Prolog
Sie schwamm um eine weitere Ecke, nur um wieder in einer Sackgasse zu landen. Langsam atmete sie durch und versuchte, sich zu beruhigen. Es war bestimmt alles nur Einbildung. Seit einigen Tagen hatte sie das leichte Gefühl, verfolgt zu werden, von einem Schatten, der weder Laute von sich gab, noch schlief oder irgendwelche menschlichen Bedürfnisse zu haben schien. Doch vor wenigen Stunden, als sie noch an ihrem Arbeitsplatz gewesen war, war das Gefühl zu einer düsteren Ahnung geworden. Sie arbeitete als Condir. Bei diesem Gedanken machte ihr Herz einen kleinen, glücklichen Sprung. Es war schon ihr Traum gewesen, ein Condir zu sein, als sie noch ein kleines Mädchen war. Und vor einigen Monaten hatte der alte Condir sein Amt niedergelegt und sie war vom Volk gewählt worden. Sie hatten ihr deren Vertrauen geschenkt und obwohl sie nicht immer alles so gemacht hatte, wie es die Regeln verlangten, glaubte sie, einen guten Eindruck beim Volk gemacht zu haben. Sie hatte immer versucht, die richtigen Entscheidungen zu treffen.
Vor ihr bewegte sich etwas und holte sie aus ihrer frohen Gedankenwelt. Schnell schaute sie auf und sah einen Fisch vor sich. Was war bloß los mit ihr? Sie war doch normalerweise nicht so schreckhaft. Sie nahm sich fest vor, heute ihrer Schwester Zara endlich zu sagen, weshalb sie die letzten Tage immer so abwesend gewesen war. Und sie würde sie bitten, Satania nichts davon zu sagen, sie war seit dem Tod ihrer Schwester schon aufgewühlt genug. Es war inzwischen viele Jahre her, seit sie gestorben war, doch Satania war immer noch nicht darüber hinweg.
Wieder zuckte sie zusammen als sie sich einbildete jemanden vor sich zu sehen, doch da war niemand. Oh je. Sie litt anscheinend unter Verfolgungswahn. Das musste aufhören!
Stopp! Da war etwas, sie bildete sich das nicht ein. Es war wirklich jemand hinter ihr. Jemand verfolgte sie! Sie hatte gerade ganz eindeutig etwas gehört. Als würde jemand krampfhaft versuchen nicht entdeckt zu werden. Sie drehte den Kopf leicht, doch es war wieder leise. Langsam schwamm sie weiter. Da war es wieder. Das Geräusch einer Schwanzflosse die langsam schlug. Sie wirbelte herum und sah gerade noch wie eine dunkelblaue Flosse hinter einem Runden Haus verschwand. Ein Fanna? Was wollte einer ihrer Krieger von ihr? Wie ein Blitz schoss sie los und wollte die Verfolgung aufnehmen als jemand sie am Arm packte und ihr etwas auf Mund und Nase drückte. Ein scharfer Geruch stach ihr in die Nase. Sie versuchte sich zu wehren doch ihre Lieder wurden immer schwerer und ihre Bewegungen immer schwächer. Das letzte woran sie sich nachher noch erinnern konnte, bevor alles um sie herum schwarz wurde, war das Gesicht eines Mannes der sie anstarrte. Es war aber nicht der übliche, verächtliche Blick, den ihr die Leute zuwarfen weil sie dachten sie sei noch zu jung für das Amt des Condir. Aus diesem Blick sprach der pure Hass. Dieser Mann verachtete sie. Aus welchem Grund auch immer …
Langsam öffnete sie die Augen und blinzelte. Vollkommene Dunkelheit hüllte sie ein. “Hallo? Ist hier jemand?” schrie sie. Niemand antwortete. Wie lange war sie wohl ohnmächtig gewesen? Eine Stunde, zwei? Oder gar einen ganzen Tag? In weiter Ferne flackerte plötzlich ein heller Lichtschein auf. Ein Leuchtfisch schwamm dort, in Begleitung von zwei Gestalten. Sie versuchte auf das Licht zu zu schwimmen, prallte jedoch gegen etwas wie eine Mauer. Tastend fand sie heraus, dass es Gitterstäbe waren. Sie war in einem Kerker? Es gab doch keinen mehr in Minas. Sie musste also außerhalb der Stadt sein. Das Licht kam immer näher und sie konnte langsam die Gesichter ihrer Entführer sehen. Sie erstarrte. Das konnte doch nicht sein! “Nein, nein. Du warst das nicht. Du würdest mir so etwas niemals antun.", flüsterte sie mit erstickter Stimme. Ihr Gegenüber grinste nur spöttisch und erwiderte: “Hallo, Schwesterherz. Es ist schön, dich zu sehen …”