Capítulo 1
Ein kleines Panne
Es war sieben Uhr morgens. Jan schlug langsam ein Auge auf. Dann das zweite. Sein Gehirn schien jedoch beschlossen zu haben, noch mindestens drei weitere Stunden weiterzuschlafen. — Guten Morgen, Welt! — murmelte er. Die Welt schwieg. Wahrscheinlich ahnte sie bereits, was ihr blühte.
Jan schleppte sich ins Badezimmer, putzte sich die Zähne und blickte in den Spiegel. — Na, Jan, heute siehst du ja fantastisch aus. Er musterte sich noch einmal genauer. — Na gut, in Ordnung, du siehst aus wie ein überfahrener Maulwurf. Aber immerhin wie ein sauberer Maulwurf!
Nach einer mehr oder weniger erholsamen Nacht nahm sich Jan vor, sich anzuziehen und einen kleinen Morgenspaziergang zu machen. Frische Luft, ein bisschen Bewegung und vielleicht ein Kaffee für unterwegs: Das klang nach einem durchaus vernünftigen Start in den Tag.
Doch bevor er überhaupt die Haustür durchschreiten konnte, lauerte bereits die erste große Herausforderung auf ihn: das Anziehen der Unterhose.
Was früher ein rein mechanischer und völlig natürlicher Vorgang gewesen war, hatte sich im Laufe der Jahre zu einer Präzisionsarbeit entwickelt, die so vertrackt war, dass selbst ein Schweizer Uhrmacher ins Schwitzen geraten wäre. Jan erinnerte sich wehmütig an die Zeiten, als er noch Schuhgröße 45 trug.
Damals ergab die Welt noch einen Sinn: Ein Fuß war ein Fuß, eine Unterhose war eine Unterhose, und beide koexistierten in vollkommener Harmonie. Doch plötzlich hatten seine Füße beschlossen, sich auf eigene Faust weiterzuentwickeln. Schuhgröße 48! Warum? Jan hatte nicht die leiseste Ahnung.
Womöglich planten seine Füße, sich für unabhängig zu erklären und ein Eigenleben zu führen. Gleichzeitig schien sich die Textilindustrie verschworen zu haben, bei der Unterwäsche am Stoff zu sparen. Insbesondere bei den Beinöffnungen, entworfen nach der Prämisse: Je enger, desto besser! Und genau darin lag Jans tägliches Drama.
Die erste Runde
Jan öffnete die Schublade, zog eine Unterhose heraus und hielt sie vor sich wie ein verdächtiges Beweisstück. — Also gut, mein Freund — sagte er mit strengem Ton. — Reize mich heute lieber nicht. Ich bin müde, ich habe Hunger und ich habe keine Zeit für deine Spielchen. Die Unterhose schwieg.
Jan betrachtete sie von vorne und dann von hinten. — Wo ist hier eigentlich vorne und hinten? Er drehte sie um. — Aha! Oder doch nicht? Er wendete sie noch einmal.
Nach einer minutiösen forensischen Untersuchung gelangte er zu dem Schluss, dass das Kleidungsstück entweder ab Werk falsch zusammengenäht worden war oder eine höchst verworrene innere Struktur besaß. Schließlich glaubte er, die richtige Seite gefunden zu haben.
Jan hob ein Bein und versuchte, den Fuß durch die erste Öffnung zu fädeln. Der Fuß blieb stecken. Er zog nach oben. Nichts. Er schüttelte das Bein in der Luft. Keine Bewegung. — Jetzt zick hier nicht so rum! — schimpfte er mit seinem eigenen Fuß. — Du hast im Leben schon Schlimmeres durchgestanden!
Sein Fuß schien da anderer Meinung zu sein.
Jan wagte einen neuen Versuch, diesmal mit mehr Schwung. Ein fataler Fehler. Der Stoff verdrehte sich, der Fuß verfing sich auf halber Strecke und Jan begann, auf einem Bein wie wild durch das ganze Badezimmer zu hüpfen. Ein Sprung nach links. Zwei Hopser nach rechts.
Und direkt im Anschluss eine Drehung um die eigene Achse, die jeden professionellen Eiskunstläufer vor Neid hätte erblassen lassen. — Huch! Er ruderte verzweifelt mit den Armen auf der Suche nach dem Gleichgewicht und versuchte, sich am Waschbeckenrand festzuklammern. Zu spät! PFLATSCH! Jan landete unsanft auf den vier Buchstaben.
Ein paar Sekunden lang blieb er mucksmäuschenstill auf den Badezimmerfliesen sitzen und durchbohrte die Unterhose mit Blicken. Dann hob er anklagend den Zeigefinger. — Du elendes Stück Stoff! Das hast du mit voller Absicht getan! Natürlich erhielt er keine Antwort. Was seinen Verdacht nur noch erhärtete.
Ein Rätsel für die Wissenschaft
Jan rappelte sich mühsam vom Boden auf und starrte seine Füße an. — Größe 48. Das grenzt ja schon an ein Verbrechen! Zu meiner Zeit zog man sich die Unterwäsche an, ohne dafür gleich die Olympischen Spiele austragen zu müssen. Wieder fixierte er das Kleidungsstück in seinen Händen. — Und du?
Du siehst aus, als wärst du für eine Größe 38 geschneidert!
Plötzlich ging ihm ein Licht auf. Womöglich war es lediglich eine Frage der richtigen Ausrichtung der Extremität. Im Grunde handelte es sich um ein rein geometrisches Problem: Es galt, den optimalen Winkel zu berechnen, die Zehen bündig auszurichten und den Fuß schnurgerade durch die Öffnung zu bugsieren.
Jan nahm vor dem Spiegel Haltung an. Er streckte das Bein. Drehte die Fußspitze nach links. Dann nach rechts. Zog den Bauch ein und hielt die Luft an. — Gut. Schön langsam und mit Bedacht. Mit der Konzentration eines Neurochirurgen am Operationstisch näherte er den Fuß der Öffnung. Ein Zentimeter. Zwei Zentimeter. Drei Zentimeter.
Und wieder verhakte er sich. — WOLLT IHR MICH EIGENTLICH VERARSCHEN?! Jan verlor endgültig die Beherrschung. Er fing an zu hüpfen, zu zerren, zu rangeln und sich zu verrenken, als nähme er an einem geheimen Tanzwettbewerb teil, von dem die Jury noch nichts wusste.
Das Ding schien ein Eigenleben entwickelt zu haben: Es drehte nach Backbord ab, flutschte nach Steuerbord weg und verkeilte sich stur genau dort, wo es am wenigsten hinpasste. Es war ein erbarmungsloser Krieg zwischen einem gestandenen Mann und einem Stück Baumwolle. Und die Baumwolle führte haushoch.
Die endgültige Lösung: Ballett!
Nach einer ganzen Reihe vergeblicher Versuche sackte Jan geschlagen auf dem Badezimmerhocker zusammen. Er war völlig außer Puste. Der Stolz gekränkt. Die Frisur ruiniert. Und die Unterhose lag auf dem Boden, umweht von der siegesgewissen Aura eines Feldherrn, der gerade eine Schlacht gewonnen hatte.
Jan starrte an die Decke. — So kann das nicht weitergehen. Er begann nachzudenken. Vielleicht brauchte er professionelle Unterstützung. Einen Fachmann auf diesem Gebiet. Einen Meister der Balance, der Flexibilität und der vollendeten Körperhaltung. Schlagartig hellte sich seine Miene auf. — Natürlich! Ballett!
Mit einem Ruck stand er auf und hielt sich vorsichtshalber am Rand des Waschbeckens fest. — Warum bin ich da nicht früher draufgekommen?
Schließlich lernt man beim Ballett, auf einem Bein zu balancieren, die Haltung zu bewahren und den Spann mit einer solchen Eleganz zu strecken, dass der Fuß wie eine harmonische Verlängerung des Beins wirkt. Dort würde er die unfehlbare Technik perfektionieren.
Vor seinem geistigen Auge sah er sich bereits im Tanzstudio: Die anderen Schülerinnen glitten anmutig durch den Saal, während Jan auf seinen brandneuen 48er-Kähnen hochkonzentriert an der Stange stand. — Und jetzt: die Spitze strecken! — würde die Ballettlehrerin anordnen. Jan würde den Fuß strecken. — Sehr gut! Und das Bein höher!
Jan würde das Bein anheben. — Noch ein bisschen höher! Jan würde das Gleichgewicht verlieren und vornüber einem völlig verdutzten Tänzer in die Arme stürzen. — Verzeihen Sie die Störung — würde Jan sagen. — Eigentlich bin ich nur hier, um zu lernen, wie man eine Unterhose anzieht.
Vermutlich ginge er als erster Mensch in die Geschichte ein, der sich nicht wegen Schwanensee zum klassischen Tanz anmeldete, sondern um einen Baumwollslip zu bezwingen. Aber einerlei. Jeder Mensch braucht ein Ziel im Leben.
Und Jans Ziel war bescheiden: Er wollte sich morgens einfach nur anziehen können, ohne gleich die Feuerwehr, einen Orthopäden oder den Direktor eines Wanderzirkus alarmieren zu müssen.
Der große Triumph
Mit neuem Elan hob Jan das Kleidungsstück vom Boden auf. — Letzte Chance — verkündete er feierlich. — Wenn das jetzt schiefgeht, kaufe ich mir einen Rock! Er stellte sich breitbeinig und felsenfest hin, holte tief Luft und bündelte seine gesamte Konzentration. Zuerst der rechte Fuß.
Diesmal gelang es ihm wie durch ein Wunder, ihn durch das richtige Loch gleiten zu lassen. — JA! Jan riss die Fäuste in die Höhe. — Erster Fuß drin! Er feierte den Moment, als hätte er gerade olympisches Gold geholt. Doch dann wanderte sein Blick hinunter zum linken Fuß. Die Euphorie verflog auf der Stelle. — Ach, du liebe Güte.
Bleibt ja noch der andere.
Der zweite Fuß erwies sich als genauso starrköpfig wie der erste. Jan musste sich winden, bücken und waghalsige Balanceakte vollführen. Einmal verfingen sich die Zehen im Saum; ein anderes Mal riss er so wütend nach oben, dass er fast einen ungewollten Handstand hingelegt hätte.
Doch am Ende geschah das Wunder: Beide Füße befanden sich dort, wo sie hingehörten. Jan zog das Teil mit einem Ruck hoch und betrachtete sich voller Stolz im Spiegel. — Geschafft! Er reckte die Brust heraus. — Jan eins, Unterhose null!
Genau in diesem Moment bemerkte er, dass er sie verkehrt herum anhatte. Jan schloss die Augen. Atmete ein. Atmete aus. — Ich sage kein einziges Wort. Ich bin ein zivilisierter Mensch. Drei Sekunden später brüllte er los: — WAS ZUM TEUFEL SOLL DIESE SCHEISSE HIER EIGENTLICH?!
Wutentbrannt riss er sie sich wieder vom Leib und fing von vorne an. Diesmal lief das Manöver wie am Schnürchen. Endlich saß sie richtig herum. Jan zog die Hose hoch, knöpfte das Hemd zu und musterte sich im Spiegel. Ein gestandener Mann. Vollständig bekleidet. Aufrecht auf beiden Beinen. Und ohne sichtbare Blessuren.
Ein wahrer Triumph des menschlichen Willens!
Doch kaum hatte er die ersten zwei Schritte getan, spürte er ein höchst verdächtiges Ziehen. Er erstarrte mitten in der Bewegung. Er zupfte an der Hose. Richtete das Hemd. Machte einen vorsichtigen Schritt nach vorn. Dann einen zurück. Da war nichts zu machen.
Die Unterhose hatte sich im Inneren zu einem derart ungemütlichen Knäuel zusammengerollt, dass Jan ging wie ein Pinguin mit Hexenschuss. Er blickte nach unten. Dann in den Spiegel. Dann wieder nach unten. — Nein — flüsterte er fassungslos. — Sag mir bitte, dass das ein schlechter Witz ist.
Mit schlurfenden Schritten kehrte er ins Badezimmer zurück, um die Katastrophe irgendwie abzuwenden. Nach fünf Minuten Nahkampf sah er aus, als hätte er sich mit einem Wäscheständer geprügelt und den Kürzeren gezogen. Völlig entkräftet ließ er sich wieder auf den Hocker sinken. — Ich brauche Urlaub. Mindestens drei Wochen.
Auf irgendeiner einsamen Insel, auf der das Tragen von Unterwäsche strengstens verboten ist.
Ein ganz normaler Morgen
Als er sich endlich wieder halbwegs gefangen hatte, sah er auf die Uhr. — UM HIMMELS WILLEN! ICH BIN VIEL ZU SPÄT! Er schnappte sich hastig die Jacke, krallte sich die Schlüssel und hechtete zur Tür. Auf halbem Weg durch den Flur musste er abrupt abbremsen: Sein Gangbild war nach wie vor mehr als zweifelhaft.
Jan stieß einen tiefen Seufzer aus. — Ab morgen gehe ich unten ohne. Einen Moment lang überlegte er es sich anders: — Nein, bloß nicht. Am Ende handle ich mir damit nur noch viel größeren Ärger ein.
Kopfschüttelnd öffnete er die Haustür. Draußen war die Luft herrlich klar und frisch, die Sonne schien prächtig und die Welt schien von dem Epos, das sich soeben zwischen den vier Wänden seines Badezimmers abgespielt hatte, nicht die leiseste Ahnung zu haben. Jan trat über die Schwelle und füllte seine Lungen mit frischer Luft.
Endlich Frieden. Endlich frische Luft. Endlich ein ganz normaler Morgen. Zumindest für die nächsten fünf Minuten. Denn plötzlich wurde ihm ein grausames Detail bewusst: Er hatte vergessen, seinen Kaffee zu trinken.
Jan blieb wie angewurzelt auf dem Gehweg stehen, warf die Arme gen Himmel und rief: — ABER WARUM IMMER ICH?! Ein Nachbar, der in diesem Moment gerade die Zeitung aus dem Briefkasten holte, schaute ihn völlig entgeistert an. — Alles in Ordnung bei dir, Jan? Jan rang sich ein völlig verzerrtes Lächeln ab. — Blendend!
Gar nichts, bloß eine kleine Meinungsverschiedenheit mit meiner Unterhose. Der Nachbar sagte keinen Mucks. Jan fügte ebenfalls kein Wort mehr hinzu.
Daraufhin nickte der Nachbar langsam und zog sich wieder in sein Haus zurück — vermutlich mit dem festen Vorsatz, den Inhalt seiner eigenen Wäscheschublade einmal ganz genau unter die Lupe zu nehmen.
Jan setzte seinen Weg fort, fest entschlossen, sich den restlichen Tag von diesem morgendlichen Schlamassel nicht vermiesen zu lassen. Schließlich war er ein hartgesottener Kerl.
Er hatte sich bereits vielen der ganz großen Prüfungen der modernen Zivilisation gestellt: Er hatte Bausatzmöbel montiert, Steuererklärungen ausgefüllt und sich einst sogar getraut, die Bedienungsanleitung eines Druckers zu entschlüsseln. Da würde er sich doch jetzt nicht von einem Fetzchen Stoff in die Knie zwingen lassen!
Oder etwa doch?
Jan schmunzelte in sich hinein. — Gleich morgen — sagte er sich entschlossen — kaufe ich mir neue Unterhosen. Aber welche mit Beinlöchern wie Eisenbahntunnel! Und fügte leise hinzu: — Und vielleicht melde ich mich vorsichtshalber doch für ein paar Ballettstunden an.
Denn wenn Jan an diesem Morgen eines gelernt hatte, dann dies: Im Leben gibt es monumentale Herausforderungen, kleine Katastrophen und manchmal schlichtweg ein Stück Unterwäsche, das sich weigert, seinen rechtmäßigen Besitzer anzuerkennen.
Und wer Schuhgröße 48 trägt, sollte es sich zweimal überlegen, ob es sich wirklich lohnt, gleich beim ersten Weckerklingeln aus dem Bett zu steigen. Manchmal ist es unendlich viel besser, einfach noch fünf Minuten unter der Bettdecke liegen zu bleiben.
Vor allem, wenn man weiß, dass die eigene Unterhose im Badezimmer bereits heimtückisch auf der Lauer liegt.








