Kapitel 1
Es war eine kalte, verregnete Nacht. Er stand da und sah zu, wie seine Untergebenen die Arbeit zu Ende brachten. Schweigend beobachtete er ihre Bewegungen. Er fühlte eine seltsame Mischung aus Trauer und brennender Wut. Er hatte zwar nicht den Todesstoß versetzt, aber das Aufräumen gehörte für ihn einfach dazu.
„Boss, er liegt im Kofferraum. Was sollen wir tun?“
„Schließt den Wagen gut ab. Was ihr danach macht, ist eure Sache.“
„Verstanden“, antwortete der Untergebene.
Er drehte dem Geschehen den Rücken zu und ging zu seinem Wagen. Er setzte sich auf den Rücksitz und stieß einen schweren Seufzer aus. Dann lockerte er seine Krawatte und ließ sich in den Sitz sinken.
„Boss, was ist passiert?“
„Noch einer unserer Männer wurde getötet.“
Der Mann auf dem Beifahrersitz umklammerte das Lenkrad ein Stück fester. „Der wievielte ist das jetzt?“
„Drei in den letzten zwei Wochen.“
„Sir, wann hat das ein Ende?“
„Sobald wir wissen, wer dahintersteckt, werden wir diesem Wahnsinn ein schnelles Ende bereiten.“ Er versuchte, so überzeugend wie möglich zu klingen. Tief im Inneren hatte er jedoch keine Ahnung, wie lange das noch so gehen würde. Um ehrlich zu sein, wusste er nicht einmal, wo er mit der Suche anfangen sollte. „Lass uns nach Hause fahren.“
„Ja, Sir.“
Im Moment wollte er nicht über das Problem nachdenken. Aber die harte Realität ließ ihm keine Ruhe. „Verdammt noch mal“, murmelte er.
***
Zur gleichen Zeit lief sie die dunkle Straße entlang. Sie ließ zu, dass der Regen auf ihre Kleidung prasselte. Was sie gerade gesehen hatte, war zu viel für sie. Sie war weggerannt, noch bevor ein Wort gewechselt werden konnte.
Das Vibrieren in ihrer Tasche ließ sie kurz innehalten. Sie schaute auf das Display und der Name ließ sie vor Trauer zusammenzucken. Sie steckte das Handy wieder weg und setzte ihren Weg nach Hause fort.
Als sie die Straße überquerte, bogen Scheinwerfer um die Ecke direkt auf sie zu. Sie schnappte nach Luft und der Wagen hielt abrupt an. Das war’s dann wohl, dachte sie.
„Geh von der Straße weg!“, rief eine Männerstimme vom Fahrersitz aus.
Sie war zu starr vor Schreck, um sich zu bewegen. Plötzlich hörte der Regen über ihr auf. „Ist alles okay bei Ihnen?“, fragte eine tiefe Stimme.
Sie nahm ihren Mut zusammen und blickte auf. Sie sah in ein Paar wunderschöne, schokobraune Augen. „Was – äh, ja. Danke. Entschuldigung für die Umstände.“ Eine tiefe Röte stieg in ihre Wangen.
Sie wollte schnell verschwinden, aber der Mann holte sie ein. Er hielt sie fest, drehte sie zu sich um und drückte ihr den Regenschirm in die Hand. „Hier, nehmen Sie ihn.“
Ihre Blicke trafen sich für einen Moment. Dann ging er zurück zu seinem Auto. Sie sah zu, wie er in der Nacht verschwand. Sie fragte sich, wer dieser mysteriöse Mann war und warum er so nett zu ihr war. Ein kurzer Moment des Selbstmitleids überkam sie. Sie fragte sich, ob sie solche Freundlichkeit überhaupt verdient hatte.
Sie atmete tief durch und stapfte den restlichen Weg nach Hause.
Sie schloss die Haustür auf und schüttelte den Schirm im Flur aus. Der Teppich sollte das Wasser aufsaugen. Als sie die Tür schloss, blieb ihr Blick an dem Schirm hängen. „Wie soll ich ihm den bloß zurückgeben?“, murmelte sie vor sich hin.
Sie schob den Gedanken beiseite und beschloss, sich auszuziehen und zu duschen. Gerade als sie in die Dusche steigen wollte, klingelte es an der Tür. Zuerst ignorierte sie es. Doch dann hämmerte eine Faust gegen die Tür und sie ging doch nach vorne.
Sie zog ihren Bademantel fest zu und öffnete die Tür. Dort stand genau die Person, die sie am wenigsten sehen wollte.
„Was willst du?“, fragte sie und mied seinen Blick.
„Bitte lass es mich erklären, Allara. Es war nicht so, wie es aussah.“
Allara kniff die Augen zusammen und dachte an das, was passiert war. „Erzähl mir keinen Blödsinn, Kai. Was ich gesehen habe, war genau das, wonach es aussah. Also geh bitte weg.“ Sie wollte die Tür zuschlagen, aber er klemmte seinen Fuß dazwischen.
„Nicht bevor du mich angehört hast.“ Sein Tonfall wurde düster, woraufhin Allara vor Angst zusammenzuckte. „Ich bin noch nicht fertig.“
„Geh weg, Kai“, sagte sie und versuchte immer noch, die Tür zu schließen.
„Hmpf. Na gut, ich gehe fürs Erste. Aber ich komme wieder.“
Sie knallte die Tür zu und verriegelte beide Schlösser. Verzweifelt ließ sie sich an der Tür zu Boden gleiten. Allara fragte sich, was nun aus ihr werden sollte, jetzt wo sie wieder allein war. Je mehr sie darüber nachdachte, desto mehr zerrte die Einsamkeit an ihren Nerven.
Schließlich rappelte sie sich auf. Sie wollte ihren ursprünglichen Plan weiterverfolgen: duschen und versuchen, auf andere Gedanken zu kommen.
Leider konnte Allara nicht abschalten. Sogar lange nach dem warmen Bad fühlte sich ihr Kopf wie ein Fernseher an, auf dem nur Katastrophenfilme liefen. Sie zog sich die Decke über den Kopf. Aber selbst der Lärm der Stadt vor ihrem Fenster konnte sie nicht in den Schlaf wiegen.
Als sie kurz vor dem Verzweifeln war, erinnerte sie sich an die braunen Augen des Fremden. Obwohl er ein wenig grob gewirkt hatte, war seine Tat doch freundlich gewesen. Diese kurze Begegnung entlockte ihr ein Lächeln.
Nachdem sie sich stundenlang hin- und hergewälzt hatte, fielen Allara schließlich die Augen zu und sie schlief fest ein.
***
Am nächsten Morgen wurde Allara von ihrem schrillen Klingelton unsanft geweckt. Sie rieb sich verschlafen die Augen und blinzelte in das frühe Morgenlicht. Als sie sich im Bett aufrichtete, verstummte das Klingeln. Sie hatte Angst davor, nachzusehen, wer angerufen hatte. Zu ihrem Bedauern war eine Nachricht auf der Mailbox.
Jede Faser ihres Körpers schrie danach, die Nachricht zu ignorieren, aber die Neugier siegte. Allara tippte auf den Bildschirm. Sie zögerte, das Telefon ans Ohr zu halten, und schaltete stattdessen den Lautsprecher ein. Dann erklang eine Frauenstimme, die sie nur zu gut kannte. Sie hörte genau hin. Kai und ihre Freundin Katherine standen anscheinend schon länger „aufeinander“. Bei diesem Gedanken kamen ihr die Tränen. Katherine entschuldigte sich zwar, aber Allara war am Boden zerstört. Keine Entschuldigung der Welt konnte diesen Betrug wiedergutmachen.
Unter Tränen machte sie sich für die Arbeit bereit. Draußen sah es genauso trübe aus wie am Vorabend. Allaras Angst wuchs ins Unermessliche. „Mist“, brummelte sie.
Sie verließ die Wohnung und nahm den Schirm mit in den strömenden Regen. Sie wünschte sich, der Regen würde ihre Sorgen einfach wegspülen. Trotzdem nahm Allara sich vor, sich die letzte Nacht während der Arbeit nicht anmerken zu lassen.
Sie schüttelte den Regenschirm aus und wurde von lächelnden Gesichtern begrüßt. „Guten Morgen“, sagte sie.
„Oh, guten Morgen, Liebes“, antwortete Mrs. LaMonica fröhlich. „Sal, Allara ist da!“, rief sie in die Küche.
Der ältere Mann streckte den Kopf durch das Durchreichefenster. „Ja, Maria, ich weiß. Ich habe die Tür gehört.“
Das ältere Ehepaar besaß ein kleines Diner in der Stadt, das nur wenige Minuten von Allaras Wohnung entfernt war. Sie war eine von zwei Kellnerinnen. Es war auch der Ort, an dem sie Kai kennengelernt hatte. Und natürlich war die andere Kellnerin genau die Person, die sie nicht sehen wollte: ihre angebliche Freundin Katherine.
„Ist was nicht in Ordnung, Schätzchen?“, fragte Mrs. LaMonica besorgt.
Allara schreckte aus ihren Gedanken hoch und setzte ein falsches Lächeln auf. „Nein, alles bestens.“ Sie wollte keine weiteren Fragen beantworten und eilte in die Küche, um ihre Sachen abzulegen und ihre Schürze zu holen.
Es klingelte schon wieder an der Tür. Allara wusste sofort, wer ihr gefolgt war. Sie war schon sauer genug darüber, dass sie mit Katherine arbeiten musste. Allara zögerte, bevor sie wieder in den Gastraum ging. Sie wollte diesen Streit nicht während der Arbeit austragen. Die LaMonicas sollten nicht erfahren, was ihre Enkelin getan hatte.
Katherine betrat die Küche mit einem aufgesetzten Lächeln, gerade als Allara gehen wollte. Sie flüsterte: „Wir müssen reden.“
Bei diesen drei Worten zog sich Allaras Magen zusammen. „Nein, es gibt nichts zu bereden“, flüsterte sie zurück.
Während Allara das Diner für die Gäste vorbereitete, fiel Mrs. LaMonica etwas auf. „Ist das dein Schirm, Ally?“, fragte sie und deutete darauf.
Allara musste schnell nachdenken. Sie konnte unmöglich sagen, dass ein fremder, gut aussehender Mann ihn ihr gestern im Regen geschenkt hatte. „Ähm... ja, ist er. Ich habe ihn beim Aufräumen im Schrank gefunden.“
„Sieht gar nicht nach deinem Stil aus“, bemerkte sie. „Normalerweise hast du doch den, den Kai dir geschenkt hat.“
Allara schluckte schwer und wusste nicht, was sie sagen sollte. Als Mr. LaMonica ihre Not sah, sprang er ein. „Woher willst du denn wissen, was ihr Stil ist, Maria? Bist du etwa ihre Mutter?“
Innerlich dankte sie Mr. LaMonica dafür, dass er seine Frau ablenkte. Wenn die beiden erst einmal anfingen zu zanken, hörten sie so schnell nicht mehr auf. Das kam ihr gerade recht.
Im Laufe des Tages achtete Allara darauf, Katherine nicht völlig zu ignorieren. Aber manchmal fiel es ihr verdammt schwer. Sie wollte den alten Herrschaften nicht erklären müssen, warum sie heute so einsilbig war.
Gegen Ende des Mittagsgeschäfts spazierte Kai ins Diner. Allara stand mit dem Rücken zur Tür, also begrüßte Mrs. LaMonica ihn zuerst.
„Na, sieh mal an, wer da kommt. Wie geht’s dir, Kai?“
„Mir geht’s gut. Ich habe mich gefragt, ob Allara kurz Zeit für mich hat.“ Er sprach ganz locker, um keinen Verdacht zu erregen.
Ihre Hände erstarrten beim Abtrocknen eines Glases. Sie hielt den Blick gesenkt, aber Mr. LaMonica bemerkte ihre Angst.
„Eigentlich brauche ich sie noch hier in der Küche. Kannst du ein paar Minuten warten, Kai?“
Kai wirkte leicht genervt, blieb aber höflich. „Sicher doch. Ich will sie nicht bei der Arbeit stören.“
„Komm mal kurz mit nach hinten, Allara. Hilf mir mal“, sagte er aufmunternd.
Vorsichtig stellte Allara das Glas ab. Sie spürte förmlich, wie Kais Blicke Löcher in ihren Rücken brannten.
Sie huschte in die Küche. Mr. LaMonica wartete am hinteren Gefrierschrank auf sie. Dort hatten sie am ehesten ihre Ruhe.
Er lehnte sich dagegen und sah Allara ernst an. „Willst du mir verraten, warum du nicht mit Kai reden willst? Oder mit Katherine?“ Sie schwieg beharrlich. „Das sieht dir gar nicht ähnlich. Da muss doch was passiert sein“, fuhr er mit sanfterer Stimme fort.
Sie fand sich damit ab, es gab kein Entkommen aus diesem Gespräch. „Gestern Abend bin ich nach der Schicht zu Kai gefahren. Leider war er nicht allein …“ Sie versuchte so gut es ging, ihre Tränen zurückzuhalten.
Ohne ein weiteres Wort wusste Mr. LaMonica bereits, worauf Allara hinauswollte. Er drückte sich frustriert auf die Nasenwurzel. „Dieses Mädchen bedeutet nur Ärger, ich schwöre es.“ Er legte ihr den Arm um die Schultern. Es tat ihm furchtbar leid, dass seine Enkelin jemanden verletzt hatte, der ihr angeblich wichtig war. „Ich werde ein ernstes Wörtchen mit Katherine reden und Kai vor die Tür setzen. Bleib du erst mal hier hinten.“
Als er wegging, setzte Allara sich auf eine Milchkiste und dachte nach. Sie waren zwar noch nicht lange zusammen. Aber der Betrug mit ihrer besten Freundin war das Schlimmste, was er ihr hätte antun können. Das bestätigte ihr nur, dass Kai eine Nummer zu groß für sie war. Er war wahnsinnig gutaussehend mit hellbraunen Haaren und grünen Augen. Auch sein Körper war nicht von schlechten Eltern; schlank, aber durchtrainiert. Der Haken an der Sache war jedoch, dass er immer seinen Kopf durchsetzen wollte. Er versuchte ständig, sie zu ändern. Er wollte ein bestimmtes Image pflegen, in das sie nicht hineinpasste. Um Streit zu vermeiden, hatte sie ihm dieses Verhalten über ein Jahr lang durchgehen lassen.
Katherine schien die einzige Person zu sein, auf die sie zählen konnte. Sie waren seit ihrer Kindheit dicke Freunde. Allara fragte sich unwillkürlich, wie lange die beiden schon hinter ihrem Rücken herumgemacht hatten. Mit einem Schlag war alles, was sie kannte, nichts als eine Lüge. Das war es, was am meisten wehtat.
„Allara, Schätzchen?“ Die Stimme von Mrs. LaMonica riss sie aus ihren Gedanken. Als Allara aufblickte, sah sie in ein Gesicht voller Mitleid und Trauer. „Sal hat mir gerade erzählt, was passiert ist. Er schmeißt Kai raus. Danach werden er und ich Tacheles mit Katherine reden. Leider kommt das Mädchen ganz nach ihrer Mutter, besonders wie sie in jungen Jahren war. Ruh dich hinten ein bisschen aus, einer von uns holt dich dann ab.“
Allara nickte, erhob sich mühsam von der Kiste und ging durch die Hintertür nach draußen.
Sie ging in die Hocke und legte den Kopf auf ihre Arme. Sie atmete tief durch und versuchte, die Anspannung in ihren Muskeln zu lösen. Während sie leicht vor und zurück wiegte, begann sie, die Menschen in ihrem Leben neu zu bewerten. Eigentlich hatte sie nur sehr wenige Leute um sich herum, da sie niemandem wirklich vertrauen konnte.
Seufzend stand sie auf. Gerade als sie die Hintertür öffnen wollte, ließen Stimmen aus der Gasse sie innehalten. Sie spähte vorsichtig um die Ecke. Da standen drei Männer in Anzügen um einen anderen Mann herum, der auf den Knien lag. Ihr Bauchgefühl sagte ihr, sie solle so schnell wie möglich wegrennen. Das war definitiv nichts für ihre Augen.
Sie wollte sich gerade abwenden, als eine jämmerliche Stimme an ihr Ohr drang.
„Bitte bringen Sie mich nicht um“, flehte der Mann.
Gegen jede Vernunft duckte sich Allara hinter ein paar Mülltonnen und beobachtete die Szene weiter.
„Das werde ich nicht tun“, fing eine tiefe Stimme an, „wenn du mir sagst, wer meine Leute umbringt. Ich weiß, dass du es weißt.“
„Ich schwöre, ich weiß es nicht.“ Der Mann auf den Knien kauerte sich vor Angst zusammen und hielt die Hände hoch.
Der größte Mann in der Mitte ging in die Hocke. Er nahm das Kinn des verängstigten Mannes zwischen seine Finger. „Sieh mich an“, sagte er. Als der Mann die Augen öffnete, stand ihm die nackte, ungeschminkte Angst ins Gesicht geschrieben. Der Große ließ ihn grob los und stand auf. „Er weiß gar nichts.“
Der Mann auf der rechten Seite stand hinter dem Knienden und legte ihm eine Hand auf die Schulter. „Was sollen wir mit ihm machen?“
Allara konnte den Mann, der zu ihr herumsah, gut erkennen. Er sah gut aus, hatte mittelbraunes Haar und dunkelbraune Augen. Ein dunkelblauer Sakko über einem weißen Hemd betonte seinen muskulösen Körper.
Von den anderen beiden sah sie nur wenig. Einer war sehr groß, hatte zurückgegeltes schwarzes Haar und trug einen grauen Anzug. Der andere war kleiner, hatte hellbraunes Haar, dunkle Jeans und ein weißes Hemd.
„Packt ihn ins Auto. Wir entscheiden später, was wir mit ihm machen.“
Er drehte sich um, um die Gasse zurückzugehen. In diesem Moment erkannte Allara ihn. Es war derselbe geheimnisvolle Mann, der ihr am Abend zuvor den Regenschirm gegeben hatte. Sie war mehr als schockiert. Seine Augen waren kalt und gefühllos. Ähnlich und doch ganz anders als beim letzten Mal.
Obwohl die Angst in ihr hochstieg, konnte Allara den Blick nicht abwenden.
Plötzlich schrie einer der Männer: „Boss!“ Der größte Mann wirbelte herum, zog seine Waffe und schoss.
Im Bruchteil einer Sekunde fand die Kugel ihr Ziel. Allara unterdrückte einen Schrei, als sie sah, wie der Körper auf den nassen Boden fiel.
„Verdammt noch mal!“, fluchte der Mann, den sie nur Boss nannten, mit zusammengebissenen Zähnen.
Allara nutzte die Gelegenheit. Sie wich vorsichtig zurück und verhielt sich so leise wie möglich. Sie behielt die Männer im Auge, während diese miteinander sprachen. Als sie die Hintertür des Diners erreichte, öffnete sie diese ganz leise.
Das Geräusch von Metall auf Metall ließ den Boss aufhorchen. „Ich glaube, uns hat jemand gesehen“, sagte er zu seinen Männern.
„Hier war niemand. Wir haben die Gegend überprüft“, sagte der hellhaarige Mann.
Der Boss ging ein paar Schritte in die Gasse und bemerkte eine Tür. Er wusste sofort, dass derjenige, der sie beobachtet hatte, durch diese Tür verschwunden war. „Verschwinden wir von hier. Holt das Auto. Ihr wisst beide, was zu tun ist.“
„Ja, Boss“, sagten sie wie aus einem Mund.
Der Boss machte kehrt und ging zur Straße vor. Sein Instinkt sagte ihm, dass die Person aus der Gasse im Diner sein musste.
„Wo gehen Sie hin, Boss?“, fragte ihn der Mann mit den dunkleren Haaren.
„Fahrt zurück ins Büro. Wir sehen uns später“, war alles, was er sagte, bevor er um die Ecke bog.
Als er das Diner betrat, war es fast leer. Er sah eine ältere Frau an der Kasse, eine junge Frau hinter dem Tresen beim Gläserpolieren, eine weitere beim Abwischen der Tische und einen älteren Mann in der Küche. Alles wirkte völlig normal.
„Suchen Sie sich einen Platz aus, Schätzchen“, sagte die ältere Frau zu ihm.
Ohne ein Wort zu sagen, ging er zum hintersten Ende des Diners und setzte sich mit dem Gesicht zur Tür. Alte Gewohnheiten legt man schwer ab. Er hatte schon früh gelernt, sich niemals mit dem Rücken zur Tür zu setzen.
„Ally, Liebes, bedienst du den Herrn bitte?“, fragte Mrs. LaMonica.
„Klar“, antwortete sie.
Sie nahm einen Stift zur Hand und erblickte ihn aus dem Augenwinkel. Kalter Schweiß lief ihr den Rücken hinunter, als sie ihn wiedersah. Vor allem, weil sie die schreckliche Befürchtung hatte, genau zu wissen, warum er wirklich hier im Diner saß.
Gerade als sie losgehen wollte, flüsterte Mrs. LaMonica ihr ins Ohr: „Sei vorsichtig. Der Typ gefällt mir gar nicht.“
„Ja, Ma'am“, antwortete Allara.
Es fiel ihr schwer, die Fassung zu bewahren, als sie auf ihn zuging. Innerlich rasten ihre Gedanken. Er würde sie bestimmt als Nächstes umbringen. Er würde sie niemals am Leben lassen. Wenn das ihr Schicksal sein sollte, dann hoffte Allara auf einen schnellen Tod.
Die LaMonicas hatten sie ausgefragt, als sie wieder reingekommen war. Sie waren so besorgt gewesen, dass sie sie eigentlich nach Hause schicken wollten. Auf ihrer Stirn standen Schweißperlen, kein Wunder also, dass sie sich Sorgen machten. Allara konnte das Paar schließlich davon überzeugen, dass alles okay sei, und machte mit ihrer Arbeit weiter.
„W-was kann ich Ihnen bringen?“, fragte Allara.
Der Boss blickte auf und sah ihr einen Moment lang direkt in die Augen. „Kaffee. Schwarz.“
Allara wollte einfach nur den Blickkontakt abbrechen und notierte die Bestellung, obwohl sie kinderleicht war. „Natürlich.“ Sie drehte sich hastig um. Sie konnte gar nicht schnell genug von der bedrohlichen Aura wegkommen, die er ausstrahlte.
„Bestellzettel“, sagte Mr. LaMonica und hielt die Hand auf.
Allara musste erst wieder einen klaren Kopf bekommen, um zu antworten. „Oh, er möchte nur einen Kaffee.“
Er lehnte sich ein Stück aus der Durchreiche, um den geheimnisvollen Mann zu sehen. Für einen kurzen Moment sah Allara, wie ein Erkennen über Mr. LaMonicas Gesicht huschte, das aber sofort von Verärgerung abgelöst wurde. „Solche Leute mag ich nicht. Reine Zeitverschwendung, in einen Diner zu kommen, wenn du mich fragst.“
Sie goss schweigend den Kaffee ein. Sie wollte am liebsten gar nicht mehr zu seinem Tisch zurückkehren.
Katherine stellte sich neben sie, den Blick auf den einzigen Gast gerichtet. „Der ist ja mal ein Prachtexemplar“, meinte sie leise.
Wut stieg in Allara hoch. „Hast du nicht schon genug genommen?“
Sie ignorierte Katherines schockierten Gesichtsausdruck völlig. Allara brachte die Tasse Kaffee zum Tisch und stellte sie vor den Mann. „Ihr Kaffee“, sagte sie fast zu sich selbst.
„Du bist das Mädchen von gestern Abend, nicht wahr?“, fragte er.
Allara erstarrte. Sie hatte schreckliche Angst davor, was als Nächstes passieren würde. „Ähm … ja. Danke für den Schirm. Wenn Sie einen Moment warten, kann ich ihn holen.“ Sie wollte nur noch so weit wie möglich von ihm weg.
„Warte“, sagte er und griff nach ihrem Handgelenk. Sie sah ihn wieder an, hielt den Blick aber gesenkt. „Behalt ihn. Es fängt gerade wieder an zu regnen.“
„Und was ist mit Ihnen?“
„Mach dir keine Sorgen um mich. Ein bisschen Regen hat noch niemandem geschadet.“ Er ließ ihr Handgelenk los, stand auf und zog einen Hunderter aus seiner Brieftasche. „Danke für den Kaffee.“
Er ging weg, ohne auch nur einen Blick an irgendjemanden zu verschwenden.
Allara nahm das Geld und reichte es Mrs. LaMonica an der Kasse. Diese starrte den Schein kurz an und zeigte ihn dann ihrem Mann. „Na, sieh dir das an, Sal. Einhundert Dollar für eine Tasse Kaffee. Da scheint wohl jemand unsere kleine Allara zu mögen“, scherzte sie.
Mr. LaMonica sah seine Frau skeptisch an. „Nein, Maria. Das bedeutet es nicht. Ich denke, das weißt du selbst. Außerdem hatte ich früher auch diesen Blick drauf, und was hat es uns gebracht?“ Er zog die Augenbrauen hoch; sie schienen stumm über die Blicke zu kommunizieren. „Er wird nicht wiederkommen.“
„Das können wir nur hoffen“, murmelte Mrs. LaMonica leise und schloss die Kasse.
Allara beobachtete die beiden und wunderte sich, warum Mrs. LaMonica plötzlich so lustlos wurde. Es war, als ob ein kalter Wind hereingeweht wäre; die Stimmung war schlagartig im Keller. Sie fragte sich, ob sie sich Mr. LaMonicas Gesichtsausdruck von vorhin nur eingebildet hatte. Ganz hinten in ihrem Kopf regte sich jedoch der Gedanke, dass sie nichts dagegen hätte, den geheimnisvollen Fremden wiederzusehen.