Chapter 1 – Donuts für die falsche Runde
Molly
Der Tag fängt mal wieder… bescheiden an.
Der Wecker klingelt, noch bevor es draußen richtig hell wird, und Portland liegt unter einer nassen, grauen Decke. Regen trommelt gegen die Scheibe, irgendwo im Haus knackt die Heizung und ich wuchte mich aus dem Bett, obwohl mein Körper mir sehr deutlich sagt, dass wir beide noch nicht bereit für "funktionierende Erwachsene" sind.
Dusche, Zähneputzen, Haare halbwegs bändigen – Alltag im Autopilot. In der Küche ist es kühl, bis der Wasserkocher anfängt zu fauchen und der Duft von Kaffee sich mit dem Geruch von Regen mischt, der durch das gekippte Fenster hereinzieht. Ich stelle eine Schüssel auf den Tisch, kippe Müsli hinein, schnappe die Milch. Nichts Großartiges. Kochen ist nicht mein Ding, Backen klappt halbwegs, aber morgens? Keine Chance.
Natürlich reicht das Liv nicht. "Wie, keine Waffeln? Nur Müsli und Milch? Wie soll ich da denn fit bleiben?" Sie steht in der Tür, Schulrucksack lässig über einer Schulter, die Kupferlocken zu einem halbherzigen Dutt gedreht. Ihre grünen Augen bohren sich in mich, als hätte ich ihr gerade eröffnet, dass Weihnachten dieses Jahr ausfällt. Diese Augen, die mich viel zu sehr an Charly erinnern.
Ich zwinge ein Lächeln auf meine Lippen, obwohl mein Magen sich zusammenzieht. "Ich hab dir was eingepackt", sage ich und deute auf die pinke Brotdose auf dem Tisch. "Mit Apfelstückchen und—"
"Du bist so peinlich!" schneidet sie mir das Wort ab. Sie greift nach der Dose, stopft sie ohne einen Blick hinein in den Rucksack und stürmt ohne Frühstück zur Tür. Ein Schwall kalter, feuchter Luft zieht in die Küche, als sie sie aufreißt. Dann fällt die Tür ins Schloss, und es ist wieder still.
Peinlich. Das ist ihr Lieblingswort, wenn es um mich geht. Trage ich Rock: peinlich. Trage ich Jeans: peinlich. Wage ich es, Mascara aufzulegen: oberpeinlich. Immerhin bin ich schon dreiunddreißig – was in Livs Welt ungefähr kurz vor Fossil bedeutet.
Ich seufze, reibe mir die Stirn und trinke meinen Kaffee in zwei großen Schlucken leer, bevor ich mich auf den Weg zur Arbeit mache.
Die Bibliothek riecht nach nassen Jacken, Papier und diesem undefinierbaren Staub, der sich in alten Büchern festsetzt. Der Regen hat nicht vor, nachzulassen; Tropfen rinnen in langen Bahnen über die großen Fensterfronten, draußen wirbelt der Herbst das Laub über den Gehweg.
Immerhin ist es Mittwoch. Mittwochs verirren sich nicht viele Leute hierher – ein paar Rentner*innen, zwei Stammgäste von der Uni, gelegentlich eine Mutter mit Kinderwagen. Der Rest der Stadt scheint sich lieber in Cafés zu verstecken.
Für mich bedeutet das: Ruhe.
Ich sortiere die Rückgaben in ihr metergenaues Regallabyrinth, lasse meine Finger über Buchrücken streifen, als würden sie atmen. Später lasse ich mich in eines der weichen Sofas am Fenster sinken, schlage ein Buch auf und tauche ab. Draußen wütet der Herbst, aber hier drinnen ist es warm, leise und riecht ein bisschen nach Vanille aus der Duftkerze an der Ausleihe.
Mein Fazit für den Tag bisher: ruppiger Start, ruhige Fortsetzung. Ein seltenes Gleichgewicht.
So sehr, dass ich nicht merke, wie sich jemand räuspert. Erst einmal. Zweimal. Dreimal.
Erst, als mich etwas gegen das Knie stupst, zucke ich zusammen. "Oh!" Ich blinzle, hebe den Blick von den Seiten. "Äh, ja?"
Vor mir steht ein kleiner Junge, vielleicht sieben, höchstens acht Jahre alt. Seine blonden Locken stehen in alle Richtungen, als hätte jemand sie mit statischer Elektrizität aufgeladen. Blaue Augen, groß und ein bisschen unsicher, während er an dem Saum seines gestreiften Pullovers zupft. "Entschuldigung", murmelt er. "Ich… ich wollte dich nicht stören."
"Schon gut." Ich klappe das Buch sofort zu, schiebe es neben mich. "Was kann ich für dich tun, kleiner Mann?" Ich schenke ihm mein freundlichstes Bibliothekarinnen-Lächeln.
Er dreht sich halb um und zeigt mit seinem kleinen Finger auf ein Regal hinter sich. "Da ist ein Buch… ich komm nicht dran." Dann sieht er mich wieder an, Lippen leicht gespitzt. "Kannst du es mir runtergeben?"
"Natürlich." Ich erhebe mich, streiche meinen geblümten Rock glatt – der, den Liv garantiert wieder als "Muttivorhang" bezeichnen würde – und gehe mit ihm zum Regal. "Welches ist es denn?"
"Das da!" Er zwigt auf ein Bilderbuch mit blauem Einband, das viel zu hoch einsortiert wurde. Irgendwer war da bei der Rückgabe wohl kreativer als nötig.
Ich stelle mich auf die Zehenspitzen, ziehe das Buch aus der Reihe und reiche es ihm. "Hier hast du es. Brauchst du sonst noch etwas? Empfehlungen, geheimen Piratenschatzplan, magische Drachen?"
Er schüttelt eifrig den Kopf, die blonden Locken hüpfen wild. Dann schenkt er mir ein Zahnlückenlächeln, bei dem mir kurz das Herz warm wird. "Danke dir!" Und schon flitzt er davon, die Turnschuhe klatschen leise über den Teppichboden.
Ich bleibe einen Moment stehen, das Lächeln noch in meinem Gesicht. Er erinnert mich an Liv, als sie klein war – bevor Augenrollen ihre Muttersprache wurde. Bevor "Gott, du nervst" ihr Standardgruß geworden ist.
Ich setze mich wieder ans Fenster, lasse den Blick über die Regentropfen laufen. Unwillkürlich muss ich seufzen. Seit ich Liv kenne, sind schon einige Jahre vergangen. Ich habe gesehen, wie sie vom schüchternen, an mir klammernden Mädchen zur lauten, widerspenstigen Teenagerin wurde.
Und seit Charlys Tod ist sie mir… fremder geworden. Es heißt, das sei normal. Pubertät, Trauer, Hormone – ein giftiger Cocktail. Die Mütter-Gruppe sagt, das geht vorbei. Irgendwann.
Aber ganz ehrlich? Ich weiß einfach nicht, wie ich damit umgehen soll. Ich will alles richtig machen. Und habe ständig Angst, dass ich genau das Gegenteil tue.
Als hätte das Universum eine Meinung zu meinem Selbstmitleid, vibriert es plötzlich an meiner Seite.
Ich zucke zusammen. Das leise Summen kommt aus der Tasche meines Cardigans, direkt an der Hüfte. Für einen Moment denke ich, es sei nur mein Herz, das wieder mal zu hektisch schlägt. Dann fische ich das Handy hervor, der Bildschirm leuchtet bläulich gegen das warme Herbstlicht am Fenster.
Eine neue Nachricht von Maria, unserer Gruppenleiterin: Wir müssen heute in Flur 3B wechseln, in unserem üblichen Flur werden gerade Malerarbeiten durchgeführt. Man hat mich zu spät darüber informiert! Kommt also zur üblichen Zeit in Raum 3B-7.
Ich starre einen Moment auf die Nachricht, während im Hintergrund der Regen leiser gegen die Scheibe trommelt. Flur 3B. Ich sehe ihn vor mir: lange, helle Gänge, abgenutzter Linoleumboden, dieser typische Gemeindezentrum-Geruch aus Reinigungsmittel, altem Kaffee und zu vielen Aushängen an Korkwänden.
Na klasse. Die Gruppe.
Ich lasse mich tiefer in das Sofa sinken, das Handy locker in der Hand. Vor ein paar Monaten hatte mir eine Mutter aus Livs Klasse davon erzählt – mit einem dieser Blicke, die irgendwo zwischen Mitleid und Verschwörung liegen. Eine Selbsthilfegruppe im Gemeindezentrum neben der Bibliothek, für Mütter, die "es gerade schwer haben".
Viele von ihnen sind jünger als ich, mit Babys auf dem Arm oder Kleinkindern, die ihnen an der Leggings kleben. Komplett überfordert, müde, mit Augenringen bis zum Kinn. Ein paar sind wie ich verwitwet, stolpern in diese neue Rolle hinein, in der plötzlich alles an ihnen hängt. Manche kämpfen mit Sorgerechtsstreit, andere mit Ex-Partnern, die sich nur alle Schaltjahre blicken lassen.
Und dann gibt es die Fraktion "revoltierender Teenager". Wir sind leicht an den verzweifelten Seufzern zu erkennen, am ständigen Griff zur Kaffeetasse und dem verzweifelten Versuch, nicht zu weinen, wenn jemand die Worte "Du bist nicht meine echte Mutter" in den Raum wirft.
Die Gruppe hat mir in den letzten Monaten tatsächlich geholfen. Ein bisschen jedenfalls. Ich fühle mich nicht mehr wie die einzige, die alles verbockt. Es gibt andere, deren Kinder Türen knallen, schreien, lügen, Grenzen testen. Trotzdem… Liv macht es mir verdammt schwer, an mir zu arbeiten.
Teenager eben.
Bevor ich weiter in Selbstanalyse versinke, ploppt oben auf dem Display eine Kalender-Erinnerung auf. Eine kleine Glocke, ein dezentes Bing.
Donuts fürs Treffen besorgen.
"Verdammt", murmele ich. Die Buchstaben verschwimmen für einen Moment, als würde mein Handy mich auslachen. Natürlich bin ich heute mit den Snacks dran. Natürlich habe ich es vergessen.
Ich tippe die Benachrichtigung weg, stecke das Handy wieder in die Cardigan-Tasche und reibe mir die Stirn. In meinem Kopf rattert es: Arbeit fertig kriegen, rechtzeitig ausstempeln, in der Bäckerei an der Ecke vorbeisprinten, hoffen, dass die nicht nur noch trockenes Vollkornzeug haben.
"Muss Muttersein immer so schwer sein?" flüstere ich mehr zu mir selbst als zur Welt.
Draußen peitscht der Wind eine Handvoll Blätter gegen die Scheibe, als würde der Herbst kichern und "Jep" antworten.
Schwer atmend hetze ich die Treppe in den dritten Stock hoch.
"Hetzen" klingt sportlicher, als es ist. In Wirklichkeit schnaufe ich wie eine alte Lok, während ich die große Schachtel mit Donuts balanciere, die Arme schon leicht am Zittern. Zum einen, weil die Schachtel wirklich verdammt groß ist. Zum anderen… weil ich eben auch verdammt viel ich mit mir herumschleppe.
Meine Adoptivmutter hat immer gesagt, meine Kurven hätten bestimmt etwas mit den Genen meiner leiblichen Mutter zu tun. Ich schiebe es eher auf meine dezent ausgeprägte Leidenschaft für Kuchen, Pasta und alles, was nach "noch ein Nachschlag, bitte" schreit.
Ich sehe nicht aus wie ein Hefekloß. So schlimm ist es nun wirklich nicht – auch wenn Liv das gerne so formuliert. Teenager können mit Worten härter sein als jeder Schlag. Meine Frauenärztin nennt es "gesunde Kurven", viel "Masse zum Liebhaben".
Charly hat das auch immer so gesehen. "Du bist mein kleiner Dumpling", hatte er mich genannt. "So gut gepolstert, ich könnte dich als warmes Kissen benutzen."
Früher habe ich darüber gelacht. Heute sticht es.
Zwei Jahre ist es her, dass ein betrunkener Halbstarker meinte, er müsste mit überhöhter Geschwindigkeit in Charlys Wagen rasen. Auf nasser Straße. In einer Kurve. Die Rettungssanitäter sagten, er hätte nichts mehr gespürt.
Ich dafür umso mehr.
Ein vertrautes Ziehen legt sich auf meine Brust, als hätte jemand die Luft dünner gedreht. Ich blinzle heftig, schüttele den Kopf, als könnte ich die Erinnerungen einfach abschütteln wie Regentropfen vom Schirm. Nicht jetzt. Nicht hier im Treppenhaus, keuchend mit einer Donutschachtel wie eine tragische Version vom Weihnachtsmann.
Bei der letzten Stufe stolpere ich trotzdem fast, fange mich gerade noch, bevor entweder ich oder – schlimmer – die Donuts den Heldentod sterben. "Alles gut, alles gut", murmele ich mehr zu den Backwaren als zu mir selbst.
Oben öffnet sich der Flur 3B vor mir: ein langer Gang mit grauem Linoleumboden, der im Neonlicht stumpf glänzt. Jemand muss das Fenster am Ende offen gelassen haben, denn eine kühle Herbstbrise weht herein und trägt den Geruch von Regen und nassen Blättern mit sich. Ein paar Blätter haben sich schon hereingeschlichen, kleben dunkelrot und goldgelb am Boden und malen kleine Herbstflecken auf das triste Grau.
Ich zwinge mich, langsamer zu gehen, damit mir nicht der Arm abfällt, und mustere die Schilder an den Türen. 3B-3, 3B-5… 3B-7. Da.
Mit einem kleinen Manöver versuche ich, die Tür zu öffnen, ohne meine Donuts zu gefährden: Ellbogen an die Klinke, leicht runterdrücken, gleichzeitig mit der Hüfte und dem Rücken nachschieben. Elegant ist anders, aber es funktioniert.
Gerade, als ich die Tür aufstoße und rückwärts in den Raum trete, höre ich eine tiefe Männerstimme: "…und dann habe ich gemerkt, dass es nicht mehr nur um Lust ging, sondern darum, dieses Loch in mir irgendwie zu stopfen. Egal mit wem. Egal wo."
Ich bleibe im Schritt stehen. Mein Rücken berührt die Tür, der Karton mit den Donuts wackelt bedrohlich in meinen Armen.
Ein Mann?
Ich blinzle in den Raum, drehe mich halb zur Seite, und überall sitzen Männer in einem Stuhlkreis. Keine einzige Mutter. Kein Kinderwagen. Kein "Ich hab drei Stunden geschlafen, Hilfe"-Blick.
Nur ernste Gesichter. Ein paar verschämte. Ein paar, die mich irritiert anstarren, als wäre ich der Lieferdienst des Himmels – oder der Hölle.
Die Worte des Mannes hängen noch in der Luft, schwer und ehrlich. Und dann macht es klick in meinem Kopf.
Oh nein.
Hitze schießt mir ins Gesicht, als würde jemand von innen einen Dimmer hochdrehen.
Mist. Das ist die falsche Gruppe.