Das Los der Ewigkeit

Alle Rechte vorbehalten ©

Zusammenfassung

Die siebzehnjährige Liv wird von Albträumen gequält und vertraut niemandem, am wenigsten sich selbst. Im Auslandsschuljahr in der Bretagne will Liv einen Neuanfang wagen, und mit Mädchenschwarm Lennart an ihrer Seite scheint ihr das auch zu gelingen. Als jedoch mit Schwertern bewaffnete Männer Jagd auf Liv machen, ist es ausgerechnet Lennarts furchteinflößender Bruder Samuel, der sie rettet. Trotz seiner abweisenden Art fühlt sich Liv mehr und mehr zu ihm hingezogen. Dabei ahnt sie nicht, dass die Brüder ein uraltes Geheimnis hüten, dessen Enthüllung Livs Tod bedeutet, sollte sie nicht lernen zu vertrauen.

Status:
In Arbeit
Kapitel:
156
Rating
4.9 33 Bewertungen
Altersfreigabe
16+

Kapitel 1

„Weglaufen ist etwas für Feiglinge."

Das war es, was mein Herz mir zuflüsterte, während das Taxi mich durch den nicht enden wollenden Wald fuhr, soweit wie möglich fort von meinem bisherigen Leben. Die Frage war nur, ob es ausreichte, um dem zu entfliehen, was mich quälte?

Die Nachmittagssonne neigte sich langsam dem Horizont entgegen und tauchte den Wald in ein goldenes Zwielicht. Durch die Scheibe des Taxis wirkte das Spiel von Licht und Schatten, als wäre es nicht von dieser Welt.

Wir fuhren durch die „Brocéliande". Ein Wald so groß und so alt, dass sich mehr Sagen um ihn rankten, als an einem Abend erzählt werden konnten.

Ich band meine kaffeebraunen Haare zu einem Zopf zusammen und fragte mich, ob wir nicht bald das Ende der Welt erreichen würden.

Das Ende der Welt hieß in diesem Falle Paimpont in der Bretagne, meiner neuen Heimat für das kommende Schuljahr. In den Händen hielt ich den Reiseführer, den ich auf dem Flug nach Paris gelesen hatte.

Das dicke Buch, das Abschiedsgeschenk meiner Eltern, roch nach frischer Druckerschwärze. Ich vermisste die beiden schon jetzt, doch ich musste gehen, wenn ich jemals ein normales Leben führen wollte.

„Mademoiselle, wir sind gleich da."

Ich riss die Augen von den Bäumen los und sah gerade noch, wie das Taxi das grüne Ortseingangsschild passierte.

Ein paar hundert Meter weiter bogen wir auf einen Schotterweg ein. Links und rechts wuchsen turmhohe Nadelbäume in den Himmel und am Ende des Weges lag ein einzelnes Haus vor uns.

In den letzten Tagen hatte ich mich oft gefragt, wie es hier aussehen würde. Meist hatte ich dabei an ein modernes Einfamilienhaus gedacht. Das Haus, vor dem wir hielten, war das komplette Gegenteil.

Es bestand aus diesen erdfarbigen, teilweise mit Moos bewucherten Steinen und hatte grün gestrichene Fensterläden aus Holz, deren Farbe abblätterte. Der Vorgarten war vollgestopft mit hohen Gräsern und wilden Brombeeren und als das Taxi hielt, stieg mir der Geruch von Tannennadeln und feuchter Erde in die Nase.

Mein Herz klopfte wie verrückt, als ich auf die grüne Haustür zuging. Hoffentlich waren meine Gasteltern, die Duvals, so liebenswert, wie ich sie mir vorgestellt hatte.

Die Klingel schrillte und ich wartete darauf, Schritte hinter der Tür zu hören, doch nichts passierte. Auch nicht beim zweiten und dritten Klingeln. Niemand öffnete.

Ich vergewisserte mich am Briefkasten, dass hier die Familie Duval wohnte. Alles war korrekt, ich war am richtigen Haus,nur war keiner da.

Verdammt, musste das so anfangen? Ich trat reflexartig gegen die Tür und Schmerz durchzog meinen Fuß.

Nein, ich durfte mich nicht gleich aufregen, auch wenn sich die mir nur zu gut bekannte Hitze durch meinen Körper fraß.

Ich setzte mich auf die Stufen vor dem Haus und atmete tief ein und wieder aus. Sicher hatten die Duvals einen Grund, nicht da zu sein. Es brachte nichts, sich zu ärgern.

Sie würden bestimmt gleich kommen. Vielleicht war das Taxi früher als erwartet da, oder sie waren aufgehalten worden.

Ich atmete nochmals tief durch und ließ den aromatischen Geruch des Waldes wirken, der direkt hinter dem Haus begann. Kein Grund sich verrückt zu machen, oder?

Ich zog mein Handy heraus und tippte eine Nachricht an meine Mutter. Es war ihr wichtig, von mir zu hören und genauso wichtig war es, nicht zu erwähnen, dass die Duvals nicht aufgetaucht waren.

Die Sonne näherte sich langsam den Baumwipfeln. Sollte es Nacht werden, bevor die Duvals nach Hause kamen?

Ich stand auf und ging ein paar Schritte in den Garten hinein um das Haus herum. Hinter dem Haus wuchsen ein paar Sträucher, vor allem wilde Himbeeren, deren Duft mir in die Nase stieg. Ein paar Meter weiter begann schon der Wald. Ich rieb an meinem Lederarmband am rechten Handgelenk herum. Es juckte darunter, wie immer, wenn die Schnitte heilten. Dann entdeckte ich ein beleuchtetes Fenster. War doch jemand zu Hause, der mich vorhin nicht gehört hatte? Ich ging zurück zur Tür und klingelte erneut. Zweimal. Doch niemand öffnete.

Verdammt, ich hatte gedacht, hier würde alles besser werden. Hier würde ich das Leben führen, das ich mir wünschte. Das man haben sollte, wenn man jung war. Hier würde ich in den Nächten durchschlafen, aktiv und gesellig sein und nicht zu Hause grübeln.

Ich beschloss, nicht mehr zu warten, sondern die Duvals zu suchen. Sie führten einen Souvenirladen im Ort. Die Chancen, sie an einem Samstagabend dort anzutreffen, standen nicht gut. Aber ich würde es versuchen, statt hier die Nacht abzuwarten.

Ich ließ meinen Koffer am Haus und ging den Weg entlang zur Straße. Rechts führte der Weg wieder aus Paimpont heraus, also ging ich nach links. Ein paar hundert Meter weiter sah ich Häuser und die Landstraße bekam einen Gehweg. Ich hoffte, auf dem Weg ins Zentrum zu sein. Die Navigationsapp auf meinem Handy hatte nur Standbild, die Internetverbindung war offenbar zu schwach.

Ich lief eine Weile, vorbei an einer Crêperie und einem Laden, der geschlossen war. Die Dämmerung hatte eingesetzt, bald würde es Nacht werden. Meine Hände waren eiskalt, obwohl ich schwitzte.

Das war wiedermal typisch. Immer, wenn ich das Haus verließ, gab es Probleme.

Ich musste dringend jemanden finden, der mir den Weg erklären konnte. Vorhin hatte ich einen Mann in einem Garten gesehen, doch jetzt war die Straße menschenleer.

Nach einer Kurve entdeckte ich weiter vorn jemand auf einer Parkbank. Den würde ich fragen.

Als ich mich näherte, erkannte ich im Halbdunkeln, dass es nicht einer war sondern zwei. Zwei, die sich in den Armen lagen.

Mist! Ich konnte kein knutschendes Pärchen anquatschen. Vielleicht würden sie aufhören, sich zu küssen, wenn ich näher kam?

Ich hustete laut, um Aufmerksamkeit zu erregen, doch sie ließen sich nicht stören. Nicht einmal, als ich mit meinen Füßen geräuschvoll über den Boden kratzend vorbei ging.

Im nächsten Moment stieß mein Fuß gegen einen Widerstand. Ich strauchelte, verlor das Gleichgewicht und landete bäuchlings auf der Erde.

Schmerz durchfuhr mein Bein und der rechte Unterarm brannte. So etwas konnte auch nur mir passieren! Ich hätte am Haus warten sollen.

„Geht ́s dir gut? Kann ich helfen?", hörte ich auf Französisch.

Ich rappelte mich auf und spürte, wie mir jemand mit einem Griff am Arm beim Aufstehen half. „Merci", brachte ich heraus.

Dann sah ich sein schiefes Lächeln, die tagblauen Augen und die sonnenblonden Locken, stieß erneut gegen den Stein und nur sein Griff an meinem Arm hielt mich ab, wieder zu fallen.

„Alles gut bei dir? Hast du dir weh getan?"

Der Typ, der eben noch mit dem Mädchen geknutscht hatte, betrachtete mich, als belustigte ihn meine Tollpatschigkeit.

Für einen Moment blieb mein Blick an seinem athletischen, sonnengebräunten Arm hängen, mit dem er mich sanft festhielt. Ich konnte kaum atmen, diese Berührung und sein Anblick erzeugten bei mir eine Starre, als wäre ich eingefroren.

„Hallo! Alles gut? Verstehst du mich?"

„Alles gut", presste ich hervor.

„Gut, dann hoffe ich, du passt in Zukunft besser auf, wo du hintrittst."

Er löste seinen Griff von meinem Arm und ich wünschte, er hätte mich nicht losgelassen. Als er sich zu seiner Freundin wandte, die inzwischen von der Bank aufgestanden war, atmete ich auf.

Puh, was war da eben losgewesen mit mir? Am besten ich verschwand so schnell wie möglich. Doch wie fand ich dann den Laden?

„Ich suche jemanden", rief ich ihm auf Französisch nach, ohne darüber nachzudenken.

Er drehte sich zu mir. „Wen denn?"

„Die Familie Duval, ihren Souvenirladen, meine ich. Ich komme aus Deutschland und die Duvals sind meine Gastfamilie."

Über seine Nase kräuselten sich leichte Fältchen, die ihn nicht unattraktiver machten.

„Ich kenne den Laden. Aber der hat jetzt zu. Solltest du nicht besser zum Haus der Duvals gehen?"

„Da komme ich her, zu Hause sind sie nicht." Und gleich ist es Nacht und ich weiß nicht, was ich tun soll, wollte ich sagen, aber tat es nicht.

Er fuhr sich mit seinen feingliedrigen Fingern lässig durch seine Lockenmähne und sah dabei aus wie ein Model für Shampoo-Werbung.

„Das heißt, du bist heute aus Deutschland gekommen?"

Ich nickte und wäre am liebsten weggerannt.

„Ich zeige dir den Weg. Ich wollte die junge Dame", er sah zu seiner Freundin, „sowieso gerade nach Hause bringen."

Das Mädchen quittierte seine Aussage mit einem bösen Blick in meine Richtung und ich spürte, wie mein Herz bis zum Hals zu schlagen begann.

Nachdem er seine Freundin im Hauseingang gegenüber verabschiedet hatte, drehte er sich zu mir.

Er sah mich mit seinen unschuldig wirkenden blauen Augen an und kam mit einem Lächeln auf mich zu, dass das Maß an zwischenmenschlicher Beziehung, das ich gewohnt war zuzulassen, schon in diesem Moment überspannte.

„Wir müssen hier lang. Ich heiße übrigens Lenni."

Er war etwas größer als ich und bestimmt zwei, drei Jahre älter. Ich war mir sicher, nie in meinem Leben einen attraktiveren Typ gesehen zu haben. Gut, vielleicht im TV, nein, nicht mal da.

„Verrätst du mir deinen Namen?"

Mein Gott, er sprach mit mir und er erwartete, dass ich antwortete. „Liv. Ich bin Liv", sagte ich eine gefühlte Ewigkeit später.

Konnte ich nicht einen hässlichen Kerl als Fremdenführer finden?

Ich umfasste mein Lederarmband und rieb daran herum, während wir die Straße entlang gingen und mir mit jedem Schritt heißer und immer heißer wurde.

„Wir sind gleich da. Dort vorn im Ortskern ist der Laden der Duvals. Wussten sie denn nicht, dass du heute ankommst?"

Das fragte ich mich mittlerweile auch. Aber vor allem hoffte ich, seiner Gegenwart schnell zu entkommen. Was war, wenn wir die Duvals nicht fanden? Wo würde er mich dann hinbringen? Bei dem Gedanken wurde mir ganz schwindelig.

„Liv, alles klar bei dir?"

Verdammt, ich hatte wieder meinen Einsatz verpasst.

„Doch. Ja. Ich denke schon, dass sie wussten, dass ich komme."

Er presste seine vollen Lippen aufeinander, die im Gesicht einer Frau nicht überrascht hätten, aber wie sein markantes Kinn perfekt in sein bildschönes Gesicht passten.

Dann bogen wir auf eine Straße ein, in der ich mehrere Souvenirläden erkennen konnte.

„Dort hinten, der Laden mit der grünen Dekoration. Aber ich schätze mal, der ist jetzt zu."

Kurz darauf standen wir vor dem Laden. Alles war finster. Was sollte ich jetzt tun? Lenni lief seitlich am Haus entlang und entdeckte ein Fenster, in dem Licht brannte. Er klopfte an die Scheibe und kurz darauf streckte ein bärtiger Mann den Kopf heraus.

„Was ist los? Wir haben geschlossen."

„Guten Abend, Monsieur Duval. Ich begleite eine junge Dame, die sie sucht. Ihr Name ist Liv und sie sagt, sie käme aus Deutschland."

Der Mann riss seine Augen auf. „Liv. Wieso bist du nicht bei uns zu Hause? Amelie ist doch da, um dich zu empfangen."

„Bonsoir, Monsieur. Ich war an ihrem Haus, aber niemand hat geöffnet", brachte ich heraus.

„Was?" Hinter dem Mann tauchte eine Frau auf. „Warte kurz, wir kommen zur Tür." Er schloss das Fenster und ich hörte Geräusche im Hausinneren.

Als ich mich zu Lenni umdrehte, sah ich ihn schon ein paar Meter weiter die Straße entlang laufen.

Ein paar Minuten später saß ich in einem Van. Der Mann, Monsieur Duval, ein stämmiger Typ mit Bauchansatz, hatte darauf bestanden, sofort nach Hause zu fahren, damit ich mich ausruhen konnte.

„Es tut uns so leid, Liv", sagte Madame Duval. „Wir hatten mit unserer Tochter besprochen, dass sie daheim bleibt, um dich zu begrüßen. Wir haben immer so viel im Laden zu tun und heute Mittag kam eine Lieferung, die wir unbedingt noch auspacken mussten."

Madame Duval erinnerte mich, mit der praktischen Kurzhaarfrisur, den dünnen Lippen und den Sorgenfalten auf der Stirn an meine Mutter. „Vielleicht hat ihre Tochter geschlafen, Madame."

Sie hob eine Augenbraue, als bezweifelte sie meine Theorie. „Nenn mich bitte Patricia. Du gehörst doch jetzt zur Familie."

Monsieur Duval war mit dem Van in einem Bruchteil der Zeit, die ich fürs Laufen gebraucht hatte, wieder am Haus.

Jetzt brannte Licht auch vorn im oberen Stockwerk. Sollte diese Amelie vorhin zu Hause gewesen sein?

Die Eingangstür knarrte, als ich Patricia ins Haus folgte, während Monsieur Duval meinen Koffer aus dem Busch zog.

Gleich hinter der Tür lag der Wohnbereich. Die Küche wurde durch einen halbhohen Raumteiler abgetrennt. In der Mitte des Raumes stand ein grünes Sofa dekoriert mit bestickten Kissen, wie bei uns zu Hause und an den Wänden hingen Familienfotos.

Patricia ging in die Küche und Monsieur Duval wies mir den Weg die Treppen hinauf ins Obergeschoss. Vor der ersten Tür auf der linken Seite blieb er stehen.

„So Liv, willkommen in deinem Zimmer. Ich hoffe, es gefällt dir." Mit einem Lächeln auf den Lippen öffnete er die Tür und ließ mich eintreten.

Ich war so froh, hier zu sein, dass mir alles recht gewesen wäre. Doch es gefiel mir gleich.

Der Raum war zwar nicht modern eingerichtet, aber er war größer als das Zimmer zu Hause.

Mein Blick fiel auf einen Ohrensessel aus schokobraunem Leder, der in der Mitte stand. Dann gab es ein Bett mit rosa Blümchenmuster-Bettwäsche und einen Schreibtisch am Fenster. An der anderen Wand waren Türen, die zu einem Wandschrank gehörten.

Monsieur Duval stellte meinen Koffer ab und sah mich erwartungsvoll an.

„Sehr schön. Es gefällt mir gut, Monsieur Duval."

„Bernard, nenne mich bitte Bernard, Liv."

In diesem Augenblick tauchte ein Mädchen neben ihm auf.

„Das ist unsere Tochter Amelie. Die, die dich vorhin empfangen sollte, Liv", sagte er, mit einem sanften Blick, der seine Liebe für sie widerspiegelte.

Amelie trug ein grässlich pinkes Top mit weißen Punkten und strahlte mich an. Ihr Gesicht wirkte kindlich rund, wie bei einer Puppe.

Ich hatte in der Vorstellungsmappe der Gastfamilie gelesen, dass sie wie ich, 17 Jahre alt war. Sie kam mir jünger vor und ihre blonden Zöpfe verstärkten diesen Eindruck.

„Wo warst du vorhin, Amelie?", fragte Bernard.

„Ich war da, Papa."

„Aber dann hättest du Livs Klingeln doch hören müssen."

Amelie sah zu Boden. „Ich muss wohl kurz eingenickt sein, oder vielleicht hat sie nicht richtig auf die Klingel gedrückt."

Ich hoffte, dass ich alles korrekt verstanden hatte. Amelie mit ihrem rosa bemalten Mund sprach so schnell, dass es mir schwerer fiel, ihr Französisch zu verstehen.

„Vielleicht habe ich tatsächlich nicht richtig auf die Klingel gedrückt", beeilte ich mich zu sagen. Ich wollte nett sein und es mir nicht gleich verderben.

Dennoch spürte ich, wie die Erkenntnis darüber, dass sie höchstwahrscheinlich log und mich unnötigerweise durch Paimpont irren ließ, Stück für Stück die aufgestaute Wut in mir hervorbrachte.

„Siehst du, Papa. Ich kann nichts dafür." Amelie ging hinüber zum Wandschrank.

„Jetzt bist du ja da, Liv. Hier kannst du deine Sachen reintun. Wenn du willst, kann ich dir beim Auspacken helfen. Mein Zimmer ist gleich nebenan und das Bad ist gegenüber. Das teilen wir uns. Welche Musik magst du?"

Die Worte schossen aus ihrem Mund wie die Kugeln aus einem Schnellfeuergewehr. Ich war noch mit übersetzen beschäftigt, da wuselte sie bereits weiter durch das Zimmer.

Jetzt machte sie sich an meinem Koffer zu schaffen. Das regte mich immer mehr auf. Ich rieb am Handgelenk herum.

„Hast du viele Kleider dabei? Ich kann dir auch Kleider von mir leihen. Vielleicht leihst du mir auch was von dir, dann können wir tauschen. Wie findest du das?"

Nett sein, sei nett, Liv. Ich hatte es mir fest vorgenommen.

Ich spürte, dass mir mein Vorsatz entglitt. Ich musste Ruhe bewahren, nichts Dummes tun.

Am liebsten hätte ich diese kleine Lügnerin an ihren Puppenhaaren von meinem Koffer weggezerrt. Angestrengt atmete ich tief durch.

„Komm, lassen wir Liv erst einmal allein", hörte ich Bernards tiefe Stimme.

Er legte Amelie eine Hand auf die Schulter und schob sie aus dem Zimmer.

„Ihr könnt euch später noch unterhalten. In einer halben Stunde gibt es Abendessen, Liv."

Dann klappte die Tür hinter ihnen zu.

Das war noch einmal gut gegangen. Erschöpft fiel ich in den Ohrensessel. Jetzt war ich also hier. Langsam beruhigte sich mein Herzschlag.

War es die richtige Entscheidung von zu Hause wegzugehen, alles Vertraute zurückzulassen?

So wie es aussah, waren die Duvals nette Menschen und das Zimmer gefiel mir.

Nur diese Amelie, die würde anstrengend werden.