PROLOG
PROLOG
Der Wind streicht durch das lange Haar der Reiterin, so dass es hinter ihr her flattert wie ein silberner Schleier.
Er zerrt noch heftiger an ihrem Mantel, den sie um ihren drahtigen Körper geschlungen hat, als sie an den Zügeln ihres Reittiers zieht, um es über eine Bergkette zu lenken, die vor ihnen aus den dichten Wolken auftaucht.
Mit kräftigen Flügelschlägen erhöht der Mantikor sein Tempo, um an Höhe zu gewinnen, damit sie knapp über den scharfen Grat des Bergkammes gleiten können. Einige Steine lösen sich, als die riesigen Pfoten über den Fels schrammen.
Das Tier fliegt direkt hinter dem Kamm eine elegante Kurve und entkommt so den kräftigen Aufwinden, die an der Felswand nach oben strömen. Mit wenigen Schlägen seiner Flügel verringert er sein Tempo und landet sanft auf dem riesigen Felsplateau vor einem dunklen Höhleneingang.
«Gut gemacht mein Junge.» Die Reiterin streicht ihm durch die üppige Löwenmähne und das Tier beginnt wohlig zu schnurren.
Obwohl er mit seinen riesigen, krallenbewährten Tatzen, dem kräftigen Skorpions-Schwanz und seinen mächtigen Flügeln, mit einer Spannweite von gut drei Meter, jeden noch so entschlossenen Krieger das Fürchten lehrt, ist er tief in seiner Seele doch nur ein verschmustes Kätzchen.
«Bin gleich zurück. Mach nichts dummes.» Sie rutscht vom breiten Rücken des Tieres und prallt unsanft auf dem harten Steinboden auf. Der harte Aufprall erschüttert sie bis tief in die Knochen, fährt direkt in ihre Knie und die Wirbelsäule. Ein scharfer Schmerz lässt sie zusammenzucken. So langsam beginnt auch sie die ersten Auswirkungen des Alters zu spüren. Mit einem Stöhnen streckt sie ihren Körper durch und quittiert den verachteten Blick ihres Reittieres mit einem Schnaufen: «Eines Tages wirst auch du deine Knochen spüren, mein Freund.» Mit steifen Knien stakst sie auf den Eingang zu, der von einer massiven Eisentür verschlossen ist. Sie zieht einen Dolch mit verschlungenen Symbolen auf der Klinge aus einer Lederscheide an ihrem Gürtel und sticht sich damit in ihre Handfläche. Leise Worte murmelnd, legt sie die blutige Hand auf das eingelassene Siegel in der Mitte des Türblattes, ein blaues Leuchten breitet sich über das Eisen aus und enthüllt dieselben Symbole, wie auf dem Dolch.
Ein lautes Knirschen ertönt und mit einem Ruck schiebt sich die Tür zur Seite.
Tiefste Dunkelheit empfängt sie und staubige Luft entweicht nach draussen. Mit einem leichten Wedeln ihres Handgelenks entzündet sie eine blaue Flamme auf ihrer linken Handfläche und ein glatter Steinboden wird enthüllt.
Sie betritt die Höhle und bei jedem ihrer Schritte wird eine dicke Staubschicht von ihren Leder-Stiefeln aufgewirbelt, die in ihren Augen brennt. Nach einigen Metern schält sich aus der Dunkelheit eine breite Treppe, die in die Tiefe führt und sehnsüchtig denkt sie an das erste Mal, als sie vor 200 Jahren auf diesem Plateau gelandet war und mit Leichtigkeit die Strapazen des Abstiegs gemeistert hatte. Heute wird sie die Tausend Stufen bestimmt tagelang in ihren Knochen spüren. Sie seufzt und beginnt den anstrengendsten Teil ihrer Reise, nicht ohne an den Rückweg zu denken. Nach einer gefühlten Ewigkeit und stechenden Schmerzen in ihren Knien enthüllt das Licht in ihrer Hand endlich einen ebenen Boden, der mit Steintrümmern und Dreck übersät ist.
Durch die dicke Staubschicht ist das prachtvolle Drachenmosaik kaum noch zu sehen und teilweise ist es ganz von heruntergefallenen Felsbrocken zerstört. Es tut ihrer Seele weh, wenn sie an die zahlreichen Sklavenhände denkt, die dieses Kunstwerk in mühseliger Kleinstarbeit geschaffen haben.
Sie durchquert die einst luxuriöse Königshalle, indem sie die Trümmer der riesigen Marmorstatuen auf dem Boden umgeht und schliesslich den hinteren Teil erreicht. Direkt vor dem riesigen Podest aus rotem Marmor ist ein Teil der Decke eingestürzt und hat den Kopf des Drachenmotivs zerstört. Für die alte Kriegerin ein Zeichen des Untergangs dieser einst machtvollen Spezies, an dem ihre Vorfahrin massgebend Beteiligt war und damit auch den Anfang ihrer eigenen Regierungszeit eingeläutet hat.
Sie betritt das Podest und begibt sich zu dem riesigen Granit-Thron aus schwarzem Gestein, der dort ruht.
Unter der dicken Staubschicht sind die goldenen Adern, die das Gestein durchziehen kaum noch zu sehen, genauso wie das goldenen Drachensiegel, das in die Rückenlehne eingelassen ist.
Auch nach all den Jahren, die vergangen sind. Finden ihre Finger zielsicher den Punkt unter der linken Armlehne, den sie drücken muss.
Mit einem lauten Knirschen beginnt sich die hintere Wand nach oben zu heben und ein eiskalter hauch umspielt ihre Beine. Das dicke Leder ihrer Hosen hält zwar das meiste ab, trotzdem erschauert die Kriegerin am ganzen Körper.
Als die Wand eine drei Meter hohe und genauso breite Öffnung freigegeben hat, kommt die Wand knirschend zum Stehen.
Sie zieht den Mantel wieder enger um ihre mageren Schultern, um sich gegen die eiskalte Luft zu schützen. Als sie den ersten Schritt in den geheimen Tunnel macht, lässt sie ein platschendes Geräusch zurückweichen. Sie kneift die Augen zusammen und erblickt im blauen Schein ihres Lichtes das Wasser, das denn Boden des Schachtes bedeckt.
Mist, es muss wohl einen Leitungsbruch gegeben haben. Wahrscheinlich einer der Rohre, die tief aus dem Berg das warme Wasser zu den riesigen Bäderanlagen weit im Höhleninneren transportierten. Die Spezies der Drachen war dafür bekannt, dass sie den Luxus von warmen Quellen liebten und ihre bedauernswerten Sklaven dazu antrieben, immer raffiniertere Anlagen für ihre Badehöhlen zu bauen.
Darauf hoffend, das der Wasserpegel nicht allzu hoch steigen wird, beginnt sie ihren Weg durch die Tiefen des Berges.
Sie stützt sich mit der freien Hand an der glattbehauenen Felswand ab, um auf dem nassen Boden nicht auszurutschen. Nach einiger Zeit, in der sie nur das platschende Geräusch ihrer Füsse begleitet, stösst sie auf einen Trümmerhaufen.
Ein Teil der linken Wand ist eingestürzt und die Reste liegen auf dem Boden verstreut im Wasser.
Zum Glück ist der Tunnel breit genug, damit sie die Felsbrocken umgehen kann. Zum Ersten Mal ist sie froh darüber, dass die Drachenlords besonders grossgewachsene Männer waren, die alle ihre Gegner überragten.
Für diese war dieser Tunnel sicher beengt zu gehen, doch für schlanke Kriegerinnen blieb so, trotz des Hindernisses genug Platz.
Von da an ist der Boden wieder trocken und sie entspannt sich ein wenig, bis sie eine starke Neigung unter ihren Füssen spürt.
Von nun an geht der Weg steil abwärts und jeder Schritt führt sie noch tiefer ins innere des Berges.
Bald beginnt sie zu schwitzen, da die Luft immer wärmer wird und sich wie ein Film auf ihre Haut legt.
Ein Muskel an ihrer linken Wade beginnt zu zucken, doch sie ignoriert das lästige Pochen.
Sie darf sich von solchen Kleinigkeiten nicht aufhalten lassen, denn der Zeitpunkt ist nah und wenn sie ihn verpasst, wären die Auswirkungen auf ihr Reich verheerend.
Nach einer gefühlten Ewigkeit beginnen die glatten Wände zurückzuweichen und ihr Licht enthüllt eine riesige Kammer vor ihr, die in ihrer Mitte einen schwarzen See beherbergt, dessen Ufer an der anderen Seite ausserhalb ihres Lichtscheins bleibt.
Die Ausmasse der Kammer übertreffen die der Königshalle weit über ihr um ein Vielfaches.
Am Ufer direkt vor ihr, liegt eine goldene Barke völlig still auf dem Wasser. Die Frau rafft ihren Mantel zusammen und besteigt das Boot, ohne es in Schwingung zu versetzen, geradeso als würde es auf einem Felsenboden stehen.
Mit ihrem Licht entzündet sie eine Laterne am Bug des Bootes und fast zeitgleich setzt es sich in Bewegung.
Die Stille lastet schwer auf ihrem Gemüt und macht ihr fast mehr zu schaffen als die heisse Luft, die sich auf ihre Lungen legt. Nicht das geringste Geräusch ist zu hören, nicht einmal Wellen, die an die Wände der Barke schlagen müssten. Der Kiel durchschneidet die schwarze Oberfläche des Sees wie ein Messer Butter.
Langsam schält sich eine zerklüftete Felsformation aus der Dunkelheit, eine Insel, mehr lang als breit, liegt inmitten des Sees. Zumindest würde ein unwissender Geist an eine Insel denken, doch die Kriegerin, die wie eine Statue am Bug des goldenen Bootes steht, weiss es besser.
Von unsichtbarer Hand gesteuert zieht die Barke an der Seite entlang zur Spitze der Erhöhung, die aus dem schwarzen Wasser ragt.
Sie hält den Atem an, bis sie den vorderen Teil des Vorsprungs erreicht hat. Mit einem erleichterten Seufzer entlässt sie die Luft aus ihren Lungen.
Die Lieder des Drachen sind fest geschlossen, er liegt immer noch in tiefem Schlaf, gefangen im Inneren seines versteinerten Körpers.
Sie sieht nach oben, über seinem mächtigen Kopf, direkt dort wo seine Stirn sitzt, zwischen den riesigen gedrehten Hörnern, erscheint ein rotes Licht. Der scharfe Strahl durchbricht die Dunkelheit hoch über ihnen, bahnt sich seinen Weg nach unten und bohrt sich in die Stirn des einst mächtigsten Wesens des Reiches.
Sie hat es gerade noch geschafft.
Nun wird sie zum Zehnten Male in den Eintausend Jahren des versteinerten Schlafes von Ignord dem Drachenlord, das uralte Ritual vollziehen, um die Macht ihrer Vorfahren zu festigen.
Sie zieht den Dolch aus dem Futteral und hält seine Klinge direkt in den roten Strahl.
In ihrer Hand spürt sie ein Zittern, dass sich durch den Stahl zieht. Die eingravierten Runen leuchten auf und sie streckt ihre andere Hand über den Kopf des Ungetüms.
Mit einer schnellen Bewegung zieht sie die Klinge über ihre Handfläche, praktisch sofort beginnt ihr Blut aus der klaffenden Wunde zu fliessen und auf die Stirn des Drachenlords zu tropfen.
Jedes auftreffen schickt einen roten Lichtimpuls über die versteinerte Haut der Bestie und der rote Schein verteilt sich über den ganzen Körper bis zu den gefalteten Flügeln, dem langen, stachelbewehrten Schwanz und seinem dornigen Rücken.
An seiner Brust, unter dem langen Hals, dort wo das Herz des Drachen sitzt, leuchtet ein Punkt besonders hell.
Plötzlich erscheint ein roter Blitz, der sich tief unter die gepanzerte Haut bohrt und seine ganze Brust erleuchtet.
Die Kriegerin beginnt mit kräftiger Stimme zu singen.
Worte, deren Sinn sie nicht versteht, da sie in einer längst vergessenen Sprache rezitiert werden, verlassen ihre Lippen.
Und obwohl sie keine Ahnung von der Bedeutung dieser Worte hat, kommen die Laute des Liedes, dass ihr schon in ihrer Kindheit eingebläut wurde, ohne stocken aus ihrer Kehle.
Sie wappnet sich gegen den brennenden Schmerz, der bald durch ihre Nerven fahren wird, als sie beobachtet, wie das Licht sich noch einmal intensiviert.
Doch stattdessen spürt sie nur ein Kribbeln, dass sich über ihre Hand, den ausgestreckten Arm, die Schulter direkt in ihre Brust ausbreitet.
Verwirrt runzelt sie die Stirn.
Das ist neu, in den letzten beiden Male, in denen sie das Ritual vollzogen hat, war der Schmerz so intensiv, dass sie fast das Bewusstsein verloren hätte.
Doch das hier fühlt sich eher wie eine Armee von Ameisen an, die durch ihre Adern marschiert.
Ein Fehler im Text, den sie gemacht hat?
Sie beginnt das Lied erneut, doch dieses Mal schleicht sich ein Zittern in ihre Stimme.
Bevor sie die erste Zeile beendet hat, wird sie von einem neuen erstrahlen des roten Lichtes unterbrochen.
Die Brust des Drachen beginnt zu pulsieren und plötzlich hebt sich der Panzer am Hals, als würde er einen tiefen Atemzug machen.
Entsetzt zuckt die Kriegerin zurück, stolpert in der Barke nach hinten und keuchend klammert sie sich an der Bordwand fest, um nicht das Gleichgewicht zu verlieren. Denn das Boot wird von einer Welle erfasst und schaukelt wild hin und her.
Der mächtige Kopf des Drachenlords beginnt sich zu regen, begleitet von einem krachenden Geräusch.
Risse breiten sich über seinen ganzen Körper aus und goldene Strahlen brechen daraus hervor. Bald ist alles in ein helles Licht getaucht.
Die Frau schützt ihre Augen mit ihrer blutigen Hand vor dem intensiven Strahlen.
Panik ergreift sie, das darf nicht passieren.
Was hat sie falsch gemacht.
Mit wachsendem Entsetzen sieht sie, wie sich die Augen des Ungetüms öffnen und sein goldener Blick trifft sie direkt in ihre Seele.
«Frei, endlich frei.» Die grollende Stimme Ignords dröhnt in ihrem Kopf und droht ihn zu sprengen. Stöhnend geht sie in die Knie, mit beiden Händen umklammert sie ihren Schädel.
«Ich habe meine Sünden gebüsst. Nun seid Ihr an der Reihe. Ihr habt euch genommen was uns gehörte. Du und deine Nachkommen werdet für eure Verbrechen an meinem Volk bezahlen.»
Ein Knistern erfüllt die Luft und sie spürt ein Brennen auf ihrer Haut.
Oh ihr Götter, was hatte sie getan.
Hatte sie und ihre Vorfahrerinnen mit ihrem Handeln ihr ganzes Reich ins Unglück gestürzt?
Was würde aus ihren Töchtern werden?
Wer würde sie nun beschützen?
Würde ihre Magie ausreichen, um das Unheil zu bekämpfen?
Mussten sie jetzt für ihre Arroganz bezahlen?
Ein Tiefes Entsetzen ergreift die Seele der alten Kriegerin, als sie zusieht, wie der mächtige Körper des Drachenlords von einem intensiven Strahlen erfasst wird und schliesslich in einem Feuerregen explodiert, der in Form von knisternden Funken auf sie niedergeht.
Das dunkle Lachen Ignords hallt in ihren Kopf nach, als sie völlig gelähmt im Boot kniet, während sie die Panik zu verschlingen droht und die Dunkelheit sich über sie legt.KAPITEL 92









Hallo Judith, das geht ja ganz spannend los! Ich hoffe, dass das Feedback, was ich im Text gemacht habe, angekommen ist, habe diese Funktion zum ersten Mal ausprobiert. Mit gefällt die dynamische Erzählweise, dein Prolog hat ein gutes Tempo. Liebe Grüße! Malte
Hallo malte, vielen Dank und ja deine Anmerkungen sind angekommen. Freue mich sehr, dass sie dir gefällt. Die Rechtschreibefehler sind mir etwas peinlich, werde sie gleich korrigieren. Danke für deine Aufmerksamkeit.
Hi Judith, jaa, dein Prolog fängt schon richtig packend an. Kann mich den anderen hier nur anschließen. Bin sehr gespannt wie es weitergeht!