Kapitel 1 ... Mr. Lewis
Herbst 2000,
Mr. Lewis’ Blick traf den von Rosaline, als sie sein ruhiges Klassenzimmer in der zweiten Stunde betrat. Alle Köpfe drehten sich, und die gesamte Aufmerksamkeit der Klasse lag auf ihr.
„Sie müssen Miss Amador sein“, sagte er über den Lärm der Klasse hinweg.
Sie spürte die Blicke aller auf sich, als sie hinten im Raum stand und das Anstarren ignorierte.
„Ich bin Mr. Lewis“, sagte er mit einer Hand auf der Brust und einem aufgeschlagenen Lehrbuch in der anderen.
„Willkommen in Mathe I. Hier ist ein Platz frei“, sagte er und deutete auf einen Stuhl und einen Schreibtisch zu seiner Linken. Der Platz lag mitten im Raum. Sie bewegte sich geschmeidig und stellte ihren Rucksack neben ihren Fuß. Während sie das Tuscheln und die spöttischen Bemerkungen ihrer Mitschüler ignorierte, öffnete sie ihren Rucksack, um ihren Ordner herauszuholen.
Zwanzig Minuten später schenkte die neue Schülerin dem Unterricht von Mr. Lewis keinerlei Beachtung. Mr. Lewis ging die Formeln aus seinem aufgeschlagenen Buch durch und schlenderte gemütlich durch die Reihen. Er erregte ihre Aufmerksamkeit, als er mit der Fingerspitze leicht auf ihren Stift drückte. Rosaline blickte an seinem muskulösen Arm hoch bis zu seiner breiten Schulter. Als ihr Blick sein Gesicht erreichte, sah sie, dass er die Stirn runzelte, was ihn durch seine dunklen Augenbrauen streng wirken ließ. Von seinem autoritären Ausdruck eingeschüchtert, straffte Rosaline die Schultern und setzte sich aufrecht hin.
„Wir kürzen Brüche, Amador. Schlagen Sie Seite zweiunddreißig in Ihrem Lehrbuch auf und machen Sie mit“, riet Mr. Lewis. Er ging langsam weg und widmete sich wieder den Gleichungen in seinem Buch.
Rosaline faltete ihr liniertes Papier zusammen und verstaute es in ihrem Ordner. Sie holte ihr Buch heraus und kritzelte an den Rand.
In den folgenden Wochen verschlechterten sich ihre Noten, doch Mathe war zweifellos ihr unbeliebtestes Fach. Eines Tages erwischte Mr. Lewis sie dabei, wie sie aus dem Fenster starrte. Sie war wieder einmal nicht bei der Sache, und deshalb wies er sie zurecht.
„Und da das Ihre dritte Verwarnung diese Woche ist, bleiben Sie nach der Schule bei mir.“
Klang wie eine Drohung.
Mr. Lewis ging dazu über, die Arbeiten mit seinem roten Stift zu korrigieren.
Es war zwar lästig, aber Rosaline erschien nach der Schule, wo bereits ein paar andere Schüler hinten im Raum saßen. Da sie die Einsamkeit bevorzugte, setzte sie sich ganz nach vorne neben Mr. Lewis’ Schreibtisch, weit weg von den anderen.
Die anderen Kinder alberten herum und bettelten um etwas von Mr. Lewis’ Mittagessen, doch er ignorierte sie und riet ihnen, ihre Hausaufgaben zu machen. Rosaline sah sich die Aufgaben auf dem Blatt an und löste die Gleichungen. Danach blickte sie zu Mr. Lewis auf. Er hatte dunkles Haar, das er mit einem strengen Seitenscheitel trug. Er war jung und offensichtlich trainiert, auch wenn sie es sich kaum vorstellen konnte. Er sah immer gepflegt aus und roch, als käme er gerade frisch aus der Dusche.
Rosaline legte den Kopf schief, während ihr andere Dinge an ihm auffielen. Seine Züge hatten etwas Markantes, und sein ernstes Wesen zog sie in seinen Bann. In diesem Augenblick sah er sie direkt an.
Mann, waren seine Augen elektrisierend. Verlegen senkte sie den Blick. Das war es also. Sie verknallte sich in ihn. Und jeden Tag danach tat sie so, als würde sie während seines Unterrichts aufpassen. Doch eigentlich studierte sie sein Gesicht, seine Lippen, wenn er sprach, seine Augen, seinen Körper ...
„Amador, bleiben Sie nach dem Unterricht noch kurz hier. Ich muss mit Ihnen sprechen“, sagte er eines Morgens beiläufig zu ihr. Dann fuhr er damit fort, Dezimalzahlen zu erklären und warum sie immer genau untereinander stehen müssen.
„Das habe ich schon in der dritten Klasse gelernt“, kommentierte ein Junge hinter ihr.
„Wir sind halt Vollidioten“, antwortete ein anderer.
Sie ignorierte das Geplänkel und beobachtete Mr. Lewis voller Hoffnung, in der Annahme, dass er sie vielleicht auch bemerkt hatte.
Mr. Lewis’ Klassenzimmer war später an diesem Tag leer; nur sein pochendes Herz war noch zu hören. Er korrigierte Arbeiten an seinem Schreibtisch, als Rosaline eintrat. Er blickte auf und sah, wie sie gemächlich in Blue Jeans und mit einer Reißverschlussjacke auf ihn zuging.
„Kommen Sie her“, rief er ihr zu.
Er klang ernst und nicht besonders erfreut, also wusste sie, dass ihr eine Standpauke bevorstand. Sie fühlte sich dumm, nur weil sie gedacht hatte, er wäre romantisch an ihr interessiert. Na klar! Mr. Lewis und eine Sechzehnjährige? Niemals.
„Er hat wahrscheinlich eine Familie. Ich wette, seine Frau ist hübsch.“
Rosaline trat an seinen Schreibtisch. Er nahm sich Zeit, seine Arbeit zu beenden, und als er sich scheinbar erinnerte, dass sie noch da war, bat er sie, sich einen Stuhl zu nehmen. Er notierte eine Gleichung und forderte sie auf, die Formel zu lösen. Nervös gab sie ihr Bestes, während er sie wie ein Aufseher beobachtete. Sie hatte Angst, in seinen Augen dumm zu wirken, daher waren ihre Handflächen schweißnasse.
„Wenn du das kannst, warum werden deine Noten dann schlechter? Du weißt, dass du bei einer Vier minus stehst? Ich will nicht, dass du durchfällst.“ Er ließ den Blick nicht von dem Papier ab, während er eine weitere Gleichung aufschrieb. Rosaline konnte nicht anders, als ihn zu beobachten, während er sich konzentrierte.
„Halte den Stift so“, schlug er vor und legte seine Hand über ihre. „Um eine Schwielenbildung zu vermeiden.“ Er zog seine Hand wieder weg, aber sie fühlte sich von seiner Berührung immer noch elektrisiert.
„Hier“, sagte er und griff in seine Schreibtischschublade. „Lerne das. Verinnerliche es. Übe es.“
Sie nahm das Lernmaterial von ihm entgegen.
„Ist zu Hause alles in Ordnung?“, fragte er.
Rosaline antwortete nicht auf seine Frage. Sie versprach ihm, sich mehr Mühe zu geben und seinen Unterricht nicht mehr zu schwänzen.
Er sah sie an, als sie aufstand, ihren Rucksack über die Schulter warf und den Reißverschluss ihrer Jacke ganz hochzog.
„Wir sehen uns am Montag“, rief er ihr nach.
Sie winkte zum Abschied.
Er seufzte, murmelte etwas in sich hinein und korrigierte weiter seine Arbeiten.








