Chapter 1
Amelia krallte sich an den Armlehnen ihres Sitzes fest, während die einmotorige Maschine hin und her geworfen wurde und in jeder Achse bebte.
„Wie konnte das passieren?“, dachte sie und blickte auf die Landschaft hinunter, die rasend schnell näher kam.
„Mayday! Mayday! Mayday“, rief der Pilot über Funk, als das Flugzeug erneut absackte und Amelia das Herz in die Hose rutschte.
„Billy“, schrie sie gegen das Dröhnen und Wimmern der Motoren an. „Billy, was ist los?“
„Es tut mir leid, Ma’am“, antwortete er und warf einen Blick zu ihr herüber. Seine Pupillen waren so weit geweitet, dass seine Augen völlig schwarz wirkten. „Es sieht so aus, als würden wir abstürzen.“
Der Ausdruck in seinem Gesicht verriet Amelia alles, was sie wissen musste. Er hatte Todesangst und jede Hoffnung auf Rettung aufgegeben. Wenn selbst ein Buschpilot aus Alaska so viel Angst hatte, wusste sie, dass es verdammt ernst war.
„Was sollen wir tun?“, rief sie und wünschte sich, es gäbe irgendetwas – einfach alles –, das ihnen noch ein paar Minuten in der Luft verschaffen könnte.
„Halt dich fest!“, brüllte er. Die Muskeln an seinen Armen waren unter der Anstrengung, die Maschine in der Luft zu halten, zum Zerreißen gespannt.
„Und wenn du an Gott glaubst“, fügte er hinzu, „dann bete für uns!“
Amelia schloss die Augen. Sie wünschte, sie könnte noch ein letztes Mal mit Dale sprechen. Ihm all die Dinge sagen, die ihr auf dem Herzen lagen, all die Wahrheiten, die sie viel zu lange für sich behalten hatte.
Billy stieß einen markerschütternden Schrei aus, als die Maschine in den ersten Baum krachte. Durch den Aufprall wurde die linke Tragfläche abgerissen und das Flugzeug überschlug sich wie wild den Berghang hinunter. Amelia spürte jeden knochenerschütternden Stoß; ihr Körper wurde wie eine Stoffpuppe hin und her geschleudert. Bei jedem Ruck betete sie, dass es schnell vorbei wäre. Langsam im Nirgendwo von Alaska zu sterben, daran wollte sie nicht einmal denken. Wenn sie schon sterben musste, dann bitte schnell.
Zum Glück verlor sie beim nächsten Aufprall das Bewusstsein, als ihr Kopf gegen die Trennwand des Flugzeugs schlug. Sie merkte nicht einmal, wie ihr Sitz aus der Verankerung gerissen wurde, sie aus dem brennenden Wrack schleuderte, sie durch die Bäume und über Felsvorsprünge stürzte, bevor sie am Fuß des Berges liegen blieb.
Als Amelia später wieder zu sich kam, stand alles auf dem Kopf. Ihr Kopf hämmerte und ihr ganzer Körper schmerzte. Sie lag in einem weißen Winterwunderland, immer noch in das, was von ihrem Sitz übrig war, geschnallt. Mit kalten, schmerzenden Fingern fummelte sie an dem Verschluss, der sie festhielt. Tränen traten ihr in die Augen, während sie verzweifelt versuchte, sich zu befreien.
Es kam ihr wie eine Ewigkeit vor, bis sich der Mechanismus endlich löste. Sie rutschte den steilen Abhang weiter hinunter und schlug sich auf dem Weg nach unten den Kopf an mehreren versteckten Felsen auf.
Amelia sah Sterne, schaffte es aber, sich aufzuraffen. Eine Welle der Übelkeit überkam sie, als sie mit dem linken Arm nach einem nahe gelegenen Baum griff, um sich festzuhalten. Irgendetwas stimmte nicht. Jedes Mal, wenn sie versuchte, die Schulter zu bewegen, schoss ein stechender Schmerz hindurch. Sie hielt sie fest umklammert und blinzelte gegen die Dunkelheit an, die sich an den Rändern ihres Sichtfeldes auszubreiten schien.
Da sie in alle Richtungen nur Weiß sah, beschloss sie, den Berg weiter hinunterzugehen, weg vom Wrack. Sie hoffte, dass es die richtige Entscheidung war.
Sie lief stundenlang und versuchte, die Erschöpfung und Übelkeit zu unterdrücken, die sie mehr als einmal zum Erbrechen brachten. Dann entdeckte sie ausgerechnet mitten im Nirgendwo etwas, das wie eine kleine Hütte aussah. Sie stolperte vorwärts. Ihre Kehle war zu rau, um auch nur zu rufen, doch sie schaffte es bis zur Tür. Mit letzter Kraft drückte sie diese auf und fiel in das kalte, dunkle Innere.
Benommen kroch Amelia hinein. Sie schaffte es gerade noch, die Tür hinter sich zuzuziehen, bevor sie sich in einen Haufen schmutziger Stoffe in einer der Ecken grub. Schließlich gab sie nach und ließ die Dunkelheit, die schon die ganze Zeit an den Rändern ihres Sichtfeldes gelauert hatte, über sich hereinbrechen, was sie in einen traumlosen Schlaf versetzte.