss alles auf eine Karte zu setzen: „Ich denke schon das ein Studium die richtige Wahl für mich wäre. Leider bin ich mir noch immer unschlüssig welche Fachrichtung ich gern belegen möchte. Allerdings planen die Mädels und ich schon seit längerer Zeit eine Europareise. Ich bin sicher das mir diese Auszeit dabei helfen könnte, eine Entscheidung über meine weitere Zukunft zu treffen.“

Das, was auf diese Aussage folgte, war absolute Stille am Esstisch. Ihre Mutter ließ ihr Besteck sinken und atmete tief durch. Anna traute sich nicht einmal, ihrem Vater ins Gesicht zu sehen. So wie sie hier saßen, hatten sie es in den letzten Monaten unzählige Male getan. Anna schrumpfte auf ihrem Stuhl zusammen und fühlte sich klitzeklein. Es ärgerte sie, dass ihre Eltern so eine Macht über sie hatten.

„Anna“, begann ihre Mutter, doch es war ihr Vater, welcher seine Frau unterbrach und stattdessen das Wort an seine jüngste Tochter richtete: „Und du glaubst tatsächlich, dass acht Wochen Urlaub deine Probleme lösen?“

Ihr Vater sprach in einem ruhigen Ton, doch Anna kannte ihn gut genug, um zu wissen, dass es unter seiner Oberfläche brodelte. Wie immer, wenn es um dieses Thema ging.

„Acht Wochen sind es gar nicht Papa“, erwiderte Anna ruhig, „Und ich glaube nicht, dass sie alles lösen. Aber vielleicht helfen sie mir dabei, eine Entscheidung zu treffen, hinter der ich selbst stehen kann.“ Ihr Vater schnaubte leise.

„Seit Monaten hören wir nur „Vielleicht.“ Vielleicht Studium, vielleicht Ausbildung. Vielleicht Medizin, vielleicht aber auch Wirtschaft. Vielleicht gar nichts. Und jetzt kommt noch ein Urlaub dazu.“

Anna spürte, wie ihre Schultern sich anspannten.

„Weil ich mir eben Gedanken mache.“

„Nein“, unterbrach er sie scharf, „weil du Entscheidungen vor dir herschiebst.“

„Das stimmt nicht.“

„Doch.“

„Nein!“ Zum ersten Mal seit langer Zeit war Anna ihrem Vater ins Wort gefallen. Selbst ihre Schwester hob überrascht den Kopf.

„Ich schiebe gar nichts vor mir her. Ich versuche einfach herauszufinden, was ich den Rest meines Lebens gern machen möchte.“

„Andere schaffen das auch.“

„Ja, weil viele schon seit Jahren wissen, was sie wollen – weil sie Hobbies haben, die sie sich zum Beruf machen möchten. Ich eben nicht.“

„Dann beschäftige dich endlich damit.“ Anna lachte trocken.

„Ach, wirklich? Als wäre ich da noch nicht selbst draufgekommen.“ Der Blick ihrer Mutter wurde schlagartig eisig.

„Achte auf deinen Ton junge Dame.“

„Warum? Weil ich einmal ehrlich zu euch bin?“

„Weil wir deine Eltern sind und so nicht mit uns sprechen lassen“, entgegnete ihre Mutter scharf.

„Genau das ist das Problem!“ Die Worte waren heraus, bevor Anna darüber nachdenken konnte. Ihre Mutter zog die Augenbrauen zusammen: „Wie bitte?“ Anna atmete tief durch, jetzt gab es kein Zurück mehr.

„Ihr behauptet ständig, ich dürfte meinen eigenen Weg gehen. Aber jedes Mal, wenn ich etwas anderes möchte als ihr, heißt es plötzlich, ich sei planlos oder verantwortungslos.“

„Das verdrehst du“, entgegnete ihr Vater.

„Tue ich das wirklich?“

Sie sah zwischen ihren Eltern hin und her.

„Wann habt ihr das letzte Mal gefragt, was ich eigentlich will? Nicht, was sinnvoll wäre. Nicht, was gute Zukunftschancen hat. Nicht, womit man Geld verdient. Sondern was ich wirklich möchte.“ Niemand antwortete.

„Seht ihr.“

Ihr Vater lehnte sich in seinem Stuhl zurück.

„Weißt du, was wir wollen? Das du in fünf Jahren nicht dastehst und dir wünschst, vernünftig gewesen zu sein.“

„Und ich wünsche mir, dass ihr einmal akzeptiert, dass ich nicht Alina bin!“

Am anderen Ende des Tisches hob diese überrascht den Kopf. „Anna…“

„Nein, Alina.“ Sie bereute die Worte schon im selben Moment, sprach aber weiter. „Du hattest immer einen Plan. Jura. Kanzlei. Karriere- Perfekt. Ich freue mich für dich, wirklich. Aber das bin eben nicht ich.“

„Das verlangt doch niemand.“

„Doch! Vielleicht sagt ihr es nicht direkt, aber ihr vergleicht uns doch ständig.“ Ihre Mutter schüttelte den Kopf. „Das stimmt nicht.“

„Wirklich? Alina hatte ihr Studium schon längst organisiert. Alina wusste genau, was sie wollte. Alina hatte in deinem Alter bereits…“, zählte Anna auf, „Glaubt ihr ernsthaft, ich höre das nicht?“ Alina senkte betreten den Kopf: „Ich wollte nie, dass…“

„Ich weiß.“ Anna lächelte ihre Schwester kurz entschuldigend an. „Es ist nicht deine Schuld.“

Ihr Vater verschränkte die Arme vor der Brust. „Es geht doch hier gar nicht um Alina, Anna.“

„Nein Papa, Es geht darum, dass ich für euch nie gut genug bin.“

„Unsinn.“

„Ist es das? Ich komme mit einem Abitur von 1,2 nach Hause und das erste, worüber wir reden, ist, dass ich kein Studienplatz habe.“ Ihre Stimme wurde lauter.

„Nicht einmal ‚Wir sind stolz auf dich‘. Nicht einmal ein verdammtes ‚Herzlichen Glückwunsch‘.“ Für einen kurzen Moment herrschte Schweigen am Tisch. Man sah ihrer Mutter an, dass sie selbst bemerkte, wie wahr diese Worte waren. Doch sie blieb hart. „Wir sind stolz auf deine Leistungen.“

„Dann zeigt es mir doch wenigstens einmal!“ Anna schlug mit der flachen Hand auf den Tisch, das Besteck klirrte. „Für euch zählt immer nur der nächste Schritt! Immer! Egal wie viel ich leiste, es ist nie genug!“

„Jetzt reicht es!“, donnerte ihr Vater. Anna zuckte zusammen, hielt seinem Blick aber stand. „Nein! Jetzt rede ich! Neunzehn Jahre lang habe ich gemacht, was ihr wolltet. Gute Noten, lernen, Disziplin, Regeln. Immer was ich die Vernünftige. Und jetzt, wo ich einmal nicht weiß, welchen Weg ich gehen möchte, behandelt ihr mich, als wäre ich eine komplette Versagerin!“

Ihr Vater massierte sich mit Daumen und Zeigefinger genervt die Nasenwurzel. „Das hat niemand gesagt.“

„Aber genau so fühlt es sich für mich an.“ Ihre Stimme überschlug sich beinahe, Tränen traten ihr in die Augen. Sie wischte sie eilig weg.

„Ich habe Angst! Versteht ihr das denn nicht? Ich habe Angst, die falsche Entscheidung zu treffen! Ich habe Angst, dass ich mich festlege und den Rest meines Lebens damit unglücklich bin. Aber anstatt mir zu helfen, setzt ihr mich immer weiter unter Druck!“ Ihre Mutter atmete tief durch. „Anna, Angst gehört zum Erwachsenwerden dazu.“

„So wie Kontrolle zu euch gehört?“ Das traf. Selbst ihr Vater schwieg einen Moment und sagte dann kühl: „Dann hör mir jetzt gut zu.“ Er legte sein Besteck langsam zur Seite. „Du möchtest Freiheit? Freiheit bedeutet auch, Verantwortung zu übernehmen. Und genau das tust du nicht.“

„Ich übernehme Verantwortung. Ich brauche nur etwas mehr Zeit.“

„Zeit ist genau das, was du nicht mehr hast.“

„Das entscheidest nicht du!“

„Doch. Solange wir dein Leben finanzieren, entscheiden wir sehr wohl mit.“ Seine Stimme war plötzlich eiskalt. Anna konnte ihn nur fassungslos anstarren.

„Ich denke wir sind uns einig, dass du nicht mit Emily und den anderen auf Europareise gehst." Er machte eine kurze Pause in welcher Annas Mutter, deutlich ruhiger als ihr Vater, das Wort ergriff: „Allerdings haben wir uns, anders als du behauptest, Gedanken darüber gemacht, wie wir dich in deiner Entscheidung unterstützen können.“,

Misstrauisch zog Anna daraufhin die Augenbrauen zusammen. Die Enttäuschung darüber, nicht mit ihren Freundinnen wegfahren zu können, versuchte sie sich nicht anmerken zu lassen.

Wieder übernahm ihr Vater das Gespräch: „Eigentlich hatten wir gedacht, dass es nicht so weit kommt, aber ich denke das wäre das Beste, um dich zur Vernunft zu bringen. Dort solltest du auch genügend Zeit zum Nachdenken haben.“

Mal davon abgesehen, dass es klang, als würden ihre Eltern jetzt komplett durchdrehen und sie zu den ´Strengsten Eltern der Welt´ schicken, klang das ganze wie Verreisen.

„Erinnerst du dich noch an Familie Neuherr?“, gab ihre Mutter etwas mehr Informationen preis. Anna runzelte die Stirn und überlegte laut: „Ja. Die Familie die den Bauernhof an der Ostsee besitzen. Mit denen wir jahrelang in den Winterurlaub gefahren sind. Was haben die damit zu tun?“ Doch während sie sprach, ahnte sie schlimmes.

Die Neuherrs waren eine Familie, mit denen Annas Familie, als sie noch klein war, jahrelang jedes Jahr zusammen nach Österreich in den Winterurlaub gefahren sind. Sie hatten ebenfalls zwei Kinder, wobei die jüngere Tochter gleichalt wie Anna war. Als sie älter wurden, fuhren Anna und ihre Schwester nicht mehr mit in den Urlaub, froh darüber eine Woche Ungestörtheit zu genießen. Sie wusste gar nicht, dass ihre Eltern scheinbar noch immer sehr engen Kontakt mit den Neuherrs pflegten.

„Ist das euer Ernst? Ihr verbietet mir die Reise – okay – damit hatte ich fast gerechnet. Aber ihr entscheidet weiterhin über meine Zukunft und jetzt wollt ihr mich noch auf einen Bauernhof schicken damit ich zur Vernunft komme? Nennt ihr das ernsthaft Hilfe?“

„Wir nennen Das Konsequenzen.“

„Ich nenne es Erpressung!“

„Jetzt reicht es endgültig.“ Ihr Vater erhob sich und sah seine Tochter mit unbewegter Miene an.

„Du hast zwei Möglichkeiten“, begann er vollkommen ruhig, „Entweder du verbringst sechs Wochen bei Familie Neuherr, arbeitest dort mit und nutzt die Zeit, um endlich eine Entscheidung zu treffen.“

Er machte eine kurze Pause und Anna ahnte schlimmes. „Oder du suchst dir ab morgen einen Job, finanzierst dein Leben selbst und ziehst spätestens zum Jahresende aus. Dann kannst du herausfinden, was Freiheit wirklich bedeutet.“ Anna rang nach Luft.

„Ihr würdet mich wirklich vor die Tür setzen?“ Ihr Vater nickte: „Wenn du dich weigerst Verantwortung zu übernehmen? Ja.“ Die Tränen liefen Anna nun ungehindert über die Wangen. So sehr sie es versuchte, sie konnte sie nicht mehr aufhalten. Sie blickte zu ihrer Mutter.

„Und du? Findest du das richtig?“ Diese schluckte und nickte dann ebenfalls. „Ich finde es richtig, dass du endlich lernst, Entscheidungen zu treffen.“ Anna nickte langsam. Immer und immer wieder.

„Ich dachte immer Familie bedeutet Rückhalt. Aber ihr ist man scheinbar nur gut genug wenn man funktioniert. Aber macht euch keine Sorgen. Ich werde zu den Neuherrs fahren.“ Für einen kurzem Moment keimte Hoffnung in den Gesichtern ihrer Eltern auf. Dann ergänzte Anna leise: „Nicht weil ihr Recht habt, sondern weil ihr mir keine andere Wahl lasst.“

Ohne eine Antwort abzuwarten, ging sie. Leise schlich sie durch die Wohnküche, vorbei an den blitzenden weißen Hochglanzküchenmöbeln, die Treppe hinauf. Bereits in der Mitte der Treppe verschwamm ihre Sicht durch die Tränen und sie konnte nur mit Mühe ein Schluchzen zurückhalten.

Mit zwei Schritten hatte sie ihre Zimmertür erreicht, öffnete diese und schlug sie mit einem lauten Knall wieder zu. Erst jetzt erlaubte sie sich alles rauszulassen. Sie schluchzte laut auf und rutschte an der Innenseite ihrer Zimmertür hinab. Sie zog ihre Knie an und stützte den Kopf darauf, ihre Arme schlang sie darum.

Noch nie in ihrem ganzen Leben hatte sie sich so klein gefühlt. Sie war neunzehn Jahre alt! Und ihre Eltern behandelten sie, als wäre sie eine Puppe, mit der sie umgehen konnten wie es ihnen beliebte. War sie so eine Versagerin nur weil sie keinen konkreten Lebensplan hatte? Sie war schwach. So unendlich schwach. Wieder hatte sie sich gefügt. Doch was sollte sie denn anderes tun? „Verdammte Scheiße!“, schluchzte sie. Sie würde nie von ihren Eltern loskommen.

Als die Tränen versiegt waren, hob Anna den Kopf, fuhr sich mit der Hand über die Augen und stand auf. Sie griff nach ihrem Handy und suchte den Kontakt ihrer besten Freundin in der Anruferliste:

„Hi Anna, bereit für die Party?“, drang es fröhlich aus dem Smartphone und Anna konnte das Grinsen ihrer Freundin förmlich hören. „Nein, nicht wirklich. Höchstens für eine ordentliche Menge Alkohol. Kann ich ein paar Tage bei dir schlafen? Wir müssen reden“, antwortete Anna und packte nebenbei einige Kleidungsstücke in einen Rucksack. „Ja, na klar. Was ist denn los?“, fragte Emily ernst, jegliche Freude war aus ihrer Stimme gewichen. „Erzähle ich dir, wenn ich da bin. Ich mache mich in einer halben Stunde auf den Weg. Bis dahin.“

Mit ihrem gepackten Rucksack stieg sie Treppe nach unten und steuerte direkt die Haustür an. „Ich bin weg!“, rief sie zurück und knallte die Haustür lautstark ins Schloss.

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