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MAFIA ROMANCE | ERLÖSUNG | DER LONDONER CRIME KING | EINS

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Zusammenfassung

Dieses Buch enthält eine derbe Sprache und Themen, darunter explizite Gewalt, Drogen und detaillierte sexuelle Handlungen, die auf manche Leser verstörend wirken könnten. Gewinner des Wattpad Fiction Award für den besten Protagonisten, den besten Plot, den besten Nebencharakter & die beste Freundschaft. Mit neunzehn Jahren gab ich mich damit zufrieden, im Schatten meiner älteren Schwester zu leben, um den Dämonen meiner Vergangenheit zu entkommen – dort fühlte ich mich sicher, beschützt und blind gegenüber all dem, vor dem ich einst geflohen war. Doch dann ging Kathy eines Abends zur Arbeit und kam nie wieder nach Hause. Gefangen in der Hoffnung und gezwungen, den undurchdringlichen Schutzschild, den ich um mich errichtet hatte, zu verlassen, trat ich in ihre Fußstapfen. Verzweifelt auf der Suche nach der Wahrheit hinter ihrem Verschwinden und konfrontiert mit unzähligen Möglichkeiten, fand ich mich schließlich an einem vertrauten Ort wieder. Ich starrte aus demselben Fenster und beobachtete den einzigen Menschen, von dem ich wusste, dass er die Antworten hatte: Kathys ehemaliger Boss, Liam Warren, der skrupelloseste Crime Lord Londons. Man nähert sich einem Mann wie ihm nicht einfach, und man bittet einen berüchtigten Kriminellen nicht um Gefallen. Man lügt nicht, um einen Job in seinem Club zu bekommen, und man gibt sich nicht als jemand aus, der man nicht ist. Und vor allem: Man verliebt sich nicht in ihn. Begleite Alexa auf ihrer Reise voller Liebe und Herzschmerz, auf der sie herausfindet, dass alles, was sie einst zu wissen glaubte, eine Lüge war. (Geschrieben im britischen Englisch). Copyright © Lindsey Marie 2018

Status:
Abgeschlossen
Kapitel:
50
Rating
5.0 178 Bewertungen
Altersfreigabe
18+

PROLOGUE

Hinweis der Autorin: Aus irgendeinem Grund wurden die kursiv gesetzten Szenen beim Kopieren von Wattpad zu Inkitt wieder in Normalschrift umgewandelt. Ich weiß Bescheid, weil mich einige Leser darauf hingewiesen haben. Da der Fehler noch nicht behoben ist, werdet ihr ab und zu auf Kapitel stoßen, in denen manche Szenen und Absätze etwas verwirrend sind. Bitte habt Geduld mit mir. Ich werde das Problem beheben, sobald ich aus dem Urlaub zurück bin. In ein paar Wochen wird alles wieder wie vorgesehen kursiv sein. Wie auch immer, ich hoffe, ihr habt trotzdem Spaß an dem Buch. Es tut mir leid, falls das Leseerlebnis dadurch gestört wird.

– Alles Liebe, Lindsey Marie


Ich fürchtete das Geräusch seiner schweren Stiefel auf dem harten Boden. Jeder seiner schleichenden Schritte verstärkte meine tiefsten Ängste. Er war heute Morgen schon hier. Sein fetter Körper lag auf meinem, seine gierigen Hände krallten sich in meine Haut und seine tiefe, raue Stimme war heiß an meinem Ohr. Es sieht ihm nicht ähnlich, am selben Tag zweimal in den Keller zu kommen, um mehr zu fordern.

Ich zog mir die dreckige, dünne Decke über den Kopf und lag völlig reglos da. Ich hielt den Atem an. Das pochende Organ unter meinem Rippenbogen schien tief in meinen leeren Magen zu rutschen.

„Bitte fall die Treppe runter“, dachte ich und schmeckte salzige Tränen auf meinen trockenen Lippen. Hoffentlich verfehlt er eine Stufe und stürzt in den Tod. Das würde mich von diesem Leben in Dunkelheit und Ketten erlösen.

Seine Schritte verstummten. Ich spürte seinen intensiven Blick auf mir. Ich krallte meine Zehen zusammen und zog die Füße unter der Decke ein, weg von der Boshaftigkeit, die in seinen Augen funkelte.

Ein müder, atemloser Seufzer entwich seinem Mund.

Ich schloss die Augen und betete, dass er meine Existenz einfach vergisst und weitergeht.

„Alexa, ich weiß, dass du wach bist“, sagte eine vertraute Stimme. Meine zusammengekniffenen Augen rissen weit auf. „Bitte komm raus.“

Einen langen Moment lang blieb ich unter dem Schutz der Decke. Ich fragte mich, ob Kathys Stimme vielleicht nur Einbildung war. Ihre Nähe fühlte sich wie eine seltsame Erscheinung an. So etwas hatte ich mir seit unzähligen Tagen erträumt und gewünscht. Oder waren es schon Monate? Jahre?

Ich hatte schon vor langer Zeit aufgehört zu zählen.

„Was, wenn du nicht echt bist?“, flüsterte ich und kaute an meinen Fingernägeln. „Was, wenn ich rauskomme und du gar nicht da bist?“

„Ich bin echt.“ Sie setzte sich neben mich auf den Boden. Die hervorstehenden Federn der Matratze quietschten protestierend, als sie es sich bequem machte. „Alexa.“ Vorsichtig löste sie die Decke aus meinem eisernen Griff. „Ich bin wirklich hier.“

Ich erstickte ein Schluchzen mit der Hand. „Wo warst du nur?“ Ich schreckte hoch und wischte mir die schweißverklebten Haare aus dem Gesicht. Dann schlug ich die Decke zurück, sah in ihren sanften Blick und warf meine Arme um sie. Ich weinte an ihrem Hals. „Ich habe dich so sehr vermisst.“

„Ich habe dich auch vermisst.“ Sie strich mir die Haare hinter die Ohren und gab mir einen Kuss auf die Wange. „Stell dir vor!“

Meine Hände klammerten sich an ihren Rücken. „Was denn?“

„Wir verschwinden von hier.“

„Was?“ Ich wich ein Stück zurück und starrte in ihre haselnussbraunen Augen, die genau wie meine aussah. „Wie denn?“

Das ist unmöglich. Aus diesem schrecklichen Ort gibt es keinen Ausweg. Ich habe es oft versucht und bin jedes Mal gescheitert.

„Wie bist du hier runtergekommen?“ Ich starrte voller Abscheu auf die Stahltür oben an der Treppe. „Weiß er es?“

„Nein.“ Sie legte mir zwei raue Finger auf die spröden Lippen. „Wir müssen ganz leise sein.“

Wenn man unsere traurige Lage bedachte, überraschte mich ihr gepflegtes Aussehen. Sie trug warme Stricksachen, hatte rote Wangen und geflochtenes Haar. Ich strich mit meinen verschwitzten Handflächen über das fleckige Nachthemd, das er mich zu tragen zwang. Meine Zehennägel waren voller Dreck. Meine Haare stanken nach altem Erbrochenem und anderen Körpergerüchen. „Wir können nicht weg“, krächzte ich. Mit dem Handrücken wischte ich mir den Schleim ab, der ständig aus meiner Nase lief. „Ich habe es versucht, Kathy. Aber ich komme nie weiter als bis zum Flur. Dann erwischt mich einer von ihnen und schleift mich wieder runter.“

Manchmal frage ich mich, ob diese Männer, diese Monster oben, die Tür absichtlich unverschlossen lassen. Vielleicht ist es ein krankes Spiel, um mich glauben zu lassen, die Freiheit würde warten. In Wahrheit amüsieren sie sich nur über meine verzweifelten Versuche, weil es hier keinen Ausweg gibt.

„Sie schlafen.“ Ihr hoffnungsvoller Blick huschte zur angelehnten Tür. „Das ist vielleicht unsere einzige Chance, Alexa.“ Sie sprang auf und streckte mir den Arm entgegen. Stumm bat sie mich, ihre Hand zu nehmen. Vorsichtig legte ich meine Hand in ihre und sie half mir beim Aufstehen. „Wir schaffen das“, versicherte sie mir zuversichtlich und gab mir einen Kuss auf die Stirn. „Wir kommen hier raus.“

Ich war nicht überzeugt, nickte aber halbherzig.

„Wir dürfen keinen Mucks von uns geben“, warnte sie und schlich zur Treppe.

Ich folgte ihr im Schatten und hielt mich an der Rückseite ihres Pullovers fest. Ich beobachtete meine nackten Füße, wie sie jede einzelne Betonstufe hochstiegen.

Kathy betätigte den Türgriff. Die Scharniere jammerten leise, als sie die Tür öffnete. „Bleib ganz dicht bei mir.“

Mir fehlten die Worte, also nickte ich nur wieder.

Kathy schlich in den dunklen Flur. Sie wich den losen Dielen aus und gab mir ein Zeichen, dranzubleiben.

Die Angst packte mich am Herzen. Ich schlüpfte aus dem Keller und drückte meinen Rücken gegen die rauchverstinkte Wand. Den beißenden Zigarettengestank in der schwülen Luft versuchte ich zu ignorieren.

Ich wagte einen weiteren Schritt.

Ein Dielenbrett knarrte.

Kathy warf mir einen strafenden Blick zu.

Ich hielt den Atem an und schlich weiter. Erst in der winzigen Küche am Ende des Flurs hielten wir an. Als sie die Hintertür erreichte, klammerte ich mich verzweifelt an sie fest. Mein ganzer Körper zitterte. Ich will nicht, dass sie uns erwischen. „Ich habe Angst.“

„Wir packen das.“ Ihre Finger zitterten, als sie einen Schlüsselbund hinhielt und einen nach dem anderen im Schloss ausprobierte. „Komm schon.“ Vor nervöser Hast rüttelte sie am Griff, und die Hintertür sprang auf. „Ganz nah bei mir bleiben.“

Draußen empfingen uns strömender Regen und ein dunkler, sternenloser Himmel. Ich bin viel zu dünn angezogen, krank und barfuß. Aber die sanfte Brise in meinem Gesicht und der Regen auf meinen Lippen fühlten sich an wie der Himmel auf Erden.

„Scheiße.“ Entsetzen spiegelte sich in ihren Zügen wider. „Wir werden klitschnass werden.“

Die Hoffnung trieb mich an. Meine Beine gaben fast nach, als ich hastig die Betonstufen hinunterlief. Ich verlor den Halt und rutschte aus. Mein Körper schlug im Schlamm auf. Aber ich blieb nicht lange liegen. Ich rappelte mich auf, raffte den Saum meines dreckigen Nachthemds hoch und rannte hinter Kathy her in die tiefen Schatten. Ich hatte keine Ahnung, was hinter den dichten, krummen Bäumen lag, als wir in den dunklen Wald liefen. Ich bete nur, dass dort irgendwo ein Haus ist. Ein Ort, an dem wir Hilfe finden. Ein nettes Ehepaar, das uns beschützt oder die Polizei ruft.

„Ich kriege keine Luft.“ Eine Gänsehaut überzog meine Haut. Hitze durchströmte meinen Körper, sodass meine kalten Wangen brannten und meine Brust eng wurde. Ich ringe vielleicht um Atem und mein Körper schmerzt von den Fußsohlen bis zum Magen – die Jahre in Gefangenschaft haben Spuren hinterlassen. Doch emotional bin ich wie betäubt. Ich begrüße den Regen und genieße die kühle Nachtluft. Ich koste den frischen, erdigen Geruch aus, während ich instinktiv den Mund öffne, um das Wasser auf meiner Zunge zu spüren.

„Lauf weiter!“, schrie Kathy über ihre Schulter.

Vor meinen Augen bildete sich Nebel, während ich um Atem rang. Meine Füße sanken in den aufgeweichten Boden, der Schlamm quoll zwischen meinen Zehen hervor. Müde trottete ich hinter Kathy her, benommen, aber entschlossen.

Mit aufgerissenen Augen und kreidebleichem Gesicht taumelte Kathy gegen einen Baum. Sie hielt sich an der rauen Rinde fest.

Ich blieb abrupt stehen und folgte ihrem entsetzten Blick. „Warum hast du...?“ Ein riesiger See lag vor uns. Das Wasser war unheimlich still und es stieg Nebel auf. „Was sollen wir jetzt machen?“

Kathy dachte angestrengt nach und trat einen Schritt zurück. Sie sah besiegt aus. „Ich weiß es nicht.“

Über das Heulen des Windes hinweg hörte man plötzlich das wütende Kläffen von Hunden. Mir lief es eiskalt den Rücken runter. Mein Hals war wie zugeschnürt, ich schluckte mühsam. „Er weiß es.“ Ich watete in das eiskalte Wasser, während über uns ein heftiges Gewitter tobte. „Sie haben die Hunde losgeschickt, Kathy.“ Ihre Angst war genauso groß wie meine. „Was tun wir jetzt?“

„Wir schwimmen.“ Umhüllt von dunklem Nebel verschwand ihr Körper im Wasser, bis nur noch ihr Kinn herausschaute. „Wir müssen los, Alexa. Jetzt sofort.“

Dreck und Algen streiften mich, während ich mich über Wasser hielt. Ich ignorierte die Gedanken an Krankheiten oder was sonst noch hier schwimmen mochte. Lieber bin ich voller Dreck, als dass mich einer dieser Köter zerfleischt. „Oh mein Gott.“ Ich ekelte mich vor den Dingen, die zwischen uns trieben, und paddelte vorwärts. „Es ist so kalt.“ Etwas Schleimiges glitt über meinen Fuß. „Kathy...“ Es berührte mich erneut und ich geriet in Panik. Ich schlug hysterisch mit Armen und Beinen um mich. „Kathy, was ist das?“

„Alexa, keine Panik.“ Kathys besorgte Stimme konnte meine Angst nicht lindern.

Wasser drang in meinen Hals. Ich hustete und spuckte. „Kathy!“ Mein Kopf wurde unter Wasser gedrückt. Einen Moment lang war ich taub und blind. Während ich in der dunklen Tiefe versank, hatte ich Angst, dass sie mich zurücklassen würde. Dass sie mich einfach vergessen und sich von ihrer Last befreien würde. Doch dann fand ihre Hand die meine. Ihre Finger klammerten sich an meine Haut und zogen mich zurück an die Oberfläche.

Ich warf den Kopf in den Nacken und schnappte gierig nach Luft. Ich stützte mich an ihren Schultern ab, Salz klebte an meinen Lippen. Ich sah ihr tief in die Augen. Wassertropfen hingen an ihren Wimpern und ihre blauen, rissigen Lippen bewegten sich langsam, während sie unverständliche Worte murmelte. „Verstehst du?“, fragte sie. Obwohl ich kein Wort verstanden hatte, nickte ich mit klappernden Zähnen.

Ihr Blick schweifte über meinen Kopf hinweg, als das tierische Geheul lauter wurde. „Jetzt ist nicht der Moment für Panik.“

Ich atmete stoßweise aus, legte mein Kinn aufs Wasser und blendete das Bellen aus. Ich machte mich ganz taub, bis ich das andere Ufer erreichte. Ich krallte meine Finger in die schlammige Böschung voller Baumwurzeln. Mit Hilfe der tief hängenden Äste zog ich mich auf festen Boden.

Kathy, deren nasse Kleider an der bleichen Haut klebten, ließ sich neben mir auf den Rücken fallen. Sie spuckte Wasser aus, rappelte sich dann aber auf und half mir beim Aufstehen.

Verfilzte Haare klebten in meinem Gesicht. Die raue Nachtluft ließ meine eiskalte Haut spannen. Ich war kaum stark genug, mich auf den Beinen zu halten. Ich kroch ein Stück vorwärts und versuchte mühsam, aufzustehen.

Ich stürzte und knurrte vor Wut.

Ich stürzte noch einmal.

Ich schalt mich innerlich selbst, überwand aber jedes Hindernis. Über Bäume, Steine und Geröll schleppte ich meine schmerzenden Füße zurück in den Wald.

Zweige knackten unter ihren Füßen. Kathy rieb sich die Kälte von den Armen und wurde etwas langsamer.

Irgendwann hörte der Regen auf. Ich blickte zum Himmel, aber dicker Smog versperrte die Sicht, auf die ich so lange gewartet hatte. „Ich habe es nie vergessen“, sagte ich. Kathy sah mich an. „Ich weiß noch genau, wie herrlich frisch gemähtes Gras im Sommer riecht. Und wie Mamas Backwerk aus dem Küchenfenster duftete, wenn wir im Garten gespielt haben.“ Außer Atem hielt ich inne und beugte mich nach vorne. „Erinnerst du dich?“

„Warum bleibst du stehen, Alexa?“ Kathy legte mir sanft eine Hand auf den Rücken. „Wir müssen weiter.“

„Meine Lungen fühlen sich an, als würden sie kollabieren.“ Ich legte eine Hand auf die Brust und versuchte, meinen Herzschlag zu beruhigen. „Das ist die meiste Bewegung, die ich seit Jahren hatte“, scherzte ich halb, aber sie verzog keine Miene.

„Wir dürfen jetzt nicht aufhören, Alexa. Ich habe dich endlich da rausgeholt.“ Sie sah mich ernst an. „Vertraust du mir?“

„Du bist meine Schwester.“ Ich vertraute ihr mein Leben an. „Natürlich tue ich das.“

„Dann vertrau deiner großen Schwester.“ Sie verschränkte unsere Finger. „Lauf, Alexa. Und schau nicht zurück.“

Ihre Worte hallten in meinem Kopf wider.

Ich raffte das Nachthemd bis zur Taille hoch und lief an Kathy vorbei. Meine Füße schlugen auf den dreckigen Boden auf. Alles um uns herum wurde zu einem vorbeiziehenden Schatten. Es war eine ferne, grausame Erinnerung an einen Ort, den ich nie wiedersehen will. Ich stellte keine Fragen, ich verstand nichts, aber ich wusste, dass dies unsere einzige Chance war. Unsere letzte Gelegenheit auf Rettung und Freiheit. Ein Leben außerhalb dieser Gefängnismauern, an einem Ort, der sich nie wie ein Zuhause angefühlt hatte.

Nach gefühlten Stunden und Kilometern erlaubte Kathy uns endlich, langsamer durch den Wald zu gehen. Sie wirkte bedrückt und einsilbig. Sie spielte mit einem Zweig und schlug Äste beiseite, während wir zwischen den Bäumen dahinwanderten. In der Stille hörte ich plötzlich ein bekanntes Geräusch. „Kathy.“ Ich horchte auf und spürte ein Zittern unter meinen Füßen. „Spürst du das?“

Sie sah ungeduldig aus. „Was spüren?“

Ich hockte mich hin und legte die Finger in den braunen Matsch. „Vibrationen“, sagte ich und ein kleines Lächeln stahl sich auf meine Lippen. „Spür mal, Kathy.“

Kathy kniete sich neben mich und legte ihre Hand auf meine. „Ich spüre gar nichts.“

Ich lauschte dem fernen Rauschen der Autos und dem Gesang der Vögel. Wir standen gemeinsam auf, aber ich war es, die den ersten mutigen Schritt wagte. Ich suchte mir einen Weg zwischen den Bäumen und fand überwucherte Hecken voller Wildbeeren und Schlingpflanzen. Ich strich mit den Fingern über eine zarte weiße Blume.

„Hier ist nichts, Alexa.“ Kathy warf den Stock weg und wischte sich den Dreck von den Händen. „Ich finde, wir sollten auf einen der Bäume klettern, um einen besseren Überblick zu bekommen.“ Während sie weiterredete, packte ich die Ranken und riss sie auseinander. „Ich meine, wer weiß? Wahrscheinlich ist hier irgendwo ein Bauernhof... Was machst du da?“

Ich ignorierte Kathys vorwurfsvolles Gerede. Hektisch entfernte ich die Ranken, wobei die Dornen meine Arme aufrissen. Ich suchte verzweifelt nach einem Ausweg. Ich schob die letzte Ranke beiseite und stand nur noch Zentimeter vor einer Metallbarriere. Ein weiches, warmes Licht erschien. Steine lagen im Boden, verrostete Bierdosen und Müll wurden unter meinen Schritten zerquetscht. Ich starrte auf den Zaun. Sekunden später raste ein Auto vorbei und der Windstoß wehte mir die Haare ins Gesicht. „Wir haben Autos gefunden.“

Inmitten des ständigen Verkehrs standen zwei junge Mädchen – verängstigt, verwirrt, krank und mit gebrochenem Herzen. Keiner der Autofahrer, die sorglos vorbeirasten, ahnte etwas davon.

Ich hob eine zitternde Hand, um den Sonnenaufgang auf meinen Fingerspitzen zu spüren. Ich erwartete fast, dass meine Haut verbrennen würde oder dass jemand hervorsprang, um uns zurück in die Hölle zu schleifen. Diesen Moment hatte ich mir schon so oft ausgemalt. In jedem unruhigen Albtraum hatte ich mir vorgestellt, wie sich die Freiheit wohl anfühlen würde.

„Alexa“, Kathy hielt mich am Nachthemd fest und stoppte mich. „Bitte geh nicht da raus.“

„Es gibt keine Macht auf dieser Erde, die mich jetzt noch aufhalten könnte“, sagte ich entschlossen. Ich hob trotzig das Kinn und schwang ein Bein über die hüfthohe Absperrung. „Nicht mal du.“ Ich zögerte kurz, mein nackter Fuß berührte fast den Boden. Dann, Zeh für Zeh, schaffte ich es auf die andere Seite. Eine Hupe dröhnte ohrenbetäubend, als ein Auto vorbeischoss. Ich hielt mir die Hände vors Gesicht und kauerte mich auf den Boden. Ein leises Wimmern entwich mir. „Keine Angst haben.“

Scheinwerfer rasten in bunten Mustern an mir vorbei.

„Wir haben es geschafft.“ Ein irres Lachen schüttelte mich. „Wir sind hier weg, Kathy.“ Ich blickte in den Nachthimmel und eine einsame Träne rollte mir über die Wange.

Ich muss mich beherrschen, mich nicht selbst zu ohrfeigen. Ich will sichergehen, dass unsere Flucht kein grausamer Traum oder eine verrückte Fantasie ist. So oft bin ich schon in meinen Träumen aufgewacht und saß wieder zwischen diesen vier Wänden. Um mich zu vergewissern, krallte ich meine Fingernägel in meinen Unterarm. Ich zischte vor Schmerz auf, den ich mir selbst zugefügt hatte.

Helle Lichtstrahlen blendeten mich. Ich blinzelte und schützte meine Augen mit dem Arm. Ich hörte, wie eine Autotür zugeschlagen wurde und Schritte auf mich zukamen. „Schätzchen“, krächzte eine sanfte, aber raue Stimme, „ist bei dir alles in Ordnung?“

Ich lag reglos da und spähte durch meine Finger. Ich sah einen älteren Mann, dem der blanke Schrecken im Gesicht stand.

„Ich hole Hilfe.“ Er nestelte an seinem Handy und hielt es sich ans Ohr. „Ich brauche die Polizei.“ Er schluckte sichtlich, sein Adamsapfel bewegte sich. „Ich habe ein junges Mädchen gefunden – nein, sie braucht Hilfe, Ma’am.“ Sein trauriger Blick glitt über die blauen Flecken an meinen Beinen und den Dreck und das Blut auf meinem einst weißen Nachthemd. „Wir sind auf dem Standstreifen der Autobahn, Ma’am – kein Unfall. Ja, ich warte.“ Er beendete das Gespräch und sah sich unsicher um. „Wir holen dir Hilfe, Kleines, okay?“

Ich vertraue eigentlich niemandem, aber er wirkte nicht gefährlich. Also nickte ich, voller Verlegenheit und Scham.

Kathy stand unbeweglich im Gebüsch. Ihr Blick wich nicht von mir. „Kathy“, sagte ich leise, und ihre Schultern sackten zaghaft nach unten. „Lass mich nicht allein.“

„Großer Gott.“ Der namenlose Mann richtete sich ganz auf und hielt seine Mütze vor die Brust. „Bitte kommen Sie raus. Ich tue Ihnen nichts.“

Kathy kletterte über die kleine Absperrung. „Steh auf“, sagte sie leise, und ich gehorchte. Ihr Rücken schirmte mich vor dem Mann ab.

„Was ist mit dir passiert?“, fragte er. „Nein. Das kann nicht sein.“

Ich drückte meine Brust gegen Kathys Rücken und spähte über ihre Schulter.

„Du bist die ...“ Sein Mund öffnete und schloss sich. „Ich erkenne dich wieder ...“

Unmöglich, dachte ich.

Niemand weiß mehr, dass es uns gibt.

Das ferne Heulen von Sirenen drang an meine Ohren. Es schnitt durch unsere seltsame Begegnung. Die Einsatzfahrzeuge näherten sich und kesselten uns ein. Blaulicht blitzte neben einem Krankenwagen auf. Zuerst tauchten Polizisten auf, die ihre knisternden Funkgeräte leiser drehten.

Kathy fuchtelte an mir herum und wischte den Dreck von meinen Wangen. Ihre Finger versuchten vergeblich, meine verfilzten Haare zu bändigen. „Du weißt gar nichts“, sagte sie mit tiefer, belegter Stimme. „Du weißt nicht, wer uns entführt hat oder warum.“

„Warum?“, fragte ich, da ich nicht lügen wollte. „Sie werden uns helfen.“

Kathy hielt mich fest. „Ich will nicht, dass er wütend wird.“

Als die Rettungskräfte eintrafen, erwartete ich einen Überfall. Aber überraschenderweise wurden die Detectives langsamer. „Wie heißt du?“ Die Frage kam von dem jüngeren Mann. Er streifte sich sterile Handschuhe über. Ich starrte seltsam gebannt auf jede seiner Bewegungen. Ich beobachtete jeden Schritt, wie er die Augen zusammenkniff und an seinen oberen Zähnen sog. „Ich komme jetzt näher“, fuhr er fort. Kathys schützender Griff um mich wurde fester. „Ich werde dir nichts tun. Bitte hab keine Angst und tu nichts Unüberlegtes. Wir wollen dir nur helfen, okay?“

Ich zwang meine Schwester, mich loszulassen. Ich trat an ihrem zitternden Körper vorbei, um den Detectives entgegenzugehen. Kathy zischte etwas, das ich nicht ganz verstand. Aber ich spürte ihre Wut.

„Es ist alles gut“, versicherte der Detective. „Du bist jetzt in Sicherheit.“

Sanitäter öffneten die Hecktüren des Krankenwagens. Sie bereiteten alles vor, um uns in die Notaufnahme zu bringen. Ich ließ zu, dass der Detective meine Hand berührte. Ich hörte auf ihn, als er mir sagte, ich solle mich setzen.

Während der Fahrt zum Krankenhaus beantwortete ich die Fragen wie betäubt. Ich lehnte das Wasser ab, das man mir anbot. Ich fragte mich, warum Kathy nicht im selben Wagen mitfahren durfte. Wenigstens habe ich sie noch, die Frau, die so viel lächelt.

Bei der Ankunft wartete ein Team von Ärzten. Sie hatten Rollstühle und Krankenschwestern dabei. Man führte mich durch das Gebäude in ein privates Zimmer. Dort fühlte ich mich wie ein Tier im Käfig, an dem wissenschaftliche Tests und Untersuchungen durchgeführt wurden.

Alles, was ich wollte, war meine Schwester.

Kathy war in der Nähe, aber nicht nah genug, um sie zu berühren oder mit ihr zu sprechen.

„Noch nicht“, wies der Arzt die Krankenschwester an. Er verweigerte mir das Recht zu duschen. „Beweissicherung.“

Er schloss die Tür hinter sich.

Ich stehe in einem sterilen, weißen Raum. Ich bin nackt, habe ein rotes Gesicht und schäme mich. Die ruhige Krankenschwester steckte mein Nachthemd in einen durchsichtigen Beutel. Sie versiegelte ihn als Beweismittel. Dann untersuchte sie meinen Körper und machte sich Notizen. „Kannst du für mich den Mund aufmachen, Schätzchen?“, fragte sie. Ich öffnete die Lippen, damit sie einen Abstrich von meiner Wangeninnenseite machen konnte. „Gut gemacht. Kannst du dich bitte auf das Bett legen?“

Ich las das Poster über das Gesundheitssystem an der Wand und legte mich hin. Ich wartete, bis sie mit den Abstrichen fertig war. „Sag mir Bescheid, wenn du Schmerzen hast“, sagte sie, während sie mich zwischen den Beinen untersuchte. „Gleich geschafft.“ Ich las weiter das Poster. „Kannst du das lesen, Schätzchen?“

Ich zog die Stirn kraus. Natürlich kann ich lesen. Ich bin nicht dumm.

„Oh, das tut mir leid. Ich wollte dich nicht kränken.“ Sie half mir beim Aufsetzen. Mit Werkzeugen entfernte sie den Schmutz unter meinen Fingernägeln und schabte Hautzellen ab. Nachdem sie mir einige Haarsträhnen abgeschnitten hatte, führte sie mich ins kleine Badezimmer für eine Urinprobe.

Als die Untersuchung vorbei war, reichte mir die Krankenschwester ein weißes Handtuch. Ich sollte duschen gehen. Am liebsten wäre ich nie wieder aus der kleinen Kabine gekommen. Ich stand unter dem warmen Strahl. Ich sah zu, wie sich der Dreck im Wasser auflöste und um meine Füße wirbelte. „Sei vorsichtig“, hatte sie gesagt. „Schrubb nicht zu fest.“ Aber ihre Worte waren mir egal. Ich kratzte an meiner Haut. Ich reinigte meinen Körper, meinen Geist und meine Seele. Ich wollte jede Schlägerei, jede eklige Berührung und jede ungewollte Erinnerung wegspülen.

„Nicht mehr lange“, sagte die Ermittlerin. Sie bat mich, mich umzudrehen, damit sie Fotos von den Schrammen auf meinem Rücken machen konnte. „Du hast sicher Hunger?“ Ein Blitz tanzte an der Wand auf, dann noch ein Foto. „Dreh dich mal für mich.“

Ich bedeckte meine Brüste mit den Händen und drehte mich um. „Ja, ich habe Hunger.“

Erschrocken über meine Stimme hielt sie mit dem Finger über dem Auslöser inne. Unsere Blicke trafen sich. „Magst du ein bestimmtes Sandwich?“ Ich schüttelte den Kopf. „Vielleicht eine Suppe?“ Ich nickte. „Kannst du mir deinen Namen sagen?“ Ich starrte sie ohne zu blinzeln an. „Okay. Du kannst dich jetzt anziehen.“

Ich zog mir warme Kleider an und sehnte mich nach meiner Schwester. Kurz darauf schlief ich in einem bequemen Bett ein.

„Unterernährt“, sagte der Arzt zu dem Detective, der mir vor drei Nächten in den Krankenwagen geholfen hatte. „Infektionen und verheilte Brüche an den Rippen ...“ Er prüfte die Notizen auf seinem Klemmbrett. „Schäden am Schlüsselbein, ein Schädelbruch, Brüche an den Armen und am linken Ellbogen.“

Die alten Misshandlungen hatten meine Beweglichkeit nicht eingeschränkt. Ich strich über meine hervorstehenden Rippen. Ich erinnerte mich an den Schmerz, aber nicht daran, wann es passiert war.

„Wir haben das Nexplanon aus ihrem Arm entfernt.“

Nexplanon, dachte ich und blickte auf den lila Fleck an meinem linken Oberarm.

„Ich bin mit ihren Fortschritten zufrieden. Ich werde die Entlassungspapiere unterschreiben.“

Der Arzt verließ das Krankenzimmer. Ich blieb allein mit dem Detective und seiner Kollegin zurück. Er stellte uns Schulter an Schulter auf. Dabei betonte er, wie groß ich für eine Zwölfjährige sei.

„Wie heißt du, Kleines?“, fragte er, und ich schüttelte wieder den Kopf. „Du musst für kurze Zeit mit mir aufs Revier kommen. Ich möchte dir ein paar Fragen stellen. Ist das okay?“

Ich nickte.

Ich darf nur nicken.

Jetzt stehe ich in einem kleinen Raum ohne Fenster. Ich laufe auf und ab und zähle die Bodenfliesen. Auf dem Tisch stand ein Keramikbecher mit Kaffee. Ich zog einen Stuhl heraus, setzte mich und hielt mir den Kaffee unter die Nase. Ich sog das starke Aroma ein. Ich nahm einen großen Schluck und leckte mir den Geschmack von den Lippen. Mein Mund verzog sich. Vielleicht gewöhne ich mich noch daran. Ich hörte, wie die Tür aufgeschlossen wurde, und schreckte hoch. Durch die hastige Bewegung verschüttete ich Kaffee auf meine Finger.

Mit einem freundlichen Lächeln setzte sich der Detective mir gegenüber. Er schien meinen Fall zu bearbeiten. „Ich habe gehört, du bist traurig, weil wir dich von deiner Freundin getrennt haben. Das ist nur für dein seelisches Wohl. Nicht, weil du Ärger bekommst.“

Ja, ich hatte vorhin geschrien, als sie mich in diesen Raum sperrten. Ich mache mir Sorgen um Kathy. Ich muss wissen, ob es ihr gut geht.

„Jetzt, wo du dich beruhigt hast: Bist du bereit, mir ein paar Fragen zu beantworten?“

Kathy hat mir gesagt, ich solle kein Wort über unseren Entführer verlieren. Ich sollte auf sie hören. Aber ich will, dass die Beamten ihn finden. Ich werde nie Ruhe finden, wenn er noch da draußen ist. Er wartet nur auf eine Chance, mich wieder zu schnappen. Oder noch schlimmer: ein anderes wehrloses Kind aus seinem Zuhause zu stehlen. „Ja.“

Die Augenbrauen des Detectives schossen nach oben. Er sah mich überrascht an. „Okay.“ Er war erfreut über meine Mitarbeit. Er legte verschiedene Fallakten über vermisste Kinder auf den Tisch.

Einige waren erst drei Jahre alt. Ich starrte eine Weile auf den Ordner, der uns gehörte – Kathy und mir. Ich nahm das Foto heraus und berührte das schöne Gesicht meiner Mutter.

Woher hatten sie unser Familienfoto?

Wir waren nur zu dritt. Ich trug ein wehendes Kleid mit roten und grünen Blumen. Mutter hatte ein Picknick vorbereitet. Wir verbrachten den ganzen Nachmittag im Park. Wir spielten, rannten und tranken Saft. Zwischendurch gab es Snacks. Dann gingen wir wieder zu den Schaukeln und scheiterten am Kopfstand.

Es war ein glühend heißer Tag. Mutter cremte uns ein, damit wir keinen Sonnenbrand bekamen. Kathy hatte sich stundenlang über die Hitze beschwert. Sie wollte lieber bei ihren Freunden sein als mit ihrer kleinen Schwester im Park. Aber sie gab sich Mühe. Sie zeigte mir, wie man einen Ball ins Netz schießt. Wenn ich daneben schoss, machte sie mir Mut. Schließlich schaffte ich es tatsächlich. Ich traf das Tor und sie war so stolz. Kurz darauf kaufte uns Mutter ein Eis.

Sie unterhielten sich, während ich zuhörte. Mutter war eine wunderschöne Frau. Sie hatte glänzendes schwarzes Haar, das bis zu den Schultern reichte. Sie hatte rot geschminkte Lippen und hohe Wangenknochen. Sie trug lange Sommerkleider, Riemchensandalen und eine große Sonnenbrille. Ich erinnere mich an ihren heftigen Streit.

Kathy versprach, nicht lange wegzubleiben, wenn Mutter sie auf eine Party ließe. Mutter machte sich Sorgen, dass Vater wütend werden könnte, wenn die älteste Tochter mit Freunden feierte. Am Ende willigte Mutter ein, solange Kathy ihr Geheimnis bewahrte. Ich weiß nicht mehr genau, wie der Tag endete. Aber ich weiß noch, wie unsere Mutter uns jagte, bis wir uns hinter einem Baum versteckten ...

Ich lächelte bei der Erinnerung.

Der Detective sah mich immer noch an. „Kommt dir dieses Foto bekannt vor?“

Ich nickte.

„Kannst du bestätigen, dass du und deine Freundin im Nebenzimmer die beiden Schwestern auf dem Foto seid?“ Seine Augen flehten mich an, mitzuarbeiten. „Kleines?“

Es herrschte langes Schweigen zwischen uns. „Ja“, antwortete ich. „Ich bin Alexa Haines.“

„Du bist Alexa Haines?“, fragte er noch einmal, als bräuchte er eine Bestätigung. „Und das andere Mädchen ist Kathy Haines.“

Ich lockerte meinen festen Griff um den Becher. „Ja.“

Der Detective starrte mich fassungslos an. Dann sprang er so schnell auf, dass sein Stuhl auf den Boden krachte. Er eilte zur Tür, riss sie auf und schrie es in den Flur hinaus.

Nach meinem Geständnis vergingen die Stunden wie im Flug. Obwohl die Polizei sehr vorsichtig mit uns umging, spürte ich ihren stillen Triumph. Es kommt nicht oft vor, dass Fälle wie unserer so gut ausgehen.

Am nächsten Morgen verhörten sie mich erneut.

Wo habt ihr gewohnt?

Erinnerst du dich an Namen?

Kannst du uns sagen, wie er aussah?

Waren da noch andere?

Besondere Merkmale? Narben? Tattoos? Gerüche? Die Umgebung?

„Wurdest du sexuell missbraucht?“ Sein Blick ruhte auf meinem zerbrechlichen Körper. „Miss Haines?“

Mir stieg die Scham ins Gesicht. Meine Hände nestelten an meiner Hose, ich presste die Oberschenkel zusammen. „Nein.“

„Nur zur Klärung“, hakte er nach, während er schrieb. „Es gab keine sexuellen Übergriffe oder Penetration.“

Abscheuliche Flashbacks trieben mir Tränen in die Augen. „Nein.“

Er presste die Lippen zusammen. Mit mitleidigem Blick sah er über seine Lesebrille hinweg. „Kannst du uns sagen, wo ihr geschlafen habt?“, wechselte er das Thema. „Gab es einen festen Tagesablauf? Durftet ihr das Haus verlassen?“

„In einem Zimmer ...“ Vier Betonwände. Keine Fenster. Klappernde, rostmuffige Rohre und Abwassergestank. „Da war eine Matratze, auf der ich geschlafen habe. Es war kalt dort unten ...“ Eiskalt, dachte ich. „Ich habe gemalt ...“ Ja, ich malte Farben, Blumen und glückliche Erinnerungen. „Ich glaube – seine Stimme. Er hatte einen starken Akzent. Er sprach oft in seiner Muttersprache.“

Die beiden Kollegen tauschten einen Blick aus. „Hast du eine Ahnung, welche Sprache das war?“

„Lexi.“ Mein Hals schnürte sich zu. „Er hat mich Lexi genannt.“ Überwältigt von Gefühlen senkte ich den Blick. Die Psychologin neben dem Detective beobachtete mich genau. Ich wünschte, sie würde aufhören, mich zu analysieren. „Manchmal war da ein Stuhl im Zimmer und Käfer. Ja, Käfer krabbelten auf dem Beton und ...“ Ich biss mir auf die Unterlippe. „Ich weiß es nicht.“ Ich schloss die Augen und suchte nach Erinnerungen, fand aber keine. Sein Gesicht – er war viel älter, aber welche Augenfarbe hatte er? Was trug er? Wer waren seine Freunde? „Was passiert mit mir?“, fragte ich verzweifelt. „Wie kann ich mich nicht an den wichtigsten Teil meiner Kindheit erinnern?“

Er sah die Frau wieder an und sagte: „Trauma.“

„Trauma“, wiederholte ich frustriert. „Habe ich das?“

„Ein psychisches Trauma verletzt den Geist.“ Die Therapeutin setzte sich aufrecht hin. Seit Beginn des Gesprächs hatte sie kaum ein Wort gesagt. Jetzt balancierte sie ein Klemmbrett auf ihren Knien. „Meistens entsteht ein Trauma durch zu viel Stress. Der Geist kann die damit verbundenen Gefühle dann nicht mehr verarbeiten.“

Verwirrt wartete ich darauf, dass sie weitersprach.

„Es kann Wochen, Jahre oder sogar Jahrzehnte dauern, ein Trauma zu verarbeiten. Darüber zu sprechen kann befreiend sein, Miss Haines. Es zu verdrängen und Hilfe abzulehnen, schadet Ihrer psychischen Gesundheit. Das kann schwere Folgen haben.“

Ich blickte sie stur an. „Ich will nicht so leben.“

„Deshalb bin ich hier, um Ihnen zu helfen“, sagte sie und schrieb weiter. „Jeder Mensch reagiert anders auf schlimme Erlebnisse. Opfer gehen unterschiedlich mit solchen Situationen um. Nicht jeder trägt ein Trauma davon, besonders wenn man sich den Problemen stellt und Hilfe annimmt.“

„Alles, was du sagst, ist wichtig“, erklärte der Detective. „Selbst das kleinste Detail kann uns zu einer Spur führen.“

„Er war älter.“ Ich zupfte an dem zu großen Hoodie, den er mir gegeben hatte. „Und er roch eklig – nach altem Tabak und irgendwie moschusartig.“ Ich verzog das Gesicht und hörte dem Regen zu, der gegen das Fenster prasselte. „Da waren noch andere.“

„Andere?“ Er stützte die Arme auf den Tisch. „Was noch?“

„Andere Mädchen. Sie blieben nie lange. Nur ein paar Tage, wenn ich Glück hatte.“ Glück, Gesellschaft zu haben, dachte ich. „Ich habe aufgehört, mich mit ihnen anzufreunden.“

„Weißt du, wo er euch gefangen hielt?“

„In einem Keller“, antwortete ich genervt. „Das ist alles, woran ich mich erinnere. Ich schlief in einem Keller, getrennt von allen anderen, die dort lebten.“

„Waren noch andere Erwachsene bei deinem Entführer?“ Er biss sich auf die Unterlippe. „Männer oder Frauen?“

„Männer ...“ Ich glaube, da waren keine Frauen. „Sie haben mich aber nicht besucht. Sie brachten andere Mädchen dorthin, wo ich war. Aber dann waren sie wieder weg. Sie haben mich nie angesehen oder mit mir gesprochen. Es war nur er. Er war der Einzige, der mit mir zu tun hatte.“ Dass er mich bevorzugt hatte, widert mich an. Ich werde nie verstehen, warum er mich behielt, die anderen aber weggab. „Nur er.“

„Du hast gesagt, dass du und Kathy weggelaufen seid.“ Er prüfte seine Notizen. „Wie lange habt ihr gebraucht, um die Autobahn zu finden?“

„Das habe ich schon gesagt.“ Ich seufzte erschöpft. „Ich bin entkommen und gerannt. Ich habe mich nicht umgesehen, keine Schritte gezählt und mir keine Notizen gemacht. Ich hatte eine einzige Chance auf Freiheit. Und die habe ich genutzt.“

Er warf die Notizen auf den Tisch. „Ich versuche doch nur zu helfen, Kleines.“

„Ich weiß!“, schrie ich gereizt. „Aber Sie stellen mir immer dieselben Fragen, obwohl ich schon gesagt habe, dass ich mich nicht erinnere.“

„Unser Team hat die ganze Nacht die Gegend abgesucht, in der wir euch gefunden haben. Wir tun alles, um diesen Mann zu finden.“ Er schenkte der Therapeutin ein trauriges Lächeln. „Ich glaube, sie hat in den letzten zwei Wochen genug gelitten.“

Ich runzelte die Stirn. „Zwei Wochen?“

Ist es schon so lange her?

Wo ist die Zeit geblieben?

Warum verliere ich jedes Zeitgefühl?

Er gab mir ein Zeichen, ihm zu folgen. „Komm mit.“

Kathy stand im Flur und wartete ungeduldig. „Warum hat das so lange gedauert?“, fragte sie ihn. Sie hielt meine Hand fest, aus Angst, man könnte uns wieder trennen. „Ist es vorbei? Können wir gehen?“

„Ja.“ Nachdem er die letzten Papiere unterschrieben hatte, holte der Detective einen Schlüsselbund und einen Umschlag hervor. „Suchen wir einen sicheren Ort für euch, den ihr Zuhause nennen könnt.“

Zuhause, dachte ich.

Ich sah meine Schwester an. „Was passiert jetzt?“

„Ich bin einundzwanzig, Alexa.“ Kathy verschränkte ihre Finger mit meinen. „Ich werde mich um dich kümmern.“

Ich legte meinen Kopf auf ihre Schulter. „Versprochen?“

Sie küsste mich auf die Schläfe. „Versprochen.“

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Starker Dialog

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10 vorherige Kommentare anzeigen…
author

best series ever!! can never get enough x

10 Monate
2
author

the first time I read this was on wattpad. i can't wait (also scared) to reread this!

10 Monate
author

I’m doing another reread of this series in prep for Brad’s third book!! 😊

9 Monate

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