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Bis zum Abspann

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Zusammenfassung

Mara hat ein Problem: Sie hat seit Jahren keinen Film zu Ende geguckt. Der Grund hat jedes Mal Unterarme, einen Lieblingsfilm und eine sehr aufgeräumte Wohnung. Vier Männer, vier Filmabende, vier verpasste Abspänne. Und zu Hause sitzt Pia am Küchentisch, löst das Kreuzworträtsel mit Kugelschreiber und stellt Fragen. Die falschen. Oder die richtigen. Ein Prolog, fünf Kapitel und ein Versprechen aus der neunten Klasse: Irgendwann gucken wir einen Film bis zum Ende.

Status:
Abgeschlossen
Kapitel:
6
Rating
n/a
Altersfreigabe
16+

Prolog: Der Kreislauf des Wassers

Der erste Film, den Pia und ich nicht zu Ende geguckt haben, hieß „Der Kreislauf des Wassers“. Er dauerte siebenundvierzig Minuten. Wir haben es bis Minute zwölf geschafft.

Neunte Klasse, Erdkunde, letzte Stunde vor den Herbstferien. Draußen regnete es seit dem Morgen, so ein grauer, entschlossener Regen, der nicht vorhatte, vor Weihnachten wieder aufzuhören. Herr Kowalczyk hatte die Vorhänge zugezogen und den Beamer angeworfen, der an der Decke summte wie ein alter Kühlschrank.

Herr Kowalczyk war der Überzeugung, dass man Erdkunde nur versteht, wenn man sie anfassen kann. Deshalb waren im Lauf des Halbjahres ein Globus mit Sprung, eine Schale Gesteinsproben und ein Eimer Sand aus der Eifel durch die Reihen gewandert. Der Sand war am Ende überall, auch in meinem Mäppchen, wo ich ihn noch Jahre später gefunden habe.

Und er hatte etwas mitgebracht.

„Zur Veranschaulichung“, sagte er feierlich und stellte einen Zimmerbrunnen auf das Lehrerpult. Ein Plastikfelsen mit einer winzigen Pumpe, aus dem Wasser in eine Schale plätscherte und wieder nach oben gepumpt wurde. Immer im Kreis. „Verdunstung, Kondensation, Niederschlag. Ein geschlossenes System. Wie die Erde.“

Er steckte den Stecker in die Mehrfachsteckdose, in der auch schon der Beamer, sein Laptop und ein Wasserkocher hingen. Pia, die neben mir in der ersten Reihe saß, weil die Sitzordnung das so wollte und nicht etwa wir, schrieb sofort „Zimmerbrunnen = geschlossenes System“ in ihr Heft. Mit Lineal unterstrichen.

„Das kommt doch nie in der Arbeit dran“, flüsterte ich.

„Alles kann in der Arbeit drankommen.“

„Nach den Ferien weiß das keiner mehr.“

„Ich schon.“

Pia Lindner war damals schon so. Sie trug einen Pullover mit Rentieren, obwohl es Oktober war, und sie hatte einen Füller mit drei Ersatzpatronen dabei. Ich hatte einen Kuli, der nur schrieb, wenn man ihn vorher anhauchte, und eine Tüte Popcorn im Rucksack, die ich am Kiosk gekauft hatte, weil Film eben Film ist.

Der Film begann. Ein Wassertropfen mit Comic-Augen erklärte uns, dass er aus dem Atlantik komme und jetzt eine lange Reise vor sich habe. Hinter uns stöhnte jemand. Ich raschelte vorsichtig mit der Tüte. Pia sah mich an, als hätte ich in der Kirche gerülpst.

„Willst du?“, flüsterte ich.

Sie zögerte genau zwei Sekunden. Dann nahm sie eine Handvoll.

In Minute neun stieg der Tropfen als Wolke über die Alpen. In Minute elf fiel er als Schnee auf einen Gletscher, und Herr Kowalczyk sagte „Achtung, jetzt wird es spannend“, was es nicht wurde.

In Minute zwölf sprang die Pumpe des Zimmerbrunnens aus ihrer Halterung.

Ich weiß bis heute nicht genau, wie es passiert ist. Vielleicht hat Herr Kowalczyk beim Gestikulieren an das Pult gestoßen. Vielleicht wollte der Brunnen einfach nicht länger ein geschlossenes System sein. Jedenfalls schoss ein kleiner, erstaunlich zielstrebiger Wasserstrahl seitlich aus dem Plastikfelsen, quer über das Pult und direkt in die Mehrfachsteckdose.

Es gab einen Knall. Der Beamer ging aus. Der Wassertropfen mit den Comic-Augen verschwand mitten auf dem Gletscher. Dann ging das Licht im ganzen Flur aus, und eine Sekunde später heulte der Feueralarm los.

„Ruhe bewahren!“, rief Herr Kowalczyk, der selbst keine Ruhe bewahrte. „Geordnet! Zum Sammelplatz! Nicht rennen!“

Alle rannten.

Der Sammelplatz war der Schulhof. Der Schulhof hatte kein Dach. Es regnete, als hätte jemand den Kreislauf des Wassers persönlich genommen. Siebenhundert Schülerinnen und Schüler standen klatschnass zwischen den Basketballkörben, während die Feuerwehr mit Blaulicht vorfuhr und zwei Männer in voller Montur ins Gebäude liefen, um einen Zimmerbrunnen zu löschen.

Pia und ich hatten uns unter das Dach des Fahrradständers gerettet, zusammen mit ungefähr dreißig anderen. Ihr Heft hatte sie gerettet, ihren Füller auch. Den Rentierpullover nicht, der war vollgesogen und hing ihr fast bis zu den Knien.

Sie wrang ihren Zopf aus, einmal, zweimal, und das Wasser lief ihr über die Hand und tropfte auf meine Schuhe.

„Entschuldigung“, sagte sie.

„Schon okay. Die waren eh nass.“

„Dann ist es ja egal“, sagte Pia, wrang noch einmal, und diesmal zielte sie.

„Jetzt weiß ich nicht, wie er ausgeht“, sagte sie.

Ich starrte sie an. „Der Film?“

„Natürlich der Film.“

„Pia, das Wasser verdunstet, regnet runter und verdunstet wieder. Das ist der Plot.“

„Aber was passiert mit dem Tropfen?“

Ich dachte nach. Über uns trommelte der Regen auf das Wellblech. „Ich glaube, es geht nicht gut für ihn aus“, sagte ich ernst. „Ich glaube, er landet in einer Mehrfachsteckdose.“

Pia hielt es genau drei Sekunden aus. Dann fing sie an zu lachen, so sehr, dass sie sich am Fahrradständer festhalten musste, und ich lachte mit, und der Junge neben uns rückte ein Stück weg.

„Was machst du in den Ferien?“, fragte ich, als wir beide wieder Luft bekamen.

„Holland. Meine Eltern wollen an den Strand.“ Sie verzog das Gesicht. „Im Oktober.“

„Klingt furchtbar.“

„Es gibt Pommes mit Mayo.“

„Dann klingt es schon besser.“

„Ich schreibe dir eine Postkarte“, sagte Pia, so ernst, als ginge es um einen Vertrag. „Mit Briefmarke.“

Sie kam zehn Tage später, mit einer Qualle auf der Vorderseite. Auf der Rückseite stand, mit Lineal unterstrichen: „Wetter wie bei uns. Pommes getestet. Dein Popcorn war besser.“ Sie klebt bis heute am Kühlschrank, unter einem Magneten in Form einer Mandarine.

Ich holte die Popcorntüte aus dem Rucksack. Sie war nur ein bisschen nass. Wir aßen sie trotzdem, im Stehen, mit eiskalten Fingern, während die Feuerwehr wieder aus dem Gebäude kam und einer der Männer den tropfenden Zimmerbrunnen wie ein Beweisstück vor sich hertrug.

„Irgendwann“, sagte Pia mit vollem Mund, „gucken wir einen Film bis zum Ende.“

„Abgemacht.“

„Nein, richtig.“ Sie hielt mir den kleinen Finger hin, ganz feierlich, mit Popcornsalz daran. „Bis zum Abspann.“

Ich hakte meinen kleinen Finger ein. „Bis zum Abspann.“

Den Rest der Stunde standen wir klassenweise in Reihen, und Herr Kowalczyk ging mit einem Klemmbrett die Köpfe ab. Bei Pia blieb er stehen.

„Sie haben mitgeschrieben?“

„Bis Minute zwölf.“

„Dann sind Sie die Einzige hier, die den Kreislauf des Wassers verstanden hat“, sagte er, und es klang, als sollte es ein Trost sein. Dann sah er auf meine Hand, in der noch ein halbes Popcorn steckte, und ging wortlos weiter.

Nach den Ferien hing an der Tür zum Erdkunderaum ein Zettel: Wegen eines Defekts an der Elektrik bis auf Weiteres kein Medieneinsatz. Der Zimmerbrunnen wurde nie wieder gesehen. Pia behauptete, er stehe im Lehrerzimmer auf einem Regal und plätschere vor sich hin, ohne Aussicht auf Bewährung. Ich glaubte ihr sofort. Pia behauptete nie etwas, das sie nicht vorher nachgeschlagen hatte.

* * *

Wir haben es versucht. Das muss man uns lassen.

Zu meinem fünfzehnten Geburtstag gingen wir ins Kino am Neumarkt, in einen Film über Delfine. Pia hatte die Karten besorgt, Reihe acht, Mitte, und ich hatte vor dem Trailer eine Cola zu schnell getrunken. Den Rest des Films verbrachte ich auf der Toilette. Pia stand draußen vor der Tür, hielt meine Jacke und berichtete mir durch den Spalt, was die Delfine gerade machten. Es klang dramatischer, als es vermutlich war.

In der Elften fuhren wir mit dem Erdkundekurs nach Rom, und am zweiten Abend gab es in der Jugendherberge einen Stummfilm. Das Klavier fiel nach zehn Minuten aus. Herr Kowalczyk, der zufällig als Begleitperson mitgekommen war, sagte feierlich „Zur Veranschaulichung“ und kämpfte den Rest des Abends mit dem Beamer, bis jemand den Hausmeister holte und der Hausmeister die Sicherung rauszog.

Mit neunzehn gingen wir ins Open-Air-Kino am Aachener Weiher. Der Film hieß „Sturmwarnung“, das hätten wir wissen können. Nach zwanzig Minuten fing es an zu regnen. Pia hatte einen Regenponcho dabei, ich nicht, und wir saßen zu zweit darunter und sahen zu, wie die Leinwand langsam durchsichtig wurde.

Auf dem Heimweg waren wir so nass, dass es nichts mehr ausmachte. Pia hakte sich bei mir unter, weil der Poncho nur für eine gedacht war, und wir gingen eng nebeneinander durch die Pfützen, zwei Menschen in einer Plastikhaut, die bei jedem Schritt knisterte. An der Haltestelle blieb sie stehen.

„Das zählt nicht.“

„Was?“

„Der Film. Das zählt nicht als Versuch.“

„Nein“, sagte ich. „Aber der Poncho zählt.“

„Der Poncho zählt“, sagte Pia, und ich schwöre, sie lächelte.

Dann kamen die Männer. Bei Pia gab es keine, von denen ich erfahren hätte. Bei mir gab es genug, und jeder von ihnen hatte einen Lieblingsfilm, den er mir unbedingt zeigen wollte.

* * *

Zwölf Jahre später wohnten wir zusammen in einer Altbauwohnung in Köln-Ehrenfeld, mit knarrenden Dielen, einem Balkon, auf dem nur ein Stuhl Platz hatte, und Wänden, die dünner waren, als die Maklerin behauptet hatte.

Die Zimmer hatten wir ausgelost, mit einer Münze, die Pia vorher auf Gleichgewicht geprüft hatte. Ich bekam das Zimmer zur Straße, mit der Linie 13, die jeden Morgen um fünf nach sechs quietschend um die Ecke bog, Pia das zum Hof, mit der Wand, an der sie ihre fertigen Kreuzworträtsel aufhängte. Wir teilten uns ein Bad, einen Kühlschrank mit einem Fach pro Person und eine Blumenampel, die keine von uns goss, weil jede annahm, die andere täte es.

Den Schwur hatten wir nicht gehalten.

Also, ich nicht.

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