1 - Unsichtbar und Unübersehbar
Anna
Die Sommerferien sind vorbei, und der Montag trifft mich wie ein Eimer kaltes Wasser. Zu viele Menschen. Zu viele Geräusche. Schon bevor ich das Schulgebäude überhaupt betrete, liegt dieses vertraute Gefühl in meiner Brust – schwer und drückend, als hätte jemand einen Stein darauf gelegt. Stimmengewirr hängt in der Luft, vermischt mit dem schrillen Lachen von Gruppen, die sich scheinbar monatelang vermisst haben.
Ich ziehe meine Tasche etwas enger an mich, als würde sie mir Halt geben, und trete durch die Eingangstüren. Sofort schlägt mir die stickige Luft entgegen. Eine Mischung aus Parfüm, Schweiß und diesem undefinierbaren Geruch nach alten Schulfluren – Papier, Staub und etwas, das sich nie ganz beschreiben lässt.
Der lange Flur vor mir ist überfüllt. Spinde knallen zu. Schuhe quietschen auf dem Boden. Irgendwo fällt etwas scheppernd zu Boden, gefolgt von Gelächter. Ich setze mich in Bewegung. Schritt für Schritt schiebe ich mich durch die Menge, den Blick leicht gesenkt, darauf bedacht, niemanden direkt anzusehen. Als würde Augenkontakt automatisch Probleme bedeuten.
Heute werden die neuen Kurslisten ausgehändigt. Auch wenn wir offiziell in Klassen eingeteilt sind, werden die Kurse mit der gesamten Jahrgangsstufe gemischt. Das ist gut… und schlecht. Gut, weil ich vielleicht Kurse mit Liza habe. Schlecht – wegen allen anderen.
Gesprächsfetzen dringen an mein Ohr, ohne dass ich sie hören will.
„…war die beste Party des Sommers—“
„—ich schwöre, ich hab fünf—“
„—hast du gesehen, wie heiß er geworden ist?!“
Sommerferien. Body Counts. Partys. Alkohol. Wer ist hot. Wer nicht. Die Worte prallen gegen mich wie Regentropfen, kalt und bedeutungslos. Alles Themen, die mich nicht interessieren. Und genau da liegt das Problem. Ich passe hier nicht ins Bild.
Während ich an einer Gruppe Mädchen vorbeigehe, fällt mein Blick kurz auf ihre perfekt gestylten Haare, die glänzenden Lippen, die makellosen Outfits, die aussehen, als kämen sie direkt aus einem Schaufenster. Ich sehe an mir hinunter. Schlichte Jeans. Lockeres Oberteil. Nichts Besonderes. Ich seufze leise. Ich gehe nicht zu Footballspielen. Ich gehe nicht auf Partys. Ich bin nicht wie sie. Ich gehöre einfach nicht dazu.
Ein dumpfer Stoß reißt mich aus meinen Gedanken. Meine Schulter wird hart getroffen, und ich taumle einen halben Schritt zur Seite.
„Pass auf, wo du hinläufst, Aschenputtel!“
Die Stimme ist scharf, durchzogen von Spott. Ich brauche nicht aufzusehen, um zu wissen, wer vor mir steht. Amber. Ein leises Kichern erklingt aus ihrer Clique. Für einen Moment zieht sich alles in mir zusammen – wie eine Faust, die sich langsam schließt. Sag nichts. Mach es nicht schlimmer. Ich senke den Blick, starre auf den Boden zwischen uns und murmele nichts. Nicht einmal eine Entschuldigung. Einfach weitergehen. Ich ziehe meine Schultern leicht ein und gehe schneller an ihr vorbei, spüre noch ihre Blicke in meinem Rücken, als würden sie sich wie kleine Nadeln in meine Haut bohren. Bloß keine Diskussion anfangen.
Nach vier Stunden, in denen gefühlt nichts passiert ist außer dem Verteilen der Kurslisten, ist endlich Mittagspause. Mein Kopf ist schwer von all den Stimmen, Namen und Räumen, die ich mir merken soll, obwohl ich jetzt schon weiß, dass ich die Hälfte wieder vergesse. Ich folge dem Strom Richtung Mensa. Schon bevor ich den Raum betrete, höre ich das Stimmengewirr – laut, chaotisch, lebendig. Als ich durch die Tür gehe, schlägt mir eine Welle aus Geräuschen, Gerüchen und Bewegung entgegen. Besteck klappert. Stühle scharren über den Boden. Jemand lacht zu laut. Jemand ruft quer durch den Raum. Der Geruch von warmem Essen hängt schwer in der Luft – Pommes, irgendetwas Frittiertes, süßliche Getränke. Es ist zu viel. Alles ist zu viel.
Ich nehme mir ein Tablett und stelle mich automatisch an, ohne wirklich hinzusehen, was ich darauf lege. Meine Finger bewegen sich wie von selbst, während mein Blick durch die Mensa wandert. Und wie immer… ist alles vorhersehbar. Jede Gruppe hat ihren festen Platz. Die Sportler – laut, breitbeinig, selbstbewusst. Die Beauty-Queens – perfekt geschniegelt, jede Bewegung wirkt einstudiert. Die Nerds – vertieft in Gespräche, die sonst niemand versteht. Die Musiker – irgendwo zwischen cool und gleichgültig. Alles klar getrennt. Alles klar zugeordnet. Und ich? Ich gehöre zu keiner dieser Gruppen.
Mit dem Tablett in der Hand schlängele ich mich vorsichtig zwischen den Tischen hindurch, darauf bedacht, niemanden zu streifen. Dann sehe ich sie. Liza. Ihr pinker, kurzer Bob sticht aus der Menge heraus wie ein Farbfleck auf einer grauen Leinwand. Sie entdeckt mich sofort – natürlich tut sie das. „Anna! Hier!“ Ihre Stimme trägt durch die halbe Mensa. Ich bleibe für den Bruchteil einer Sekunde stehen. Hitze schießt mir ins Gesicht, und ich senke reflexartig den Blick. Sie weiß genau, wie sehr ich es hasse. Trotzdem gehe ich schneller auf sie zu. Patrick sitzt neben ihr und kichert leise, als hätte er genau auf diesen Moment gewartet.
„Hey, Mäuschen!“, sprudelt Liza sofort los, kaum dass ich mich gesetzt habe. „So schön, dich zu sehen! Wie geht es dir? Hattest du einen schönen Sommer?“ Ich lächle sie an. Sie ist wie ein Sonnenstrahl – warm, hell, ein bisschen zu intensiv. Und manchmal genau das, was mir fehlt. „Mir geht’s gut. Danke“, sage ich ruhig. „Der Sommer war… unspektakulär. Ich habe nur zwölf Bücher geschafft.“ Ein kleines Lachen entweicht mir. „Und bei euch?“ Ich meine die Frage ernst. Während wir essen, erzählen Liza und Patrick von ihrer Reise nach Rom – von engen Gassen, warmen Nächten, Straßenmusik und viel zu süßem Eis. Ihre Stimmen überschlagen sich fast, wenn sie von all den kleinen, romantischen Momenten berichten.
Ich lehne mich ein wenig zurück und höre zu. Und verliere mich darin. Ich freue mich für sie. Wirklich. Ihre Liebe ist leicht. Unkompliziert. Echt. Ganz anders als… alles, was ich mir vorstelle. Ich bin hoffnungslos romantisch. Und gleichzeitig eine absolute Katastrophe, wenn es um echte Menschen geht. Ich habe noch nicht einmal richtig geküsst. Während andere hier an der Schule vermutlich mehr Erfahrungen gesammelt haben, als ich Bücher gelesen habe. Der Gedanke lässt mich kurz schmunzeln.
Dann— verändert sich etwas. Es ist kein lautes Ereignis. Kein Knall. Kein Ruf. Es ist… subtil. Und trotzdem spürbar. Die Geräuschkulisse kippt. Gespräche werden leiser. Blicke wandern. Eine unsichtbare Welle zieht durch den Raum. Ich muss nicht aufsehen, um zu wissen, warum. Zane. Und Knox. Sie betreten die Mensa. Ich starre auf meinen Teller, meine Finger umklammern leicht die Gabel. Die beiden sind selten hier. Aber wenn sie es sind… merkt es jeder. Es ist, als würde sich die Luft verändern. Schwerer werden. Dichter.
Zane geht ein Stück vor Knox, seine Bewegungen ruhig, kontrolliert. Kein überflüssiger Schritt. Kein Zögern. Knox wirkt daneben fast gelangweilt, aber seine Augen wandern aufmerksam durch den Raum, als würde er alles registrieren. Gefährlich. Beide. Ärger, verpackt in scharfen Kinnlinien und Muskeln. Mit Blicken, die einen durchdringen, selbst wenn sie einen gar nicht ansehen. Zane stellt sich am Bistro an, als wäre nichts. Als wäre er nicht gerade der Grund dafür, dass ein ganzer Raum den Atem anhält. Ich zwinge mich, weiter auf meinen Teller zu schauen. Atme ein. Atme aus. Schau nicht hin. Als hätte ich Angst, dass allein ein Blick etwas auslösen könnte.
Nach wenigen Minuten drehen sie sich wieder um und gehen. Einfach so. Und erst, als die Tür hinter ihnen zufällt, kehrt das Leben in die Mensa zurück. Stimmen werden wieder lauter. Gelächter kehrt zurück. Alles wirkt… normal. Als wäre nichts gewesen. Langsam hebe ich den Blick. Er bleibt an der Tür hängen. Wie kann ein Mensch allein durch seine Anwesenheit so eine Wirkung haben? Während ich in der Menge untergehe… unsichtbar… spürt man ihn, noch bevor er überhaupt den Raum betritt. Der Gedanke kribbelt unangenehm in mir. Und trotzdem— fasziniert er mich. Ich schüttele innerlich den Kopf. Nein. Sofort vergessen.
„Erde an Anna. Hallo?“ Ich zucke leicht zusammen. Liza wedelt mit der Hand vor meinem Gesicht. Ich blinzle. „Oh— entschuldige“, murmele ich und lächle sanft. „Wo waren wir?“ Liza schnaubt belustigt. „Deine Kursliste. Lass uns vergleichen.“ Ich nicke und greife nach dem zerknitterten Papier neben meinem Tablett. Unsere Köpfe beugen sich gleichzeitig darüber. Ein kleiner Lichtblick: Philosophie. Sport. Mathematik. Zusammen. Ich atme leise aus. Immerhin etwas. In allem anderen… muss ich wohl irgendwie überleben.