Eins
Müde.
Meine Knochen waren schwer. Es fühlte sich an, als hätte ich mehr als sechzig Stunden die Woche geschuftet. Mein Wecker war vor ein paar Minuten verstummt. Es ist kurz nach sechs und ich muss um neun bei der Arbeit sein.
Ich stoße ein lautes Stöhnen aus, als ich mich aus dem Bett hieve. Dabei kratze ich mich gedankenverloren am Bauch. Es dauert ein paar Minuten, bis ich geduscht und fertig für den Tag bin. Ich ziehe mir eine dunkle Jeans mit Rissen und ein graues Shirt an.
Nachdem ich so lange allein gelebt habe, weiß ich eines: Man merkt nicht, wie sich die Einsamkeit einschleicht. Bis man eines Tages mit einem dumpfen Schmerz in der Brust aufwacht.
Mit fünfzehn wurde ich von zu Hause verjagt. Meine Mutter hatte mich erwischt, wie ich Michal küsste, einen ehemaligen Schulfreund. Sie rastete völlig aus, bewarf mich mit Dingen und schrie. Ich wurde mit nichts als der Kleidung am Leib vor die Tür gesetzt. Michal blieb zurück. Er schrie mich sogar zusammen mit meiner Mutter an, obwohl er den Kuss angefangen hatte. Von da an war ich auf mich allein gestellt. Jahre lang zog ich von einer Obdachlosenunterkunft zur nächsten. Ich nahm Gelegenheitsjobs an, bis ich schließlich eine Stelle im Lebensmittelladen fand.
Ich schnappte mir die Packung Cheerios und die Milch aus dem Kühlschrank. Ich lasse meine Cornflakes in der Milch einweichen, bevor ich sie esse. Einen Fernseher oder ein Smartphone besitze ich nicht. Ich kann mir Miete, Strom und Wasser nicht leisten, wenn auch noch eine Handyrechnung dazukommt. Stattdessen habe ich ein altes Nokia zum Aufklappen und einen betagten Acer-Laptop, den ich mit zur Arbeit nehme. Dort nutze ich das WLAN, um Filme und so was herunterzuladen.
Nach dem Frühstück stelle ich das Geschirr in die Spüle und gehe zurück ins Bad. Ich versuche meine Haare mit einer Bürste zu bändigen, aber sie stehen in alle Richtungen ab. Schnaufend schnappe ich mir meine Beanie. Ich ziehe sie mir über den Kopf und schlage den Rand ein wenig um. Ein Blick auf die Uhr sagt mir, dass es viertel nach acht ist. Ich greife mir die Tasche mit Laptop und Handy und stürme aus dem Haus. Im Gehen schließe ich die Tür ab.
Von meiner Wohnung bis zur Arbeit brauche ich dreißig Minuten. Ich renne den ganzen Weg bis zur Bushaltestelle. Erleichtert atme ich auf, als ich ankomme. Ich bin nicht zu spät. Ich setze mich auf die Bank und lege die Tasche auf meinen Schoß. Zum Glück muss ich nicht lange warten.
Im Bus lehne ich meinen Kopf gegen das Fenster. Ich beobachte, wie die Häuser an mir vorbeiziehen und alles verschwimmt. Früher hat es mich frustriert, dass niemand weiß, wie ich im Stillen leide. Ich existiere bloß, anstatt wirklich zu leben. Es hat mich wütend gemacht, aber dann begriff ich es. Es interessiert niemanden, weil mich niemand kennt. Verdammt, manche Leute wissen nicht einmal, dass ich existiere. Ich, Jesse Morris, fünfundzwanzig Jahre alt, ohne Familie oder Freunde. Ich besitze nichts außer meiner kleinen, schäbigen Wohnung. Niemand außer mir weiß von meinem Schmerz, der Einsamkeit und der Hilflosigkeit, die ich oft fühle.
Da bin nur ich.
Und ich muss selbst auf mich aufpassen.
Es gibt niemanden, der das für mich tut.
In der Unterkunft habe ich oft Bücher gelesen. Darin taucht ein Typ auf und erobert die Frau im Sturm. Er kauft ihr Dinge und kümmert sich um sie. Sie bekommen Kinder und leben glücklich bis an ihr Ende.
Früher habe ich von so einer Liebe geträumt. Ich träumte davon, jemanden zu finden, der sich um mich sorgt. Jemandem, dem ich vertrauen und die Kontrolle überlassen kann.
Als der Bus hält, steige ich aus und halte den Gurt meiner Tasche fest umschlossen. Es ist nur ein kurzes Stück von der Haltestelle bis zum Laden. Dort angekommen gehe ich durch den Hintereingang hinein, der glücklicherweise offen steht. Ich sehe Mr. Darlton, der gerade das Inventar prüft.
„Guten Morgen, Mr. Darlton“, grüße ich ihn. Ich verstaue meine Tasche in dem kleinen Spind, den er mir an meinem ersten Tag gegeben hat.
Mr. Stanley Darlton ist ein älterer Mann mit grau meliertem Haar und kräftiger Statur. Er hat einen Ehemann, zwei Kinder und ein Enkelkind. Er liebt es, ständig von ihnen zu erzählen.
„Jesse, mein Lieber! Wie geht es dir heute?“, fragt er und setzt die Kappe auf seinen Stift.
Ich würde ihm am liebsten sagen, wie müde ich bin, aber ich bringe es nicht über die Lippen. Stattdessen lächle ich ihn an. „Ein bisschen verfroren, aber sonst ganz gut“, antworte ich. Ich schnappe mir die schwarze Bistroschürze und binde sie mir um. Dann stecke ich mein Namensschild an. „Wie geht es Ihrem Mann?“
Mr. Darlton kichert. „Er wird morgen achtundfünfzig und schiebt die ganze Zeit eine Schippe.“
Darüber muss ich lachen. „Geben Sie ihm ein Stück Kuchen, dann ist er wieder glücklich.“
„Das weiß ich, aber ich habe Pläne, bei denen Sprühsahne und so weiter im Spiel sind.“ Mr. Darlton zwinkert mir zu. Sofort habe ich Bilder im Kopf, die ich niemals sehen wollte. Ich strecke die Zunge raus und tue so, als müsste ich mich übergeben.
„Sei nicht so albern. Wie glaubst du wohl, sind wir seit dreißig Jahren verheiratet geblieben?“
Ich ertrage es nicht mehr. Ich schüttle den Kopf, um das Bild von Mr. Darlton zu vertreiben, wie er seinem Mann einen Lapdance gibt. Ich kenne seinen Mann Charles. Das Bild in meinem Kopf ist also viel zu deutlich. So hatte ich mir meinen Morgen nicht vorgestellt.
Ich arbeite jetzt seit vier Monaten in dem Laden. Mr. Darlton hat vier Angestellte. Da ich weder zur Schule gehe noch einen anderen Nebenjob habe, bin ich von 9 bis 19 Uhr hier. Mr. Darlton und sein Mann waren anfangs skeptisch. Niemand wollte diese wahnsinnigen Arbeitszeiten übernehmen. Ich musste sie anflehen und ihnen ein bisschen von mir erzählen, um ihre Sorgen zu zerstreuen. Sie stimmten schließlich zu, ließen mich aber nur dreimal die Woche arbeiten.
Ich liebe die Arbeit hier. Die Besitzer sind nett, genau wie meine Kollegen. Sogar einige der Kunden sind freundlich.
Dienstagvormittags arbeite ich mit Agatha zusammen, am Nachmittag mit Jimmy. Es läuft alles wie am Schnürchen.
Ich stelle mich hinter die Kasse. Von hier aus kann ich sehen, wie Agatha die Konservenregale auffüllt. Agatha ist ein zierliches Mädchen mit hellen Augen. Sie trägt eine Glatze – freiwillig.
„Jesse!!!!“, jubelt sie, als sie mich sieht. Ich halte mir die Ohren zu und rümpfe die Nase, als wäre ich genervt. Aber wie immer durchschaut sie mich sofort.
„Von deinem Gekreische kriege ich Ohrenschmerzen.“
„So zeigen wir Menschen unsere Zuneigung“, sagt Agatha und kommt herüber. Sie hält kurz inne und dreht das Schild an der Tür von „Geschlossen“ auf „Offen“.
„Welche Menschen? Deine Eltern sind Juden und du bist Atheistin“, sage ich und greife nach der Packung Mentos, die Mr. Darlton immer für mich in der Schublade bereitlegt.
„Es ist kaum neun Uhr und ich kann dich heute schon nicht mehr leiden.“ Agatha macht ein beleidigtes Gesicht und schürzt die Lippen. Ich muss über ihren Ausdruck lachen. Am liebsten würde ich sie spielerisch in den Arm boxen, aber ich will keine Grenzen überschreiten. Wir haben zwei Monate gebraucht, um überhaupt miteinander zu reden. Und noch mal zwei Monate, um uns so... nahe zu stehen.
Agatha war das, was einer Freundin am nächsten kam. Manchmal wünschte ich mir, sie würde mich einfach umarmen, und umgekehrt.
„Na ja, das ist dein Problem. Ich finde jedenfalls, dass du heute fabelhaft aussiehst“, sage ich ihr. Agatha grinst und dreht sich einmal um. Sie trägt ein leuchtend gelbes Kleid und schwarze Springerstiefel. Ihr Make-up ist schlicht, ihre falschen Wimpern nicht zu auffällig.
„Ich habe zwanzig Minuten gebraucht“, kichert sie. „Im Gegensatz zu anderen Leuten muss ich mir keine Sorgen um Frisur oder Haarfarbe machen.“ Sie streckt mir die Zunge raus.
„Ich habe eine ganze Stunde gebraucht.“ Ich drehe mich langsam im Kreis und spreche mit weit gespreizten Fingern. „Sehe ich nicht umwerfend aus?“
Agatha verschränkt die Arme und schüttelt den Kopf. „Alles, was ich sehe, ist ein Faulpelz, der zu faul zum Haarekämmen war.“
„Nicht jeder kann so wunderschön sein wie du.“
„Ich bin schöner als ihr beide zusammen“, wirft Mr. Darlton ein. Agatha und ich drehen uns zu dem älteren Mann um. Seine linke Braue ist leicht hochgezogen, als würde er uns herausfordern, zu widersprechen. „Ich bezahle euch nicht für eine Modenschau. Also an die Arbeit, hopp hopp!“
Kaum hat Mr. Darlton zu Ende gesprochen, wird die Ladentür aufgedrückt. Eine Gruppe Leute kommt herein und verteilt sich in den Gängen. Agatha füllt weiter Regale auf, während ich einen Jungen mit knallroten Wangen abkassiere. Er hält eine Packung Tampons und eine Packung Binden in der Hand.
Der Junge sieht mir nicht in die Augen. Ich versuche nicht zu lachen und beiße mir auf die Unterlippe, um keinen Ton von mir zu geben. Der Tag vergeht wie im Flug. Leute kommen und gehen.
Ich habe es geschafft, meinen Laptop mit dem WLAN zu verbinden und die komplette zweite Staffel von Star herunterzuladen. Agatha hat den Laden um eins verlassen und Jimmy hat ihren Platz übernommen. Jimmy studiert Englisch am Community College. Er ist ein Junge mit wachen Augen und einem strahlenden Lächeln.
Er macht mich eifersüchtig.
Manchmal frage ich mich, warum ich nicht so aussehe. Wenn ich attraktiv wäre, hätte ich vielleicht einen Sugar-Daddy oder so was. Ich habe mir Seiten angesehen, auf denen solche Beziehungen beschrieben werden, aber eigentlich will ich das nicht. Ich will mehr.
Ich will jemanden, der für mich da ist. Jemanden, der sich den ganzen Tag, jeden Tag, um mich kümmert. Jemandem, dem ich mein ganzes Wesen anvertrauen kann. Ich weiß gar nicht, wo ich anfangen soll. Es ist ja nicht so, als könnte ich bei Google eintippen, wie ich mich fühle, und bekäme sofort ein Ergebnis. Es ist komplizierter als das.
Um fünf ziehe ich die Schürze aus und gehe in den Hinterraum. Ich falte sie ordentlich zusammen und lege sie in den Spind, bevor ich meinen Laptop einpacke. Ich werfe mir die Tasche um und gehe zurück in den Laden, direkt zum Kühlschrank.
Mr. Darlton lässt mich immer die Trüffel und gefrorenen Pizzabrötchen mitnehmen, deren Ablaufdatum kurz bevorsteht. Er hat mir angeboten, mir frische Sachen umsonst zu geben, aber der Gedanke fühlte sich nicht richtig an. Ich schnappe mir die Sachen und verstaue sie in meiner Tasche.
Mit einem kurzen Gruß an Jimmy verlasse ich den Laden und trete auf den Bürgersteig. Der Himmel ist schon etwas dunkel und die Straßenlaternen gehen an. Ich strecke die Arme über den Kopf, blicke zum Himmel und lächle.
Der perfekte Abschluss für einen perfekten Tag.
Summend mache ich mich auf den Weg zur Bushaltestelle. Als ich ankomme, bin ich der Einzige dort. Ich beschließe zu warten und bleibe lieber stehen, anstatt mich zu setzen. Ich habe schon den Großteil des Tages gesessen.
Ich schaue nach unten und kicke mit dem Fuß gegen einen unsichtbaren Stein. Ich wollte gerade noch einmal zutreten, als ich spürte, wie etwas über mich geschüttet wurde. Ich keuchte auf und starrte an meiner nassen Kleidung herunter.
Was zum Teufel?
Ich blickte mit gerunzelter Stirn auf und entdeckte die Person – oder in diesem Fall die Personen –, die dafür verantwortlich waren. Zwei Jungs knieten auf dem Rücksitz eines Cabriolets mit offenem Verdeck. Sie hielten riesige Wasserpistolen in den Händen. Ich machte einen Schritt nach vorn, den Mund weit offen, um sie anzuschreien. Doch ich hielt inne, als sie mich mit noch mehr Wasser besprühten.
Sie rasten davon. Ich schnaubte wütend und schrie, während ich auf den Boden stampfte. Es brannte hinter meinen Augen und ich schniefte. Oh nein, ich darf jetzt nicht weinen. Bitte. Nicht weinen.
Ich versuchte, mir das Gesicht mit den Händen abzuwischen, aber es half nichts. Ich war kurz vor einem Zusammenbruch. Ich wollte mich einfach auf die Straße setzen und heulen, als mir jemand etwas Warmes um die Schultern legte. Ich zuckte zusammen und riss die Augen auf.
Das Erste, was ich bemerkte, war die schwere, schwarze Anzugjacke, die über mir lag. Das Zweite waren teure Wildlederschuhe. Ich schluckte und blickte sofort nach oben. Mir stockte der Atem.
Der Mann, der neben mir stand, war atemberaubend. Sein dunkles Haar war nach oben gestylt. Er trug ein weißes Hemd, bei dem drei Knöpfe offen standen, und eine schwarze Stoffhose. An seinem Handgelenk glänzte eine teure Uhr und er hatte sanfte braune Augen. Er sah aus wie ein Traum.
Ich war mir nicht sicher, ob ich richtig sah.
Der Mann zog die Jacke ein Stück tiefer und legte mir das Revers zurecht. Was tat er da? Wo kam er plötzlich her? In meinem Kopf überschlugen sich die Fragen.
„Ist alles in Ordnung?“, fragte der Mann. Herrgott, sogar seine Stimme war attraktiv. Was ist das bitte für ein Leben?
„Ist alles okay bei dir?“, wiederholte der Mann. Ich nickte nur.
„Ich habe gesehen, was passiert ist, bevor sie weggefahren sind. Bist du sicher, dass es dir gut geht? Soll ich dich mitnehmen? Deine Sachen sind ganz nass“, fragte der Mann und sah mich mit einem intensiven Blick an. Seine Stimme erinnerte mich daran, wie es ist, sich vor einem Kamin zusammenzurollen. Warm und wohlig.
„Bus...“, ich gab mir im Geiste eine Ohrfeige, weil ich das Wort so herausgeplatzt war. Aber ich musste weitermachen. „Mir geht’s gut. Ich nehme den Bus nach Hause.“
Der Mann nickte. Er trat einen Schritt zurück und wollte sich gerade abwenden, als ich rief: „Warten Sie! Ihre Jacke.“
Der Mann sah die Jacke an und dann mich. „Behalt sie.“
Er drehte sich um. Ich wollte sein Gesicht unbedingt noch einmal sehen, also rief ich: „Das kann ich nicht.“
Er drehte sich nicht ganz um. Er blickte nur zur Seite und grinste. „Du kannst sie mir morgen zurückbringen. Meine Karte ist in der Tasche“, sagte er und ging davon. Mit seinen langen Beinen entfernte er sich schnell von mir.
Ich steckte meine Hand in die Tasche, zog eine schwarze Visitenkarte heraus und las, was darauf stand.
Hal Janvier
CEO
Janvier Inc.