Prelude
Meine schönsten Erinnerungen an meine Mutter habe ich ohne meinen Vater. In diesen Erinnerungen lächelte Mama immer, und wir lachten, sangen oder tanzten. Die Spannung, die wie ein schweres Gewicht auf unserem Leben lag, war verschwunden, wenn Dad nicht da war. Wir waren frei. Aber wenn Dad nach Hause kam, legte Mama ihr Armband wieder an, und ein Gefühl von Unterdrückung und Angst zog durch die Zimmer. Wir veränderten uns. Mama war immer müde, was Dad noch mürrischer machte, und das führte zu Streit.
Es war schon immer so gewesen. Ich weiß nicht, warum Mama in Dads Gegenwart immer so erschöpft war. Aber es schien sich immer um dieses Armband zu drehen, von dem Dad sicherstellte, dass Mama es trug.
Doch sobald er angekommen war, war er auch schon wieder weg. Manchmal für Wochen, manchmal für Monate. Mama erklärte immer, Dad sei Fernfahrer und ständig unterwegs. Ich war dankbar, wenn er fort war, aber die Angst, nicht zu wissen, wann er zurückkehren würde, schwirrte uns ständig im Kopf herum.
Dads Anwesenheit war in unserem Haus immer spürbar, selbst wenn er nicht da war. Wir hatten Tassen ohne Henkel und Stühle mit wackeligen Beinen. Löcher in der Wand. Ich erinnere mich, dass ich als Kind einen Teller hatte, meinen Lieblingsteller. Er war aus Porzellan mit einem bunten Entenbild darauf. Auch der blieb von Dads Zorn nicht verschont. Ich weiß noch, wie ich die Scherben zusammenhielt und weinte, nachdem er gegangen war. Mama versprach mir, sie würde mir einen neuen kaufen. Aber das tat sie nie. Diese Teller gab es nicht mehr zu kaufen.
Ja, ich habe glückliche Erinnerungen an meine Mutter, aber keine an meinen Vater. Ich hasse ihn.
Ich bin mit Märchen und Disney-Filmen aufgewachsen. Die Schöne und das Biest, Dornröschen. Schneewittchen. Geschichten, in denen ein gutaussehender Prinz auf seinem Schimmel daherreitet und die Jungfrau in Nöten rettet. Ich habe mir immer gewünscht, Mamas Prinz würde kommen. Nicht dieser grobe Kerl, der sich mein Vater nannte.
Heimlich wünschte ich mir das auch für mich selbst – einen hübschen Ritter oder Prinzen, der mich rettet und sich um mich kümmert. Träume kosten nichts, oder?
Ich bin jetzt siebzehn, und zum Glück sind Dads Besuche selten geworden. Ich wäre damit zufrieden, wenn da nicht Mama wäre. Ich schätze, Liebe ist ein kompliziertes Gefühl.
Ich habe meine Mutter und ihre Liebe für diesen Mann nie verstanden. Sie verbringt Wochen damit, trübsinnig durch das Haus zu schleichen, wenn er weg ist, weint und ruft nach ihm. Irgendwann hört sie damit auf, wischt sich das Gesicht ab und setzt wieder ihre glückliche Maske auf. Ich habe sie einmal gefragt, warum sie Dad so sehr vermisste, wenn man bedenkt, wie er sich benahm, wenn er zu Hause war. Ihre Worte verfolgen mich bis heute: „Manchmal teilt dir das Schicksal ein schlechtes Blatt aus. Du musst deinen Weg so gut gehen, wie du kannst.“
Ich wäre lieber Single, als so etwas selbst zu erleben. Als ich Mama das sagte, erklärte sie mir, dass die Zeit ohne Dad sie geistig und körperlich fordert. Sie sagte, sie seien Seelenverwandte und wenn sie getrennt seien, sehne sie sich so sehr nach ihm, dass es ihr bis in den Bauch wehtut.
Ich möchte weder einen Seelenverwandten noch irgendeinen Partner, wenn ich mich dadurch so fühlen muss. Ich glaube, Märchen und Disney-Filme sind da an einigem schuld.
Ich hänge meinen Gedanken nach, als ich höre, wie ein Auto in unsere Einfahrt fährt. Ich lege die Schüssel, die ich gerade abtrockne, auf die Anrichte, gehe zum Fenster und spähe durch den Vorhang.
„Scheiße“, flüstere ich leise.
Ich rannte ohne anzuklopfen in Mamas Zimmer.
„Jasmine?“, fragt Mama. Sie kommt gerade aus der Dusche und trägt nur ein Handtuch. Ihre Haare sind ebenfalls in ein Handtuch gewickelt, und sie sieht müde aus.
„Er ist da“, zische ich und renne zu dem Schmuckkästchen, in dem ihr silbernes Armband aufbewahrt wird. Mama folgt mir und stößt einen Schmerzensschrei aus, als ich es ihr um das Handgelenk lege. Sofort sehe ich die Wirkung des Armbands auf sie. Ihre Haut rötet sich dort, wo es sie berührt, und ihr Gesichtsausdruck wird von Erschöpfung überschattet.
Ich weiß nicht, warum das Armband diese Wirkung auf Mama hat. Als ich kleiner war und es berührte, hat es mich ein wenig gestochen, aber jetzt, wo ich älter bin, spüre ich nichts mehr.
Mama seufzt und setzt sich auf ihr Bett, die Lider sinken ihr herab. Es beginnt an der Tür zu hämmern und er fängt an zu schreien. Ich stürze zur Tür, bevor er sie wieder aus den Angeln reißt, und lasse das Monster herein.
„Wo ist deine Hurenmutter!“, schreit er mich an. Weil ich weiß, dass ich nicht aufblicken darf, deute ich auf ihr Zimmer.
„Fern, komm her!“, brüllt Dad und hebt mein Kinn mit seinen Fingern an, sodass ich gezwungen bin, ihm in die Augen zu sehen. Ich versuche, überall hinzuschauen, nur nicht in seine Augen. Ich kenne ihre Farbe: dunkel, wie seine Seele.
„Du siehst genauso aus wie sie“, spuckt Dad aus. Bei diesen Worten kommt Mama herein. Genau wie ich wirkt sie schwach, den Kopf gesenkt.
„Andrew“, begrüßt Mama ihn leise.
„Das ist für dich“, knurrt Dad und drückt mir eine Schachtel in die Brust. Ich stolpere zurück, als ich sie entgegennehme, und blicke auf das Geschenk hinunter.
„Miststück, ich habe dir ein Geschenk gemacht. Mach es auf, verdammt noch mal“, knurrt Dad. Ich öffne die geschnitzte Holzschatulle und sehe ein silbernes Armband wie das meiner Mutter.
„Nein, Andrew, bitte. Das kannst du ihr nicht antun“, fleht Mama. Ich sehe meine Mutter an und beobachte, wie sie den Fehler macht, sich an seinen Arm zu klammern, während sie spricht. Dad stößt sie mit einer Bewegung weg, sodass sie unsanft auf den Boden fällt.
„Leg es an“, knurrt Dad erneut.
„Bitte, Andrew. Ich habe getan, was du wolltest. Ich habe es ihr nie gesagt. Bitte, nicht das“, bettelt Mama.
„Halt die Fresse, Hure!“, schreit Dad, macht zwei Schritte auf sie zu und schlägt ihr ins Gesicht. Der Schlag ist laut, und Mamas Kopf schnellt zur Seite. Ich beobachte, wie Mama ihre Lippe berührt und dann auf ihre Finger sieht, die voller Blut sind. In Gedanken nehme ich mir vor, ihr ein Kühlpack zu holen, sobald er weg ist.
„Aber …“, protestiert Mama wieder.
„Es… es ist in Ordnung“, stottere ich und lege mir das Armband um das Handgelenk. Ich spüre nicht den geringsten Unterschied, aber für meinen Vater ziehe ich eine entsprechende Miene.
„Verdammte dumme Hure“, knurrt Dad, tritt zu Mama hinüber und packt sie am Arm.
„Bleib hier!“, befiehlt er mir und zieht Mama in Richtung ihres Zimmers.
„Verdammte Hure! Glaubst du etwa, du hast hier das Sagen? Sie ist meine Tochter. Sie tut, was ich sage!“, brüllt er und knallt die Tür hinter sich zu.
Meine Unterlippe bebt, als ich das vertraute Geräusch höre, wie Fleisch auf Fleisch trifft. Ich bin dankbar, dass ich es nicht sehen muss, aber allein es zu hören, schmerzt schon genug.
Ich suche mir einen Platz in der Ecke des Zimmers, ziehe die Knie an und halte mir die Ohren zu. Ich will Mamas Schreie oder wie ihr Körper gegen die Wände knallt nicht hören, und ich schluchze unkontrolliert.
Warum kommt niemand, um zu helfen? Hört das denn keiner?, schreie ich in meinem Kopf. Dann wird alles still. Ich nehme die Hände von den Ohren und schaue in Richtung von Mamas Schlafzimmer. Mein Gesicht ist nass von meinen Tränen.
„Sag es, sag die Worte!“, durchdringt Dads Gebrüll die plötzliche Stille.
„Ich, Fern Aubert vom Riverwood Pack, akzeptiere die Zurückweisung von Andrew Aubert vom Phoenix Pack.“
Was zum Teufel? Was war das?, denke ich bei mir. Es folgt eine Pause und dann ein weiterer Schrei meiner Mutter. Ich lege mir die Hände auf die Ohren, stecke den Kopf wieder zwischen meine Knie und wippe vor und zurück.
Ich höre das wütende Geräusch eines Tieres, dann Stille. Ich weiß nicht, wie lange ich da sitze, wippe und in meine Knie weine. Zeit spielt keine Rolle mehr, während ich unter dem Schock dessen stehe, was passiert ist. Was als halbwegs normaler Tag begann, endete in der Hölle.
Ich habe nicht gehört, wie mein Vater gegangen ist, da ich zu sehr in mein hemmungsloses Weinen vertieft war. Ich weiß, ich muss aufstehen und Mama helfen, aber zuerst muss ich meinen Geist beruhigen und wieder zu Atem kommen.
Langsam bewege ich mich aus meinem Versteck in der Ecke. Das Haus war still, und ich konnte den Geruch meines Vaters nicht mehr wahrnehmen. Meine Beine schmerzen vom langen Sitzen in derselben Position, und meine Füße sind eingeschlafen, was das Gehen erschwert.
Mit Mühe mache ich kleine Schritte zu Mamas Zimmer. Die Tür knarrt langsam auf, und ich schalte das Licht ein, um besser sehen zu können.
„Nein!“, schreie ich, als ich meine Mutter ausgestreckt auf ihrem Bett liegen sehe, ihren Körper in einer unnatürlichen Haltung. Nein!, schreie ich gleichzeitig in meinem Kopf.









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