Julians Perspektive – Kap. 1 – Verstecken und so tun als ob.
„Na, mein Lieber, hast du dich für eine Fachrichtung entschieden?“, fragt Mutter zum hundertsten Mal diese Woche. Da bereue ich es glatt, an diesem Wochenende zu Besuch gekommen zu sein.
Ich bin im ersten Jahr meiner Assistenzarztzeit und rotiere momentan alle vier Wochen durch verschiedene Abteilungen: Notaufnahme, Allgemeinchirurgie, Innere Medizin, Intensivstation, Pädiatrie und so weiter.
„Noch nicht, Mama. Ich habe noch Zeit.“ Ich versuche, den bissigen Unterton in meiner Stimme zu verbergen, aber sie hört ihn trotzdem. Sie hört alles – zumindest das, was sie hören will.
„Ja, noch drei Monate“, fährt sie mich an. Ich unterdrücke den Drang, mit den Augen zu rollen.
„Wie ich schon sagte, ich habe noch Zeit.“ Ehrlich gesagt würde ich gerne in die Allgemeinmedizin, aber das werde ich ihr nicht auf die Nase binden. Sie würde mir das restliche Jahr in den Ohren liegen, weil sie will, dass ich irgendein berühmter Neurochirurg werde.
„Ich bin sicher, bis Tante Marie kommt, wirst du zur Vernunft gekommen sein und Neuro wählen …“ Ich schalte auf Durchzug, weil ich kurz davor bin, wirklich auszurasten.
Tante Marie ist ihre Schwester, aber die beiden sind so verdammt ehrgeizig, dass man sie glatt für Feinde halten könnte. Das Schlimmste ist, dass Martina, Tante Maries Tochter, und ich ihre Schachfiguren sind.
Martina wurde ins Medizinstudium gezwungen, weil ich angefangen hatte, Medizin zu studieren. Erst hat sie es gehasst, aber zum Glück hat sie nach einer Weile Gefallen daran gefunden.
Wir beide verstehen uns sehr gut. Wir versuchen, unsere Mütter und ihren Wettbewerb darum, wer das schlauere Kind hat, zu ignorieren. Aber manchmal platzt uns beiden der Kragen, und wir werden wütend – nicht aufeinander, sondern auf sie. Versteh mich nicht falsch: Wir sagen es ihnen nicht. Wir regen uns privat auf.
„Ja, Mutter“, antworte ich monoton, als ich merke, dass sie aufgehört hat zu reden. Dann schiebe ich meinen Teller weg, weil mir der Appetit vergangen ist.
Mir ist klar, dass ich am Ende sowieso nach ihrer Pfeife tanzen werde. Aber niemand kann mir vorwerfen, dass ich nicht versucht hätte, sie davon zu überzeugen, mich zur Abwechslung mal das tun zu lassen, was mir Spaß macht.
Träume …
Und als ich dachte, es könnte nicht schlimmer kommen, macht mein Vater den Mund auf.
„Und wann suchst du dir mal eine Frau und lässt dich nieder?“ Seine tiefe Stimme klingt herablassend, aber ich kann ihn nicht kommentieren oder anblaffen, also versuche ich, ruhig zu bleiben.
„Ich habe keine Zeit, Vater. Ich konzentriere mich –“
„In deinem Alter hatte ich drei Jobs und hatte trotzdem dich und deine Schwester, also komm mir nicht mit dieser Ausrede.“ Ich weiß selbst nicht, warum ich versucht habe, mit ihm zu reden.
„Das ist was anderes. Du hast Häuser gebaut, ich werde Menschenleben in meinen Händen halten. Ich kann nicht –“ Oh, wie ich mir manchmal wünschte, ich könnte mich selbst stummschalten.
„Du denkst wohl, du bist was Besseres als ich, was?!“, dröhnt seine laute Stimme durch das Haus, sodass ich zusammenzucke.
„Nein, Vater, ich meinte nur, dass es leichtsinnig von mir wäre, mich auf etwas anderes zu konzentrieren, ich wollte nicht –“
„Du hast mir gar nichts zu sagen! Ich habe dich gemacht, nicht du mich! Du solltest mir dafür allein schon die Füße küssen, ganz zu schweigen davon, dass ich dir ein Dach über dem Kopf gebe und dich ernähre!“ Und da raste ich aus.
„Und ich bin dankbar für das Essen und das Dach, aber erzähl mir nicht, ich solle dir die Füße küssen, denn ich habe dich nicht darum gebeten, mich zu machen! Ich war nicht derjenige, der mit Mutter in die Kiste gehüpft ist! Das warst du!“ Das habe ich nicht wirklich gesagt, aber ich wollte es.
„Ja, Vater. Tut mir leid.“ Das war die eigentliche Antwort.
Ich weiß, ich bin ein Feigling. Aber mein Vater ist ein sehr beängstigender Mann – und das nicht unbedingt, weil er fast zwei Meter groß ist und über 130 Kilo wiegt, sondern weil er, wie er es ausdrückt, ‚ein gottesfürchtiger Mann ist, der nicht davor zurückschreckt, mich mal grob anzupacken, wenn es nötig ist, um mich auf den rechten Weg zu bringen‘. Mit anderen Worten: Er zögert nicht, mir ordentlich in den Arsch zu treten, und ich habe keine Lust auf noch ein blaues Auge.
„So gehört sich das!“ Ich nicke erneut und entschuldige mich, um ins Bad zu gehen.
Ich habe gelogen, als ich sagte, ich müsse mich auf die Schule konzentrieren. Okay, ich muss mich auf das Studium konzentrieren, aber ich kann nebenbei auch ein Leben haben.
Das einzige Problem ist, dass ich dieses Leben nicht mit einer Frau verbringen will – zumindest noch nicht.
Ja, ich bin schwul, nein, sie wissen es nicht, und sie werden es auch nie erfahren, weil sie mich sonst exorzieren und auf dem Scheiterhaufen verbrennen würden.
Also habe ich einen Plan. Bis ich 30 bin, lebe ich mein Leben so, wie ich will. Wenn ich 30 bin, suche ich mir ein anständiges Mädchen, heirate, kriege einen Haufen Kinder und vergesse meine Sexualität.
Ganz einfach, oder?
Ich beruhige mich, verlasse das Bad und setze mich wieder zu ihnen an den Esstisch.
„Dein Vater hat recht, mein Schatz. Du solltest dir eine Freundin suchen, solange du jung und hübsch bist.“ Sie lächelt, ich setze ein falsches Lächeln auf und halte mich davon ab, mit den Augen zu rollen.
„Mama, ich bin 23, und das ‚hübsch‘ verschwindet nicht in zehn Jahren.“ Ich halte meine Stimme sanft, genau wie mein gefaktes Lächeln.
„Ich weiß, Süßer. Du wirst immer gut aussehen, du hast gute Gene, aber du weißt, was ich meine.“ Sie hat recht, ich sehe gut aus, und ich bin nicht narzisstisch. Das ist die Realität, und manchmal hasse ich es wegen der Aufmerksamkeit, die ich bekomme, aber meistens mag ich es.
Und sie hat recht, was meine guten Gene angeht, aber zum Glück habe ich nur das Aussehen geerbt und nicht ihre Persönlichkeit – oder das rede ich mir zumindest ein.
Ich bin 1,83 m groß, und viele sagen, ich hätte ein bisschen was von Ryan Reynolds. Ich muss zugeben, sie haben recht, nur dass ich wikingergoldenes Haar habe. Es ist wie seins gestylt: an den Seiten kurz und oben ein paar Zentimeter länger. Manchmal trage ich es zur Seite gekämmt, manchmal leicht nach oben gegelt, oder ich fahre einfach ein paar Mal mit den Fingern hindurch, damit es zerzaust aussieht.
Ich habe mandelförmige, türkisblaue Augen mit Sprenkeln in Meeresgrün. Ich bin froh darüber, denn nur 3 bis 5 % der Weltbevölkerung haben wirklich blau-grüne Augen, und das ist ziemlich erstaunlich, wenn man bedenkt, dass es über 7 Milliarden Menschen auf dem Planeten gibt.
Nochmal: Ich bin nicht narzisstisch, ich stelle nur Fakten fest.
Ich zwang mich, noch ein paar Stunden zu bleiben – quälende Stunden, in denen ich mir denselben verdammten Mist immer und immer wieder anhören musste. Dann erzählte ich ihnen, dass mein Mitbewohner, der auch mein Kollege und mein bester Freund ist – aber sie wissen nichts von dem „bester Freund“-Teil, und sie haben ihn auch nie getroffen, weil ich weiß, dass sie ihn nicht billigen würden –, morgen das Auto braucht und ich 11 Stunden zurückfahren muss.
Ich bin in Cave Creek, Nevada, geboren und aufgewachsen.
Cave Creek ist eine Stadt, in der jeder jeden kennt. Es leben dort etwa 5.000 Menschen, also haben unsere Eltern uns immer dazu gedrängt, die Besten der Besten zu sein.
Ich war nie auf einer Highschool-Party. Alles, was ich durfte, war: zur Schule gehen, lernen, in die Kirche gehen, lernen, Kirche, lernen, lernen und noch mehr lernen.
Es hat sich ausgezahlt, weil ich an der Stanford angenommen wurde. Das ist 11 Stunden von ihnen entfernt, und ich kann mir reichlich Ausreden einfallen lassen, nicht zu Besuch zu kommen – eine davon ist, dass Jameson, oder Jamie, wie ich ihn nenne, mir das Auto nicht geben kann und ich kein Geld fürs Flugzeug habe.
Ich kämpfe ums Überleben, und wenn Jamie nicht wäre, würde ich auf der Straße sitzen. Als ich 18 wurde und aufs College ging, weigerten sich meine Eltern, mich finanziell zu unterstützen. Sie sagten, ich müsse ein Mann werden und auf eigenen Beinen stehen.
Ja, ich werde als Assistenzarzt bezahlt, aber ich habe auch Studienkredite, die ich abbezahlen muss, dazu Miete, Essen, Transport, Kleidung – im Moment bin ich pleite.
Ich habe zwar eine Methode, um schnell an Geld zu kommen, aber ich versuche, sie zu vermeiden, wenn ich kann.
Jamie hat mir die Idee gegeben, als ich genauso pleite war wie jetzt – so pleite, dass es nicht mal mehr zum Nachdenken reicht.
Er hat damit angefangen und mir davon erzählt.
Escort-Service.
Ja, es ist aus vielen Gründen gefährlich, aber da es eine legale Agentur ist, sind die Risiken nicht allzu hoch, was mich irgendwie beruhigt. Ein bisschen. Nur ein kleines bisschen.
Aber in verzweifelten Zeiten greift man zu verzweifelten Maßnahmen.
Meine größte Angst ist, dass mich ein Klient erkennt und mein Ruf ruiniert ist, bevor ich überhaupt einen habe. Aber ich bin schwul, also arbeite ich mit schwulen Männern zusammen, die meistens verheiratet sind und damit nicht gerade hausieren gehen.
Ich wäge jede Alternative ab, aber nach zwei Stunden stehe ich mit leeren Händen da. Also nehme ich mein Handy und schreibe Rose, der Empfangsdame, die die Treffen koordiniert, dass ich Cash brauche.
Ich verbringe noch ein paar Stunden auf der Rückfahrt mit Beten – okay, das ist nicht okay, Gott sollte da besser nicht mit reingezogen werden –, in der Hoffnung, dass mein Klient kein grober, widerlicher Kerl ist. Wenn doch, müsste ich absagen, und es besteht die Gefahr, dass er sauer wird und die Lage eskaliert … Scheiße!
Ich hasse das!
„Na, wie war das Familientreffen?“, fragt Jamie in dem Moment, als ich unsere winzige Wohnung betrete, in der wir seit drei Jahren leben.
„Wunderbar. Ich kann es kaum erwarten, wieder hinzufahren. Ich glaube, ich habe beim Abschied geweint.“ Ich ziehe einen falschen Schmollmund und lasse mich neben ihm auf das kleine, unbequeme Sofa fallen. Er lacht.
Jamie ist etwa 1,80 m groß, athletisch gebaut, hat dunkelbraune Haare und hellbraune Augen. Er sieht gut aus, ist aber nicht mein Typ, und zum Glück bin ich auch nicht seiner. Es gibt also keine Komplikationen.
„Das Übliche?“ Er weiß, was für einen Druck meine Eltern auf mich ausüben.
„Jep. Ich geh schlafen.“ Ich kann kaum noch stehen und verfluche mich selbst, weil ich mich überhaupt erst hingesetzt habe.
„Okay, gute Nacht.“ Ich brumme etwas, weil mir die Kraft für Worte fehlt, und gehe in mein Zimmer.
Wie gesagt, die Wohnung ist winzig. Das Sofa steht nur einen Meter von der Eingangstür entfernt, weshalb er mich sofort gesehen hat. Die Küche ist Teil des Wohnzimmers, und wir haben zwei kleine Zimmer, in denen jeweils ein Doppelbett, ein kleiner Nachttisch und ein kleiner Schrank Platz finden.
Unser Badezimmer ist so klein, dass wir feststecken würden, wenn wir gleichzeitig reingehen, und die Feuerwehr rufen müssten, um wieder rauszukommen.
Ich wollte eigentlich direkt ins Bett, aber sein kleiner Honda hat keine Klimaanlage. Obwohl ich mit offenem Fenster gefahren bin, habe ich geschwitzt und klebte total. Also beschloss ich, noch kurz zu duschen.
Ich bin verdammt müde, kann mich kaum noch bewegen, aber ich muss mich beeilen, denn warmes Wasser ist ein Luxus, der nur etwa 10 bis 15 Minuten anhält.
Ich trockne mich schnell ab, ziehe nur eine Boxershorts an und lasse mich aufs Bett fallen. Ich glaube, ich war eingeschlafen, bevor mein Kopf überhaupt das Kissen berührte.
Ich habe sieben Stunden geschlafen, wache aber genauso müde auf, wie ich mich schlafen gelegt habe – wenn nicht sogar noch erschöpfter. Ehrlich gesagt weiß ich nicht mehr, wann ich das letzte Mal gut geschlafen habe. Ein guter Tagesschlaf, ein guter Nachtschlaf, einfach irgendein guter Schlaf.
Das Medizinstudium macht das mit einem.
Während ich mir gerade eine Tasse billigen Kaffee einschenke, klingelt mein Handy und meldet eine Nachricht. Ich kann mir ein Stöhnen nicht verkneifen, als ich sehe, wer es ist.
Rose.
Scheiße!